Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ios-12-im-test-auch-apple-will-es-nutzern-leichter-machen-1809-136593.html    Veröffentlicht: 17.09.2018 15:08    Kurz-URL: https://glm.io/136593

iOS 12 im Test

Auch Apple will es Nutzern leichter machen

Apple setzt mit iOS 12 weniger auf aufsehenerregende Funktionen als auf viele kleine Verbesserungen für den Alltag. Das erinnert an Google und Android 9, was nicht zwingend schlecht ist.

Ab dem 17. September 2018 soll das neue iOS 12 für alle unterstützten iPhones und iPads erhältlich sein, die Betaphase ist damit abgeschlossen. Apple setzt bei der neuen Version seines mobilen Betriebssystems weniger auf umfangreiche neue Funktionen denn auf kleinere Verbesserungen, die den Alltag der Nutzer verbessern sollen.

Am 13. September 2018 ist die sogenannte Golden-Master-Version von iOS 12 erschienen, die finale Version der Betaphase. Diese entspricht gemeinhin derjenigen Version, die anschließend auch auf die iPhones und iPads geliefert wird - sie ist mit der finalen Version also identisch. Wir haben die Golden Master auf ein iPhone X installiert und uns die neuen Funktionen angeschaut.

Optisch unterscheidet sich iOS 12 nicht nennenswert von iOS 11: Das grundlegende Design behält Apple bei, ebenso die Gestensteuerung. Diese wird bei den neu vorgestellten und wohl auch bei künftigen Smartphones die einzige Art der Bedienung sein, da es keine neuen iPhones mit Homebutton mehr gibt. Die Wischgesten sind bei iOS 12 identisch mit denen von iOS 11: Ein Wisch von unten ins Display hinein ruft den Hauptbildschirm auf, behalten wir unseren Daumen auf dem Display, öffnet sich die Übersicht über die zuletzt verwendeten Apps.

Leider hat Apple auch die Position des Kontrollzentrums unverändert gelassen. Es wird weiterhin durch einen Wisch von oben in den rechten Teil neben der Notch geöffnet, was besonders für Linkshänder umständlich ist. Aber auch Rechtshänder dürften beim neuen iPhone Xs Max ihre Probleme haben, diese Geste mit einer Hand auszuführen. Wischen wir von links neben der Notch in das Display, öffnen sich die Benachrichtigungen.

Diese sind unter iOS 12 endlich nach Anwendungen gruppiert - zumindest theoretisch: Sendet eine App mehrere Benachrichtigungen, beispielsweise eine Social-Media-Anwendung, werden die einzelnen Beiträge in einem zusammengefasst, was weitaus übersichtlicher als bisher ist. Bei uns hat das in der Grundeinstellung "Automatisch" allerdings nicht geklappt, erst, als wir die Einstellungen der Benachrichtigungen auf "nach App" gestellt haben, fand die Gruppierung statt.

Benachrichtigungen können in der Gruppierung geöffnet werden, dann erscheinen sie einzeln und können wie bisher auch einzeln gelöscht werden. Neu ist, dass sie jetzt auch alle zusammen gelöscht werden können. Außerdem können wir Benachrichtigungen generell leise schalten, das heißt, sie werden zwar in der Benachrichtigungszentrale angezeigt, unterbrechen uns aber nicht.

Praktisch finden wir auch die neue Nicht-stören-Funktion, die wir nicht nur zeitlich einstellen, sondern auch an einen Ort binden können. So können wir das iPhone stummschalten, solange wir den Ort nicht verlassen, an dem wir uns gerade befinden. Entfernen wir uns davon, werden die Benachrichtigungen wieder eingeschaltet.

Schneller, höher, weiter

Das neue iOS 12 reagiert Apple zufolge schneller als sein Vorgänger; der Hersteller spricht von 40 Prozent schnelleren Starts von Apps. Die Kamera soll um bis zu 70 Prozent schneller starten, wenn wir sie vom Sperrbildschirm aus aufrufen. Zugegebenermaßen fällt es uns schwer, diese Zahlen zu beurteilen - uns kam das iPhone X unter iOS 11 schon recht schnell vor. Das Betriebssystem arbeitet aber angenehm flüssig, Apps starten schnell.

Apple versucht mit iOS 12, ähnlich wie Google oder auch Facebook, auf eine ausgewogene Benutzung des Smartphones seitens der Nutzer zu achten. Dafür hat das Unternehmen in den Einstellungen die neue Funktion "Bildschirmzeit" ergänzt, die uns zum einen anzeigt, wie lange wir welche Arten von Apps verwendet haben. Zum anderen können wir hier App-Limits sowie eine Auszeit einplanen.

