Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/key-reseller-das-umstrittene-geschaeft-mit-den-guenstigen-gaming-keys-1812-137919.html    Veröffentlicht: 03.12.2018 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/137919

Key-Reseller

Das umstrittene Geschäft mit den günstigen Gaming-Keys

Computerspiele zum Superpreis - ist das legal? Die Geschäftspraktiken von Key-Resellern wie G2A, Gamesrocket und Kinguin waren jahrelang umstritten, mittlerweile scheint die Zeit der Skandale vorbei zu sein. Doch Entwickler und Publisher sind weiterhin kritisch.

Fragte man Spieler, Entwickler und Publisher Mitte 2016 nach den schwarzen Schafen der Branche, war die Antwort oft eindeutig: Key-Reseller. Damit sind Firmen wie G2A, Kinguin, Gamesplanet und Gamesrocket gemeint, die etwa Codes zum Download von Spielen für das Playstation Network, Steam oder Xbox Live anbieten - und zwar zu meist wesentlich günstigeren Preisen als die Portale selbst. Vor allem die in Hongkong und Polen ansässige Lizenzschlüssel-Handelsplattform G2A.com wurde lange und harsch kritisiert. Von Codes, die von den Verkäufern mit gestohlenen Kreditkarten gekauft und dann weiterverscherbelt werden war die Rede - und davon, dass G2A diese Praktiken nicht wirksam unterbinde.

Inzwischen fällt G2A durch viel Werbung vor den Videos bekannter Youtuber auf, aber über die Probleme von damals wird in der Community nur noch selten gesprochen. Das Portal hat allein 2017 einen Jahresumsatz von 436 Millionen Euro erwirtschaftet und ist erfolgreicher denn je. Hat G2A also eine nachhaltige Imagewende geschafft - und wenn ja, wie? Golem.de hat recherchiert und musste sich letztlich überwiegend mit Indizien begnügen. Nur wenige Protagonisten der Branche sind bereit, sich offen zum Thema zu äußern - jede Äußerung könnte als Werbung für ein Unternehmen verstanden werden, das die eigenen Preise unterbietet.

Um zu verstehen, wie der schlechte Ruf der Key-Reseller überhaupt zustande kam, schauen wir uns zunächst die Ereignisse ab dem 20. Juni 2016 genauer an. Das ist der Tag, an dem das Geschäftsmodell von G2A und ähnlichen Firmen erstmals breit in der Community und in der Branche diskutiert wird. Auslöser ist Alex Nichiporchik, der Chef des unabhängigen US-Entwicklers Tinybuild. Nichiporchik veröffentlicht an dem Tag auf seinem Blog einen Artikel, der es in sich hat. Er wirft G2A vor, dubiosen Händlern zu erlauben, im großen Stil nicht rechtmäßig erworbene Computerspiel-Lizenzschlüssel auf der Plattform zu verkaufen. Sprich: Hehlerei.

Genickbrecher Chargeback-Gebühren

Tinybuild selbst, behauptete Nichiporchik, habe dadurch Umsatzeinbußen im Wert von 450.000 US-Dollar hinnehmen müssen. Ein Großteil der Keys sei durch geklaute Kreditkarten in die Hände der Betrüger geraten. Dadurch seien rückwirkend immense Rückbuchungsgebühren - sogenannte Chargeback-Gebühren - zulasten von Tinybuild und seinen Distributionspartnern entstanden. G2A hält dagegen: "Ihr werdet überrascht sein, dass es nicht Betrug ist. Sondern eure eigenen Wiederverkaufspartner tun, was sie am besten können, und das ist das Verkaufen von Codes. Sie machen das auf G2A."

In Foren und sozialen Netzwerken wird das Thema heftig diskutiert. Die meisten Spieler stellen sich gegen G2A und machen dem Unternehmen schwere Vorwürfe: Es gehe rücksichtslos mit kleinen Entwicklerstudios um, sei nur am schnellen Profit interessiert und kümmere sich nicht wirklich darum, die Quelle der Keys zu überprüfen.

Vermutlich trug der Druck der Community dazu bei, dass G2A schon recht bald einsah, dass es Schritte unternehmen musste, um die Lage zu retten. Das Unternehmen gab Fehler zu und gelobte Besserung. Zum einen sollten Entwickler mehr Geld bekommen: Eine Initiative sollte den Studios immer dann eine Umsatzbeteiligung von bis zu zehn Prozent gewähren, wenn eines ihrer Spiele über Dritte auf G2A verkauft wurde.

