Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektroroller-verleih-coup-zum-laden-in-den-keller-gehen-1809-136561.html    Veröffentlicht: 14.09.2018 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/136561

Elektroroller-Verleih Coup

Zum Laden in den Keller gehen

Wie hält man eine Flotte mit 1.000 elektrischen Rollern am Laufen? Die Bosch-Tochter Coup hat in Berlin einen Blick hinter die Kulissen der Sharing-Wirtschaft gewährt.

Wer als Fahrradfahrer häufig in Berlin unterwegs ist, erkennt die Roller schon beim Herannahen am typischen Surren des Elektromotors. Gut 1.000 Elektroroller des taiwanischen Herstellers Gogoro hat die Bosch-Tochterfirma Coup in der Hauptstadt im Einsatz. Doch welchen Aufwand bedeutet es, die Zweiräder ständig funktionstüchtig und mit vollem Akku auf den Bürgersteigen bereitzuhalten? Von der erforderlichen Logistik und deren Rentabilität hängt es schließlich ab, ob solche Angebote dauerhaft verfügbar bleiben.

Bei einem Anbieter wie Bosch kann man eigentlich davon ausgehen, dass nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Ebenso wie beim neuen IoT-Campus in Berlin-Tempelhof erwartet man eine hochmoderne Wartungs- und Ladehalle, die sich Startup-mäßig in einem Kreuzberger Loft befindet. Schließlich sollte die Ladestation nicht nur möglichst zentral liegen, sondern auch über eine Stromversorgung verfügen, mit der sich hunderte Akkus gleichzeitig laden lassen.

Zentrale Lage ins Berlins Mitte

Zumindest was die Lage betrifft, erfüllt Coup die Erwartungen. In der Charlottenstraße im nördlichen Kreuzberg, gleich gegenüber vom Arbeitsamt, befindet sich die zentrale Ladestation. "Wir hatten früher einen Standort im Süden von Berlin", erläutert Flottenmanager Markus Schneider, "doch von dort aus war der Norden nur schwer zu erreichen." Schließlich habe Coup das Objekt in Mitte gefunden. Der frühere Druckereistandort habe den Vorteil, dass genügend Strom für die Ladestationen vorhanden sei. 210 Kilowatt zieht die Anlage, wenn bis zu 154 Akkus gleichzeitig geladen werden.



Doch von moderner Startup-Atmosphäre ist wenig zu spüren. Durch eine unscheinbare Tür neben einer Ladenpassage geht es die Treppe hinunter in den Keller des Gebäudes. Gleich um die Ecke, hinter einer schweren Stahltür, befindet sich ein schmuckloser, gut 70 Quadratmeter großer Raum, der als Ladezentrum dient. Darin bietet sich allerdings ein ungewöhnlicher Anblick: In Reih und Glied stehen sieben futuristisch anmutende Ladestationen, wie sie Gogoro für sein Akku-Austauschkonzept in Taiwan entwickelt hat. Dort kaufen sich die Fahrer ihren Elektroroller und mieten die Batterien. An solchen Stationen können sie ihre leeren Akkus gegen volle austauschen. Entsprechend einfach, robust und wetterfest ist das Konzept ausgelegt.

Austausch wie von Geisterhand

Davon profitieren auch die Coup-Mitarbeiter. Zum Laden müssen sie lediglich einen Akku in einen leeren Steckplatz schieben. Automatisch kommt dann an einer anderen Stelle der Station ein voller Akku heraus. Eine Ladestandsanzeige für die einzelnen Akkus gibt es nicht. Das System entscheidet selbst, welche Batterie es herausrückt. Die grünen Blöcke haben eine Kapazität von gut 1,3 Kilowattstunden und wiegen knapp zehn Kilogramm. 2.500 Akkus hat Coup derzeit für seine 1.000 Fahrzeuge im Einsatz.



