Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/requiem-zur-cebit-es-war-einmal-die-beste-messe-1811-137969.html    Veröffentlicht: 28.11.2018 16:56    Kurz-URL: https://glm.io/137969

Requiem zur Cebit

Es war einmal die beste Messe

Nach 33 Jahren ist Schluss mit der Cebit und das ist mehr als schade. Wir waren dabei, als sie noch nicht nur die größte, sondern auch die beste Messe der Welt war - und haben dann erlebt, wie Trends verschlafen wurden. Ein Nachruf.

Irgendwie ist es ja verständlich: "Aus heutiger Perspektive würde eine Cebit 2019 massiv in den Verlustbereich abdriften", schreibt der Vorstand der Messe AG laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung in einer internen Hausmitteilung. Und was kein Geld verdient, wird abgeschafft, es wird nicht weiter investiert. Doch schade ist es auch - und nicht besonders mutig.

Vertreter der Messe AG hatten Golem.de noch 2018 auf der Veranstaltung gesagt, das neue Konzept des Business-Festivals solle in dieser Form noch mindestens zwei Jahre lang durchgezogen werden, die Finanzierung dafür sei gesichert. Doch das war sie offensichtlich nur in Form von Prognosen, die nicht die schlechte Resonanz berücksichtigten: Nur 6.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollen bisher für 2019 gebucht worden sein. Das ist ein Drittel weniger als ein halbes Jahr vor der Cebit 2018 - und auch allgemein an der Größe des Messegeländes gemessen, ist das fast nichts.

Die Aussteller haben also offenbar das neue Konzept, das nach anfänglichen Befürchtungen vieler Beobachter durchaus gut ankam, nicht angenommen. Und statt sie davon zu überzeugen oder es wieder durch ein anderes zu ersetzen, klappen die Verantwortlichen den Laden nun ganz zu. Das ganze Thema Cebit kann man damit durchaus als typisches deutsches Scheitern sehen: Veränderungen werden Jahre vor ihrer breiten Wirksamkeit erst ignoriert, dann aktiv bekämpft, und wenn sie dann relevant werden, ist der Jammer groß. Im Fall der Cebit war dies vor allem der Bereich elektronischer Unterhaltung.

Dabei hatte 1986 alles so schön angefangen: Damals wurde das "Centrum der Büro- und Informationstechnik", CeBIT, erstmals aus der großen Hannover Messe als eigenständige Veranstaltung ausgegliedert. Das war die große Zeit der Heimcomputer wie C64, Sinclair ZX, Atari ST und Amiga. Die kleinen Rechner, mit deren großen PC-Brüdern noch lange nicht jeder im Büro konfrontiert war, zogen in die Kinderzimmer ein und wurden auch von den Eltern zum Beispiel zum Erstellen einer Vereinszeitschrift genutzt. Computerfieber überall, auch als der Autor es 1988 erstmals auf die schon sagenumwobene Messe schaffte.



Man traf sich dort am Wochenende beim "Gilb" - so hatten die Hacker des Chaos Computer Clubs (CCC) die Deutsche Bundespost der Unternehmensfarbe und der oft hoffnungslos veralteten Technik wegen getauft. Diese Treffen, verbunden mit der Übergabe des Negativpreises CCCebit, waren den von jugendlichen Besuchern "Businesskasper" genannten Anzugträgern schon damals suspekt. Die Freaks ließen sich in der Masse der Besucher aber locker tolerieren, denn bis 2001 stiegen die Besucherzahlen auf schwindelerregende 840.000 - das war auch für die auf Messen ausgerichtete Stadt Hannover schlicht zu viel. Zu diesem Zeitpunkt war die Cebit nicht nur die größte Technikmesse, sondern schlicht die größte Messe der Welt.



Die Blase platzt und es ändert sich nichts

In diesem Jahr platzte auch die Dotcom-Blase, Geld wie Heu war bei den Ausstellern ab dann nicht mehr vorhanden. Einige, wie unter anderem der damals unangefochtene Handy-Martkführer Nokia, verbrannten aber mit viel Spaß weiterhin Millionen rund um die Cebit und ließen Stars wie Sting auf ihren Partys in Hannover auftreten. Die waren so groß geworden, dass sie nicht mehr auf dem Messegelände stattfinden konnten. Und ab einem gewissen Zeitpunkt auch nicht mehr durften: Die Party zweier deutscher Unternehmen war in den 2000ern so ausgeufert, dass auch von benachbarten Ständen Geräte entwendet wurden und die Deko beschädigt wurde - teils durch menschliches Wässern der Topfpflanzen. In der Folge wurden Feten nur mit begrenzter Teilnehmerzahl, also Zäunen, und nicht bis spät in die Nacht genehmigt. Ein japanisches Unternehmen, das auf einer Cebit dieser Zeit ein rundes Jubiläum mit seinem betagten Firmengründer feierte, stellte im Viertelstundentakt Schecks für die Strafe zur Überschreitung der Sperrzeit aus.

Diese Begebenheiten, die der Autor selbst beobachten konnte, zeigen, dass die Cebit immer schon etwas spaßfeindlich war. Jan-Keno Janssen von der in Hannover ansässigen Zeitschrift C't stellte sich 2018 die Frage: "Darf man da jetzt Spaß haben?" Ja, durfte man - aber das kam viel zu spät. Natürlich müssen auf einer Messe vor allem die dicken Geschäftsabschlüsse gemacht werden, der Erfolg einer solchen Veranstaltung bemisst sich dadurch, nicht in erster Linie durch die Besucherzahlen. Die gingen zuletzt bis auf 120.000 zurück - andere Events wie die Ifa in Berlin, die Computex und die Elektronikmesse CES hatten im selben Zeitraum weit geringere Einbrüche oder sogar Steigerungen.

