Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/network-slicing-5g-gefaehrdet-die-netzneutralitaet-oder-etwa-nicht-1809-136490.html    Veröffentlicht: 13.09.2018 09:28    Kurz-URL: https://glm.io/136490

Network Slicing

5G gefährdet die Netzneutralität - oder etwa nicht?

Ein Digitalexperte warnt vor einem "deutlichen Spannungsverhältnis" zwischen der technischen Basis des kommenden Mobilfunkstandards 5G und dem Prinzip des offenen Internets. Die Bundesnetzagentur gibt dagegen vorläufig Entwarnung.

Der Maxime, dass Provider so gut wie alle Datenpakete unabhängig von Inhalt, Anwendung, Herkunft und Ziel gleich behandeln und schnellstmöglich durch ihre Leitungen transportieren, droht mit dem nächsten Mobilfunkstandard 5G das Aus. Ein solches Szenario befürchtet zumindest Daniel Jacob, der bei der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin für "globale Fragen" zuständig ist. Als Ursache macht er die 5G-Schlüsseltechnik des Network Slicing aus, die den Betrieb virtueller Netzabschnitte mit unterschiedlichsten Ausprägungen ermöglicht. Doch dem widersprechen andere Experten und die Bundesnetzagentur.

Das Network Slicing, als "Grundanlage" des kommenden Mobilfunkstandards, stehe in einem "sehr deutlichen Spannungsverhältnis zum Prinzip der Netzneutralität", erläutert Jacob in einem Interview mit dem Onlinemagazin Euractiv. Zuvor hatte der Digitalexperte der SWP seine Bedenken in einem im Juli erschienenen Analysepapier umrissen. Durch Network Slicing wird ihm zufolge das Netzwerk in verschiedene virtuelle Datenströme mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften aufgeteilt beziehungsweise zerschnitten.

Network Slicing als Verkehrsmanagement

So könne ein Netzwerkteil "einen besonders hohen Datendurchsatz" bieten, nennt der Forscher ein Beispiel. Ein anderer Bereich zeichne sich durch besonders hohe Zuverlässigkeit der übertragenen Dienste aus, ein dritter ermögliche einen besonders raschen Verbindungsaufbau. So könnten Mobilfunkbetreiber künftig "für unterschiedliche Anwendungen passgenaue Datenströme anbieten". Dies sei generell auch sinnvoll, weil etwa "beim autonomen Fahren die Datenanforderungen andere sind, als wenn wir zu Hause ein Video streamen".

Andererseits lässt sich mit Network Slicing, das die Deutsche Telekom als Grundlage für die Entwicklung hin zur vernetzten Gesellschaft mit all ihren Facetten und "sehr individuellen" Bedarfen an Datenraten, Geschwindigkeiten und Kapazitäten bezeichnet, prinzipiell die Netzneutralität aushebeln. Laut der Maxime sollen Provider so gut wie alle Datenpakete unabhängig von Inhalt, Anwendung, Herkunft und Ziel gleich behandeln und schnellstmöglich durch ihre Leitungen transportieren. Dahinter steht das "Best Effort"-Modell, wonach die eingehenden Daten "nach besten Kräften" entsprechend der vorhandenen Netzwerkkapazität gleichberechtigt weitergeleitet werden. Ausgeschlossen werden soll damit, dass einzelne Pakete bevorzugt, also mit höherer Priorität behandelt werden.

Bahn frei für Spezialdienste und Überholspuren?

Der Grundsatz der Netzneutralität hat maßgeblich zum großen Erfolg des Internets beigetragen, da dieses damit offen für alle ist und einzelne Anwender sowie Nutzer nicht diskriminiert. Eine zentrale technische Kontrollinstanz gibt es damit nicht, was vor allem etablierten Telekommunikationsfirmen missfällt. Sie wollen sich lieber mit sogenannten Spezialdiensten oder Überholspuren auf den Datenleitungen etwas dazuverdienen.