Ein Ladevorgang dauert laut Schneider im Sommer rund 90 Minuten. Damit ließen sich rein rechnerisch die 2.500 Akkus im Laufe eines Tages laden. Bei niedrigen Außentemperaturen dauert der Ladevorgang bis zu dreieinhalb Stunden. Dabei müssen die Akkus zunächst auf eine höhere Temperatur vorgewärmt werden.

Wettlauf mit den Nutzern

Für das Austauschen in der Stadt hat das Unternehmen im Sommer zwischen 25 und 30 Fahrer im Einsatz. Diese stecken die leeren Akkus in graue Kästen, die per Hubwagen und Aufzug in den Keller geschafft werden. In der Regel sind die Fahrer nachts unterwegs. Denn tagsüber macht der dichte Verkehr die Fahrten ineffizient. In Paris, wo der Verkehr noch viel zäher als in Berlin fließt, werden alle Akkus nur nachts ausgetauscht. Dort hat Coup die Flotte sogar auf 1.700 Elektroroller aufgestockt.

Mit Hilfe eines selbst entwickelten Programms überwacht Coup die Position und den Ladezustand der Fahrzeuge. Fällt die Kapazität unter 20 Prozent, nimmt Coup die Roller aus der App, so dass sie nicht mehr gemietet werden können. Nach dem Akkutausch wird das Fahrzeug dann wieder freigegeben. Schwieriger ist der Austausch bei Rollern, deren Akku zwar schon recht leer ist, aber noch über der 20-Prozent-Marke liegt. "Dann kann es passieren, dass die Fahrer schon mal einem Roller hinterherfahren, um den Akku zu wechseln", sagt Schneider. Derzeit arbeitet Coup an einem eigenen Routenplaner, um die Austauschfahrten möglichst effizient zu steuern.

Ökostrom, aber keine Elektrotransporter

Gelegentlich kommt es vor, dass ein Coup-Nutzer mit leerem Akku auf der Strecke stehen bleibt. Dann holen Mitarbeiter den Roller komplett per Transporter ab. Gegen ein zusätzliches Entgelt ist es jedoch möglich, einen vollen Akku zu bekommen und mit dem Roller die Fahrt fortzusetzen.

Auch wenn die Akkus selbst mit Ökostrom aufgeladen werden: Die Servicefahrer sind noch nicht mit Elektro-Lkw unterwegs. Das liegt dem Unternehmen zufolge jedoch vor allem daran, dass es derzeit keine Fahrzeuge auf dem Markt gibt, die über die erforderliche Reichweite verfügen. Tests mit Streetscootern der Deutschen Post fielen nicht zufriedenstellend aus. In Madrid, wo ein Drittanbieter den Akkutausch übernimmt, seien hingegen kleine Elektrotransporter im Einsatz.

Sogar in Tübingen verfügbar

Über eine Werkstatt zur Reparatur der Roller verfügt Coup in dem Keller jedoch nicht. Kleine Reparaturen, wie der Austausch eines Spiegels, erledigen die Serviceteams gleich an Ort und Stelle. Für größere Reparaturen bieten sich in Berlin die Wintermonate an, wenn der Dienst zwischen Mitte Dezember und Mitte Februar eingestellt wird. In Paris und Madrid wird die Flotte hingegen ganzjährig betrieben. Überrascht zeigte sich das Unternehmen über das geringe Ausmaß an beschädigten Fahrzeugen. Anders als erwartet sei Vandalismus kein Problem in Berlin. Zudem seien die Unfallzahlen bislang sehr niedrig.

Ob das 2016 gegründete firmeninterne Startup bereits schwarze Zahlen schreibt, will das Unternehmen nicht verraten. Für den Erfolg spricht die Tatsache, dass nach dem Start in Berlin das Konzept auf drei weitere Städte ausgedehnt wurde. Neben Paris und Madrid ist Coup nun auch in Tübingen vertreten. Rund 120 Mitarbeiter arbeiten europaweit für die Bosch-Tochter.

