Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lichtverschmutzung-motten-fliegen-ins-licht-froesche-nicht-1809-136543.html    Veröffentlicht: 28.09.2018 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/136543

Lichtverschmutzung

Was Philips Hue mit der Tierwelt im Garten macht

LEDs für den Garten sind energiesparend und praktisch - für Menschen und manche Fledermäuse. Für viele Tiere haben sie jedoch fatale Auswirkungen. Aber mit einigen Änderungen lässt sich die Gartenbeleuchtung so gestalten, dass sich auch Tiere wohlfühlen.

Leuchtdioden überall: Kürzlich hat Philips Signify vorgestellt, einen wetterfesten Streifen aus Leuchtdioden (LED) für den Garten. Auf den ersten Blick ein harmloses Gadget - doch einige Kommentatoren äußerten im Forum ihren Unmut darüber. Produkte wie diese, kritisieren sie, trügen zur Lichtverschmutzung bei und schadeten der Umwelt. Für uns ein Anlass, bei einer Expertin nachzufragen.

"Das ist das Problem heute noch mit der Beleuchtung, dass wir tatsächlich in das Leuchtmittel hineinschauen können und von weit entfernt schon die Straßenbeleuchtung oben an den Leuchtköpfen sehen", sagt Sibylle Schroer im Gespräch mit Golem.de. "Eigentlich müssten wir das Licht dort oben gar nicht sehen, sondern nur auf der Straße und auf dem Objekt, das es erhellen soll." Schroer ist wissenschaftliche Koordinatorin der Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und wurde im vergangenen Jahr für ihre wissenschaftliche Arbeit zur Lichtverschmutzung mit dem Galileo Award der International Dark Sky Association (IDA) ausgezeichnet.

Es sei nicht die einzelne Lampe, sondern die Menge aller Lampen, die dazu beitragen, Nachtlandschaften zu erhellen. Lichtverschmutzung beklagen eher die Sterngucker. Tatsächlich hat aber die großflächige und helle Beleuchtung einen negativen Einfluss auf die Fauna und Flora. Ironischerweise gilt das auch für Lampen, die als besonders ökologisch gelten: hoch effiziente LEDs, die nur wenig Leistung aufnehmen, und Solarlampen, die tagsüber geladen werden und nachts den Garten beleuchten.

Außenbeleuchtung in der Nacht hat eine große Auswirkung auf viele Tierarten, und nur die wenigstens profitieren davon. Die erhellten Flächen bilden Barrieren beispielsweise für manche Fledermäuse oder wandernde Amphibien. Da diese Tiere lieber im Dunklen bleiben, trauen sie sich nicht, beleuchtete Gebiete zu durchqueren, was ihren Lebensraum einschränkt.

Viele Insekten hingegen, beispielsweise Nachtfalter, werden von den Straßenlaternen angezogen. Ein paar wenige Fledermausarten profitieren davon, die dort leichte Beute machen. Für die Artenvielfalt sei das jedoch schädlich: Studien hätten ergeben, dass rund um Straßenleuchten die Anzahl der Insekten zwar zu-, die Anzahl der Arten jedoch abnehme, sagt Schroer.

In Reihe geschaltete Straßenbeleuchtung kann für nachtaktive Insekten eine Barriere in ihrem Lebensraum sein. Nur wenige Insekten werden nicht von den Leuchten angezogen und können den Lebensraum dahinter erreichen, was bedeutet, dass etwa Nachtfalter dort die Pflanzen weniger bestäuben. Das ist ein Problem, denn Nachtfalter bestäuben mit ihren langen Rüsseln, mit denen sie tief in Blüten hineinkommen, andere Pflanzen als Bienen am Tag. "Wenn wir die Nachtfalter ständig nachts um die Lampen schwirren lassen, dann nimmt die Bestäubung ab und damit eben auch die Biodiversität", sagt Schroer.

