Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/altmaier-kritik-wie-sexy-muss-ein-deutsches-elektroauto-sein-1811-137872.html    Veröffentlicht: 23.11.2018 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/137872

Altmaier-Kritik

Wie sexy muss ein deutsches Elektroauto sein?

Wirtschaftsminister Peter Altmaier fordert von der deutschen Autoindustrie ein Elektroauto, das nur "halb so sexy" wie ein Tesla Model 3 ist. Wir erläutern, was er damit meint und warum die Bundesregierung selbst die Elektromobilität unsexy macht.

Wie "sexy" muss ein Elektroauto sein, damit es mit dem Ausbau der Elektromobilität auch in Deutschland schneller vorangeht? Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) soll in netter Runde den versammelten Chefs der deutschen Autokonzerne erklärt haben: "Deutsche Autos sind immer sexy gewesen: BMW, Mercedes und sogar der VW-Käfer in den 60er Jahren. Ich frage mich wirklich, wann Sie, Herr Zetsche, oder Sie, Herr Diess, oder Herr Krüger von BMW in der Lage sein werden, ein Elektroauto zu bauen, das nur halb so sexy ist wie ein Tesla." Da sollen die Firmenchefs erstmal sprachlos gewesen sein, wie die FAZ berichtete.

Doch Schönheit und Attraktivität von Dingen liegen bekanntlich im Auge des Betrachters. Was gefällt Altmaier am Tesla Model 3 so gut? Rein optisch erscheint das Model 3 zumindest nicht besonders und umwerfend. Die Mittelklasse-Limousine ist eher unauffällig und kein Hingucker. Vermutlich könnte Altmaier das Elektroauto im normalen Straßenverkehr auf Anhieb gar nicht von anderen Limousinen dieser Klasse unterscheiden. Liegt es also an den inneren Werten?

Fahreigenschaften oder Autopilot?

Da wir annehmen, dass Altmaier noch kein Model 3 Probe gefahren hat, dürfte er auch die Fahreigenschaften eher nicht meinen. Die haben Autotestern ohnehin nicht besonders gefallen.



Zudem kann man davon ausgehen, dass der neue Audi E-Tron einem Tesla in Sachen Fahrdynamik in nichts nachsteht. Bei Fahrten in der namibischen Wüste konnte dieses Auto jüngst die ersten Testfahrer richtig begeistern.

Da geht die Tür nicht zu

Vielleicht meint Altmaier also den innovativen Innenraum mit dem großen Zentralmonitor. Zugegeben: Der Verzicht auf ein Armaturenbrett und fast alle Schalthebel ist innovativ, doch es würde sicherlich nicht schaden, wenn es zusätzliche Bedienungselemente am Lenkrad gäbe, wie unsere Probefahrt gezeigt hat. Die automatisierten Funktionen allerdings sind deutlich fortgeschrittener als bei der Konkurrenz. Lediglich die E- und S-Klasse von Mercedes können mit dem sogenannten Autopiloten derzeit mithalten.

Ganz bestimmt nicht sexy kann der Wirtschaftsminister die Verarbeitung des Model 3 finden. Man muss kein Spaltmaß-Fetischist wie der frühere VW-Chef Martin Winterkorn sein, um von seinen Mitarbeitern zu verlangen, dass die Autotür ordentlich ins Schloss fällt. Das ist beim Model 3 sehr häufig nicht der Fall. Was hat Altmaier im Gespräch mit den Autochefs also eigentlich gemeint?

Können die deutschen Autobauer Tesla einholen?

Die Antwort lässt sich in einer Aussage finden, die der jüngsten ähnelt, aber in wichtigen Punkten von ihr abweicht. Am 13. November 2018, auf einer Konferenz zu Thema Elektromobilität in Berlin, erklärte Altmaier: "Ich würde mir natürlich auch wünschen, bei all den vielen guten Modellen, die es in der deutschen Automobilindustrie gibt, dass es auch eines für Elektromobilität gibt, das mindestens genau so sexy ist wie das des großen amerikanischen Herstellers. Das mindestens die Reichweite hat dieses Herstellers und das preislich in etwa dort liegt, wo man dieses andere Modell auch kaufen kann."

