Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/job-portraet-cyber-detektiv-ich-musste-als-ermittler-ueber-1-000-onanie-videos-schauen-1811-137447.html    Veröffentlicht: 06.11.2018 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/137447

Job-Porträt Cyber-Detektiv

"Ich musste als Ermittler über 1.000 Onanie-Videos schauen"

Online-Detektive müssen permanent löschen, wo unvorsichtige Internetnutzer einen digitalen Flächenbrand gelegt haben. Mathias Kindt-Hopffer hat Golem.de von seinem Berufsalltag erzählt.

Später Abend in einer Detektei in der Nähe von Frankfurt am Main. Mathias Kindt-Hopffer, graue Haare, Lederweste, Oberlippenbart und getönte 70er-Jahre-Brille, blickt mürrisch auf seinen PC. Vor ein paar Tagen stand ein Polizist in Zivil vor seiner Türe, um den Cyber-Detektiv zu beauftragen. Der Beamte hat sich dazu hinreißen lassen, vor laufender Webcam zu onanieren. Jetzt wird er von Unbekannten um mehrere Tausend Euro in Bitcoins erpresst: "Für ihn wäre es das Karriereende, wenn seine Kollegen mitbekämen, dass ausgerechnet er auf so etwas reingefallen ist", sagt Mathias Kindt-Hopffer. "Seltsam, dass er es nicht besser wusste."

Laut einer Bitkom-Studie ist jeder zweite Internetnutzer schon Opfer von Cyberkriminalität geworden; am häufigsten durch Schadsoftware, Identitätsdiebstahl und Vorschussbetrug, bei dem sich falsche Enkel, Liebhaber oder Geschäftspartner per E-Mail und Social Media melden und Geld erschwindeln. "Ich habe Tausende solcher Fake-Nachrichten gelesen und sie sind überwiegend in sehr schlechtem Deutsch und mit so plumpen Anmachen verfasst, als würden sie von Zehnjährigen kommen. Trotzdem fallen immer wieder Menschen darauf rein", sagt Kindt-Hopffer.

Darum entstehen zahlreiche mehr oder weniger seriöse Online-Detekteien mit unterschiedlichen Spezialgebieten und auch Privatermittler spezialisieren sich mehr und mehr auf Cyberkriminalität. Einige sollen untreue Partner auf Datingseiten überführen, andere helfen, wenn man in eine Abofalle getappt ist, überprüfen Identitätsdiebstahl und Fake-Shops oder weisen Urheberrechtsverstöße nach. Kindt-Hopffer kümmert sich vorwiegend um Vorschussbetrug, aber auch um Cybermobbing und Erpressung. Bei ihm steht eine persönliche Abneigung gegen Scammer hinter seiner Berufswahl. Dem Online-Detektiv sind vor allem ihre betrügerischen Spam-Mails ein Dorn im Auge: "Wenn es diese riesigen Datenmengen nicht mehr gäbe, würde so viel Energie und Rechenkapazität gespart werden!" Aus seiner Stimme klingt Wut; die Masse an Betrügereien ist seine Geschäftsgrundlage, scheint ihn aber doch zu nerven.

Phishing gegen Phishing

Zu seinem Job kam er über einen Umweg in die Frankfurter Hackerszene. Wie alle Detektive machte er keine Ausbildung dazu - die gibt es nämlich nicht -, sondern legte sich sein Wissen autodidaktisch zu. In den 1990er Jahren arbeitete Kindt-Hopffer als Buchhalter. Als er seinen Job aufgeben musste, stieß er beim Surfen auf Online-Betrüger: "Vor 14 Jahren bekam ich eine schwere Knochenkrankheit und hatte plötzlich verdammt viel Zeit am Computer. Damals bin ich auf dem Scambaiting-Forum 419-Eater über absurde Bilder gestolpert, auf denen Männer sich zum Beispiel Toastbrot über den Kopf hielten. Das waren Romance-Scammer, die von einer Gruppe Hackern überführt und veräppelt wurden", sagt Kindt-Hopffer.

