Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mutant-year-zero-im-test-xcom-plus-postnukleare-ente-1812-138255.html    Veröffentlicht: 14.12.2018 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/138255

Mutant Year Zero im Test

Xcom plus postnukleare Ente

Die Taktiküberraschung der Saison schmeckt nach Geflügel: Das düstere, witzige und fordernde Mutant Year Zero macht vor, wie ein gutes Taktik-Rollenspiel funktioniert. Fans von Fallout und Xcom sollten zubeißen.

Der Untergang unserer Zivilisation ist nicht lustig, eigentlich eher deprimierend. Aber wenn ein Warzenschwein in Panzerweste nachdenklich neben einem vergilbten Plastik-Kinderspielhaus steht und grübelt, wie klein die Menschen wohl gewesen sein müssen, die einst darin gewohnt haben - dann finden wir das auch zum Schmunzeln.

Der absurde Humor von Mutant Year Zero: Road to Eden ist eng mit dem Szenario verbunden. Die Welt stammt aus einem Pen-and-Paper-Rollenspiel der 80er Jahre: Ähnlich wie in Fallout sorgt ein Atomkrieg für den Untergang unserer Zivilisation. Die wenigen überlebenden und stark mutierten Menschen versammeln sich in einem befestigten Schrottberg, den sie Arche nennen. Von dort ziehen Stalker in die bedrohliche Wildnis der umliegenden Zone, um lebensnotwendige Ressourcen zu ergattern.

Mutant gilt im Herkunftsland Schweden als Klassiker. Vor wenigen Jahren wurde es mit dem Untertitel Year Zero neu aufgelegt und erweitert. Damals erschien auch eine Erweiterung, in der Spieler menschenartige Tiere verkörpern. Und auf dieser üppig gewucherten Basis ist jetzt ein kompaktes Rollenspiel entstanden, bei dem Kämpfe und Taktik im Vordergrund stehen, nicht Story und Charaktere.

Die Regeln des Originals sind nicht im Computerspiel gelandet, stattdessen zeigen sich die harten Kämpfe im Herzen von Mutant Year Zero deutlich von Xcom inspiriert. So schleichen wir zwar in Echtzeit durch die Wildnis, aber sobald der Kampf eröffnet wird, wechselt das Programm zur guten, alten Rundentaktik. Xcom-Veteranen erkennen fast alles wieder: Helden und Gegner handeln abwechselnd, jeder Kämpfer hat zwei Aktionspunkte, Trefferchancen werden dick als Prozentzahl eingeblendet, Deckung ist überlebensnotwendig.

Dass sich Mutant Year Zero dennoch anders anfühlt, liegt auch an der Atmosphäre. Zum Start des Spiels reisen wir nur mit der Ente Dux und dem Wildschwein Bormin in die Zone. Im Verlauf des Spiels treffen wir auf ein paar menschliche und tierische Mutanten, mit denen wir verschiedene Gruppen zusammenstellen können; aber immer kämpfen nur höchstens drei Helden auf einmal.

Die Mutanten entwickeln mit steigenden Levels interessante Kräfte, können kurz fliegen, Blitze schleudern oder den Gegner von Baumwurzeln festhalten lassen. Die minimal verzweigten Talentbäume erinnern eher an Brett- als an Rollenspiele. Aber sie bieten interessante Optionen und lassen sich auf dem Schlachtfeld gut kombinieren.

Die Kämpfe sind kleiner und kürzer, vor allem aber gefährlicher als in Xcom. Die Schusswechsel sind übersichtlich - oder tödlich. Wir sind ja nur zu dritt, und auch die Zahl der Gegner können wir beeinflussen. Jeder Widersacher hat einen gut sichtbaren Wahrnehmungsbereich. Wenn wir einfach angreifen, dann alarmieren sich die Ghuls, Roboter und Kultisten gegenseitig und überrennen uns in wenigen Runden.

Also achten wir darauf, dass die Teammitglieder sorgfältig herumschleichen, Hinterhalte vorbereiten, isolierte Kämpfer möglichst einzeln ausschalten und dabei nichts dem Zufall überlassen. Wenn es gelingt, Gegner mit leisen Waffen umzubringen, bevor sie handeln können, dann hat niemand etwas gehört.

