Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/c64-wlan-modem-ausprobiert-mit-dem-c64-ins-netz-1901-137844.html    Veröffentlicht: 02.01.2019 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/137844

C64-WLAN-Modem ausprobiert

Mit dem C64 ins Netz

WLAN am C64 per Steckmodul - klingt simpel und nach einer interessanten Spielerei. Wir haben unseren 8-Bit-Commodore ins Netz gebracht und dabei geschafft, woran wir in den frühen 90ern gescheitert sind: ein Bulletin-Board zu besuchen.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Datenfernübertragung. Im Jahr 1992 hatte ich endlich alle Komponenten zusammen: einen C64 mit Diskettenlaufwerk und ein Modem, das mir per Steckmodul den Zugang zu all diesen mysteriösen Bulletin Boards verschaffen sollte, von denen ich gelesen hatte. Es ging noch nicht einmal darum, ins Netz zu kommen, sondern darum, eine simple Verbindung mit einem entfernten Rechner aufzubauen. Dort würden mich hoffentlich Informationen auf Online-Pinnwänden, ein eigenes digitales Postfach und herunterladbare Demos und Spiele erwarten.

Bislang hatte ich an der C64-Szene lediglich per Briefpost teilgehabt. Ich hatte Kontakte in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Skandinavien. Jeden Tag nach der Schule führte mein erster Gang zum Briefkasten. Dort fand ich oft ein beachtliches Päckchen an Briefen, die ihren Inhalt beim Betasten erahnen ließen: 5¼-Zoll-Disketten mit reich verzierten Hüllen, einem persönlichen Schreiben und ausgedruckte Listen mit zu tauschender Software. Aber um keine falschen Assoziationen zu wecken: Spiele interessierten mich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Ich wollte stattdessen die neuesten Produktionen aus der Demoszene live auf meinem Rechner erleben.



Das Modem bot mir nun ein völlig neues Mittel, um mit Freunden in Kontakt zu kommen und Programme zu tauschen. Dachte ich jedenfalls.

Mein Online-Experiment scheiterte leider bereits nach wenigen Wochen. Ich hatte aus Gründen der Sparsamkeit ein gebrauchtes 300-Baud-Modem erstanden. Das war bereits damals hoffnungslos veraltet. Kein Problem, dachte ich, ich habe ja Zeit. Das war ein Irrtum. Schon im ersten Monat beschwerten sich meine Eltern über die sprunghaft gestiegenen Telefonkosten. Jede Verbindung wurde gnadenlos mit hohen Minutenpreisen abgerechnet. Ich hatte zu allem Unglück noch nicht einmal nennenswerte Datenschätze anhäufen können. Mein Modem war einfach zu langsam, um auch nur kleine Downloads in vertretbarer Zeit zu bewältigen. Die Zeilen erschienen mit Schneckengeschwindigkeit auf meinem Bildschirm. Ich musste Rechner und Fernseher zudem jedes Mal ans andere Ende des Zimmers schleppen, denn mein Telefonkabel war viel zu kurz.

Es sollte noch bis 1998 dauern, bis ich mit einem annehmbar fixen Modem und einem Windows-PC ins "echte" Netz kam. Weitere 20 Jahre später soll mir der Redaktions-C64 nun späte Genugtuung bieten: per WLAN, mit rasanten 2.400 Baud. Mindestens.

Schall & Wahn

Die Hardwarebasis meines Experimentes ist schnell beschafft, das WiFi-Modul für den Userport des C64 kostet keine 30 Euro und kommt nach etwas mehr als einer Woche bei uns an. Der C64-erfahrene Kollege Tobias Költzsch kündigt an, er habe noch ein Kabel in petto, mit dem wir ein aktuelles Terminal-Programm vom DOS-PC über den Umweg Diskette auf den Commodore laden könnten. Leider erweist sich das Wunderkabel dann aber als verschollen.