Zum anderen sollte mehr Transparenz geschaffen werden: G2A kündigte eine Art Versicherung für Chargebacks an, dazu dedizierte Account-Manager, besonders prominente Platzierungen für von Entwicklern verwaltete Auktionen, einen Developer-Spendenbutton, kostenlose Übersetzungsdienstleistungen für Produktinformationsseiten sowie einen verbesserten Datenbankzugriff, damit Entwickler ihre Key-Verkäufe überwachen können.

Bessere Account-Checks, mehr Partnerschaftsprogramme

Dem Problem anonymer Verkäufe rückte G2A mit neuen Verifikationsprozessen zu Leibe. Neue Händler, die Keys anbieten möchten, müssen seitdem eine Telefonnummer sowie ein Social-Media-Konto hinterlegen. Sobald mehr als zehn Key-Verkäufe über ein Kundenkonto stattfinden, besteht außerdem die Pflicht, den Ursprung der Ware offenzulegen.

Recht positive Resonanz erhielt zudem das Ende Juli 2016 ins Leben gerufene Partnerschaftsprogramm G2A Direct. Die Idee: Publisher und Entwickler können kostenlos ein eigenes Storefront-Profil eröffnen, dort Keys ihrer Produkte anbieten und auf diese Weise einen Verkaufserlös von 89,2 Prozent des Produktpreises erzielen. Die restlichen 10,8 Prozent wandern als Provision an G2A.

AMAgeddon

Die skizzierten Maßnahmen fanden durchaus Zuspruch. Sie beendeten jedoch nicht die kritischen Diskussionen. Wie tief die Erfahrungen des Skandals bei den Nutzern saß, merkte G2A im Februar 2017, als die Firma sich im Rahmen einer Reddit-Diskussionsrunde bereit erklärte, auf Fragen der Community einzugehen. In der hitzigen AMA-Runde ("Ask me Anything") gelang es einem Nutzer namens Toradoki anhand von Live-Screenshots zu beweisen, dass die Plattformen zum Verkauf stehende Keys weit weniger gründlich überprüfte, als sie selbst behauptet hatte. G2A wiederum gefiel das Experiment von Toradoki nicht, weshalb es sein Nutzerkonto noch während der Session sperrte - bei der Community kam das schlecht an.

Das sagen Entwickler und Publisher

Das Erstaunliche: So ernüchternd die knapp sechsstündige Fragestunde gewesen sein mag, rückblickend war sie ein längst überfälliger Befreiungsschlag mit positiven Folgen. So ungeschickt G2A sich bei der Fragerunde verhalten hatte, so erfreulich waren die Maßnahmen, mit denen das Unternehmen auf die Kritik reagierte. Der zeitraubende Prozess, die portaleigene Versicherung G2S Shield zu kündigen, wurde beispielsweise auf wenige Schritte verkürzt. Des Weiteren strich G2A die manuelle Wohnort-Eingabe und tauschte sie gegen ein Geolocation-Verfahren, das Mehrwertsteuer-Schummeleien unterbinden soll.

Eine weitere PR-basierte Charmeoffensive folgte im April 2017, als sich G2A entschied, seinen Marketing-Verantwortlichen Mario Mirek mit Entwicklern zu konfrontieren. Das geschah bei einem Auftritt während der Reboot 2017 im kroatischen Dubrovnik, wo er Spielestudios aus aller Welt Rede und Antwort stand.

Dabei ging es unter anderem um einen geplatzten Marketing-Deal mit Gearbox Software. Das Ergebnis war ein weiterer wenig glorreicher Auftritt mit zahlreichen Kommunikationspannen, die erst im Rahmen schriftlich nachgereichter Stellungnahmen richtiggestellt werden konnten. Immerhin: Es war der letzte Fall, in dem G2A ins Visier der Community geriet.

Der Beginn einer neuen Ära?

Heute hat G2A zwar immer noch den Ruf, in einem Graumarkt zu agieren, ist aber zumindest in den zurückliegenden 18 Monaten skandalfrei geblieben. Dass die über die Jahre ergänzten Sicherheits- und Vertrauensmaßnahmen verstärkt Wirkung zeigen, lässt sich am Ebay-Profil von G2A belegen, das mit mehr als 196.000 abgewickelten Verkäufen (Stand: Mitte November 2018) und einer Zufriedenheitsrate von 99,5 Prozent ansehnliche Werte aufweist. Gleiches gilt, wenn man sich stichprobenartig durch die Kundenkommentare großer Key-Reseller auf G2A.com klickt. Auch hier pendeln die Zahlen positiver Bewertungen häufig zwischen 98 und 99 Prozent.

