Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/gigabit-5g-planungen-gehen-voellig-an-den-nutzern-vorbei-1810-136966.html    Veröffentlicht: 12.10.2018 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/136966

Gigabit

5G-Planungen gehen völlig an den Nutzern vorbei

Fast täglich hören wir Erklärungen aus der Telekommunikationsbranche, was 5G erfüllen müsse und warum sonst das Ende der Welt drohe. Wir haben die Konzerngruppen nach Interessenlage kartografiert.

Bei den Planungen für das künftige 5G-Netz spielen die Nutzer kaum eine Rolle und haben keine kompetente Interessenvertretung. Vor der Versteigerung der 5G-Frequenzen im kommenden Frühjahr streiten sich einige Konzerngruppen, denen gemeinsam ist, dass sie ihre Interessen als Schicksalsfrage für einen "Technologiestandort Deutschland" verkaufen wollen. In diesem Wirrwarr der Behauptungen gilt es die Interessen der Ideengeber zu erkennen.

Da sind zum einen die Mobilfunkunternehmen: Sie wollen mit dem 5G-Netz schnell Einnahmen generieren und darum möglichst wenig investieren, was wieder einmal eine schlechte Abdeckung für die Nutzer bedeuten dürfte. Darum wollen sie möglichst keine Auflagen für den Ausbau, alle Frequenzen zum Nulltarif und keinen Wettbewerb durch MVNO (Mobile Virtual Network Operator).

Der Chef der Telekom Deutschland, Dirk Wössner, ist darum mit dem Beschluss zur Vergabe der 5G-Frequenzen durch die Bundesnetzagentur nicht zufrieden und droht, nicht zu investieren. Wössner sagte: "Mir ist nicht nach Jubel. Wenn das, was wir kennen, stimmt, sagt die Bundesnetzagentur: 'Im Prinzip gibt es keine Verpflichtung, aber ...' Mit so einer Argumentation wird Unsicherheit geschaffen. Es darf keine Regulierung durch die Hintertür geben. Wir brauchen vor allem eines: Klarheit."

Telekom droht mit Investitionsstopp

"Wir können erst Milliarden investieren, wenn ich die Rahmenbedingungen kenne." Er könne klar sagen, dass die Telekom dann bereit sei "zu investieren, wenn alle Details geklärt sind."

Laut dem Beschluss der Präsidentenkammer der Bundesnetzagentur wird es keine Verpflichtung für Netzbetreiber geben, Diensteanbieter zu regulierten Preisen Zugang zum 5G-Netz zu gestatten. Auch wird es kein nationales Roaming geben, mit dem Netzanbieter bei Lücken im Netz auf das Angebot anderer Betreiber zugreifen können. "Rechtlich ist es nicht möglich, die Netzbetreiber zu verpflichten, ihre Netze anderen Anbietern zur Verfügung zu stellen", sagte Behördenchef Jochen Homann.

Festgelegt wurde jedoch ein diskriminierungsfreier Zugang zu den Netzen und eine Verhandlungspflicht der bestehenden Netzbetreiber zum National Roaming. Die Bundesnetzagentur ist bei Verstößen gegen das Diskriminierungsverbot im Rahmen kommerzieller Verhandlungen in einer Schiedsrichterrolle.

Vodafone ist erschrocken

Auch Vodafone fordert Änderungen bei den Bedingungen für die Versteigerung der 5G-Frequenzen. "Das Papier braucht eine Reparatur", sagte Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter. "Einige Formulierungen, die man heute findet, erschrecken uns." Immerhin werde ein Viertel der zu vergebenen Frequenzen für lokale und regionale Anwendungen reserviert und nicht versteigert. Die Bedingungen dafür seien nicht ausreichend ausformuliert.

"Wenn das regionale Spektrum eine Hintertür wird für einen vierten Netzbetreiber, der kaum investieren muss, dann wäre das eine Fehlentwicklung, weil es die Investitionen der anderen komplett entwertet", sagte Ametsreiter. Auflagen seien nur dann zu akzeptieren, wenn man Investitionssicherheit habe. "Wenn man die nicht hat, dann kann man nicht auch noch eine erhöhte Auflage akzeptieren."

Telefónica: 5G flächendeckend ist unbezahlbar

Für eine Versorgung der Bevölkerung mit einer Datenübertragungsrate von 300 MBit/s seien mit dem derzeit verfügbaren Umfang an Flächenspektrum über 200.000 Mobilfunkstandorte in Deutschland erforderlich. Das wendet der Netzbetreiber Telefónica in einem Positionspapier an die Beiratsmitglieder der Bundesnetzagentur ein. Auch die Telefónica will keine MVNO im 5G-Netz, keinen vierten Netzbetreiber und möglichst wenig Auflagen für den Ausbau.

United Internet und Freenet wollen sich reinzwängen

United-Internet-Chef Ralph Dommermuth sagte: "5G kann für Deutschland die Grundlage für Arbeit und Sicherheit in diesem Jahrhundert werden, wenn wir es richtig machen." Damit meint er: Wir wollen Zugang zu den neuen 5G-Netzen, um weiter als reine Vermarkter, die selbst fast nicht ausbauen, hohe Gewinne zu erwirtschaften.

