Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ubuntu-18-10-angesehen-unitys-smartphone-look-kommt-zurueck-auf-den-desktop-1810-137172.html    Veröffentlicht: 18.10.2018 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/137172

Ubuntu 18.10 angesehen

Unitys Smartphone-Look kommt zurück auf den Desktop

Die aktuelle Version 18.10 von Ubuntu, alias Cosmic Cuttlefish bringt die Design-Sprache des gescheiterten Unity 8 zurück auf den Desktop. Das Design ist zwar völlig neu gestaltet, langjährige wie neue Ubuntu-Nutzer sollten sich aber dennoch schnell wohlfühlen und zurechtfinden.

Der Ubuntu-Desktop ist in den vergangenen Jahren vom Design-Team immer wieder grundlegend umgestaltet worden, angefangen mit der Einführung des sogenannten Ambiance-Theme im Jahr 2010, dem folgenden Wechsel von Gnome auf Unity und im vergangenen Jahr wieder zurück zu Gnome. Dabei hat es das Ubuntu-Team trotzdem geschafft, sich und der Marke treu zu bleiben. Das aktuelle Ubuntu 18.10 alias Cosmic Cuttlefish setzt diese Entwicklung mit einer neuen Design-Sprache fort, denn das neue Aussehen kommt uns direkt bekannt und irgendwie vertraut vor.

In den zurückliegenden zwei Versionen 17.10 alias Artful Aardvark und 18.04 alias Bionic Beaver mit Langzeitunterstützung hat das Ubuntu-Team zwar den Abschied vom Eigenbau Unity 7 vollzogenen und setzt stattdessen nun wieder auf den Gnome-Desktop als Standard. Dennoch erinnerten uns die vergangenen Versionen optisch vielmehr an Unity als an das Original-Design von Gnome selbst. Das sollte Nutzern wohl vor allem den Übergang von Unity auf Gnome besonders leicht machen.

Ubuntu bringt Unity 8 zurück

Mit dem nun verfügbaren Cosmic wagt Canonical jedoch wieder eine etwas größere Veränderung am Design, die schon beim ersten Start des neuen Desktops auffällt. Besonders hervorstechend sind dabei das neue Icon-Theme und die veränderte Farbgebung, die sich durch fast alle Elemente des Desktops zieht. Diese bleibt dabei jedoch so subtil, dass wir lediglich das Gefühl haben, dass etwas anders ist, die Veränderungen genau benennen können wir hier jedoch nicht, da die Optik eben sehr vertraut wirkt.

Dank dem bei Ubuntu üblichen Dock an der linken Seite des Desktops wird die Nutzung des neuen Icon-Themes sofort deutlich, denn statt der eckigen Symbole gibt es nun abgerundete. Für uns als interessierte und experimentierfreudige Tester sind diese aber nicht neu, denn bei dem Suru-Icon-Theme handelt es sich um die Community-Fortführung der Symbolgestaltung des konvergenten Desktops Unity 8, der auf Smartphones ebenso wie Desktops laufen sollte. Im Frühjahr 2017 hatte Ubuntu-Sponsor Canonical die Arbeiten an Unity 8 offiziell eingestellt.

Zusätzlich zu den runden und optisch komplett neu gestalteten Icons setzt das Team auf eine Farbgebung, die etwas bunter wirkt als bisher und - wie so viele andere System-Designer auch - auf ein ein eher flaches Aussehen.

Unity-Farben für Gnome in Cosmic

Bereits seit der Umstellung von Unity auf Gnome arbeitet das Design-Team von Canonical an der Ablösung des Ambiance-Themes, wegen diverser Probleme und Unzulänglichkeiten in der bisherigen Entwicklung kommt das neue Theme aber erst jetzt standardmäßig zum Einsatz. In Anlehnung an den Namen Suru für die Icons heißt das Oberflächen-Theme Yaru, beide Worte stammen aus dem Japanischen und bedeuten etwa "tun". Yaru kann in dem weiter unterstützen Ubuntu 18.04 unter dem Namen Communitheme als Snap genutzt werden.

Zu der neuen Farbgestaltung von Ubuntu gehören die stark ausgeweitete Verwendung von grünen Schaltflächen für ein positives Feedback an Nutzer, etwa bei der Auswahl von Knöpfen. Ebenso bekommt das bisher im Gnome-Upstream vielfach genutzte Blau eine größere Bedeutung und wird nun zum Beispiel für das Markieren von Text sowie für Schieberegler genutzt, was beides bisher in dem Ubuntu-typischen Orange-Braun dargestellt wurde.

Hinzugekommen sind Gelb, Lila und Rot für Warnungen oder Elemente, die die Aufmerksamkeit der Nutzer erhöhen sollen. Neu gestaltet wurde auch das allumfassende typische Ubuntu-Orange, das nun in der Shell genutzt wird. Dieses ist nun leicht dunkler als bisher, was eine Art Schleier aus dunkler Seide symbolisieren soll.



