Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kaufhauskette-takashimaya-roboter-oder-unterwaesche-1810-137128.html    Veröffentlicht: 22.10.2018 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/137128

Kaufhauskette Takashimaya

Roboter oder Unterwäsche

In japanischen Kaufhäusern werden Humanoide zu einem eigenen Geschäftsressort. Die Produktvielfalt und das Kundenpotenzial sind mittlerweile so groß, dass Roboter auch außerhalb des Fachhandels verkauft werden - zu teilweise üppigen Preisen.

"Soll ich für euch singen?", fragt der Halbnackte mit den Knopfaugen und kräftigen Armen. Das Gekicher der zwei Teenager muss er gehört haben, denn er macht ein neues Angebot: "Wollt ihr ein Video sehen?" Die jungen Frauen reagieren begeistert. "Ja!" Und Atom, wie sich dieser unterarmgroße Typ aus Plastik nennt, willigt ein. Man solle jetzt bitte auf dem Bildschirm sehen, den er im Bauch trägt.

Tatsächlich: Auf ungefähr 7 x 7 cm läuft da jetzt eine Zeichentrickepisode, in der natürlich er selbst, Atom, der Star ist. "Sugoi!", rufen die zwei Besucherinnen aus: "Krass!" Das eigentlich Krasse aber ist, dass Atom, der für 230.000 Yen (knapp 1.800 Euro) zu haben ist, hier kaum auffällt. Viele ähnliche Produkte reihen sich im 9. Stock dieses Hochhauses aneinander.

Seit einem Jahr führt die Kaufhauskette Takashimaya in ihrer Filiale in Shinjuku, dem geschäftigsten Viertel Tokios, ein neuartiges Ressort. Gleichberechtigt neben Abteilungen wie Taschen, Unterwäsche, Parfüm, Babykleider oder Business Attire führt der Konzern das Robotikstudio. Dort stehen lehrende neben quasselnden Robotern, tanzende neben überwachenden. Keiner von ihnen ist größer als kniehoch, die meisten werden als Innovation angepriesen. Und da sie sich zwischen all den klassischen Produkten gut verkaufen, fragt sich die Kaufhauskette, ob Japans Kaufhäuser in Zukunft immer auch eine Roboterabteilung führen sollten.

Japaner mögen Roboter

"Zu Beginn hatten wir hier nur einen kleinen Tisch mit ungefähr zehn Robotern", erzählt Rira Iida. Die junge Frau im hochoffiziellen Uniformkostüm, die im Kaufhaus nur für diesen Bereich zuständig ist, wundert sich im Nachhinein, dass der Versuch ihres Arbeitgebers so vorsichtig startete. Nach einigen Monaten wurde ausgebaut, die benachbarte Abteilung für Babykleidung wurde nach hinten verdrängt. Mittlerweile stehen, wippen oder zappeln hier rund 30 Roboter. Einige können ihren Nutzern beim Englischlernen helfen, andere lassen sich auf verschiedene Arten zusammenbauen und erlangen dadurch unterschiedliche, fernsteuerbare Bewegungsfähigkeiten. Das Sortiment reicht von Lehrern über Clowns bis zu Assistenten im Haushalt. "Es war eigentlich klar, dass das Konzept funktionieren würde", sagt Iida. "In Japan mag man Roboter einfach. Sie sind entweder niedlich oder nützlich oder beides."

Japans Verhältnis zu Robotik ist nicht wie jenes in westlichen Ländern, wo kluge Maschinen schnell als unheimlich gelten. Die Existenz von Atom, dem singenden und Anime vorführenden Halbnackten, ist ein gutes Beispiel. Der Roboter bezieht sich auf die Mangafigur Astro Boy (im japanischen Original: Tetsuwan Atomu oder Eisenarm Atom), die 1952 einen Siegeszug in Japans Popkultur antrat. Astro Boy ist ein jungenhafter, mit Atomkraft angetriebener Android, der von seinem Schöpfer verstoßen, von den Zuschauern aber für seine guten Taten geliebt wird. Im Gegensatz zur britischen Geschichte von Frankenstein, in der eine intelligente Kreatur, die der Mensch geschaffen hat und diesem zur Bedrohung wird, ist das japanische Äquivalent eher dessen Helfer und Retter.

Die Spinne Tachikoma ist süß

So kommt auch die blaue, spinnenartige Figur namens Tachikoma, links neben Atom, eher süß als gruselig daher. Ein kleiner Junge schaut sie sich genau an, während diese ihn durch sein Getuschel sowie per Kamera im Bauch erkannt hat. "Hallo, was kann ich für dich tun?", fragt die Spinne und bewegt die zwei vorderen der acht Beine. Tachikoma, für 170.000 Yen (1.300 Euro) zu haben, ist mit ihren Innereien online, kann Handynachrichten empfangen und diese vorlesen. Damit funktioniert sie ähnlich wie der Miniroboter Bocco nebenan, der nur 31.000 Yen kostet, wie ein alter Blechkasten designt ist und funktionell als Einbahnstraßen-Walkie-Talkie durchgehen kann: Seinem Träger sagt Bocco die Nachrichten auf, die ihm zugeschickt werden. Eltern können ihren Kindern damit Anweisungen oder Erinnerungen schicken, die diese dann hoffentlich nicht genervt ablehnen, sondern interessiert beherzigen. Es ja nicht Mama, sondern der Roboter, der spricht.

Der Bestseller im Roboterkabinett aber ist kein Helfer für die Kleinen: Palro, der sich pro Woche im Schnitt zweimal verkauft, ist als Wegbegleiter für Senioren gedacht. In Japans alternder Gesellschaft leben 35 Millionen Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind, das Land hat Tausende Pflegeheime. Wenn Angehörige weit entfernt wohnen, halten Roboter manchmal als Ersatzfreunde her. Palro, der wie ein Astronaut aussieht und 320.000 Yen (rund 2.500 Euro) kostet, kann im Gegensatz zu Tachikoma auch über die Nachrichten des Tages informieren und Fragen des Besitzers beantworten. "Von solchen Robotern könnte man in Zukunft auch Konkurrenzmodelle ins Sortiment aufnehmen", sagt Rira Iida, die ohnehin schon auf die nächste Vergrößerung des Geschäftsbereichs wartet.

Mittlerweile hat das Konzept Robotershopping aus Shinjuku den ersten Nachahmer. Takashimayas Filiale in Osaka, Japans zweitgrößter Metropolregion, hat vergangene Woche ebenfalls ein Roboterressort eröffnet, das allerdings dreimal so groß ist wie sein Vorbild in der Hauptstadt. Dort im Angebot ist unter anderem das Roboterkissen Qoobo, das sich wie ein Kater an den Besitzer schmiegt und durch bestimmte Streicheleinheiten weicher oder kratziger wird. Braucht kein Mensch? Verkauft sich aber gut, hat Rira Iida gehört. "Anscheinend ist das Stück bei den Kollegen eines der beliebtesten Produkte." Sie lächelt, hätte das Kissen auch gern, am liebsten daheim auf ihrem Sofa, zumindest aber im Sortiment ihres Ladens in Tokio. Online wurde ein Video von Qoobo innerhalb von einer Woche nach Verkaufsbeginn über zehn Millionen Mal angesehen. Jetzt soll es zum Bestseller werden. Kostet ja nur 13.000 Yen (rund 100 Euro).  (fli)


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