Das mindert meinen Tatendrang nur unwesentlich. Ich hatte schließlich auch schon Erfolg damit, Daten per Audiokassettenadapter und Datasette auf meinen heimischen Commodore Plus/4 zu übertragen. Das Problem ist nur: Wir haben auch keine kompatible Datasette. Ein Blick auf den Gebrauchtmarkt ernüchtert mich: 20 bis 30 Euro für eine C64-Datasette sind mir zu teuer. Im C64-Szene-IRC-Chat werde ich auf ein kleines Modul hingewiesen, das per Audiokabel mit dem Smartphone verbunden werden kann. Eine Android-App wandelt dann die C64-Programme in Tonfolgen um, die vom Rechner wie von einer Datasette gelesen werden können. Wie futuristisch! Mit knapp 30 Euro ist der Stecker auch nicht wesentlich teurer als eine gebrauchte Datasette.

Nach einer weiteren Woche habe ich dann zum zweiten Mal in meinem Leben alles zusammen, was ich für die Datenfernübertragung mit dem C64 brauche. Diesmal wird das Ganze aber um einiges komplexer.

Digital ist besser

Zunächst einmal funktioniert die analoge Datenübertragung per Tonfolge und Telefonnetz im Jahr 2018 in Deutschland nicht mehr. Fast alle Anlagen der Telekommunikationsanbieter sind auf VoIP umgestellt. Das bedeutet, dass alles, was wir ins Telefon sprechen - oder in meinem Fall piepsen - in digitale Signale umgewandelt wird. Dabei gehen wichtige Informationen verloren. Demzufolge lohnt es auch nicht mehr, ein Bulletin-Board der alten Schule am Telefonnetz zu betreiben. Seit einigen Jahren sind also die Boards ins echte Netz gewandert. Dort erreicht man sie über eine URL, ähnlich einer Webseite. Mit einem Browser lassen sie sich aber nicht aufrufen. Benötigt wird stattdessen eine Terminal-Software.

Meine ersten Tests führe ich mit einem emulierten C64 auf einem Windows-10-PC durch, glücklicherweise gibt es ein Paket mit der nötigen Software und eine leicht zu befolgende Anleitung. Wenn alles installiert und eingerichtet ist, wird dem emulierten C64 ein Steckmodul vorgegaukelt, das dann über eine Weiterleitung via Telnet die Verbindung herstellt. Bei mir klappt das im ersten Anlauf. Ich mache sogar einige Tests während der S-Bahn-Fahrt ins Büro. Ein virtueller C64, der über einen PC mit einem WLAN-Hotspot mit meinem Smartphone verbunden ist und Bulletin-Boards besucht, während ich durch den Berliner Grunewald schaukele - das hätte ich mir Anfang der 90er niemals träumen lassen.

Ein leiser Hauch von Terror

Im Büro angekommen erlebe ich meine erste Niederlage. Ich wandele das verhältnismäßig kleine Spiel Pitfall per App um und schließe mein Smartphone an den Datasette-Adapter an. Nachdem ich die Lautstärke korrekt eingestellt habe, leuchtet tatsächlich die kleine LED des Moduls auf, der Bildschirm beginnt zu flackern. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Turbolader der App korrekt erkannt wurde. Leider friert der Commodore nach dem Laden sofort ein. Ein weiterer Test schreibt wirre Zeichen auf den Bildschirm und verändert die Hintergrundfarbe. Das deutet alles darauf hin, dass die Programme nicht an die korrekte Adresse im Speicher geschrieben wurden und nun im für das Basic reservierten Bereich gelandet sind.



Nachdem ich eine Stunde herumprobiert habe, meldet sich mein für Linux zuständiger Kollege vom anderen Ende des Raumes. Über mehrere Monitore hinweg wirft er mir einen strengen Blick zu und fragt, ob die Kiste ab jetzt für immer fiepen würde. Er meint den Monitor Philips CM 8833, unseren ganzen Stolz! Der Netzschalter muss zwar mit einem Gitarrenplektrum fixiert werden, aber ansonsten ist er mit seinem ausklappbaren Plastikgestell für den Blickwinkel nicht nur außerordentlich ergonomisch, sondern auch noch eine historisch korrekte Peripherie für den C64. Aber das Fiepen verursacht auch bei mir Kopfschmerz. Ich beschließe, mich wieder dem Tagesgeschäft zu widmen und später an einer Lösung für das Ladeproblem zu arbeiten.

