Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/initiative-q-gehen-sie-nicht-ueber-los-ziehen-sie-keine-q-ein-1811-137717.html    Veröffentlicht: 15.11.2018 12:40    Kurz-URL: https://glm.io/137717

Initiative Q

Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keine Q ein!

Initiative Q will ein digitales Zahlungsmittel entwickeln. Millionen Menschen haben sich bereits Q-Münzen gesichert. Dabei existieren die noch gar nicht.

Es kann eine Erfolgsgeschichte werden. Oder die eines großen Betruges. Was bereits feststeht: Die Geschichte des noch nicht existenten Zahlungsmittels Initiative Q ist schon heute ein großer Marketingcoup.

Alles begann im Juni 2018, als der ehemalige Paypal-Mitarbeiter Saar Wilf ein neues Zahlungsnetzwerk startete: Initiative Q. Es sollte die Grundlage für eine neue digitale Währung namens Q bilden. Um möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu bewegen, beschlossen Wilf und sein Kollege Lawrence White die Q-Münzen kostenlos auszugeben. Wer interessiert ist, muss auf der Internetseite lediglich Namen und E-Mail-Adresse angeben, dann erhält er eine bestimmte Anzahl an Q. Angemeldete Personen bekommen zusätzlich fünf Codes, mit denen sie ihre Freunde einladen können. Geben die ihre Daten an, muss die angemeldete Person die Identität dieser Menschen verifizieren. Dann gibt es noch mehr Q für den Einladenden. Jeder kann mitmachen, ohne großen Einsatz, ohne großes Risiko. Je früher man dabei ist, desto mehr Q erhält man.

Mit dieser Strategie hat Initiative Q nach eigenen Angaben bereits mehr als vier Millionen Menschen weltweit zur Abgabe ihrer Daten gegen ein paar digitale Münzen bewegt. Diese Zahl beeindruckt angesichts der Kürze der Zeit, in der die Macher sie erreicht haben. Sie beeindruckt auch angesichts der Tatsache, dass es noch gar keine Währung Q gibt. Das System selbst sei noch nicht entwickelt, auch keine Testumgebung, heißt es von der Initiative Q gegenüber Mashable. Das Geld soll erst kreiert werden, wenn sich genügend Menschen registriert haben. Eine konkrete Marke, die überschritten werden soll, nennen die Initiatoren nicht, auf der Website heißt es nur, dass es zig Millionen bis Mitte 2019 sein sollen.

Q soll leisten, was Bitcoin bis heute nicht vermag

Die Macher sagen: Nur so könne man das typische Henne-Ei-Problem einer neuen Währung lösen, weil sie dadurch schon vor Entwicklung eine breite Akzeptanz erfahre. Das sei ein Problem, das selbst die bekannteste Kryptowährung der Welt, Bitcoin, bis heute nicht gelöst und deswegen auch nicht genügend Anwender habe; von den hohen Transaktionskosten und den langen Übertragungswegen abgesehen.

Die Kritiker sagen: Initiative Q ist ein Schneeballsystem, das sich durch immer neue Anmeldungen selbst erhält. Noch gebe es kein Produkt, deswegen habe Q als Zahlungsmittel auch keinen Wert. Die Finanzexpertin Michaela Hönig, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Frankfurt University for Applied Sciences, bezeichnet Q als Spielgeld.

Steckt hinter Q also ein lang ersehntes digitales Zahlungsmittel? Oder ein Betrug?

Tatsächlich ist über die weiteren Pläne des digitalen Zahlungsmittels wenig bekannt. Initiative Q will laut Website eine App bauen, mit der die Nutzer in Läden oder im Internet bezahlen kann, vergleichbar mit Features von Apple und Google. Multi-Faktor-Verifizierung soll das Konto vor Missbrauch schützen: Fingerabdrücke, Mikrofone, Gesichtserkennung und eben Freunde. Man wolle sich auch der aktuellen Verschlüsselungstechnologien bedienen. Welche genau damit gemeint sind, erklären die Macher nicht. Lokale Agenten sollen das Geld ihrer Kundinnen und Kunden zusätzlich sichern und lokale Geschäfte anbinden. Auch zu diesem Punkt fehlt aber eine genaue Beschreibung.

