Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ftth-professor-will-den-glasfaser-irrsinn-stoppen-1810-136960.html    Veröffentlicht: 05.10.2018 15:45    Kurz-URL: https://glm.io/136960

FTTH

Professor will den "Glasfaser-Irrsinn" stoppen

Der "Glasfaser-Irrsinn" in Deutschland ist laut einem Bremer VWL-Honorarprofessor nichts als "planwirtschaftlicher Aktionismus". Fakten, die ihm nicht gefallen, lässt Lüder Gerken dabei lieber unerwähnt.

Der Bremer Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre, Lüder Gerken, kritisiert in einem Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt das Programm der Bundesregierung zum Gigabitausbau als "Glasfaser-Irrsinn". Technische Entwicklungen in den vergangenen Jahren hätten die alten Kupfer-Telefonleitungen und -Kabelfernsehanschlüsse immer schneller werden lassen.

Gerken sagt: "Neueste Weiterentwicklungen sollen sogar 1.000 Megabit schaffen. Niemand weiß daher, ob die herkömmlichen Leitungen nicht auch in fernerer Zukunft ausreichen." Damit meint Gerken offenbar Docsis 3.1 im Koaxialkabelnetz. Mit dem Kupferkabel des Festnetzes sind solche Datenraten nach dem heutigen Stand der Technik nicht möglich. Auch technische Experten bei Netzwerkausrüstern wie Huawei gehen fest davon aus, dass Glasfaser bis ins Haus die leitungsfähigste Technologie ist.

Weiter behauptet Gerken, es fehle die Nachfrage für FTTH/B (Fiber To The Home/Building). "Von den Haushalten, die Glasfaser schon heute nutzen könnten, haben drei Viertel kein Interesse. Und 42 Prozent der Deutschen lehnen es ab, für einen Glasfaseranschluss auch nur einen Cent zu zahlen. Warum auch? Für Onlinevideotheken benötigt man ihn genauso wenig wie für Smarthome-Systeme. Mehr noch: Fast alle deutschen Haushalte könnten heute einen 30-Megabit-Anschluss beantragen. Die Netzbetreiber werden aber gerade einmal die Hälfte dieser langsameren Anschlüsse los." Zutreffend ist: Laut Angaben der Bundesnetzagentur in ihrem Jahresbericht werden von 2,7 Millionen verfügbaren Anschlüssen 756.000 tatsächlich genutzt. Das ist etwas mehr als ein Viertel. Die Take-up-Rate von Vectoring in Deutschland, also die tatsächlichen Buchungen von Vectoringanschlüssen durch Endkunden, ist etwas niedriger. Die Telekom habe 10 Millionen Vectoring-Zugänge errichtet und 2,5 Millionen Kunden auf dieser Infrastruktur gewonnen, sagte Telekom-Chef Tim Höttges am 6. Dezember 2017 auf der Jahrestagung des Bundesverbands Glasfaseranschluss (Buglas). Damit liegt die Take-up-Rate nur bei einem Viertel.

Studie erwartet nachgefragte Bandbreite bei rund 1 GBit/s

Die von Haushalten und Unternehmen durchschnittlich nachgefragte Bandbreite für Downloads wird im Jahr 2025 bei rund 1 GBit/s liegen, die Vorjahresprognose lag bei 600 MBit/s. Das ergab die Breitbandstudie 2018 des Breko (Bundesverband Breitbandkommunikation), die am 26. September 2018 vorgelegt wurde. Im Upstream werden nun 700 MBit/s (Vorjahresprognose: 350 MBit/s) erwartet, sodass sich das Verhältnis von Down- zu Upload deutlich in Richtung Symmetrie verschieben wird. Bis 2025 erwartet die Breko-Studie etwa eine Verzehnfachung der Volumina: Pro Anschluss sollen dann durchschnittlich 825 GByte pro Monat übertragen werden.

Laut einer Bitkom-Studie ließe sich fast die Hälfte (45 Prozent) der Befragten Glasfaser legen, wenn die Kosten durch staatliche Förderung vergünstigt würden, etwa durch Gutscheine. Vier von zehn (42 Prozent) wären dazu bereit, wenn sie die Anschlusskosten steuerlich absetzen könnten. Zudem ist eine Mehrheit von 57 Prozent der Internet-Haushalte mit Wohneigentum grundsätzlich überzeugt, dass ein Glasfaseranschluss den Wert der eigenen Immobilie steigern würde.

Auch die Nachfrage ist da: Kunden von Unitymedia buchen im Durchschnitt eine Datenübertragungsrate von 101 MBit/s. Das gab der TV-Kabelnetzbetreiber am 15. Februar 2018 bekannt. Damit liegt die durchschnittlich gebuchte Datenrate um fast 30 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.

Fazit: Gerken greift bestimmte Fakten heraus, um seine Thesen vom planwirtschaftlichem Aktionismus um die Glasfaser zu belegen, was dagegen spricht, lässt er unerwähnt. Dabei steht er mit seinem fortschrittsfeindlichen Standpunkt weitgehend allein: Selbst die Deutsche Telekom hat inzwischen erklärt, nach Abschluss des Vectoringausbaus mit FTTH für Millionen Haushalte zu beginnen.  (asa)


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