Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/coachingbuch-metapher-mit-maengeln-1811-137275.html    Veröffentlicht: 06.11.2018 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/137275

Coachingbuch

Metapher mit Mängeln

Der Persönlichkeitscoach Thomas Hohensee plädiert in seinem neuen Buch dafür, problematische Kindheitsmuster zu behandeln wie schadhafte Programme auf einem Rechner: mit Reset, Updates und Neustart. Ein origineller Ansatz - aber hält er dem Thema stand?

Mit Selbsthilfebüchern ist das so eine Sache. So unterschiedlich wie die Menschen, die Rat suchen, so divers sind auch die Herangehensweisen der Verfasser. Thomas Hohensee, Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Autor zahlreicher Lebenshilfebücher mit sympathischen Titeln wie "Lob der Faulheit" oder "Erleuchtung in sieben Tagen", legt mit "Reset: Bei dir ist nichts kaputt, du bist nur scheiße programmiert" nun ein Buch vor, das sich dem menschlichen Seelenleben nähert wie einem Computer.

Schadhafte Software als Gleichnis für problematische Prägungen, Systemabsturz als Gleichnis für Depressionen, die Support-Hotline als eigene Intuition - die Abstraktion ist durchaus sinnvoll, wird doch die künstliche Intelligenz, ihrerseits eine Metapher, gewissermaßen zurückübersetzt auf ihren Ausgangspunkt, den Menschen.

"Übelste Scheißprogramme"

Rätsel gibt die Ansprechhaltung des Autors auf: Dass Coachingbücher den Leser in Anlehnung an englischsprachige Vorbilder fast durchgängig duzen, ist nichts Neues. Dass ein Verfasser sich aber spürbar mühselig einer vermeintlich leichtfüßigen Version von Jugendsprache bedient, ist, vorsichtig formuliert, gewöhnungsbedürftig. Da gibt es "übelste Scheißprogramme", das "Geilste am Erwachsensein" ist die Fähigkeit zum Selberdenken, wer eine bestimmte Musik hört, ist "hirnamputiert".

Für wen ist das Buch eigentlich gedacht?

Stellenweise erinnert der Text an Erklärbücher für Kinder: "Noch vor hundert Jahren bestimmten auch bei uns die Eltern oft die Ehepartner ihrer erwachsenen Kinder. Du kennst das vielleicht noch aus älteren Filmen und Büchern, wo der Bräutigam bei den Eltern seiner Geliebten um die Hand ihrer Tochter 'anhalten' (bitten) musste." Doch gerade, wenn man sich sicher wähnt, dass sich das Buch an Teenager richtet ("Wie ist das bei dir? Ist vielleicht dein Musikgeschmack ein völlig anderer als der deiner Eltern und Freunde?"), finden sich Ausführungen zum Umgang mit dem Chef oder zur Gleichberechtigung in der Ehe, die einen erwachsenen Leser implizieren.

"Meine Zielgruppe ist der Mensch, mein Spezialgebiet das Leben", antwortet Hohensee auf Nachfrage eher unspezifisch. "Meine Bücher richten sich an alle, die ein glückliches, entspanntes und erfülltes Leben führen möchten." Besondere Computerkenntnisse benötige man auch nicht: "Update, Neustart oder Reset sind längst Alltagsbegriffe." Zumindest eins steht also fest: Ein Geek oder - in der Übersetzung des Autors - ein "leicht bescheuerter Computerfan" muss man nicht sein, um das Buch zu lesen.

"Pure Infantisierung, Kinderkram"

Aber wenden wir uns dem Inhalt zu. Zentrale Aussage: Deine Hardware ist intakt, einzig deine Software ist schadhaft. Oder ohne Metaphern: Was immer in deiner Vergangenheit passiert ist, im Kern bist du unbeschädigt und kannst immer noch glücklich werden. Gleich zu Anfang erfahren wir: Verursacher einer etwaigen Falschprogrammierung sind unsere Eltern und Lehrer. Die sind aber nur bedingt schuldfähig, wurden sie doch selbst falsch (Verzeihung: scheiße) programmiert. So weit, so gut.

Unter "Reklamation zwecklos" rät der Autor im Folgenden davon ab, sich mit diesen ursprünglichen Programmierern auseinanderzusetzen. Hier klingt bereits an, was sich im Laufe der Lektüre manifestiert: Im Unterschied zu vielen anderen Selbsthilfebüchern ist "Reset" offenkundig nicht als Ergänzung einer möglichen Psychotherapie zu verstehen, sondern vielmehr als handfestere Alternative. "Lass dir nicht von PsychologInnen erzählen, dass es wahnsinnig wichtig sei, zu jammern, zu klagen und zu weinen", schreibt Hohensee beispielsweise. "Ja, es ist wichtig, dass du deine Gefühle wahrnimmst und sie auch angemessen ausdrücken kannst. Aber alles andere ist pure Infantisierung. Kinderkram, auf Deutsch."