Die mit 5G verknüpfte Möglichkeit, ganz individuelle virtuelle Netzwerkabschnitte auf ein und derselben Infrastruktur zu realisieren, dürfte den "Telcos" daher sehr gelegen kommen. Damit werde "systematisch zwischen verschiedenen Arten von Daten und Anwendung unterschieden", führt Jacob aus. Es komme nun darauf an, was man daraus mache. So könne man Network Slicing als Hochform des Datenverkehrsmanagements betrachten. Laut der EU-Verordnung für das offene Internet sei ein solches Eingreifen aber nur erlaubt, um Belastungsspitzen abzufedern. Dabei dürfe nicht systematisch nach Anbieter oder Inhalt differenziert werden, um den Marktzugang für neue Teilnehmer offenzuhalten oder eine pluralistische Medienlandschaft zu bewahren.

Innovationshemmende Konzentration befürchtet

Andererseits könnten Mobilfunkanbieter auf der neuen technischen Basis laut dem Wissenschaftler immer mehr Spezialdienste zusätzlich zum traditionellen Internet anbieten und dieses vom EU-Gesetzgeber offen gelassene Schlupfloch ausweiten. Wie etwa bei Streaminganbietern wäre Jacob zufolge dann eine Konzentration zu befürchten, "die auch innovationshemmend wirkt".

Technisch sei 5G bereits weit gediehen, konstatiert der Experte. Nun würden die darauf aufsetzenden Anwendungen entwickelt, welche die Gesellschaft noch mitprägen könne. Wenn die Netzneutralität eine Überlebenschance haben solle, müssten dafür jetzt die regulatorischen Weichen gestellt werden. Dabei sei die EU genauso gefragt wie nationale Aufsichtsbehörden, hierzulande also die Bundesnetzagentur.

Politik und Regulierer sollen es richten

Spielraum für den Gesetzgeber und die Regulierer gibt es Jacob zufolge durchaus noch. So könnte etwa die Vergabe der Lizenzen für 5G auch mit "weiteren Bedingungen zur Netzneutralität" versehen werden. Die Bundesregierung sollte zudem in internationalen Standardisierungsgremien, in denen die technologische Entwicklung von Geräten und Infrastruktur auf globaler Ebene stattfinde, ihren Einfluss nutzen und derlei Prozesse aktiv gestalten.

"Mindestens sollte es darum gehen, dass eine Ausgestaltung von 5G im Einklang mit der Netzneutralität möglich ist", fordert der Forscher. Die technischen Protokolle dürften also nicht von vornherein mit dem Grundsatz des offenen Internets unvereinbar sein. Besser wäre es, "möglichst viel vom Prinzip der Netzneutralität schon in den globalen Standards zu verankern". Ferner sei eine Diskussion darüber nötig, "welche Art von Spezialdiensten wir eigentlich haben wollen".

Bundesnetzagentur sieht keine Probleme

Die Bundesnetzagentur sieht von 5G dagegen keine Gefahr für die Netzneutralität ausgehen. Die EU-Verordnung fürs offene Internet biete zumindest mit den Regeln über ein angemessenes Verkehrsmanagement sowie Spezialdienste ausreichend Optionen, auch Network Slicing rechtskonform auszugestalten, erklärte ein Behördensprecher Golem.de. Man beobachte aber die Entwicklung und eventuell mit 5G entstehende neue Geschäftsmodelle der Netzbetreiber. Letztlich müsse der Regulier dann immer den Einzelfall betrachten.

In Kreisen von Telekommunikationsausrüstern heißt es, dass Slicing praktisch schon immer existiert habe, indem dedizierte Netzressourcen für dedizierte Anwendungen bereitgestellt würden. So gebe es etwa längst Spezialnetze für den Internetzugang oder geschlossene private Netze für sicherheitsrelevante Anwendungen. Das einzig wirklich Neue an 5G in dieser Hinsicht sei, dass Netzdienste in einer flexibilisierten dynamischen und teilweise virtualisierten gemeinsamen Infrastruktur bereitgestellt würden.

Auch Branchenexperten schließen Konflikte mit der Netzneutralität nicht aus

Die Idee auf technologischer Ebene sei tatsächlich, dass bei dem geplanten hochpotenten Mobilfunknetz mit zusätzlichen Anwendungsszenarien wie autonomes Fahren, Smart Factory oder E-Health unterschiedliche Dienste unterschiedliche Anforderungen haben sollten und man diesen in unterschiedlichen Teilnetzen am besten gerecht werden könne, verlautbart aus der Branche. Wenn diese technische Entwicklung politisch im Sinne von Netzneutralität nicht gewünscht werde oder mit bestehendem Recht nicht vereinbar sei, habe dies gegebenenfalls Konsequenzen für die Breite der durch 5G ermöglichten, auf Latenzzeiten von Millisekunden und damit auf Slicing angewiesene Anwendungen.

