Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/iphone-xr-im-test-apples-guenstiges-iphone-ist-nicht-guenstig-1810-137327.html    Veröffentlicht: 26.10.2018 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/137327

iPhone Xr im Test

Apples günstigeres iPhone ist nicht günstig

Apple versucht es 2018 wieder einmal mit einem relativ preisgünstigen iPhone - weniger teuer als die Xs-Modelle, aber mit 850 Euro auch nicht gerade preiswert. Käufer bekommen dafür allerdings auch ein Smartphone mit sehr guter Ausstattung, in einigen Punkten wurde jedoch auf Hardware der teuren Modelle verzichtet.

Der Wunsch nach einem iPhone für Einsteiger ist nicht neu: Im Grunde wird seit der Vorstellung des ersten iPhones darüber spekuliert, ob und wann Apple sich auch an Nutzer mit geringeren finanziellen Ressourcen wenden wird. Mit dem iPhone 5C und SE hat es Apple mit eigenständigen Modellen versucht, seitdem dienen als Einsteigergeräte aber die veralteten Smartphones der vergangenen Jahre.

Bei der Vorstellung der neuen Xs-Modelle hat Apple das iPhone Xr präsentiert. Das Gerät kostet mit 850 Euro immerhin 300 Euro weniger, als das günstigste iPhone Xs. Welche Abstriche Käufer dabei machen müssen, haben wir uns im Test angeschaut.

Rein äußerlich sieht das iPhone Xr aus wie ein aktuelles Gerät im randlosen Design des iPhone X. Verglichen mit den beiden aktuellen Topmodellen Xs und Xs Max fallen aber bereits im ausgeschalteten Zustand einige Unterschiede auf. So kommt das Xr in verschiedenen bunten Farben: Unser Testmodell ist hellblau, zudem gibt es noch Gelb, Korallenrot, Dunkelrot, Weiß und Schwarz.

Der metallene Rahmen ist nicht auf Hochglanz poliert wie beim iPhone Xs. Das iPhone Xr ist aus Aluminium, was wir nicht zwingend als Nachteil empfinden. Ein weiterer optischer Unterschied bei ausgeschaltetem Display ist die Kamera, die beim iPhone Xr nur ein Objektiv hat. Dualkameras gibt es bei den neuen iPhones nur in der Xs-Serie. Apple verspricht aber ähnlich gute Bildergebnisse, auch der Porträtmodus steht Nutzern zur Verfügung - dazu später mehr.

Schalten wir das iPhone Xr ein, bemerken wir sofort einen weiteren Unterschied: Der Ladebildschirm der iPhones ist schwarz, daher ist leicht zu erkennen, dass das günstigere Modell keinen OLED-Bildschirm verwendet. Stattdessen hat Apple ein LC-Display verbaut und diesem den Fantasienamen Liquid Retina verpasst.



Gutes LC-Display ohne Full-HD-Wiedergabe

Dahinter verbirgt sich ein 6,1 Zoll großer Bildschirm mit einer Auflösung von 1.792 x 828 Pixeln und einer Pixeldichte von 326 ppi. Das ist die gleiche Pixeldichte, die bereits das iPhone 4 hatte. Die Auflösung bedeutet, dass auf dem iPhone Xr keine Full-HD-Filme in nativer Auflösung angeschaut werden können, da schlicht nicht genügend Pixel vorhanden sind.

In der alltäglichen Nutzung reicht die Pixeldichte aus, im direkten Vergleich wirkt die Schrift aber weniger scharf - die meisten Kollegen in der Redaktion sehen das aber tatsächlich nur im direkten Vergleich. Auffälliger ist da schon der merklich breitere Rahmen um das Display.

Apple musste offenbar irgendwo mit der Technik für die Bildschirmbeleuchtung hin und hat diese rund um das Display untergebracht. Das führt dazu, dass das iPhone Xr bis zum Beginn des Metallrahmens einen ungefähr 4 mm breiten Rahmen um den Bildschirm hat. Beim iPhone Xs Max ist dieser gut einen Millimeter dünner. Das scheint nicht viel, fällt uns aber sofort auf und wirkt irgendwie eigenartig.

Das Display beherrscht kein 3D Touch, kann also keinen Druck erkennen. True Tone hingegen, also die Anpassung der Farbtemperatur des Displays an die Temperatur des Umgebungslichts, hat Apple auch beim iPhone Xr eingebaut.