Viele Probleme mit der App

Im Gegensatz zu den Rollern, die bei Testern in der Regel gut ankamen, gab es von Anfang jedoch bei vielen Nutzern Probleme mit der App. Dies betraf vor allem die Bluetooth-Kommunikation zwischen Smartphone und Roller.

Die App war zunächst zusammen mit der Beratungsgesellschaft BCG Digital Ventures entwickelt worden und wurde inzwischen für Android komplett überarbeitet. Allerdings gibt es weiterhin das Problem, dass nicht alle deutschen Führerscheintypen bei der Online-Registrierung akzeptiert werden, obwohl Coup damit gegen seine eigenen AGB verstößt. Immerhin bietet Coup an, seinen alten grauen Lappen im Firmenbüro in der Friedrichstraße überprüfen zu lassen.

ADAC kritisiert Haftungsregeln

An diesen AGB hatten zuletzt auch die Juristen des ADAC einiges auszusetzen. Bei einem Vergleich mehrerer Elektroroller-Dienste in Deutschland monierten sie bei Coup ebenso wie bei der Konkurrenz von Emmy, Eddy und Stella in Berlin und anderen Städten, dass die Nutzer in Schadensfällen nachweisen müssen, einen Schaden nicht verursacht zu haben. Das sei eine unzulässige Beweislastumkehr. Insgesamt erhielten vier der sechs getesteten Dienste die Note "gut", nur ein "ausreichend" gab es für Emmy in München und Stella in Stuttgart.



Anders als die Konkurrenz verfügt der Gogoro-Roller nicht über einen zweiten Helm, den Emmy bei der genutzten E-Schwalbe in einer Topbox unterbringt. Laut Coup wurde damit zwar experimentiert, jedoch am Ende aus Gründen der Optik und Einfachheit darauf verzichtet. Ein möglicher Sozius muss daher seinen Helm selbst mitbringen. In Paris gilt das auch für die Sicherheitshandschuhe, die in Frankreich bei Motorradfahrern seit 2016 vorgeschrieben sind.

Konkurrenz durch Elektrofahrräder und Kickscooter

Wie sich der Markt für Elektroroller in Berlin und anderen Städten weiter entwickeln wird, ist derzeit schwer abzusehen. Der Vorteil im Vergleich zu Car-Sharing-Diensten ist der geringe Bedarf an öffentlichem Parkraum. Zudem lässt sich durch die kleinen Wechselakkus die Flotte leichter am Laufen halten. Konkurrenz könnte verstärkt durch elektrische Leihfahrräder kommen, mit denen sogar der umstrittene Mitfahrdienst Uber in Berlin an den Start gehen will. In den Startlöchern stehen zudem bereits Anbieter von elektrischen Tretrollern. Diese "Elektrokleinstfahrzeuge mit Lenkstange", auch Kickscooter genannt, könnten im kommenden Jahr schon eine Zulassung bekommen, berichtete die Berliner Zeitung.

Der Vorteil der Elektroroller a là Coup und Emmy ist hingegen deren Geschwindigkeit, die ein zügiges Fortkommen mit rund 50 Kilometern pro Stunde (km/h) garantiert. Die Kickscooter sollen hingegen nur mit bis zu 20 km/h über die Straßen rollen. Doch selbst wenn Emmy gegenüber Coup das Rennen machen würde, dürfte Bosch davon profitieren. Denn während beim Gogoro-Roller kein einziges Bauteil vom Stuttgarter Zulieferer kommt, steht auf den E-Schwalben deutlich zu lesen: epowered by Bosch.

Nachtrag vom 15. September 2018, 1:11 Uhr

Anders als zunächst dargestellt, befindet sich die Ladestation nicht im Bezirk Mitte, sondern zwei Straßen weiter südlich im Bezirk Kreuzberg.  (fg)


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