Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/flexibles-smartphone-samsung-verspielt-die-smartphone-fuehrung-1811-137591.html    Veröffentlicht: 08.11.2018 15:01    Kurz-URL: https://glm.io/137591

Flexibles Smartphone

Samsung verspielt die Smartphone-Führung

Jahrelang dominierte Samsung den Smartphone-Markt mit Innovationen, in den vergangenen Monaten verliert der südkoreanische Hersteller aber das Momentum. Krönung dieser Entwicklung ist das neue flexible Nicht-Smartphone - die Konkurrenz aus China dürfte feiern.

Jeder Marktführer in der Geschichte elektronischer Geräte büßte irgendwann seine Spitzenstellung in seiner Branche ein - auch wenn man es nie für möglich gehalten hätte. IBM und Nokia beispielsweise dominierten jahrelang ihre jeweiligen Märkte, irgendwann war die Dominanz aber zu Ende. Samsung steht im Smartphone-Markt aktuell an einem ähnlichen Scheidepunkt, an dem IBM und Nokia auch mal standen - den Ausgang können die Südkoreaner aber noch selbst bestimmen. Aktuell sieht es allerdings eher danach aus, als ob sich nun auch die Dominanz des südkoreanischen Herstellers dem Ende zuneigt.

Jüngste Zahlen verschiedener Marktforschungsunternehmen zeigen, dass Samsung seine Spitzenposition als weltweit erfolgreichster Smartphone-Hersteller immer schwerer verteidigen kann. Grund ist nicht Apple, das mittlerweile zum zweiten Mal auf den dritten Platz verdrängt wurde, sondern Huawei. Der Konkurrent aus China legt im dritten Quartal 2018 noch einmal zu und kommt laut IDC mittlerweile auf einen Marktanteil von 14,6 Prozent - Samsung liegt bei 20,3 Prozent. Das klingt nach einem komfortablen Vorsprung, im dritten Quartal des Vorjahres lag der Unterschied zwischen den beiden Unternehmen aber noch bei fast 12 Prozentpunkten zugunsten von Samsung.

Huawei verbesserte seine Verkäufe im dritten Quartal 2018 verglichen mit dem dritten Quartal 2017 um 32,9 Prozent, Samsungs Smartphone-Absätze hingegen gingen im gleichen Zeitraum um 13,4 Prozent zurück. Die Zahlen spiegeln den Eindruck wider, den wir von der Marktsituation haben: Huawei investierte im vergangenen Jahr viel in die Entwicklung von SoCs und Kamerasystemen und brachte dadurch verschiedene Innovationen hervor, die dem Unternehmen Aufschwung verschafften.

Besonders bei den Kameras zeigte sich der chinesische Hersteller innovativer als Samsung: Das Dreifach- und Vierfach-Kamerasystem des P20 Pro und Mate 20 Pro bringt Nutzern mehr Vorteile als die Dualkamera von Samsung mit variabler Blende. Außerdem scheint Samsung langsam etwas kalte Füße zu bekommen: Anders können wir uns nur schwer erklären, warum der Hersteller seine neuen Dreifach- und Vierfachkameras noch in diesem Jahr in der traditionell eher weniger prestigeträchtigen A-Serie verbaut.

Samsung hätte mit dem Galaxy Note 9, das der Hersteller im August 2018 vorgestellt hatte, durchaus vorpreschen können. Statt Innovationen hat Samsung aber im Grunde nur ein Galaxy S9+ mit Stift präsentiert. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Galaxy Note 9 ist ein gutes Smartphone, aber wir können bei dem Gerät keinen Willen zu wirklicher Innovation erkennen.

Die dunkle Präsentation eines flexiblen Nicht-Smartphones

Den nächsten Innovationsschritt will Samsung offenbar mit flexiblen Displays wagen, also Bildschirmen, die sich zusammenklappen, quasi "falten" lassen. Der Hersteller arbeitet bereits seit mehreren Jahren an derartigen Bildschirmen, bislang wurden aber lediglich Prototypen gezeigt. Auf seiner Entwicklerkonferenz SDC wolle Samsung nun endlich ein fertiges Gerät zeigen, überschlugen sich die Gerüchte im Vorfeld.

Stattdessen gab es die erste Version eines Panels zu sehen, das der Hersteller Infinity Flex nennt. Zweifellos ist das eine große technologische Leistung, die in Zukunft sicherlich zu interessanten Geräten führen wird. Anstatt zuzugeben, dass das Gerät noch nicht fertig ist und das zu zeigen, was man schon hat - und was auch sehenswert ist -, schaltete Samsung aber die Bühnenbeleuchtung ab und ließ Manager Justin Denison den Prototyp im Dunkeln präsentieren.

Zu erahnen war ein Gerät, das sich zusammenklappen lässt und auf dessen Innenseite ein faltbares Display eingebaut ist. Ein zweites Display ist auf der Außenseite verbaut - ein ziemlich klein wirkendes mit breiten Rändern.

Problematisch für Samsung ist eigentlich nicht, dass sie das Gerät noch nicht fertig haben - ein Hersteller muss sich natürlich nicht für die fehlende Erfüllung von Gerüchten verantworten. Das Problem ist eher, dass Samsung nun auch bei seiner Paradeentwicklung, dem Smartphone mit flexiblem Bildschirm, hinterherhinkt. Der chinesische Display-Hersteller Royole hat Anfang November mit dem Flexpai ein echtes erstes Gerät mit flexiblem, "faltbaren" Display vorgestellt.

Dieses hat den flexiblen Bildschirm auf der Außenseite, was wir für die spannendere Option halten. Samsungs vorgestellter Prototyp erinnert uns an bereits erhältliche Klapp-Smartphones mit zwei getrennten Displays, bei Royoles Gerät kann hingegen auch der umgeklappte Bereich für Benachrichtigungen verwendet werden. Wie alltagstauglich das ist, muss sich allerdings noch zeigen - spannender aussehen tut es allemal.

Das Flexpai von Royole existiert zudem, es ist von verschiedenen Journalisten ausprobiert worden und kann bestellt werden. Die Auslieferung der ersten Entwicklerversion soll noch in diesem Jahr erfolgen - für Samsung ist das ein Problem. Das weltweit erste Smartphone mit faltbarem Display wäre für Samsung ein unglaublicher Schub gewesen, mit dem sich der Hersteller wieder einmal etwas von Huawei hätte absetzen können. Die Lorbeeren erntet nun aber ein chinesischer Hersteller, der zwar im Markt der flexiblen Displays ein Name ist, aber keinesfalls als Konkurrenz im Smartphone-Markt zu sehen ist. Samsung hingegen ist immer noch nicht mit seinem Gerät fertig.

Am Abend der Präsentation wird sich nicht nur Royole darüber gefreut haben, dass sie weiterhin der einzige Hersteller eines flexiblen Smartphones sind. Auch die Verantwortlichen von Huawei dürften die Präsentation eher mit Erleichterung verfolgt haben. Samsung hat ein flexibles Panel, aber eben noch kein Gerät dazu - das verschafft der Konkurrenz die Luft, selbst vielleicht sogar noch vor den Südkoreanern ein eigenes flexibles Smartphone zu präsentieren.

Der Druck lastet schwer auf Samsung. Sollte es das Unternehmen nicht schaffen, als erster großer Smartphone-Hersteller ein faltbares Smartphone zu präsentieren, dürfte die aktuelle Marktposition noch schwerer zu halten sein. IBM- und Nokia-Manager können davon ein Lied singen.  (tk)


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