Sie will dabei die Beleuchtung vom Straßen und Gärten beileibe nicht abschaffen. Nur anders gestalten: Viele Straßenleuchten seien so beschaffen, dass sie ihr Licht in die Horizontale abstrahlten statt nach unten auf den Boden, wo das Licht gebraucht werde. Das sei nicht nur schlecht für viele Tiere, sondern auch für uns: Die Straßenlaternen blenden uns - auf der Straße, aber auch in den Wohnungen, in die sie oft hineinscheinen.

Hinzu kommt, dass viele Lampen viel zu hell sind.

Form der Lampen und Lichtfarbe

Das wird durch die LED-Technologie verstärkt, da LEDs bei weniger Leistungsaufnahme heller leuchten als konventionelle Gasentladungslampen. Wenn die Vorteile der LED-Technologie der digitalen Dimmung nicht genutzt werden und sie in Leuchtenkörper von Gasentladungslampen installiert werden, wird es einfach nur heller und das Licht blendet. Ein Leuchtendesign, das ausschließlich nach unten strahlt, sowie eine stufenweise Dimmung könnten Abhilfe schaffen.

Letztere könnte beispielsweise so aussehen: In den frühen Abendstunden, wenn noch viele Menschen unterwegs sind, werden die Straßen gut ausgeleuchtet. Wenn sie sich langsam leeren, vielleicht gegen 22 Uhr, werden die Laternen gedimmt, dann eventuell ein weiteres Mal um Mitternacht. Oder es könnte wie in Hamburg Smart Lighting eingesetzt werden: Straßenlaternen, die mit Sensoren ausgestattet sind und nur dann leuchten, wenn sich ein Fußgänger oder Fahrradfahrer nähert.

Helfen kann schließlich auch die Farbe des Lichts. "Organismen reagieren unterschiedlich auf die spektrale Zusammensetzung des Lichts", erläutert die Forscherin Sibylle Schroer. "Man kann das nicht verallgemeinern, aber in der Summe reagiert die höchste Anzahl an Organismen auf den Blaulichtanteil und den ultravioletten Anteil des Lichts." Wobei Letzterer ohnehin bei modernen Lampen herausgefiltert wird. Natriumdampflampen sind mit ihrem gelblichen Licht geeigneter für die Außenbeleuchtung als kaltweiße LEDs, die einen höheren Anteil an blauem Licht haben.

Geeignet sind auch LEDs mit reduziertem Blaulichtanteil, warmweiß oder bernsteinfarben. Das ist übrigens auch für uns Menschen besser: Helles, bläuliches Licht, das ins Schafzimmer strahle, kann bei empfindlichen Menschen zu Schlafstörungen führen.

An der Straßenbeleuchtung kann der Einzelne wenig ändern. An der Beleuchtung des Gartens und des Balkons hingegen schon. "Man sollte in seinem Garten die Nachtlandschaft schützen für die Wildtiere, indem man das Licht dahin lenkt, wo man es braucht", sagt die Wissenschaftlerin und empfiehlt, dabei auch gleich auf die Lichtfarbe zu achten: "Da, wo ich im Sommer mit meinen Gästen sitze, möchte ich Licht haben. Ein kaltweißes Licht macht mir da keinen Spaß. Warmweißes oder oranges Licht dagegen ist sehr angenehm."

Die Solarlampen möchte die Expertin für Lichtverschmutzung am liebsten ganz aus den Gärten verbannen: Eine solche Lampe zu produzieren, erfordere sehr viel mehr Energie, als sie je in ihrer Betriebsdauer abgebe. Danach müsse sie als Sondermüll entsorgt werden. Sie sollte nur dann angeschafft werden, wenn sie unbedingt benötigt wird und nicht nur als zusätzliches, dekoratives Licht dient. Außerdem leuchten sie die ganze Nacht. Licht sollte aber ausgeschaltet werden, wenn es nicht mehr gebraucht wird.

"Dabei hat man im Wohnzimmer meist wunderschöne Lampenschirme", sagt Schroer, "die ganz weit über das Leuchtmittel reichen. Das kann man im Garten auch machen, so dass das Licht dekorativ und punktuell ausgerichtet ist - und bitte von oben nach unten und nicht in die andere Richtung."  (wp)


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