Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/stan-lee-ist-tot-excelsior-1811-136390.html    Veröffentlicht: 12.11.2018 20:22    Kurz-URL: https://glm.io/136390

Stan Lee ist tot

Excelsior!

Stan Lee ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Der langjährige Chef und Verleger von Marvel Comics war maßgeblich an der Schöpfung populärer Superhelden wie Spider-Man, Hulk, den X-Men und Black Panther beteiligt. In den letzten Jahren wurden seine Figuren vor allem im Kino erfolgreich wiederbelebt.

Als erster Comicredakteur setzte Stan Lee seinen eigenen Namen auffällig groß unter Hefttitel, schrieb regelmäßig Kolumnen und beantwortete persönlich Leserbriefe. Er wusste schon früh in seiner Karriere wie kein anderer in der Comicbranche, Nähe zu seinen Lesern aufzubauen. Viele heutige Marvel-Fans kennen ihn vor allem aus dem Kino, wo er in den meisten Verfilmungen der Comics des Verlags einen oft selbstironischen Gastauftritt hatte. Stan Lee ist im Alter von 95 Jahren in Los Angeles gestorben, wie The Hollywood Reporter und die Nachrichtenagentur AP melden.



Er galt als weltweites Gesicht und Macher von Marvel - obwohl er für den 2009 von der Walt Disney Company aufgekauften Medienkonzern seit Jahrzehnten hauptsächlich repräsentativ tätig war und ihn zwischenzeitlich sogar wegen Lizenzstreitigkeiten verklagte.



Der junge Stan Lee hatte eigentlich gar nicht vor, sich beruflich mit bunten Bildern und Sprechblasen zu beschäftigen. Durch familiäre Beziehungen landete er Ende der 30er Jahre kurz nach Schulabschluss eher zufällig bei Timely Comics. Mit einer Unterbrechung als Dramaturg in Diensten der US-Armee im Zweiten Weltkrieg erfüllte Lee drei Jahrzehnte lang generische Auftragsarbeiten. Es war seine Frau Joan, die ihn schließlich ermutigte, sich nicht überdrüssig aus der Branche zu verabschieden, sondern endlich Figuren zu entwerfen, deren Geschichten er selber gerne lesen würde.

Geschichten über Alltagshelden und Außenseiter

Als Resultat folgte Anfang der 60er Jahre mit den Fantastischen Vier der erste große Erfolg des Künstlerduos Stan Lee und Jack Kirby. Mit seinem für diese Zeit anspruchsvollen Ansatz, Superhelden neben Verbrechen und dem Weltuntergang mit typischen Alltagsproblemen normaler Menschen zu konfrontieren, reparierte Lee schrittweise den schlechten Ruf der bunten Heftchen, denen seit Ende der 50er in den USA inhaltliche Anspruchslosigkeit und obendrein ein negativer Einfluss auf Kinder nachgesagt wurde.



Timely, das mittlerweile in Marvel Comics umbenannt worden war, stieg sprungartig zum einzigen großen Rivalen des damaligen Branchenprimus DC Comics auf. Dessen überwiegend gottgleichen Helden wie Superman und Wonder Woman stellte Marvel unter Stan Lees Führung immer neue Außenseiter und menschelnde Charaktere wie die gesellschaftlich ausgestoßenen X-Men-Mutanten oder den Teenager Peter Parker alias Spider-Man gegenüber. Beide zählen, auch dank Zeichentrickserien und Kinohits, zu Stan Lees einflussreichsten Schöpfungen, mit denen er die Beliebtheit der heutzutage kaum noch relevanten Fantastischen Vier noch weit übertroffen hat.



Immer wieder wurde Stan Lee während seiner Karriere vorgeworfen, nicht zuletzt im Fernsehen und auf Fan-Conventions, so sehr das Rampenlicht für sich allein gesucht zu haben, dass seine kongenialen Partner wie Jack Kirby und Spider-Man-Miterfinder Steve Ditko in der öffentlichen Wahrnehmung nur wenig für die gemeinsamen Schöpfungen gewürdigt wurden. Insbesondere zu Kirby soll er deswegen die längste Zeit ein zerrüttetes Verhältnis gehabt haben. Tatsächlich ließ Stan Lee in Interviews jedoch kaum eine Gelegenheit aus, den kreativen Prozess zwischen ihm und seinen Zeichnern ausführlich zu beschreiben und dieser fruchtbaren Zusammenarbeit den größten Anteil am Erfolg seiner Comics zuzuschreiben.