Klappt das nicht, hat Dommermuth einen Plan B: Als ein vierter Wettbewerber zu den drei Betreibern will man in der Aufbauphase die Netze der anderen Anbieter mit National Roaming nutzen können, auch wenn diese das nicht zulassen wollen.

Auch Freenet kritisiert den Konsultationsentwurf zu den Vergabebedingungen für die 5G-Frequenzauktion der Bundesnetzagentur. Der MVNO erklärte, es könne nicht sein, dass "ein Netzbetreiber Fortschritt und Wettbewerb in der Hoffnung lahmlegt, dass alternative Anbieter durch Blockade eingeschüchtert werden." Die Behörde will die Netzbetreiber nicht verpflichten, ihre Netze für MVNOs zu öffnen. Ein eigenes 5G-Netz will Freenet nicht bauen.

Die Mobilfunkausrüster wie Huawei, Ericsson und Nokia haben natürlich das Interesse, möglichst viel 5G-Ausrüstung zu verkaufen und dennoch ein möglich gutes Verhältnis zu den Netzbetreibern - ihren Kunden - zu pflegen. Aussagen, was ein leistungsfähiges 5G-Netz für Deutschland kosten würde, sind aus dieser Richtung darum nicht zu bekommen, obwohl die drei Konzerne dies am genauesten wissen. Von diesen Kräften ist noch am ehesten ein Handeln im Interesse des Netzausbaus zu erwarten.

Automobilkonzerne wollen alles für lau

Dagegen stehen die Automobilkonzerne und die verarbeitende Industrie, sie wollen ein flächendeckendes Netz, aber das sollen andere aufbauen. Wo das nicht klappt, möchten sie selbst mit kostenlosen Frequenzen Campusnetze errichten. "Das Problem besteht eher auf dem Land. Wenn man beispielsweise von Straßburg über den Rhein nach Deutschland fährt, ist die Verbindung 10 bis 15 Kilometer tot. Das ist für die Zukunft nicht hinnehmbar", sagte Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Autobahnen und große Städte müssten komplett digitalisiert sein. Dem kommt die Bundesnetzagenzur entgegen: Der Frequenzbereich von 3,7 bis 3,8 GHz wird nicht Gegenstand der geplanten Frequenzauktion sein: Er soll für regionale Anwendungen reserviert werden.

Bundesnetzagentur von allen Seiten verhauen

Die Bundesnetzagentur ist in der unglücklichen Position, die Interessen aller großen Unternehmen irgendwie zusammenbringen zu müssen. Dafür wird die Behörde von allen Seiten angegriffen, obwohl sie sich alle Mühe gibt, keine der Konzerngruppen zu verärgern. Entnervt sagte deshalb schon Behördenchef Jochen Homann: "Ich bin nicht der Weihnachtsmann, der die Frequenzen verteilt." Es gebe eine Vielzahl von Unternehmen, die Frequenzen wollten, das seien nicht nur die drei Mobilfunkbetreiber.

Die Stadtnetzbetreiber sind in den Verbänden Breko (Bundesverband Breitbandkommunikation) und Buglas (Bundesverband Glasfaseranschluss) organisiert. Sie bauen seit langem FTTH aus, weil die kommunalen Unternehmen langfristiger planen als börsennotierte Konzerne. Darum bringen sie den Glasfaserausbau in Deutschland voran, und einige Akteure wie Wilhelm.tel wollen auch selbst 5G-Netze betreiben. Für die Auslastung ihrer teuren Zukunftsinvestitionen ist es auch gut, wenn 5G-Betreiber ihre Netze als Backhaul nutzen. Diese Unternehmen sind jedoch meist zu klein, um bei 5G die Bedingungen zu diktieren. In dem Verband sind viele Stadtnetzbetreiber organisiert, größte Mitglieder sind die Netzbetreiber EWE Tel, 1&1 Versatel und Deutsche Glasfaser. Die drei großen Stadtnetzbetreiber M-Net (München), Netcologne (Köln) und Wilhelm.tel sind nicht im Breko, sondern im Buglas (Bundesverband Glasfaseranschluss) engagiert.

5G: Zu teuer für einen allein

Fazit: Der Mobilfunk der 5. Generation stellt volkswirtschaftlich einen gewaltigen technischen Fortschritt dar. Seine Grundlage ist ein gut ausgebautes Glasfasernetz, das sich in Deutschland erst im anfänglichen Aufbau befindet. Würden die Frequenzen nicht versteigert, könnte die gesamte Investition in ein nationales 5G-Netz fließen, das das ganze Land versorgen würde und das von allen drei Mobilfunkkonzernen und lokalen Stadtnetzbetreibern genutzt werden könnte.

Für jeden Nutzer wären dann die im Standard versprochenen Features wirklich verfügbar, und das zu einem bezahlbaren Preis. Drosselungen beim Datenvolumen gehörten der Vergangenheit an. Mit 5G soll laut Standard für den Endkunden mindestens eine Datenübertragungsrate von 100 MBit/s überall im Netzwerk geboten werden. Der neue Mobilfunkstandard kommt bis zum Jahr 2020 und soll 10 GBit/s und mehr erreichen. Die Auktion ist im ersten Quartal 2019 in Mainz geplant. Hier geht es um die Bereiche 3.700 MHz bis 3.800 MHz und 26 GHz.  (asa)


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