Auf dem Startbildschirm von "Bildschirmzeit" wird uns im oberen Bereich angezeigt, wie lange wir heute bereits den Bildschirm unseres iPhones angeschaltet hatten. Diese Zeit ist in einer Übersicht in App-Rubriken eingeteilt, beispielsweise "Soziale Netzwerke" oder "Kreativität". Neue Apps sortiert iOS selbstständig in diese Rubriken ein. Klicken wir die Grafik an, erscheint eine Aufschlüsselung in Tageszeiten sowie nach den einzelnen Apps.

Wie bei Android 9 finden wir einen derartigen Überblick sehr interessant, da zumindest wir mittlerweile das Gefühl verloren haben, wie lange wir tatsächlich am Tag auf unser Smartphone blicken. "Bildschirmzeit" bietet uns entsprechend auch Möglichkeiten an, unsere Nutzungszeit zu reduzieren. Dafür können wir sogenannte App-Limits festlegen, die nach einem ähnlichen Prinzip wie unter Android 9 funktionieren.

Anders als bei Googles Betriebssystem wählen wir unter iOS 12 allerdings keine einzelnen Apps aus, sondern gleich ganze Kategorien. Wollen wir beispielsweise nicht alle Social-Network-Apps zeitlich limitieren, müssen wir einzelne Apps im Nachhinein auf eine Whitelist setzen. Das kann bei vielen Apps etwas mühselig sein.

Einteilung in Rubriken ist sinnvoll

Der Vorteil ist, dass wir beispielsweise nicht unsere Zeit bei Facebook aufbrauchen und danach bei Instagram weiter prokrastinieren können. Ist das Limit für soziale Netzwerke aufgebraucht, funktioniert keine App der Kategorie mehr - das ist konsequent. Fünf Minuten vor Erreichen der Limitierung bekommen wir eine Warnung, dass unsere Zeit fast aufgebraucht ist.

Wirklich konsequent sind die App-Limits von iOS 12 aber wie die von Android 9 nicht. Ist unsere Zeit aufgebraucht, werden die betroffenen Apps zwar auf dem Startbildschirm mit einem Uhrglas markiert, rufen wir sie auf, erhalten wir lediglich den Hinweis, dass das Limit erreicht sei; wir können aber einfach eine Schaltfläche drücken und die App anschließend weiterverwenden. Die Aufhebung des Limits können wir auf 15 Minuten beschränken oder gleich für den ganzen Tag gelten lassen.

Über "Bildschirmzeit" können wir auch vorgeben, wie viel Zeit Kinder mit eigenem iTunes-Konto mit bestimmten Apps verbringen dürfen. Außerdem können wir eine Auszeit einstellen, in der Apps und Mitteilungen blockiert werden - beispielsweise zu einer Zeit, zu der wir schlafen gehen sollten.

Insgesamt gefallen uns die Möglichkeiten, unseren Smartphone-Konsum einzuschränken, etwas besser als bei Android 9. Die Funktion ist grundlegend zwar nahezu identisch, die Umsetzung in iOS 12 wirkt auf uns insgesamt aber runder. Zudem finden wir die Einteilung in Rubriken gut, da wir so unsere Zeit nicht mit anderen, ähnlichen Apps verdaddeln können - vorausgesetzt natürlich, wir nehmen die ganze Sache ernst und klicken das Limit nicht einfach weg.

Siri soll nützlicher werden

Bei iOS 12 hat Apple auch versucht, seinen Sprachassistenten Siri aufzuwerten, der bereits seit längerer Zeit hinter dem Google Assistant hinterherhinkt. So gibt Siri uns jetzt Vorschläge zu Kurzbefehlen für Routinen, die wir häufiger erledigen. Diese Kurzbefehle können wir mit selbst konfigurierten Formulierungen direkt per Sprachbefehl aufrufen.

Kurz nach der Installation von iOS 12 können wir beispielsweise einen Kurzbefehl definieren, der direkt den Posteingang der Mail-App aufruft - was wir auch bisher schon mit dem Befehl "Öffne Mail" erledigen konnten. Was für Potenzial in der Funktion steckt, zeigt jedoch ein weiterer Kurzbefehl, mit dem wir uns direkt neu aufgenommene Fotos in der Galerie anzeigen lassen können.

Sollte Siri mit den Kurzbefehlen auch Funktionen innerhalb von bestimmten Apps aufrufen können, wäre das ziemlich komfortabel. Damit in Zukunft auch Nicht-System-Apps mit Kurzbefehlen bedient werden können, will Apple eine passende API für Entwickler bereitstellen.

Wir konnten bisher nur aus vorgefertigten Routinen Kurzbefehle erstellen und noch keine eigenen selbst definieren. Dies soll allerdings mit der Kurzbefehle-App möglich sein, die wir jedoch nicht entdecken konnten - möglicherweise wird sie mit dem offiziellen Start von iOS 12 nachgereicht. Außerdem soll Siri auch Fotos anhand von Schlagwörtern finden, was bei uns jedoch nicht funktioniert hat.