Romance Scammer sind falsche Verehrerinnen oder Verehrer, die sich als mittellose russische Schönheit oder oft auch US-amerikanischer Soldat auf der Suche nach der großen Liebe ausgeben. Ganze Betrügerguppen schicken wahllos E-Mails an gekaufte Adressen oder Facebook-Nachrichten und hoffen, dass ein einsamer Mensch sich auf den Schriftverkehr einlässt und später für angebliche Notfälle Geld überweist. Die Sache mit dem Toastbrot erklärt Kindt-Hopffer so: Die Scambaiter haben sich als ahnungslose Opfer ausgegeben und schrieben, dass sie bereit wären, das benötigte Geld für eine angebliche Operation oder ein Flugticket zu schicken, wenn sie einen Beleg bekämen, dass ihnen ein echtes Gegenüber schreibt. Sie könnten sich dazu etwa Brot über den Kopf halten: "Es hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht, die Scammer aufzuspüren, ihre Zeit zu stehlen und sie davon abzuhalten, weitere Menschen finanziell zu schädigen", sagt er. Die Bilder sind seine Trophäen.

In der Scambaiting-Gruppe waren Programmierer und IT-Sicherheitsleute, die ihm die Grundlagen des Programmierens, Hackens und Phishings beibrachten: "Wir haben Seiten betrieben, um die Mail-Konten der Betrüger zu knacken. So konnten wir sehen, wer ihre Opfer waren, und diese warnen. Landete die Mail bei einem Mitglied der Scambaiting-Gruppe, sind wir zunächst darauf eingegangen und haben irgendwann versucht, die Betrüger auf unsere eigenen Phishing-Seiten zu locken - das hat öfter geklappt, als man denkt. Wir haben geschrieben, dass wir verschlüsselt kommunizieren wollen, weil es ja um Millionenbeträge gehe, und ihnen anschließend einen Zugang zu einer 'Entschlüsselungsseite' gegeben, auf der sie die Nachricht angeblich öffnen konnten."

Dass die Betrüger selbst auf eine so billige Nummer hereingefallen sind, zeigt, dass jeder ab und zu den Verstand ausschaltet, wenn das große Geld winkt. Um die Fake-Nachricht der Scambaiter zu öffnen, sollten sie ihre E-Mail-Adresse mit zugehörigem Mail-Passwort eintippen und haben es auch massenhaft getan. "In dem Moment hatten wir ihre Zugangsdaten und konnten auf ihren Mailverkehr zugreifen, den sie mit Hunderten Opfern geführt haben", erklärt Kindt-Hopffer. Eine E-Mail-Adresse führte zu weiteren, denn in einem Account befanden sich zig Unteraccounts. So kamen Tausende Konten und Passwörter zusammen, denen man verschiedene Banden zuordnen konnte.

Diese verdienen viel Geld, selbst wenn nur einer von zehn auf ihre Masche hereinfällt. Durchschnittlich hatten die Betroffenen schon 10.000 Euro an angebliche Anwälte oder Liebhaber bezahlt und konnten gerade noch davon abgehalten werden, mehr zu überweisen. Geld zurück bekamen die wenigsten. Ein Grund ist, dass 2007 der sogenannte Hackerparagraf in Kraft trat und die Praxis der Scambaiter plötzlich selbst strafbar wurde. Die Beweise waren vor Gericht nichts wert und die Mitglieder konnten für ihre Phishing-Seiten sogar im Gefängnis landen. Damit stieg Mathias Kindt-Hopffer nach fünf Jahren aus der Gruppe aus: "In der ganzen Zeit habe ich allerdings sehr viel über die Arbeitsweise der Kriminellen gelernt", sagt er. "Schließlich bin ich darauf gekommen, dass ich das Wissen nutzen und davon leben könnte. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht mal selbstständig laufen, aber am Computer sitzen und viel Zeit in Recherchen stecken. So habe ich meine Detektei eröffnet."

