Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/freiberuflichkeit-bin-ich-zum-freelancer-im-it-business-geeignet-1810-136911.html    Veröffentlicht: 16.10.2018 10:30    Kurz-URL: https://glm.io/136911

Freiberuflichkeit

Bin ich zum Freelancer im IT-Business geeignet?

Ob man sich im IT-Business selbstständig macht oder als Festangestellter 9 to 5 arbeitet, ist eine Typfrage. Ein Selbstständiger aus der IT-Branche erzählt, was am Anfang am schwierigsten ist - und warum er trotz vieler Arbeit den Schritt in die Freiberuflichkeit nicht bereut.

Morgens zur Arbeit, abends nach Hause auf die Couch, ins Fitnessstudio oder in den Verein, ein paar Bälle werfen, 40 Jahre lang, manchmal sogar im selben Unternehmen. Das sind größtenteils die Karrieren der Generationen, die in den 1950ern, 60ern oder 70ern geboren wurden. Arbeiten für den Spaß in der Freizeit, lautete ihr Motto. Für viele junge Menschen heute klingt das eher nach Folter als nach Selbstverwirklichung. Nach "irgendwas mit Medien" ist jetzt "irgendwas Eigenes" voll angesagt. Fast 60 Prozent aller Jugendlichen finden es laut der aktuellen Shell-Jugendstudie "cool", sich selbstständig zu machen.

Nur womit? Mit einer millionenschweren Startup-Idee schaffen es die wenigsten. Manchmal reicht es schon, mit einer Leidenschaft oder einem Talent an den Start zu gehen. Der langfristige Erfolg hängt allerdings von deutlich mehr als dem Wunsch nach Unabhängigkeit ab. Philipp Meyer berät mit seiner Firma Kunden bei der Automatisierung und weiß, dass es auf vieles ankommt - unter anderem auf die Fähigkeit, "Nein" zu sagen.

Welche Talente, wie viel Lust auf Selbstverwaltung?

Die erste Frage, die sich ein angehender Freelancer stellen sollte, ist: Welche Talente habe ich im IT-Business, was interessiert mich und wofür habe ich eine Leidenschaft, die ich gerne professionell verfolgen möchte? Bin ich zum Beispiel eher der Typ "Entwickler" und wühle mich am liebsten durch viele Codezeilen, suche den Fehlerteufel, tüftele an neuen Kombinationen? Oder bin ich eher der Typ "Kommunikator", kenne mich mit der digitalen Vermarktung gut aus, kann Anforderungen in IT-Sprache formulieren und pflege gerne Kundenbeziehungen?

Die zweite Frage ist ebenso elementar: Bin ich überhaupt bereit für die Pflichten und Lasten der Selbstständigkeit? Denn neben der Arbeit selbst kommen auf den Selbstständigen noch viele weitere Themen zu. So sollte man sich grundsätzlich fragen, ob man es besser findet, Projekte und Ziele vorgegeben zu bekommen oder sie selbst zu suchen und sich dafür täglich zu motivieren.

Hinzu kommen organisatorische Fragen. Als Festangestellter sind etwa Themen wie die Krankenversicherung und die Steuererklärung vergleichsweise simpel abzuhandeln, denn der Arbeitgeber übernimmt davon den größten Teil. Als Selbstständiger kommt man um einen teuren Steuerberater fast nicht herum und muss sich mühsam durch die Tarife der vielen Kassen lesen, um einen geeigneten zu finden.

Selbstständigkeit ist ein Wagnis

Wer zudem nicht mit einem Kundenstamm startet, hat den anstrengenden Weg der Akquise vor sich. Philipp Meyer hat an der Hochschule für Ökonomie und Management studiert und sich mit einer Firma selbstständig gemacht. Sein Unternehmen unterstützt bei der Automatisierung von Design und Produktion. Er empfindet den Aufbau eines Kundenstamms als die größte Herausforderung.

"Der Anfang ist sicher das Schwierigste", sagte Meyer im Gespräch mit Golem.de. Nämlich potenziellen Kunden zu vermitteln, dass man für den Job am besten geeignet sei und dafür auch angemessen bezahlt werden wolle. Da in der IT-Branche derzeit auch in festen Jobs gutes Geld verdient werden könne, gingen viele das Wagnis Selbstständigkeit erst gar nicht ein.

