Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lenovo-daydream-kamera-und-headset-test-die-urlaubsmaschinen-1811-137381.html    Veröffentlicht: 14.11.2018 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/137381

Lenovos Mirage Solo im Test

Die Urlaubsmaschinen

Die Urlaubsdiashow endlich in 3D und mit VR: Lenovo will mit seiner Kombination aus 180°-Kamera und Brille Erinnerungen auf ganz neue Art festhalten. Wir haben überprüft, ob Freunde von Vielreisenden sich schon fürchten müssen.

Die erste Generation der VR-Technologie hat nicht unbedingt den von den Herstellern erwarteten Hype ausgelöst. Die Fähigkeiten der Headsets wurden durch Zubehör noch etwas erweitert, aber Innovation gab es höchstens bei der Produktion von Inhalten.

Das Mirage Solo soll laut Hersteller Lenovo "die nächste Generation von VR" einläuten. Wie der Name andeutet, ist das Headset kabel- und rechnerlos einsetzbar. Es hat sogar sechs Freiheitsgrade - das heißt, dass neben den Kopfbewegungen auch die Position des Anwenders im Raum erfasst wird. Zusätzlich bietet Lenovo mit der Mirage-Kamera einen kleinen Fotoapparat, der Bilder und Videos mit 180-Grad-Blickwinkel in 3D aufnehmen kann. Das klingt verlockend, denn so können wir endlich auf Knopfdruck Fotos und Videos für das VR-Headset produzieren, um sie anschließend in der virtuellen Realität zu bestaunen. Außerdem sollten die Freiheitsgrade der Brille neue Spielerlebnisse möglich machen: Schließlich können wir uns wie beim HTC Vive ja frei im Raum bewegen.



Was uns unmittelbar nach dem Auspacken des Mirage Solo Headsets auffällt: Es ist ziemlich groß. Das liegt am fest verbauten Kopfbügel, der sich per Rad am hinteren Ende komfortabel justieren lässt. Zusätzlich kann er mit einem Knopf an der Unterseite der Brille noch erweitert oder verkleinert werden. Das Mirage sitzt dank dieser beiden simplen Einstellungsmöglichkeiten fest und bequem auf nahezu jedem Kopf. Es ist allerdings mit fast 650 Gramm Gewicht auch recht schwer. Trotzdem ist es angenehmer zu tragen als das Google Daydream View, benötigt dank des verbauten Snapdragon 845 kein teures Smartphone und erhitzt sich auch nicht während des Betriebes. Geladen wird es per USB-C, außerdem befinden sich ein Klinkenanschluss für Kopfhörer, Lautstärketasten und ein Micro-SD-Kartenslot an den Seiten der Brille.

Nach dem Einschalten bemerken wir einen ziemlich starken Fliegengittereffekt in der Mitte und blaue Farbsäume an den Rändern des Sichtfeldes. Ersteres liegt an dem verwendeten IPS-Display mit einer Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixeln. Das andere hat seinen Grund vermutlich in den verbauten Fresnel-Linsen mit 110-Grad-Sichtfeld. Diese Abbildungsprobleme haben aber auch andere Headsets. Wie störend sie wirken, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Uns macht eher die niedrige Bildwiederholungsfrequenz von 75 Hz zu schaffen. Nach spätestens 20 Minuten unter der Brille haben wir Kopfschmerzen. Aber wie wir bald feststellen, ist diese Zeitspanne sowieso verhältnismäßig lang, denn viel zu sehen gibt es leider nicht.

Freiheit für die Brille, aber nicht für den Controller

Das Lenovo Mirage Solo ist ein Google Daydream Headset. Das heißt, es funktioniert nur mit Apps aus dem Playstore und kann nicht auf die Titelbibliotheken von HTC Vive oder Oculus Rift zugreifen. Die Auswahl an lohnenswerten Programmen ist noch immer sehr schmal. Besonders deprimierend finden wir, dass der Appstore nicht einmal eine gute Suchfunktion aufweist. Dabei spräche wenig dagegen, auch konventionelle Apps auf einem virtuellen Bildschirm laufen zu lassen. Der mitgelieferte Controller könnte die Touch-Bedienung ersetzen und wir fänden es zum Beispiel durchaus reizvoll, Retrospiele aus dem Playstore in einer Spielhalle zu zocken oder andere Videodienste als nur Youtube, Netflix und eine Handvoll mehr in einem fiktiven Kinosaal zu genießen. Rund 350 Titel unterstützen aktuell Daydream und nur 70 davon können auf die speziellen Fähigkeiten des Mirage Solo zugreifen.