Dunkler und damit näher am Original

Den dunklen Hintergrund der in Gnome genutzten oft halbtransparenten Elemente wie etwa die obere Kontrollleiste, einige Pop-Up-Menüs oder auch die Anzeige zum Wechsel zwischen Anwendungen hat das Ubuntu-Team für Yaru weitgehend übernommen. Als Hintergrund-Farbe wird hierzu ein dunkles Grau aus der Ubuntu-Farbpalette verwendet.

Bei diesen Elementen setzt es aber auf "eine gute Portion Transparenz", wie das Team selbst schreibt. Der Gnome-Desktop von Ubuntu wirkt mit dieser Gestaltung nicht mehr primär braun-orange, sondern eher schwarz-dunkelorange und ist damit viel näher an dem zurückhaltenden Schwarz-Blau des originalen Gnome-Designs, was uns sehr gut gefällt.

Für die Benachrichtigungen und sogenannte Dialog-Fenster wie jene zum Herunterfahren oder Abmelden bricht Ubuntu jedoch deutlich mit der Vorgabe von Gnome. Statt diese ebenfalls dunkel oder halbtransparent darzustellen, nutzt der Ubuntu-Desktop hellgraue beziehungsweise weiße, nicht transparente Elemente. Das soll vor allem den Kontrast hervorheben.

Besonders mit Blick auf das Original von Gnome wirkt die Ubuntu-Gestaltung hier aber etwas deplatziert und nicht mehr konsistent, zeigt aber auch die unterschiedlichen Herangehensweise der Design-Teams. Im Gnome-Original sollen diese Element möglichst zurückhaltend gestaltet sein, wie der Rest des Desktops auch, das Ubuntu-Team möchte diese Elemente dagegen stark hervorheben, um die Aufmerksamkeit der Nutzer darauf zu lenken.

Yaru-Design für Qt fehlt

Zusätzlich zu den Farb- und Designanpassungen an der Gnome-Shell, also dem eigentlichen Desktop, setzt das Ubuntu-Team dieses Schema in Cosmic natürlich auch für das UI-Toolkit GTK um. Die standardmäßig installierten Anwendungen der Desktopumgebung folgen damit einer ähnlichen Farbgestaltung.

Bis auf die Farben sind die Änderungen hier im Vergleich zu Gnome ebenfalls sehr gering. Sie beschränken sich auf sehr kleine Details wie etwa Schatten. Technisch viel wichtiger ist dagegen die Tatsache, dass das Yaru-GTK-Theme auf dem Upstream-Theme Adwaita von Gnome basiert. Das erleichtert dem Team die Pflege des Codes deutlich.

Was hier jedoch leider noch fehlt, ist eine gelungene Integration von Qt-Anwendungen. Zu denen zählen nicht nur die Programme des KDE-Projekts, sondern auch besonders beliebte Software wie etwa der VLC-Player. Ohne ein passendes Qt-Theme wirken diese nicht nur optisch wenig ansprechend, sie sind auch schlecht in den Rest des Desktops integriert.

Das Gnome-Upstream-Team hat genau deshalb das Theme Adwaita-Qt erstellt, was wir uns auch für die Nutzung von Cosmic nachinstalliert haben. Hier wäre es wünschenswert, dass das Ubuntu-Team analog dazu auch an einem Yaru-Theme für Qt arbeitet, die Grundlage dazu ist mit Adwaita schließlich bereits gegeben.

Updates vom Kernel bis zum Desktop

Die Grundlage für den aktuellen Ubuntu-Desktop liefert Gnome 3.30, das Anfang September dieses Jahres erschienen ist. Zu den Neuerungen zählen etwa eine einfache grafische Unterstützung von Thunderbolt-3-Geräten, die sich nun über die Einstellungen verwalten lassen. Verfügbar - jedoch nicht standardmäßig installiert - ist GS-Connect, das Gnome Pendant zu KDE-Connect, was einen einfachen Zugriff auf Android-Telefone ermöglichen soll und diese in den Desktop integriert.

Hinzu kommt eine verbesserte Unterstützung der alternativen Paketformate Flatpak und Snap. Vor allem Snap-Pakete sollten nun auch besser in den Desktop integriert sein. Die Festplattenverwaltung unterstützt nun außerdem Veracrypt und Anwender können sich einfach über einen Fingerabdruck verifizieren und einloggen, was etwa bei Windows schon lange möglich

Zu den weniger offensichtlichen Neuerungen zählt die verbesserte Leistung des Desktops. Dieser nutzt weniger Systemressourcen, was es erlaubt, mehr Anwendungen ohne Leistungseinbußen parallel laufen zu lassen. Außerdem läuft der Desktop flüssiger.