Innerhalb der Subnetze mit unterschiedlichen Anforderungen sei Netzneutralität im Sinne der Gleichbehandlung aller Datenpakete aber auf jeden Fall gewährleistet, versichern Technologie-Experten. Es wäre also bei 5G zu unterscheiden zwischen Services mit grundlegend unterschiedlichen Ansprüchen, die am besten in unterschiedlichen, durch Slicing erzeugten Subnetzen behandelt würden sowie Diensten mit an sich gleichen oder sehr ähnlichen Bedürfnissen, die im gleichen Teilabschnitt "bedient" würden. Die Anforderungen der Chat-Nachricht, des Videostreams oder des Bremsvorgangs des selbstfahrenden Autos seien technologisch auf jeden Fall klar unterscheidbar, so dass dem jeweiligen Nutzer jeweils die bestmögliche Qualität geboten werden könne. Ob eine entsprechende technologische Unterscheidung in Subnetze politisch und rechtlich gewollt sei, müsse nun diskutiert werden.

Netzaktivist: Klassenbasierte Verkehrsdiskriminierung ist problematisch

In diesem Sinne hatte sich zuvor auch Hossein Moiin geäußert, der frühere Technikchef von Nokia Networks. Zwar werde das 5G-Netz durch Slicing für verschiedene Anwendungsgebiete aufgeteilt, führte er voriges Jahr aus. Die gesendeten Datenpakete würden innerhalb solcher virtueller Abschnitte aber gleichberechtigt behandelt. Eine Diskriminierung der Daten von Sendern und Empfängern finde nicht statt.

"Auch klassenbasierte Verkehrsdiskriminierung ist problematisch", hält dem Thomas Lohninger von der österreichischen Bürgerrechtsorganisation Epicenter.works entgegen. Die Folge sei just ein 2-Klassen-Internet, das durch die Netzneutralität eigentlich ausgeschlossen werden solle. Generell könne 5G aber auch im Einklang mit den Anforderungen an ein offenes Internet eingesetzt werden, wenn eine Anwendung den genutzten Netzwerkabschnitt ("Slice") selbst setzen dürfe. Ausgeschlossen werden müsse, dass der Netzbetreiber diese Entscheidung treffe.

Schnelles Netz für alle statt Überholspuren

5G könne den Nutzern zwar auch ein schnelleres Internet bescheren, was die Sorge vor überteuerten Überholspuren abmildere, erkennt Lohninger an. Beim Network Slicing bestehe aber Handlungsbedarf. Die Regulierer müssten zudem darauf achten, dass auf der Technik aufbauende Netzabschnitte nicht einen bevorzugten Zugang zu einer eingeschränkten Zahl an Diensten anböten, die andererseits auch über das normale Internet liefen.

Die Initiative European Digital Rights (EDRi) sieht die Sache genauso. Die beiden Organisationen unterstreichen zudem, dass bisher keine über 5G ermöglichten Spezialdienste in Sicht seien, die die EU-Vorschriften fürs offene Internet sprengten oder deren Reform erforderlich machten. Die Regulierer müssten vielmehr darauf achten, dass die künftige Mobilfunkgeneration die Netzwerkkapazitäten für alle Anwendungen erweitere, nicht nur für Spezialangebote.  (skr)


Verwandte Artikel:
T-Mobile US: Deutsche Telekom gibt 3,5 Milliarden US-Dollar für 5G aus   
(12.09.2018, https://glm.io/136539 )
Knappes Votum: US-Senat stimmt für die Netzneutralität   
(17.05.2018, https://glm.io/134438 )
Datenrate: Kommunale Versorger fordern Moonshot für den Netzausbau   
(12.09.2018, https://glm.io/136531 )
Richard Yu: Huawei plant Klappsmartphone mit großem Display   
(12.09.2018, https://glm.io/136525 )
Mobilfunklücken: Telekom nimmt 200 neue Mobilfunkstandorte in Betrieb   
(11.09.2018, https://glm.io/136506 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/