Relative Unabhängigkeit, relative Freiheit

Zumal manchen wohl schwant, dass die Freiheit, die man sich als Freelancer erhofft, nur eine scheinbare ist. "Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich oft gehört: Super, dann bist du dein eigener Herr und weißt wenigstens, wofür du Mehrarbeit leistest", erzählt Philipp Meyer.

Tatsächlich arbeitet man aber auch als Selbstständiger für jemanden: die Kunden. "Und sie bestimmen mit Echtstarts, Umstellungen oder Projekten deinen Zeitplan", sagt Meyer. So kann es nicht nur sein, dass man als Freelancer weitaus mehr Arbeitsstunden leisten muss als ein Angestellter, sondern dass es zudem auch noch schwerer fällt, nach Feierabend zu entspannen. "Man denkt doch ständig weiter nach - über technische Probleme, andere Geschäftsideen und notwendige Organisation", sagt Meyer.

Zumal Fehler, anders zumindest als in großen Unternehmen, nicht durch irgendjemanden aufgefangen werden. Ein Freelancer ist für alles selbst verantwortlich und muss deswegen besonders sorgfältig arbeiten - bei der Umsetzung der Projekte selbst, aber auch im Umgang mit mitunter hochsensiblen Kundendaten.

Positiv: Es gibt viel zu lernen

Dass Philipp Meyer die Gründung seiner Firma Automatic Design aber nach wie vor nicht bereut, liegt vor allem daran, dass er selbst bestimmen kann, in welche Richtung er sich mit seinem Unternehmen entwickelt. "Da bewegt man sich als Angestellter in einer Firma doch in wesentlich engeren Grenzen", findet er.

Reizvoll ist für ihn außerdem, dass die Arbeit von Selbstständigen gerade im IT-Bereich sehr vielfältig ist. Oft muss eine extreme Bandbreite von Tools, Programmen, Betriebssystemen, Schnittstellen, Dateiformaten und Hardware beherrscht werden. Was natürlich auch anstrengend werden kann. Da sei Abstraktionsvermögen gefragt, unter Umständen müsse man sich Hilfe von anderen Experten holen, sagt Meyer.

Sehr wichtig findet er in diesem Zusammenhang, dass man als Freelancer versucht, die eigenen Arbeitsabläufe so weit es geht zu automatisieren. Als Entwickler kann man sich zum Beispiel auch für eigene Arbeitsabläufe Programme schreiben. Mittel- oder langfristig sei es zudem wichtig, ein Produkt zu entwickeln, das man an mehrere Kunden vertreiben könne. "Von der reinen Dienstleistung sollte man sich langfristig auf jeden Fall ein Stück weit entfernen", lautet Meyers Empfehlung. Kann man seine eigene Leistung skalieren und potenzieren, kommt man der Unabhängigkeit einen wirklichen Schritt näher.

Auch mal Nein sagen

Vor allem zu Beginn wird man aber häufig das machen müssen, was die Kunden wollen. Oder man wird zumindest das Gefühl haben, alle Aufträge annehmen zu müssen. Davon rät Philipp Meyer aus eigener Erfahrung aber eher ab. "Wenn Aufträge oder Kundenideen einem dem eigenen langfristigen Ziel nicht näher bringen oder wenn sie in einer Sackgasse enden, sollte man lernen, 'Nein' zu sagen", rät er.

Diese Haltung setzt Mut zum Risiko voraus. Wer den nicht habe, werde es aber ohnehin nicht leicht haben, sagt Meyer. Auch für Schüchterne und Introvertierte könne der Einstieg in die Selbstständigkeit schwierig sein, selbst wenn Aufträge in der heutigen Zeit oft per E-Mail, Telefon oder eines der Freelancer-Netzwerke wie Twago oder Freelancer.de vergeben würden - also nicht jeder Selbstständige der geborene Verkäufer sein muss.

Was aus Meyers Sicht jedoch unabdingbar ist, sind Begeisterungsfähigkeit und eine positive Grundeinstellung. Damit lassen sich wahrscheinlich vor allem etwaige Startschwierigkeiten besser meistern. Am Ende zahlt sich der Schritt in die Selbständigkeit für viele Menschen aus. Für ihn sei er jedenfalls alle Anstrengungen wert gewesen, sagt Philipp Meyer.  (mae)


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