Am oberen Rand hat das Display eine Notch, die geringfügig breiter als die des iPhone Xs Max ist. In ihr verbergen sich ein Lautsprecher, die Frontkamera sowie die Technik für Face ID. Wir können das iPhone Xr genauso über einen Gesichtsscan entsperren wie das iPhone X, Xs und Xs Max - die Technik ist die gleiche, inklusive Punktmatrix und IR-Kamera.

Gute Farben und Blickwinkelstabilität

Von der Bildqualität her knüpft Apple mit dem LC-Display an frühere Bildschirme gleicher Technologie an. Die Farben sind sehr angenehm, das Bild verliert nicht nennenswert an Helligkeit, wenn wir schräg von der Seite draufschauen. Der Abstand zwischen dem Deckglas und dem Panel ist sehr gering, weshalb Inhalte stellenweise wie gedruckt aussehen.

Insgesamt gefällt uns das Display eigentlich gut, die Auflösung empfinden wir aber trotz Nutzbarkeit im Alltag als zu gering für ein Smartphone, das 850 Euro kostet. Man kann sich darüber streiten, wie hoch die Auflösung bei einem Smartphone sein sollte, wir halten aber 1080p bei einem Oberklassegerät - und das ist das iPhone Xr zweifellos - für eine Grundvoraussetzung.

Wer vorher ein Smartphone mit höherer Auflösung verwendet hat, dürfte die geringere Pixeldichte beim iPhone Xr bemerken, besonders bei der kleinen Schrift unter den App-Icons. Auch der Umstand, dass Full-HD-Videos nicht nativ auf dem iPhone Xr dargestellt werden können, steht für uns diametral gegensätzlich zur Vorstellung eines Oberklasse-Smartphones zu dem gegebenen Preis.

Kamera lässt fehlendes zweites Objektiv nicht vermissen

Neben dem Display hat Apple beim iPhone Xr bei der Kamera gespart. Anstatt einer Dualkamera gibt es nur ein einzelnes Objektiv, wie es Apple zuletzt beim iPhone 8 verbaut hat. Die 12-Megapixel-Kamera soll der Hauptkamera des iPhone Xs und Xs Max entsprechen, die Anfangsblende liegt bei f/1.8.

Aufgrund des fehlenden zweiten Objektivs können wir mit dem iPhone Xr keine Aufnahmen mit optischem zweifachem Zoom machen. Stattdessen steht uns nur ein fünffacher Digitalzoom zur Verfügung. Trotz der fehlenden zweiten Kamera hat das Gerät einen Porträtmodus. Wie Google setzt Apple bei der Hauptkamera auf einen Algorithmus, um die Unschärfe auch ohne Tiefeninformationen zu ermöglichen.

Das funktioniert in unseren Tests gut: Die Trennung zwischen Vordergrundobjekt und Hintergrund erfolgt ohne große Fehler. Der Unterschied zu den Porträtaufnahmen des iPhone Xs Max, das wir als Vergleich verwendet haben, besteht in der Perspektive und der Intensität der Tiefenschärfe, bedingt durch eine unterschiedliche Brennweite.

Das iPhone Xs und Xs Max verwenden das Teleobjektiv für den Porträtmodus. Das iPhone Xr hingegen muss das normale Weitwinkelobjektiv nutzen, das entsprechend einen größeren Blickwinkel hat. Um den gleichen Ausschnitt wie auf dem iPhone Xs und Xs Max zu erreichen, müssen wir also näher herangehen. Dann wirkt das Gesicht aber etwas unproportional - ein Grund, warum in der Fotografie klassischerweise eher lange Brennweiten für Porträtaufnahmen verwendet werden.

Aufgrund der fehlenden zweiten Kamera stehen Nutzern des iPhone Xr nicht alle Beleuchtungseffekte zur Verfügung: Lediglich die Optionen Studiolicht und Konturenlicht können wir verwenden. Bei der Frontkamera hingegen gibt es auch die Auswahlmöglichkeiten Bühnenlicht und Bühnenlicht Mono. Die Frontkamera verfügt dank der Face-ID-Sensoren über Tiefeninformationen. Bei den Porträtaufnahmen können wir wie bei den teuren iPhones die Tiefenschärfe im Nachhinein bearbeiten. Das funktioniert sowohl bei Porträtfotos mit der Frontkamera als auch bei Aufnahmen mit dem einzelnen Objektiv auf der Rückseite.