Neuer Kernel und aktuelle Crypto

Die Basis des Ubuntu-System bildet der Linux-Kernel 4.18. Dieser unterstützt unter anderem die Radeon-Grafikeinheit Vega M von AMD oder die Grafikeinheiten von Intels Cannonlake-Chips. Verbessert wurde außerdem die Unterstützung für die Raspberry-Pi-Versionen 3B und besonders 3B+. Auch enthält diese Linux-Version viele Verbesserungen für die Unterstützung von USB Type-C und ermöglicht erstmals die Nutzung von USB 3.2, das bisher aber abseits von Prototypen nur sehr wenig Verbreitung findet.

Die für TLS genutzt Bibliothek OpenSSL nutzt Cosmic in Version 1.1.1, die als größte Neuerung TLS 1.3 und SHA-3 unterstützt. Die ältere Version 1.0.2 wird zwar ebenfalls noch unterstützt und findet sich auch noch in den Ubuntu-Repositorys, soll aber mit der kommenden Version im April nächsten Jahres entfernt werden.

Für Entwickler bringt Ubuntu das aktuelle OpenJDK 11, Rust 1.28, GCC 8.2, Python in Version 3.6.7 und 3.7.1, Ruby 2.5.1 sowie PHP 7.2.10. Viel Arbeit hat das Team außerdem in die Unterstützung besserer Cross-Kompilierung gesteckt. Details zu Updates verschiedener weiterer Server-Komponenten finden sich in den Release-Notes.

Verfügbarkeit und Fazit

Die finale Version von Ubuntu 18.10 alias Cosmic Cuttlefish steht zum Download als täglich erstelltes Live-Abbild bereit. Updates von der vorangegangenen Version 18.04 sollten ebenso leicht möglich sein und demnächst über die Ubuntu-Server verteilt werden.

Anwendern der 32-Bit-Variante für die x86-Architektur wird dieses Upgrade jedoch nicht mehr erlaubt, da das Ubuntu-Team derzeit überlegt, die Unterstützung hierfür komplett einzustellen. Nutzer sollen explizit nicht auf einer Version "stranden", die nur über einen kurzen Zeitraum unterstützt wird.

Ubuntu 18.04 wird dagegen noch bis zum Jahr 2023 mit Updates unterstützt. Bereits mit der Veröffentlichung von Ubuntu 17.10 vor einem Jahr hat das Team aufgehört, eine 32-Bit-Version des Installationsabbilds für Desktop-Systeme anzubieten.

Zusätzlich zu dem neuen Ubuntu mit dem angepassten Gnome-Desktop als Standard steht Cosmic Cuttlefish in einer Vielzahl weiterer Varianten mit anderen Desktops bereit. Dazu gehören Kubuntu mit KDE Plasma, das nun Test der Wayland-Sitzung unterstützt, Xubuntu mit XFCE, Lubuntu mit LXDE, Ubuntu Mate mit dem Gnome-2-Fork, oder Ubuntu Budgie . Ebenso stehen Server- und Cloud-Images von Ubuntu 18.10 zur Verfügung.

Fazit

Der vor einem Jahr vollzogene Wechsel von Unity zurück zu Gnome kann zumindest aus technischer Sicht mittlerweile als voller Erfolg gewertet werden, da dieser von viel Liebe zum Detail und vor allem auch von sehr sinnvollen Entscheidungen des Design-Teams begleitet wird.

Dazu gehört vor allem die Orientierung an der zurückhaltenden und eher dunkleren Farbgebung des Gnome-Originals oder auch der Umstand, dass das neue Yaru-Theme auf dem Gnome-Upstream Adwaita basiert und nicht völlig neu gestaltet wurde. Dass hier noch ein Yaru-Theme für Qt-Anwendungen fehlt, ist zwar ärgerlich, wird sich in den kommenden Monaten hoffentlich aber auch noch ändern.

Interessant ist darüber hinaus die Idee, das Icon-Theme des eingestellten Unity 8 zu verwenden, um Ubuntu so einerseits ein klares Alleinstellungsmerkmal zu geben und andererseits die Design-Experimente aus dem gescheiterten Unity-Projekt trotz neuen Unterbaus weiterführen zu können. Denn obwohl Unity 8 von vielen technischen Mängeln geplagt wurde, hat uns das Design dafür immer gefallen.

Das liegt möglicherweise auch einfach nur daran, dass damit ein Bruch zu Altbekanntem umgesetzt wird - und zwar nicht nur mit dem Ambiance-Theme von Ubuntu selbst, sondern auch mit der Gestaltung der Gnome-Shell, bei der sich in den vergangenen Jahren nicht viel verändert hat.  (sg)


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