Die Welt als Wille und Vorstellung

Mit World Sense hat die VR-Brille als erstes und einziges Daydream-Headset eine Umgebungserfassung eingebaut. Zwei Kameras an der Frontseite erkennen kontinuierlich den Raum um den Benutzer. Das funktioniert in unserem Test beeindruckend gut, wenn wir beispielsweise bei einer Schneeballschlacht den Geschossen durch Ducken ausweichen können. Wie bereits erwähnt, gibt es recht wenige Anwendungen, die diese Technologie sinnvoll einsetzen, von echter freier Bewegung im Raum ganz zu schweigen. Ein weiterer Kritikpunkt: Die mitgelieferte Fernbedienung bleibt in der virtuellen Realität wie festgeklebt immer an der gleichen Stelle. Es gibt zwar bereits experimentelle Controller, die freie Bewegungen erlauben - sie sind aber noch im Entwicklungsstatus und werden nicht von Daydream-Apps unterstützt. Die Akkulaufzeit der Brille ist mit über drei Stunden gut. Sie geht in einen Ruhemodus, wenn sie abgenommen wird und ist sekundenschnell wieder einsatzbereit.

Neben der virtuellen Schneeballschlacht für Kinder macht Erwachsenen auch Keep Talking & Nobody Explodes Spaß, weil wir die Brille unkompliziert in der Runde weitergeben können. Titel, die von der Bewegung im Raum leben - wie zum Beispiel Superhot -, fehlen hingegen im Katalog.

Technisch ist das Mirage Solo ein kleines Wunderwerk, spielerisch leider noch nicht. Darum freuten wir uns umso mehr darauf, mit der passenden Mirage Camera eigene Inhalte zu fotografieren und zu filmen.

Weniger ist ... weniger

Im Gegensatz zum Headset nimmt sich die Kamera geradezu winzig aus: Mit 55 x 105 x 22 mm passt sie in so ziemlich jede Tasche. Die beiden 180-Grad-Objektive an der Vorderseite sind allerdings komplett ungeschützt, so dass man auf jeden Fall das beigelegte Futteral benutzen sollte. Die Bedienung ist erfreulich simpel. Es gibt nur drei Knöpfe: Moduswahl, Auslöser und Ein-/Ausschalter. Nachdem wir Letzteren betätigt haben, müssen wir aber 15 Sekunden warten, bis die Kamera einsatzbereit ist. Glücklicherweise bleibt sie danach für rund eine Stunde im Standby und wacht in dieser Zeit wesentlich schneller wieder auf.

An der Seite befindet sich eine Klappe, unter der ein USB-C-Anschluss und ein Micro-SD-Kartenslot verborgen sind. Ein Display fehlt. Das ist kein Manko, weil die Kamera dank ihres großen Blickwinkels einfach alles aufnimmt, was sich vor ihr befindet. Man sollte allerdings zwei Dinge stets im Auge haben: Die Optiken müssen absolut rein und fusselfrei sein und die Finger dürfen keinesfalls über die Frontseite ragen. Gerade Letzteres stellt sich bei einem so kleinen Gerät mitunter als schwierig heraus.

Trotzdem macht uns das Knipsen mit der Mirage-Kamera sehr viel Spaß. Wir dürfen jedwede Fotografenregeln missachten und einfach draufhalten. Im Urlaub oder auf Familienfeiern können wir in Sekundenschnelle Schnappschüsse machen, ohne über Bildgestaltung, Schärfe, Vorder- oder Hintergrund nachzudenken. Nur gerade sollte man die Kamera auf jeden Fall halten, sonst ist der Horizont auch im virtuellen Foto schief. Die sehr geringe Naheinstellungsgrenze gefällt uns gut, Aufnahmen bei Dämmerlicht oder in der Nacht sind aber erwartungsgemäß stark verrauscht.