Bildqualität ist vergleichbar mit der des iPhone Xs Max

Die mit der Hauptkamera des iPhone Xr gemachten Fotos weisen etwas mehr Rauschen auf als die des iPhone Xs Max. Dadurch bedingt sind feine Details weniger deutlich, was aber nur bei starker Vergrößerung und genauem Hinschauen auffällt. Die Bildqualität ist ansonsten sehr gut und mit der des iPhone Xs Max vergleichbar. Hauptunterschied zwischen den Kameras ist tatsächlich das fehlende Teleobjektiv und die damit verbundenen Funktionseinbußen. Auch das iPhone Xr macht von der Belichtung her sehr ausgeglichene Bilder.

Wenig Überraschungen gibt es auch beim SoC: Im iPhone Xr arbeitet Apples A12 Bionic, der gleiche Chipsatz also wie im iPhone Xs und Xs Max. Entsprechend erzielen die Smartphones nahezu gleiche Benchmark-Ergebnisse, in der Bedienung können wir keine Geschwindigkeitsunterschiede feststellen. Dies gilt auch für AR-Anwendungen.

Das iPhone Xr kann wie das iPhone Xs und Xs Max mit einer Nano-SIM-Karte und zusätzlich einer eSIM genutzt werden. Wie bei den teuren Modellen ist die eSIM-Unterstützung allerdings noch nicht freigeschaltet und funktioniert entsprechend bei unserem Testgerät noch nicht.

Der Akku des iPhone Xr soll anderthalb Stunden länger als der des iPhone 8 Plus durchhalten. In unserem Akkulaufzeittest kommen wir auf eine Laufzeit von 6,5 Stunden, wenn wir einen Full-HD-Film bei voller Helligkeit anschauen. Das ist eine halbe Stunde länger als unser Messwert des iPhone 8 Plus und liegt unter den acht Stunden des iPhone Xs Max.

Verfügbarkeit und Fazit

Das iPhone Xr ist ab dem 26. Oktober 2018 bei Apple erhältlich, entweder im Onlineshop oder in den Apple Stores. Die günstigste Version ist die mit 64 GByte Speicher, für die Apple 850 Euro haben will. Das 128-GByte-Modell kostet 910 Euro, die 256-GByte-Variante 1.020 Euro.

Fazit

Wer 2018 auf ein Einsteiger-iPhone gehofft hat, wird auch in diesem Jahr wieder enttäuscht: Das iPhone Xr ist technisch in weiten Teilen so ausgestattet wie die Xs-Modelle und entsprechend teuer. Wer nicht mindestens 850 Euro für ein iPhone ausgeben will oder kann, dem bleibt weiterhin nur, ein älteres Modell zu kaufen.

Das iPhone Xr bietet jedoch Interessenten, die nicht mindestens 1.150 Euro für das kleinste iPhone Xs ausgeben wollen, die Möglichkeit, sich ein sehr ähnliches Gerät für 300 Euro weniger zu holen. Wobei es einer der Hardwareunterschiede in sich hat: Das Display kann kein Full HD nativ anzeigen, was wir bei einem Smartphone dieser Preisklasse nicht adäquat finden. Im Alltag ist das Display natürlich dennoch gut nutzbar, beim genauen Hinschauen erkennen wir die geringere Pixeldichte aber durchaus.

Das ist umso ärgerlicher, als dass das Display ansonsten sehr gut ist. Apple konnte früher bereits gute LC-Bildschirme bauen, beim iPhone Xr ist es nicht anders. Die Verarbeitung des iPhone Xr ist ebenfalls gewohnt gut, die neuen Farben sind schön umgesetzt.

Die Kamera funktioniert auch ohne zweites Objektiv sehr gut und macht gute Bilder, die eine ausgeglichene Bilddynamik haben. Die leichten Schärfeunterschiede sehen wir besonders bei Tageslicht nur unter starker Vergrößerung.

Das iPhone Xr ist ein gutes Smartphone und könnte sich angesichts des 300-Euro-Preisunterschiedes tatsächlich gut verkaufen. Wir hätten uns allerdings gewünscht, dass Apple dem Display eine etwas bessere Auflösung und einen etwas schmaleren Rand spendiert hätte.  (tk)


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