Die Initiative Q versucht, die Skeptiker mit langen Antworten zu den FAQ auf der Website zu beruhigen. Kurz zusammengefasst: Nein, man baue kein Schneeballsystem, man greife keine Daten ab, es gebe keine Risiken beim Mitmachen. Angesprochen auf den Vorwurf des Schneeballsystems sagt Gründer Wilf auf Vox.com, dass es sich dabei normalerweise um die Verschiebung von Geld handele. Die Rendite, die etwa der Aktionär eines Unternehmens erhält, wird dann mit dem Geld finanziert, das ein neuer Aktionär investiert. Weil es kein Geld gebe, könne es auch nicht von einem Nutzer zu einem anderen wandern, sagt Wilf. Was er und sein Kollege derzeit betreiben, sei gewöhnliches Marketing.

Nicht mehr als eine Idee

Experten halten das für naiv, manche sogar für betrügerisch. Denn mehr Anmeldungen führen zu mehr Einladungen und mehr Einladungen wiederum zu mehr Nutzern. Und die bezahlt Initiative Q mit immer neuen Münzen: Bei der Registrierung erhält ein Nutzer 13.000 Q-Münzen. Wirbt er in 96 Stunden fünf neue, erhält er erneut 40 Prozent dieser Summe. Holt er wiederum weitere hinzu, gibt es noch mehr digitales Geld. Die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien verstärkt diesen Effekt, weil sich immer mehr Menschen anmelden wollen und damit die Ausgabe von Codes für den Einladenden attraktiv bleibt. Der Schneeball rollt also weiter und weiter und weiter.

Die Initiative Q bestehe nur aus einer Idee, festgehalten in einem White Paper, sagt Finanzexpertin Hönig, die zu digitalen Zahlungsmittelkonzepten forscht. White Paper beschreiben in der Kryptowährungsszene das Vorhaben, irgendwann einmal mit dem eingenommenen Geld ein Produkt zu entwickeln. Die Absichtserklärungen sind aber oft nicht bindend und räumen den Investoren teils nicht einmal Rechte ein. Dass Initiative Q mit einem White Paper arbeite, sei "ein Zeichen für Betrügerei", sagt Hönig. Sie warnt zudem davor, dass allein schon die Weitergabe der Daten einen Wert habe: "Das Big Business im Internet sind die Daten. Das unterschätzen viele Nutzer."

Panos Mourdoukoutas, Professor an der Long Island University, bezeichnet das System in einem Beitrag für Forbes als "Wunschtraum". Es werde das Akzeptanzproblem nicht lösen, da es nicht einmal eine Währung gebe.

"Initiative Q setzt auf die Gier der Menschen"

Warum geben trotzdem so viele Menschen ihre Daten her, obwohl es doch genügend Beispiele für Missbrauch im Internet gibt? Obwohl man doch weiß, dass ein Angebot ohne Haken meist irgendwo doch einen Haken hat? "Initiative Q setzt auf die Gier und Hoffnung der Menschen, sehr leicht Geld zu verdienen", sagt Hönig. Das Prinzip erzeuge eine Spirale, ähnlich wie die steigenden Bitcoin-Kurse im vergangenen Jahr: Damals sprachen immer mehr Menschen über Bitcoin, immer mehr erfuhren davon, immer mehr investierten, was den Kurs von Bitcoin anstiegen ließ - weshalb immer mehr Menschen darüber sprachen.

Ebenso ist es nun bei Initiative Q. Weil die Angst kursiert, wieder eine vielleicht einmal relevante Kryptowährung und die damit einhergehende Rendite zu verpassen, registrieren sich die Nutzer massenweise. Im Englischen spricht man von der fear of missing out, kurz fomo. Die ist nicht neu: Viele digitale Konzepte befeuern diese Furcht, weil sie dem Nutzer durchweg das Gefühl geben, ein wichtiges Ereignis zu verpassen - Facebook, Twitter, Whatsapp etwa. Immerhin gibt es dort schon echte Inhalte.  (lh-zon)


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