Der Niedergang der Cebit deutete sich nach der Dotcom-Euphorie schon früh an. In dieser Zeit erfand die Messe AG den sogenannten Cebit-Kanon. In einem internen Katalog wurde jedem Aussteller vorgeschrieben, was er auf der Messe zeigen darf und was nicht. Nach der gescheiterten Cebit Home, die nur 1996 und 1998 stattfand, sollte die große Cebit möglichst frei von jeder Form von Entertainment gehalten werden. Das gipfelte im von der Messe AG geradezu behinderten Marktstart von Microsofts erster Xbox.

Der fand am 14. März 2002 während der Cebit statt. Dem Vernehmen nach fiel der Messe AG erst in letzter Minute auf, dass dann ja der halbe Microsoft-Stand von Spielern umlagert sein und das nicht so ganz professionell aussehen könnte. Also wurden die Konsolen in eine Riesen-Xbox verfrachtet, zu der nur Fachbesucher nach teils stundenlangem Warten Zutritt erhalten sollten. Über die nicht gegebene breite öffentliche Sichtbarkeit eines für Microsoft so wichtigen neuen Produktes soll sich das Unternehmen - meist einer der größten Aussteller auf der Cebit - nachhaltig geärgert haben.

In den folgenden Jahren wurde diese Unterhaltungsfeindlichkeit mehr oder weniger konsequent aufrechterhalten. Grafikkarten, Anfang der 2000er ein Boom-Produkt vor allem taiwanischer Hersteller, durften zwar gezeigt werden - aber bitte nicht mit Spielen. Mehrfach war zu beobachten, wie die zu dieser Zeit immer größer werdenden Stände nach dem ersten Messetag umgebaut werden mussten. Der Eindruck: Die Aussteller probierten immer wieder aus, wie weit sie den Kanon überschreiten konnten, und wurden stets zurückgepfiffen.

Solche Einschränkungen können einer Messe, die alle Aspekte der IT abbilden will und vor allem von ihrer Größe lebt, langfristig nur schaden. Jeder Fachbesucher ist auch Konsument und hat als Privatperson mehr von einer Veranstaltung, wo er an einem ruhigen letzten Messetag auch schon mal das begutachten kann, was sich die Kinder vielleicht zu Weihnachten wünschen.



Eingekeilt von der Konkurrenz

Neben den frühen 1990er Jahren, als die PCs begannen, den Heimcomputern den Rang abzulaufen, waren aber auch diese frühen 2000er Jahre die wohl interessantesten Cebit-Phasen. Innovation allerorts, spannende neue Produkte - und dann kam die Konkurrenz. Seit 2005 findet die Ifa in Berlin mit starkem Fokus auf Consumer-Produkte jährlich statt, und die Mobilfunkmesse, die heute Mobile World Congress heißt, wurde 2006 auf das schicke und große Gelände in Barcelona verlegt. Zur gleichen Zeit wuchsen auch die CES in Las Vegas und die Computex in Taiwan. Die Abfolge dieser Events ließ den Hannoveranern kaum eine Chance: Januar CES, Februar MWC, März Cebit, Juni Computex, September Ifa. Bei so viel Angebot müssen die Aussteller schon genau einschätzen, wo sich ein meist millionenteurer Messeauftritt lohnt.

Und, ja: Die Preise für die Flächen wurden von den Firmen immer wieder kritisiert. Sie blieben wohl trotz immer weniger Besuchern fast unverändert. Dabei sind die reinen Spielemessen wie E3 und Gamescom noch gar nicht berücksichtigt. Die Cebit bemühte sich immerhin noch nach 2010, mit einer Cebit games eine Unterausstellung zu etablieren, wie ein PDF von 2011 zeigt. Zwischenzeitlich wurden auch immer wieder große E-Sport-Turniere auf der Messe abgehalten, aber eben in eigenen Hallen, nicht als integraler Teil der gesamten Veranstaltung.

Natürlich ist nicht nur die späte Akzeptanz von digitaler Unterhaltung ein Grund für das Scheitern der Cebit. Aber es ist ein gutes und besonders sichtbares Beispiel dafür, wie Trends verschlafen wurden, die sich später mit halbherzigen Versuchen nicht mehr in die Messe integrieren ließen. Auch ein anderer Termin hätte viel früher gefunden werden müssen. Die Idee eines Business-Festivals lag ebenso seit dem rasanten Erfolg der SXSW seit rund zehn Jahren auf der Hand. Gerade bis zur Einstellung der Messe wurden ganz offensichtlich viele Chancen für eine Neuausrichtung verpasst. Dröge waren die letzten Jahre, viele Besucher empfanden die Cebit nur noch als recht teures Klassentreffen. Dabei muss aber auch gesagt werden, dass es an den Bedingungen nicht liegen kann: Messegelände, Organisation und auch die Arbeitsbedingungen für Journalisten waren bis auf die völlig überlaufenen Jahre stets vorbildlich.

Es ist schade, dass Deutschland keine so gut funktionierende und bunte Technikmesse mehr hat, bei der man sich von der Wasserkühlung für Server über Branchensoftware bis zum Gaming-Mauspad über alles informieren kann. Mit dem Aus für die Cebit wird sich wohl auch keine andere Messe an ein solches Konzept trauen. Nach 30 Jahren Cebit-Besuchen bleibt da nur: Es war schön in Hannover. Und es wäre schön gewesen, wenn alle Beteiligten sich noch etwas länger an einem Konzept versucht hätten, das langfristig trägt.  (nie)


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