Doch wer fällt eigentlich auf falsche Erbschaftsmails und Liebesbekundungen herein?

Prominente mit Angst vor Rufmord

Seine Kunden seien nicht unbedingt ungebildet, sondern Opfer von gekonntem Social Engineering, also gezielter Manipulation auf Gefühlsebene. "Eine Schweizer Ärztin hat fast zwei Millionen Franken verloren", erzählt Matias Kindt-Hopffer. "Sie hat sich so geschämt, als ich bewiesen habe, dass es sich um eine Gruppe Betrüger aus Westafrika handelte, und nicht um einen einzelnen Mann, der in sie verliebt war. Sie hat sich nie bei mir gemeldet, es lief alles über ihre Kinder."

Auch Banker, Polizisten oder Lehrer stellen ihre Phantasien gelegentlich über die Ratio, sind aufgrund ihrer Stellung erpressbar und gehen den Forderungen darum oft bis zu einem gewissen Punkt nach: "Wenn Kinder sich auf dem Schulhof Nacktbilder vom Lehrer zeigen würden, wäre das sein berufliches Aus", sagt der Detektiv. "Inzwischen habe ich auch sehr illustre Klienten, wie einen hochrangigen Kirchenvertreter, einen ehemaligen Regierungspräsidenten, Chefärzte, Klinikleiter und einen Schönheitspapst, deren Ruf ich mit meinen Mitteln schütze."

Oder eben Polizisten. Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Seit Stunden durchkämmt der Detektiv das Netz nach dem unfreiwilligen Porno seines Klienten, klappert also einschlägige Plattformen ab und füttert eine Batterie von Suchmaschinen wie TinEye, iqdb, Bing, Yandex oder Baidu. Dann lässt er auch Bots nach dem Namen suchen: "Wenn ich damit einen Treffer lande, mache ich das Recht am Bild von meinen Klienten geltend." Je schneller er das Video findet, desto eher verschwindet es.

Mittlerweile hat er sich nach seinen Funden schon so oft beim Support bestimmter Porno-Websites gemeldet, dass das Löschen nur noch ein paar Minuten dauert. Tauchen die Inhalte weiter in der Google-Suche auf, versucht Kindt-Hopffer, sie aus den Ergebnissen zu verdrängen und stellt massenhaft eigene Inhalte zum Namen des Geschädigten ins Netz. In Ausnahmefällen versucht er, ausländische Server, über die die illegalen Inhalte verbreitet werden, direkt anzugreifen und lahmzulegen. Wie er das genau macht, will der Detektiv nicht preisgeben: "Geschäftsgeheimnis".

Über 1.000 Masturbationsvideos seiner Kunden und Kundinnen hat er zur Aufklärung seiner Fälle schon sehen müssen: "Ich habe ein sehr dickes Fell", sagt er. "Speziell, wenn ich mir solch einen Schmutz schon vor dem Frühstück auf nüchternen Magen ansehen muss, wenn es extrem eilt, brauche ich das auch. Es ist jedoch mein Beruf, den ich mir selbst ausgesucht habe - und zum Trost werde ich gut bezahlt."

Täglich rufen um die fünf zum Teil völlig aufgelöste Personen bei ihm an, die ihn über seine Website gefunden haben oder ein Interview mit ihm gelesen haben. Oder sie stehen vor seiner Türe im Taunus wie der Polizist. Meistens werden sie wegen geklauter Nacktbilder erpresst oder sind auf Romance-Scammer hereingefallen. Das zeigt, wie hilflos und naiv sich viele Menschen immer noch im Internet bewegen. Darum besteht Kindt-Hopffers Berufsalltag zum großen Teil aus Aufklärungsarbeit und der seelischen Betreuung der Betroffenen.