Die Dual-13-Megapixel-Bilder sehen im Headset gut aus. Farben, Schärfe und Dreidimensionalität wirken realistisch und rufen bei Betrachtern genau den Wow-Effekt hervor, den wir erwartet hatten. Dass es sich nicht um 360-Grad-Panoramen handelt, wird dadurch zur Nebensache und spricht unserer Meinung nach eher für die Kamera. Wer will schon immer im Bild sein?

4K: ja, 60 fps: nein, Ton: kaputt

Im Gegensatz zum Fotomodus kann uns die Videofunktion nicht ganz überzeugen. Ja, die Kamera zeichnet im 4K-Modus mit akzeptabler Bildqualität auf - aber nur mit 30 Bildern pro Sekunde. Gerade schnelle Bewegungen wirken dadurch bei späterer Betrachtung flackernd und künstlich auf uns. Zudem geht die Kompression zu aggressiv vor, was bei weichen Farbübergängen und detailreichen Motiven zu unschönen Artefakten führt. Die Audioaufnahme kann nur aus Totalausfall bezeichnet werden. Wir fragen uns ernsthaft, warum Lenovo Stereomikrofone im Gerät verbaut, um dann die Aufzeichnung mit einer Bitrate von 156 KBit/s zu ruinieren. Wir reden hier nicht über Rauschen oder ein leichtes Klingeln bei hohen Tönen: nein, die Tonspur ist mitunter bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Das ist sehr schade, denn eine räumliche Geräuschkulisse würde die Videos deutlich aufwerten.

Positiv finden wir hingegen, dass wir kein Stativ benötigten. Durch die extrem weitwinkligen Optiken wirken die Videos nicht verwackelt. Vorsicht ist bei Schwenks und Kamerafahrten geboten. Zuschauer mit schwachem Magen könnten empfindlich reagieren. Aber auch hier macht uns das Experimentieren Spaß und wir würden gern mal eine Achterbahnfahrt aus der Ego-Perspektive aufnehmen - niedrige Bildrate hin oder her. Ein Link zu unbearbeitetem Rohmaterial aus der Kamera findet sich hier.

Ist die Kombination aus Mirage Solo Headset und Mirage Camera also trotzdem empfehlenswert?

Gute Teamplayer

Das Zusammenspiel von Kamera, Smartphone und VR-Brille haben Lenovo und Google unserer Meinung nach gut gelöst. Wer die unkomplizierte Einrichtung und WLAN-Verbindung der Kamera per App hinter sich gebracht hat, kann sein Android-Gerät als Fernauslöser benutzen, erweiterte Einstellungen vornehmen (Bildgröße, Belichtungskorrektur, Weißabgleich, ISO-Empfindlichkeit) und sogar streamen. Fotos und Videos lassen sich mit viel Geduld per Bluetooth auf das Smartphone transferieren oder unkompliziert in die Google-Cloud verschieben. Davon raten wir jedoch ab, weil das Material ein zweites Mal komprimiert wird und sich die Qualität merkbar verschlechtert. Für uns ist es am einfachsten und schnellsten, die Micro-SD-Karte aus der Kamera zu nehmen und sie in den dafür vorgesehenen Slot des Headsets zu stecken. Auch die Akkulaufzeit gefällt uns: Das Headset hält gut drei Stunden durch, die Kamera können wir über mehrere Tage immer wieder minutenlang kontinuierlich nutzen, ohne je den - löblicherweise beigefügten - Wechselakku anzurühren.



Wenn wir dann in der virtuellen Welt durch unsere Fotos und Videos stöbern und das Erlebnis mit anderen teilen - durch Herumreichen der Brille oder per Cast-Übertragung auf einem Smart-TV -, dann blitzt der Spaß am Mirage auf. Kindern können wir mit den Spielen aus dem Playstore eine Freude machen und technisch interessierte Freunde bestaunen die stabile Raumerfassung des Headsets. Kabellos simpel geht die Brille von Kopf zu Kopf, für einige Minuten sind die Unzulänglichkeiten des Mirage Solo vergessen und vergeben.