Ist folglich alles in bester Ordnung? Nein, denn schaut man sich im Gegenzug auf externen Rating-Portalen wie Trustpilot.com um, wird schnell klar, dass eine optimale Kundenzufriedenheit längst nicht erreicht ist. Diverse Käufer klagen noch immer über Probleme mit nicht funktionierenden oder plötzlich deaktivierten Keys. Andere wiederum geben an, dass es ihnen schwerfällt, G2A Plus - den Premium-Abodienst des Portals - erfolgreich zu kündigen.

Hin und wieder schalten Kunden zudem den Paypal-Käuferschutz ein, weil der G2A-Support keine Klärung der Angelegenheit erreichen konnte. Der Fairness halber sei allerdings erwähnt, dass G2A auf Trustpilot noch immer einen sehr respektablen Trustscore (Stand 20.11.2018: 8,3 von 10 Punkten) vorweisen kann - und das bei mehr als 279.600 Bewertungen.

Publisher und Entwickler sind weiter skeptisch

Auch große Publisher sehen Key-Reseller weiterhin kritisch, ebenso kleine Entwicklerstudios, die auf jeden Euro an Einnahmen angewiesen sind. Einer der wenigen, die uns Rede und Antwort standen, war Jan Klose, Managing Director des deutschen Indie-Publishers Deck 13 (u.a. Ankh, Venetica, The Surge). Klose sagt: "Wir sprechen in unserer Rolle als Indie-Publisher praktisch mit jedem, der da draußen ist, auch mit Key-Resellern. Aber wir suchen sorgfältig aus, was für ein bestimmtes Spiel die besten Distributionswege sind." Und das seien diese in der Regel eben nicht.

"Am Ende sollte sich der Entwickler immer darauf konzentrieren, wo er wirklich Geld verdienen kann, und das sind die großen Sites mit gutem Ruf, die direkt vom Entwickler beliefert werden", sagt Klose. "G2A nutzt Deck 13 nicht." Seiner Ansicht nach sollten Entwickler vermeiden, "zu viele günstige oder kostenlose Keys zu verbreiten oder verbreiten zu lassen." Spielern rät er zum Kauf bei renommierten Download-Portalen wie etwa Steam und Gog.com. "Die meisten Games kosten dort nun wirklich nicht die Welt, und es gibt ständig Rabatte."

In dieselbe Kerbe schlägt der französische Spielehersteller Ubisoft: "Wir empfehlen den Kauf und den Download entweder direkt aus dem Uplay-Shop oder aber von Firmen und Partnern, die ein digitales Distributions-Abkommen mit Ubisoft abgeschlossen haben", heißt es in einem Statement für Golem.de. "Wenn sich Spieler entscheiden, einen CD-Key eines Ubisoft-Spiels von einem fragwürdigen Retailer oder Online-Marktplatz zu erwerben, dann setzen sie sich dem Risiko aus, einen ungültigen Schlüssel oder ein illegal erworbenes Produkt zu kaufen. Ubisoft behält sich außerdem das Recht vor, Keys, die auf unrechtmäßigem Weg erworben oder distribuiert wurden, zu sperren."

Blockchain als Lösung?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Auch wenn Publisher weiter von Key-Resellern abraten und die Charmoffensive von G2A durchaus ihre Schwächen hatte, hat die Plattform sich bei der Community einigermaßen rehabilitiert. Wie nachhaltig das sein wird, bleibt allerdings abzuwarten, weil neue technische Entwicklungen den Markt verändern könnten.

Für Schnäppchenjäger werden Marktplätze wie G2A, Kinguin und Co. zweifellos auch mittelfristig Relevanz haben. Mit der zunehmenden Verbreitung der Blockchain-Technologie jedoch könnte der gesamte Sektor eine neue Richtung einschlagen. Grund: Im Blockchain-Zeitalter gibt Transparenz den Ton an. Sämtliche Informationen werden ständig dezentral verifiziert. Das Problem, dass sich Kunden mit einem bereits eingelösten Lizenzschlüssel herumschlagen müssen, wäre bei einem Blockchain-gekoppelten Key-Reseller-Portal vermutlich hinfällig. Gleiches gilt für gefälschte Nutzerprofile oder gezinkte Bewertungen. G2A selbst hat diesen Trend längst erkannt und bereits nennenswerte Investitionen in diesem Sektor getätigt.

Es ist aber auch eine ganz andere Entwicklung des Marktes denkbar, wie Jan Klose von Deck 13 erläutert: "Ich denke, dass die Spieledistribution den Weg von Netflix einschlagen wird und Portale um Exklusivtitel buhlen werden", sagt er. Dadurch würden die Key-Reseller an Bedeutung verlieren. Das Wichtigste neben der guten Qualität eines Spieles sei, dass es auch gefunden werde. "Die größte Herausforderung für kleine Studios wird daher das Marketing bleiben, an Plattformen herrscht kaum ein Mangel."  (bpfl)


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