Die Fotos-App hat Apple mit iOS 12 ebenfalls verbessert, hinzugekommen sind einige Funktionen, die auf künstlicher Intelligenz basieren und dem Nutzer Arbeit abnehmen sollen. So gibt es beispielsweise jetzt intelligente Suchvorschläge, die beim Tippen passende Schlagwörter mit der Anzahl der dazu passenden Bilder anzeigen. Nutzer können zudem mehrere Schlagwörter bei der Suche kombinieren - was beides bei Google Fotos bereits möglich ist. Auch die neue Ortsuche kennen Nutzer von Google Fotos bereits länger.

Fotos rückt näher an Google Fotos heran

Apples Fotos-App hat zudem jetzt den Bereich "Für Dich", in dem Rückblicke und gemeinsame Aktivitäten mit anderen Personen angezeigt werden. Diese Bilder sollen sich dann leicht mit den beteiligten Personen teilen lassen.

Insgesamt ist es gut, dass Apple seine Fotos-App aufwertet, die neuen Funktionen erinnern aber insgesamt stark an diejenigen, die Google Fotos bereits seit längerem hat. Möglicherweise ergeben sich im Zusammenspiel mit Siri interessante neue Bedienungsmöglichkeiten, wir sehen aber ehrlich gesagt wenige Gründe, nicht Google Fotos zu verwenden.

Bei der Kamera soll iOS 12 für eine bessere Trennung zwischen Vorder- und Hintergrund bei den Porträtlichtern sorgen. Wir haben das mit der aufgrund der bisherigen schlechten Trennung in unseren Augen nutzlosen Einstellung "Bühnenlicht mono" ausprobiert und festgestellt: Die Trennung ist immer noch viel zu hart, die Einstellung bleibt weiterhin nutzlos. Interessant ist allerdings, dass Apple für iOS 12 eine API für die Porträtsegmentierung anbietet, mit der Entwickler die Ebenentrennung in ihren Apps verwenden können.

Neuer Look für Aktien- und Lese-App

Zu den weiteren Verbesserungen von iOS 12 gehören die neu gestaltete Aktien-App sowie die Lese-App Bücher. Außerdem hat Apple die Augmented-Reality-Fähigkeiten verbessert, die aber bereits auf dem iPhone X und den iPhone-8-Modellen recht eindrucksvoll waren. Neu ist, dass eine App zum Messen von Distanzen vorinstalliert ist. Diese erkennt Flächen, deren Abstände Nutzer dann messen können.

Mit den neuen Memojis können wir unter iOS 12 auch ein Animoji erstellen, das wie wir aussieht. Der Baukasten ist recht umfangreich, unser Ebenbild sieht uns am Ende recht ähnlich.

Fazit

Wie Android 9 bietet iOS 12 einige Neuerungen, die den Alltag der Nutzer vereinfachen sollen. In der Vermarktung verwendet Apple seltener als Google das Buzzword künstliche Intelligenz, setzt diese bei einigen neuen Funktionen aber dennoch ein. Dazu zählt beispielsweise die Fotos-App, die damit näher an Google Fotos herankommt.

In der alltäglichen Nutzung arbeitet iOS 12 sehr schnell und flüssig. Interessant finden wir die neuen Möglichkeiten, unsere Bildschirmzeit zu kontrollieren und - wenn gewünscht - einzuschränken. Wie bei Android 9 sind die App-Limits aber nicht endgültig, der Nutzer hat immer die Möglichkeit, die Anwendung weiter zu verwenden. Praktisch finden wir die Idee, die Apps in Gruppen zusammenzufassen und so komplette Kategorien zu sperren.

Unter iOS 12 ist es endlich möglich, Benachrichtigungen gruppiert anzeigen zu lassen. Android hat diese Option schon länger, die vereinfacht die Nutzung ungemein.

Leider hat Apple manche Funktion auch unter iOS 12 nicht verbessert, wie beispielsweise den Anachronismus, alle App-Einstellungen an einem Ort zusammenzufassen. So müssen wir auch 2018 noch aus der Kamera-App heraus in die Systemeinstellungen gehen, um etwa die Auflösung der Videofunktion zu ändern. Das nervt, und zwar seit Jahren.

Wie Android 9 ist iOS 12 eher ein unauffälliges Update, das nichtsdestotrotz an einigen Stellen die Nutzung merklich vereinfacht. Es soll für alle Geräte zur Verfügung gestellt werden, auf denen auch iOS 11 läuft - bis zurück zum iPhone 5S und dem iPad Air.  (tk)


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