Dann kommt die unausweichliche Frage: "Und, wie viel kostet so ein Ding?"

Verfügbarkeit und Fazit

Das Mirage Solo Headset kostet bei Lenovo 400 Euro, die Mirage Kamera ist für 300 Euro erhältlich. Diese Preise sorgen nicht nur bei VR-Neulingen für lange Gesichter. Allerdings kostet die Vive Focus mit ähnlichen Funktionen so viel wie die beiden Lenovo-Geräte zusammen.

Fazit

Die Kombination aus VR-Brille und 180-Grad-3D-Kamera macht im Test kurzzeitig Spaß. Die Geräte sind ordentlich verarbeitet, durchdacht designt und leisten, was sie sollen. Uns beeindruckt besonders die Raumerkennung des Headsets, die Kopf- und Körperbewegungen in unterstützten Spielen und Apps ermöglicht. Wir können uns unter Schneebällen wegducken oder in der Achterbahn den Sitzplatz wechseln.

Trotzdem wirkt die Technik noch nicht ausgereift. Es gibt nicht genügend gute VR-Apps im Playstore, noch weniger nutzen die Möglichkeiten des Mirage Solo wirklich sinnvoll. Das Display des Headsets krankt an Farbsäumen im Augenwinkel und zeigt einen deutlich sichtbares Pixelraster. Die Bildwiederholungsrate ist mit 75 Bildern pro Sekunde ziemlich niedrig - bei anderen VR-Brillen liegt sie bei 90 und darüber. Das kann bei längerer Nutzung zu Kopfschmerzen und Unwohlsein führen. Weiterhin fehlt uns die Möglichkeit, den Controller auch im Raum zu bewegen. Er befindet sich wie angeklebt immer an der gleichen Stelle, das verringert die Immersion im Vergleich zu Oculus Rift und HTC Vive enorm.

Die Mirage Camera macht plastische 3D-Fotos, die Videoqualität ist leidlich in Ordnung. Uns stören aber bei manchen Motiven Artefakte und nur 30 Bilder pro Sekunde im Videomodus sind recht wenig. Dadurch wirken die Aufnahmen mitunter wie aus der Anfangszeit des Films: etwas ruckelig und primitiv. Das ist alles verschmerzbar, wäre da nicht die unterirdische Tonqualität der Aufnahmen. Da Lenovo der Sound so wichtig war, dass immerhin Stereomikrofone verbaut wurden, nehmen wir an, dass hier vielleicht ein Firmware-Update Abhilfe schaffen könnte. Uns bleibt solange tatsächlich nur übrig, den Ton beim Betrachten komplett zu deaktivieren.

Das Paket aus Headset und Kamera finden wir grundsätzlich eine sehr gute Idee. Wir haben bei Familienfeiern und Ausflügen schöne Momente dreidimensional festgehalten, gerade die Kinder hatten großen Spaß mit den Spielen aus dem Playstore - aber wir sind dennoch nicht ganz überzeugt von der "nächsten Generation von VR", wie Lenovo die Kombination bewirbt.

Das liegt aber eher am Headset, denn die Mirage Camera ist in ihrem Segment zurzeit ziemlich einzigartig und wir können schlecht einschätzen, wie sich der Markt weiter entwickelt. Daher erscheint uns der Preis von 300 Euro zunächst angemessen. Wir sehen die Stärken der kleinen 180-Grad-3D-Kamera in der Reduktion auf das Wesentliche, der einfachen Bedienung und der Streamingfunktion. Wir können uns durchaus vorstellen, einen Urlaub nur mit der Mirage Camera zu verbringen. Auch wenn das dann heißt, dass wir die Bilder und Videos danach lediglich per VR-Brille teilen können - aber dafür nehmen wir dann doch lieber ein anderes Headset als das Mirage Solo.

Unter diesem Link steht unbearbeitetes Rohmaterial aus der Kamera zum Download bereit.  (mwo)


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