Verfügbarkeit und Fazit

Eine typische Auseinandersetzung besteht aus einer Umrundung des gegnerischen Lagers, einer Handvoll Hinterhalte und einem glorreichen Finale gegen die immer noch starken Anführer. Das ist dynamischer als die die zähen Overwatch-Orgien von Xcom 1, und es bleibt übersichtlicher als die ausladenden Schlachtfelder von Xcom 2.

Das Programm ist also nicht unbedingt schwierig, aber gefährlich. Es bestraft Fehler. Wenn wir ohne Schleichen spielen, wenn wir nicht sorgfältig abzählen, welchen Gegner wir sicher in einer Runde ausschalten können und welchen nicht, dann kriegen wir ernsthafte Probleme.

Die Kampagne von Mutant Year Zero ist zwischen 15 und 20 Stunden lang. Das liegt allerdings auch daran, dass anders als in Xcom das langwierige Aufdecken der Umgebungen entfällt - in Echtzeit läuft das einfach flotter. Es gibt drei Schwierigkeitsgrade. Mit Geduld und Methode, mit einem Gespür für Trefferchancen, Schadenswerte und Hörreichweiten ist zumindest der voreingestellte mittlere Schwierigkeitsgrad gut zu bewältigen. Wer nicht planen mag, der darf bei jeder Gelegenheit und in jeder Kampfrunde abspeichern.

Viel Spaß macht auch das einfache Entdecken der Welt. Sie sieht auch in schräger Draufsicht faszinierend aus. Idyllisch überwucherte Ruinen gab es in den letzten Jahren in vielen Spielen zu bestaunen. Hier überzeugt jede der aufgereihten Maps mit handgebastelten Ruinen, die tragische kleine Geschichten vom Ende der Menschheit erzählen.

Immer wieder hübsch ist, wenn die Reste unserer Gesellschaft von den staunenden Mutanten als mächtige Artefakte bestaunt werden. Die englischen Sprüche (deutsch ist nur der Text) sind durchaus witzig. Die meiste Zeit aber ist selbst das wenige Gesprochene noch zu viel. Statt miteinander zu reden, erklären Charaktere sich und ihre Motivation, als würden sie ein Charakterblatt in der Rollenspielrunde vorlesen.

Dezent nervig sind Sequenzen in der Basis, der Arche. Hier wartet der Älteste darauf, uns bei jeder Gelegenheit quälend langsam den Stand der Geschichte zu erzählen. Auch die Inhaber von Kneipe, Werkstatt und Laden haben neben interessanten Upgrades für Helden und Ausrüstung schlecht geschriebene Monologe in petto, die wir straflos ignorieren dürfen. Hier gibt es ohnehin selten Infos, die wir uns nicht längst denken können.

Mutant Year Zero ist als Download für Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One erhältlich, der Preis liegt bei rund 40 Euro. Die Xbox-Version ist in Microsofts Gamepass-Angebot enthalten, für Abonnenten also ohne weitere Kosten spielbar. Getestet wurde das Spiel auf einem PC, die Systemanforderungen sind moderat.

Fazit

Mutant Year Zero ist ein elegantes Spiel, das eine Reihe fordernder Taktikrätsel in einer stimmigen Ruinenwelt platziert. Es zwingt uns immer wieder dazu, neue Tricks zu lernen, die Helden mit ihrer Ausrüstung und den Mutationen neu aufeinander abzustimmen und uns auf neue Gegner mit gefährlichen Fähigkeiten einzustellen.

Die Kampagne fühlt sich trotz der schwachen Story kurzweilig an, weil sie sich weniger wiederholt als andere Taktikspiele. Nur gegen Ende werden einige Gegner mit langen Lebensenergiebalken etwas zäh. Sonst ist Mutant auch für einen zweiten Durchgang gut, denn die Kombinationen aus Helden und Mutationen sind nach dem Abspann noch nicht ausgereizt; außerdem wartet auch noch der höchste Schwierigkeitsgrad.  (jbn)


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