Reset, Update, Neustart

Zielführender ist laut Verfasser stattdessen eine konsequente Selbstprogrammierung in Form von Reset, Update und Neustart. Dabei steht "Reset" für eine Schulung der eigenen Achtsamkeit, ein generelles Umdenken vor dem Hintergrund der Erkenntnis: Alles, was dir dein Leben bislang schwer gemacht hat, sind nur deine Gedanken.

Update

Ein "Update" wiederum funktioniert laut Autor folgendermaßen: "Du überzeugst dich von der Richtigkeit und Nützlichkeit des neuen Programms, installierst es und richtest dich danach. Alles andere ignorierst du konsequent. Wenn du das strikt durchziehst, wirst du befriedigt feststellen, wie gut dein Leben mit deinem neuen System funktioniert. Wie im Computer, so im Leben."

Für einige ausgewählte "Scheißprogramme" werden die "empfohlenen Updates", die zur Überschreibung der alten Prägungen dienen sollen, gleich mitgeliefert - ein theoretisch sinnvoller Ansatz, der jedoch an der Umsetzung scheitert; teilweise lesen sich die Vorschläge wie die Auflösung eines Persönlichkeitstests in der Bravo: "Wenn du nur hinter Geld und Macht her bist, darfst du dich nicht wundern, wenn du am Ende mit leeren Händen dastehst. Spätestens auf deinem Totenbett wirst du bereuen, dass du so wenig Spaß im Leben gehabt hast." Für das Programm "Ich muss von allen geliebt werden" empfiehlt Hohensee folgende Überschreibung: "Es ist schön, beliebt zu sein und geliebt zu werden. Doch wenn du dafür dein selbstbestimmtes Leben an den Nagel hängen sollst, ist der Preis zu hoch", für "Alles hat so zu sein, wie ich es will" lautet das Update: "Falls du dringend etwas ändern willst, fang bei dir selbst an."

Neustart

Weiter zum "Neustart": "So wie es typische Scheißprobleme gibt, existieren auch einige klassische Programme, die sich bei Millionen Menschen bewährt haben", schreibt Hohensee, "ein paar davon möchte ich dir in den nächsten Kapiteln vorstellen." Jetzt könnte es interessant werden - wird es aber leider nicht. Hinter den "klassischen Programmen" verbergen sich weitere Binsen. Wir erfahren: Mehr Dinge sollen wir tun, die wir lieben, und weniger von denen, die uns anöden. Tolerant, neugierig und wohlwollend sollen wir sein - und genügend Pausen machen. Die Chance, ein wenig konkreter zu werden, vergibt der Autor leider.

Gut gemeint, zu kurz gedacht

In der Reduzierung komplexer emotionaler Sachverhalte auf ein banales if x, then y, liegt die Schwäche des Buches, lässt sie doch die Spezifik des menschlichen Seelenlebens außer Acht - und damit das, was uns (noch) vom Rechner unterscheidet. Es mag Menschen geben, die auf diese Art Pragmatik ansprechen. Wem es jedoch aus dem einen oder anderen Grund nicht gelingt, seine eigene Problematik weitestgehend unsentimental zu betrachten, der wird aus Hohensees Herangehensweise keinen Nutzen ziehen: Gerade bei schmerzhaften Kindheitsmustern reicht das bloße Ersetzen neuralgischer Sätze durch andere, neue bei weitem nicht aus. Es ist schwer vorstellbar, dass die Argumentation, mit der der Autor sich beispielsweise dem klassischen Thema "Niemand mag mich" nähert, ausreicht, um jahrelange Komplexe zu überwinden. "Stimmt das? Kannst du absolut sicher sein, dass das stimmt? Wo ist der Beweis? Bevor du nicht zu jedem einzelnen der über sieben Milliarden Menschen auf der Welt Kontakt aufgenommen hast, gibt es keinen Beweis dafür, dass alle dich ablehnen."

Wir fassen zusammen: "Reset" ist ein gut gemeintes Lebenshilfebuch mit einem originellen Ansatz, aber mangelndem Tiefgang. Am Ende bleibt eine gelungene Metapher, die der Verfasser nicht hinreichend mit Leben oder besser: mit Substanz zu füllen vermochte. Das macht den Titel gewissermaßen symptomatisch für eine neue Generation von Ratgeberliteratur, die schnelle, einfache Lösungen verspricht, dabei jedoch nur bedingt Inhalte liefert. Vielleicht trifft aber gerade das den Nerv einer potenziellen jungen Leserschaft, der - und hier kehren wir zurück ins Gleichnis - im Zweifelsfall die Demoversion eines Spieles genügt.

Reset. Bei dir ist nichts kaputt, du bist nur scheiße programmiert erschien am 22. Oktober 2018 bei der Gütersloher Verlagsgesellschaft und kostet 16 Euro.  (cobi)


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