Die Angst des Ermittlers vor der Rache der Betrüger

Doch auch für den Ermittler selbst sind die Fälle belastend. Würde etwas an die Öffentlichkeit gelangen, wäre er seinen Job schnell los, weil er keine Aufträge mehr bekommen würde. "Die Arbeit mit erpressten Promis ist natürlich auch sehr spannend für mich, weil es interessante Menschen sind, mit denen ich ganz intim in Kontakt trete", sagt er. "Andererseits ist es auch nervenaufreibend, wenn diese Leute nervös werden, mich bis zu 30 Mal am Tag anrufen und ich ihr Nervenkostüm abkühlen muss. Dann steht nicht mehr die rein technische Abwehr einer Rufschädigung im Vordergrund, sondern es ist sehr viel Fingerspitzengefühl und Überredungskunst notwendig, damit sie nicht nachgeben und mit einer Zahlung an die Erpresser alles nur noch schlimmer machen, weil diese sich bestätigt fühlen."

Das richtige Sprechen mit den Menschen, die in seine Detektei kommen, hat er sich über die Jahre selbst beigebracht. Sicher schadet es auch nicht, dass er mit seiner mürrischen, pragmatischen Art und seiner Erscheinung wirkt, wie einem Detektivroman entnommen. Man bekommt das Gefühl, dass alles in Ordnung kommt, wenn man ihn nur machen lässt.

Bei Erpressungen, Cyberstalking und Rufmord sammelt Kindt-Hopffer zunächst Beweise im Netz, gelangt über die IP-Adresse an den Verdächtigen und wendet sich mit richterlichem Beschluss an den Provider, um seine Identität herauszufinden. Selten, etwa in schlimmen Stalking-Fällen, beschattet er Verdächtige vom Auto aus, um mehr über sie herauszufinden. Bei Vorschussbetrug ist es schon schwieriger, an die Täter heranzukommen: "Das sind oft Studenten von der Elfenbeinküste, die sich mit ihren Maschen ihre Ausbildung und den Lebensunterhalt finanzieren und Tag für Tag in die Schreibbüros zur Arbeit gehen, um Fake-Nachrichten zu verfassen", sagt er.

"Dort jemanden zu überführen, ist so gut wie unmöglich, selbst wenn wir sie aufspüren. Bei Erbschafts-Scams haben wir es aber schon geschafft, Täter nach Deutschland zu locken und in Zusammenarbeit mit dem LKA verhaften zu lassen." Dazu hat der Detektiv eine Geldübergabe in Deutschland vorgeschlagen, das Ticket gezahlt und einen Lockvogel an den verabredeten Treffpunkt postiert. Dort wurde er verhaftet. "Es handelte sich aber nur um einen Läufer, den Anführer der Bande haben wir nie bekommen. Ich habe Monate später sogar gesehen, wie er im Internet geprotzt hat."

Drei weitere Betrüger sitzen gerade wegen seiner Ermittlungen im Gefängnis. Kein Wunder, dass er ab und zu selbst zur Zielscheibe wurde und Hacks oder Rufmord-Versuche abwehren musste. Kürzlich tauchte wieder mal eine schlecht zusammengebaute Website auf, die ihn diffamieren sollte. Der Detektiv sei für "Heirat unter Geschwistern und Sex mit Kindern", stand dort zu lesen. Außerdem würde er die AfD wählen. Lange war die Seite allerdings nicht online. Er weiß ja selbst am besten, wie man solche üblen Dinge wieder loswird.  (maj)


Verwandte Artikel:
Job-Porträt: Die Cobol Cowboys auf wichtiger Mission   
(11.12.2018, https://glm.io/138054 )
IT-Jobs: Wenn Chatbots zur Nachhilfe müssen   
(17.10.2018, https://glm.io/136730 )
SAP-Berater: Der coolste Job nach Tourismusmanager und Bierbrauer   
(25.07.2018, https://glm.io/135389 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/