Tatsächlich fällt mir am selben Abend noch eine simple Möglichkeit ein, den Datenfluss zwischen Smartphone und Computer zu überprüfen. Am nächsten Tag setze ich meinen Plan in die Tat um.

Pure Vernunft darf niemals siegen

Ich schreibe ein Basic-Programm, das nur aus zwei Zeilen besteht:

10 PRINT "HALLO"

20 GOTO 10

Es sollte nach dem Start das Wort HALLO immer und immer wieder auf den Bildschirm bringen. Mein Werk gebe ich in den C64-Emulator auf dem Windows-PC ein und sichere es virtuell auf einer Kassette - im .TAP-Format. Ein Versuch mit dem Emulator zeigt: Mein Programm wurde korrekt abgespeichert. Über meine Dropbox verschiebe ich es auf das Smartphone. Inzwischen hat sich mein Projekt in der Redaktion herumgesprochen und wir lästern über die Menge an Infrastruktur, die ich für den eigentlich simplen Vorgang benötige. Zum Einsatz kommen inzwischen: ein AMD Threadripper, ein wenig Cloudspeicher, unser Netzwerk und ein Huawei P9. Alles Geräte, deren simpelste Recheneinheiten unseren C64 sehr alt aussehen lassen. Aber es klappt!

Ich konvertiere noch ein wesentlich größeres Basic-Programm und lasse es denselben Weg nehmen. Auch dieser Test funktioniert. Lediglich auf den Turbolader der Smartphone-App muss ich verzichten. So braucht mein finaler Ladevorgang mit dem 23 KByte großen Terminalprogramm knappe acht Minuten. Aber das ist egal, ich bin fast am Ziel. Jetzt muss ich nur noch den WLAN-Adapter einrichten.

Das Terminalprogramm ist schon auf diese Aufgabe vorbereitet. Ich stelle es auf das WLAN-Steckmodul ein und muss nun nur noch SSID und Passwort unseres Netzwerkes eintippen. Denke ich. Leider macht mir eine Eigenheit des C64 einen Strich durch die Rechnung. Der Commodore hat nämlich mit PETSCII seinen eigenen Zeichensatz - und dieser stimmt nur in Teilen mit den regulären ASCII-Codes überein. Im Klartext heißt das, dass Sonderzeichen nicht korrekt übermittelt werden. Die meisten sind auf der C64-Tastatur noch nicht einmal vorhanden. Unser Netzwerkname enthält gleich zwei problematische Zeichen: ein Leerzeichen und einen Punkt. Das Passwort noch einige mehr. Nun könnte ich mir eine PETSCII-ASCII Tabelle zur Hand nehmen und nach den entsprechenden Codes suchen. Dafür bin ich aber so kurz vor dem Ziel zu ungeduldig. Also schnappe ich mir mein Smartphone und richte einen Hotspot ein, der mmm heißt und als Passwort 1234567890 erwartet. Nun speichere ich diese Daten noch auf unserer Floppy-Laufwerk ab und bin - ganz unspektakulär, ohne Piepen oder Blinken - endlich im Netz.



Ich stelle eine Verbindung zu einem Bulletin Board her und traue mich noch nicht einmal, mir einen Login-Namen zu erstellen. Ich will erst das bunte Logo genießen und meine Kollegen an diesem Moment teilhaben lassen!

"Und nun?", fragen sie mich, nachdem ich ihnen meine Odyssee erläutert habe. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was ich eigentlich von den Boards erwarte. Kontakte knüpfe ich lieber per IRC und Software bekomme ich aus dem Internet Archive schneller und einfacher. Aber ich habe schon einen neuen Plan: ein eigenes C64-Bulletin-Board. Es soll keine Software anbieten, auch ein schwarzes Brett ist heute überflüssig. Aber Informationen kommen nie außer Mode. Meine Idee: ein BBS mit den aktuellen Nachrichten von Golem.de - für 8bit-Computer wie den C64. Parallel zu meinen Experimenten mit dem WLAN-Steckmodul habe ich mich bereits mit der Software für dieses Unterfangen vertraut gemacht und hoffe nun, eine weitere Idee aus meiner Jugend wahr zu machen und - natürlich - auch einen weiteren Artikel darüber zu schreiben.  (mwo)


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