Was zuerst auffällt: Aus "mindestens genau so sexy" wurde in wenigen Tagen "nur halb so sexy". Ist Altmaier also innerhalb weniger Tage zu der Ansicht gelangt, dass der Abstand zwischen den deutschen Herstellern und Tesla viel größer ist als zunächst vermutet? Wohl eher nicht. Vielleicht wollte er die Konzernchefs nur ein bisschen mehr provozieren als zuvor die versammelten Journalisten.

Diese Aussage erklärt aber, was Altmaier "sexy" findet: die schnöde Reichweite und das Preis-Leistungs-Verhältnis. Und hier hinken die deutschen Anbieter in der Tat deutlich hinterher. Ein Elektroauto wie das Model 3 mit einer großen Reichweite (500 Kilometer) zu einem vertretbaren Preis (49.000 US-Dollar) haben sie nicht im Angebot. Auch haben sie noch kein Schnellladenetz aufgebaut, mit dem sich ihre Elektroautos mit 120 Kilowatt zügig aufladen lassen. Vor allem aber: Das Model 3 ist schon in großem Umfang lieferbar. Zwar gab es in den ersten Monaten ziemlich große Produktionsprobleme, doch inzwischen laufen mehrere Tausend Exemplare jede Woche vom Band.



Der neue Audi E-Tron muss sich in puncto Fahreigenschaften, Ausstattung und Leistung sicherlich nicht hinter dem Model 3 verstecken. Allerdings ist er mit einem Basispreis von 80.000 Euro auch deutlich teurer. Das liegt auch an den höheren Akkukosten. Laut Audi kostet die Batterie mit ihren 95 Kilowattstunden (kWh) alleine mehr als 25.000 Euro. Das wären rund 250 Euro pro kWh. Nicht viel günstiger dürfte die Batterieherstellung beim neuen Daimler EQC sein.

Tesla baut die günstigsten Batterien

Einer Analyse der Bank UBS zufolge könne Tesla hingegen seine Batteriezellen für einen Preis von 111 US-Dollar pro kWh in seiner Gigafabrik in Nevada produzieren, berichtete die Financial Times (Paywall). Damit sei das Unternehmen noch deutlich günstiger als die asiatischen Hersteller wie LG Chem, CATL oder Samsung SDI.

Selbst wenn die deutschen Autokonzerne die Zellen möglichst günstig in Asien kauften und hierzulande die Batterien zusammenbauten, hätte Tesla noch einen Preisvorteil. Zudem verfügt das Unternehmen schon über Know-how und muss keine Lieferengpässe in Asien fürchten. Altmaier will hingegen die Batteriezellen in Deutschland fertigen lassen, auch wenn er eingeräumt hat, dass Europa den Wettlauf um die billigste Produktion nicht gewinnen könne.

Bundesregierung könnte Elektroautos sexyer machen

Das alles sollte aber nicht ausschließen, dass die deutschen Hersteller in den kommenden Jahren ein Elektroauto liefern können, das "mindestens so sexy" wie ein Tesla ist. Vor allem Volkswagen will bekanntlich ganz groß in die Elektromobilität einsteigen und 44 Milliarden Euro investieren. Doch ein Elektroauto kann noch so sexy sein: Wer es nicht zu Hause oder unterwegs aufladen kann, wird es dennoch nicht attraktiv finden.

An dieser Stelle ist aber die Bundesregierung selbst in der Pflicht. Der Minister soll den Autochefs ans Herz gelegt haben: "Was die Attraktivität ihrer E-Autos betrifft, könnten Sie tatsächlich noch einige frische Ideen einbringen." Eine frische Idee wäre es auch, wenn die Bundesregierung endlich einen praktikablen Anspruch auf eine Lademöglichkeit bei privaten Stellplätzen auf den Weg bringen würde. Oder wenn das Eichrecht so unbürokratisch wie in anderen Staaten ausgelegt würde, dass eine verbrauchsabhängige Abrechnung an Ladesäulen möglich wäre.

Doch frische Ideen hat die Bundesregierung derzeit vor allem beim Dieselskandal, wie das jüngste Beispiel mit der Videoüberwachung von Kennzeichen zeigt. Dieser Vorschlag war aber wirklich alles andere als sexy.  (fg)


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