Als Marvel-Filme noch finanzielle Flops waren



Nach vielen Jahrzenten an der Spitze von Marvel in wechselnden Positionen als Herausgeber und Chefredakteur nahm Stan Lee schon in den frühen 80ern nicht mehr maßgeblich am Schöpfungsprozess neuer Comics teil. Stattdessen zog er nach Los Angeles, um dort die ersten Versuche Marvels im Bereich Film und Fernsehen anzustoßen. Im TV funktionierte dies sowohl mit der Realserie rund um den Unglaublichen Hulk als auch den aufwendig animierten Zeichentrickserien auf Basis von Spider-Man, X-Men oder den Fantastischen Vier schon überaus erfolgreich.



Von Kinokassenrekorden der heutigen Disney-Produktionen hätte Marvel im Filmbereich dagegen nicht weiter entfernt sein können. Howard the Duck floppte im Kino gnadenlos und erlangte erst viel später als veralberter Trashfilm fragwürdigen Kultstatus. Andere Realfilmadaptionen wie Captain America erschienen gleich nur im Heimvideoverkauf und gerieten zu Recht schnell in Vergessenheit. Von Roger Cormans Umsetzung der Fantastischen Vier ganz zu schweigen, die nur aus vertraglichen Verpflichtungen heraus gedreht und danach nie offiziell veröffentlicht wurde.

Mr. Marvel schrieb auch mal für DC

Im Anschluss an seine aktive Zeit bei Marvel arbeitete Stan Lee an zahlreichen Medien- und Comicprojekten eigener Firmen wie Pow! Entertainment und anderer Unternehmen, darunter sogar Marvel-Hauptkonkurrent DC. Dessen bekannteste Superhelden interpretierte er in der Miniserie Just Imagine Stan Lee Creating ... auf seine typische Art ganz neu. An die großen Erfolge aus Marvel-Tagen konnte er jedoch nie mehr wirklich anknüpfen, für Fans weltweit ist er bis zu seinem Tod in erster Linie "Mr. Marvel" geblieben.



Nach dem Tod seiner Frau Joan Mitte 2017 - nach 70 Jahren Ehe - zeigte sich Stan Lee immer seltener in der Öffentlichkeit. Bei Autogrammstunden wirkte er geistig abwesend, musste sich etwa seinen eigenen Namen von Helfern buchstabieren lassen. Zudem führte er Prozesse gegen ehemalige Geschäftspartner und enge Vertraute, darunter seine Tochter J.C. Lee. Er warf ihr vor, seine Alterssenilität ausgenutzt und sich so Millionenbeträge erschlichen zu haben. 2018 wurden im Zuge von Hollywoods MeToo-Bewegung Vorwürfe sexueller Nötigung gegen ihn laut, die Stan Lee stets von sich wies.

Nach Angaben The Hollywood Reporter starb er in Los Angeles am Montagmorgen (Ortszeit). Stan Lees Tochter J.C. sagte TMZ: "Mein Vater hat alle Fans geliebt. Er war ein großartiger, anständiger Mensch."

Stan Lees Mut hat die Comicbranche bis heute geprägt

Stan Lees größtes Vermächtnis für die Comicbranche stellt nicht das heutige Marvel Entertainment dar, das als Teil der Walt Disney Company zuverlässig weltweit die Kinokassen dominiert. Vielmehr sind es mutige Entscheidungen, die zu ihrer Zeit nicht nur mit branchenüblichen Mechanismen, sondern auch mit gesellschaftlichen Konventionen brachen. Seine Co-Kreationen Black Panther und Luke Cage etwa waren die ersten dunkelhäutigen Superhelden auf dem Mainstream-Comicmarkt. Beide nehmen heute abermals eine Ausnahmestellung als Film- und Serienumsetzungen mit Vorreiterfunktion für mehr Vielfalt und Chancengleichheit in der Unterhaltungswelt ein.



Mit einer Spider-Man-Geschichte in Ausgabe 96 im Jahr 1971, die sich kritisch mit Drogenkonsum befasste, widersetzte sich Stan Lee als Redakteur dem damals geltenden Sittenkodex für Comics, der die Thematisierung von Drogen in egal welchem Kontext verbot. Insbesondere die Eltern jüngerer Leser belohnten Lees Enscheidung mit Lob und starken Verkaufszahlen, woraufhin sich die Comics Code Authority gezwungen sah, ihre Richtlinien zu überarbeiten.



2015 erklärte Stan Lee in einem Interview mit US-Talker Larry King auf seine typisch humorvolle Art, wirklich berühmte Leute erkenne man daran, dass Zeitungen ihren Nachruf schon zu Lebzeiten druckfertig vorbereitet haben. Golem.de kann sowohl diese These als auch die Berühmtheit Stan Lees mit dem hier vorliegenden Artikel bestätigen.  (dp)


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