Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/spider-man-im-test-superheld-mit-schwung-1809-136344.html    Veröffentlicht: 04.09.2018 16:01    Kurz-URL: https://glm.io/136344

Spider-Man im Test

Superheld mit Schwung

Am seidenen Faden durch die Straßenschluchten von New York sausen, Kämpfe mit Kleinganoven und Erzschurken: Das nur für die Playstation 4 erhältliche Actionspiel Spider-Man macht ziemlich viel richtig - ein paar Durchhänger gibt es aber.

Oje, die Miete... Gerade wollen wir als Spider-Man durch das Fenster unseres Apartments in New York springen und einen Gangsterboss festnehmen, da rutscht unter der Tür ein Brief mit der leider nicht zu übersehenden Aufschrift "Letzte Mahnung" durch. Natürlich lassen wir den Umschlag erst mal ungeöffnet liegen und kämpfen für das Gute. Aber die Sache mit der Miete könnte noch üble Folgen haben, die uns innerhalb der Kampagne ebenso beschäftigen wie die Superschurken und Kleinganoven von Manhattan.

Im Actionspiel Spider-Man steuern wir den legendären Comichelden, der im Zivilleben als Peter Parker bekannt ist. Das vom unabhängigen Entwicklerstudio Insomniac Games im Auftrag von Sony produzierte Programm beschäftigt sich nicht mit den Anfangstagen von Spidey und dem Biss der Spinne. Stattdessen haben wir es mit dem etwas älteren Peter zu tun, der in der Stadt längst bekannt ist und dessen Dauer-on-off-Beziehung zu Mary Jane gerade mal wieder auf Off steht. Auch dieser Alltagsaspekt spielt innerhalb der Geschichte eine Rolle, ebenso wie Tante May und Bürgermeister Osborn.

Trotz Wohnungssorgen, Beziehungsstress und Superschurken: Die Figur Spider-Man ist ein über weite Strecken gutgelauntes Plappermaul, das auch mitten in den härtesten Bosskämpfen gerne einen Scherz nach dem anderen raushaut. Das ist über weite Strecken ziemlich lustig, kann aber auch mal nerven, weil die Auseinandersetzungen teils ziemlich fordernd sind und zumindest wir stellenweise erst nach rund einem Dutzend Versuchen weitergekommen sind - irgendwann konnten wir dann mitreden. Trotzdem: Wir finden es sehr erfrischend, anstelle etwa eines dunklen Ritters wie Batman mal ein munteres Spinnchen zu steuern.

Das machen wir natürlich in den Straßenschluchten von New York. Als Spider-Man schwingen wir an dünnen Fäden an Wolkenkratzern vorbei, wir fliegen über Dächer und immer wieder haarscharf am Boden entlang. Die Fortbewegung ist eines der wichtigsten Elemente des Spiels - erst relativ spät können wir per Schnellreise etwa unser Labor, eine Polizeistation oder unser Apartment direkt ansteuern.

Über die rund 20 Stunden lange Hauptkampagne wollen wir an dieser Stelle nicht allzu viel verraten - uns hat die Story mit ihren vielen Überraschungen gefallen! Direkt nach dem Start begegnen wir dem Superschurken Wilson Fisk, mit dem wir uns einen langen Kampf liefern. Später bekommen wir es mit einer Gang zu tun, deren Mitglieder asiatisch anmutende Dämonenmasken tragen.

Die Einsätze der Kampagne bieten sehr viel Abwechslung. So müssen wir mal an der Decke krabbelnd leise einen Verbrecher nach dem anderen ausschalten. Wenn wir dabei auffliegen, geht es vom letzten Rücksetzpunkt von vorne los. Dann wieder gibt es unkomplizierte Bosskämpfe mit teils übermächtigen Schurken. Diese Duelle finden wir übrigens selbst auf dem einfachsten von drei Schwierigkeitsgraden noch fordernd - quasi alle anderen Abschnitte kamen uns dagegen auf der mittleren Stufe gut machbar vor. Nach dem ersten vollständigen Durchgang gibt es die vierte Stufe: ultimativ.

Außerhalb der Kampagnenmissionen können wir uns in Spider-Man frei durch New York bewegen. Wir können den Times Square mit seinen riesigen Reklameanzeigen besuchen, die Spitze des Empire State Building erklimmen und die Abendsonne am Ufer des Hudson River genießen. Das macht aus der Spidey-Perspektive, also ein paar Dutzend Meter über dem Boden, richtig viel Spaß, zumal die Steuerung beim Schwingen am Spinnenfaden gelungen ist.

Im Open-World-Modus absolvieren wir vor allem Sammelaufgaben, indem wir beispielsweise Fotos von besonderen Sehenswürdigkeiten knipsen - das Empire State Building ist eine davon. Oder wir suchen Rucksäcke, die Peter Parker vor einiger Zeit selbst mit Spinnenfäden überall in der Metropole festgeklebt hat, um an Ausrüstung für neue Gegenstände zu gelangen. Um Sehenswürdigkeiten und Rucksäcke auf der Übersichtskarte angezeigt zu bekommen, müssen wir in den neun Stadtteilen jeweils die Funktürme aktivieren, was im Grunde ebenfalls eine Sammelaufgabe ist. Diese Jobs sind relativ einfach zu erledigen, auf Rätsel oder sonstige Herausforderungen, etwa besondere Verstecke, haben die Entwickler weitgehend verzichtet - wir fanden die Sammelei auf Dauer zu eintönig.

Verfügbarkeit und Fazit

Etwas interessanter sind da schon die vielen kleinen Überfälle und sonstigen Noteinsätze, zu denen wir beim Schwingen durch die Häuserschluchten per Polizeifunk gerufen werden. Spannend wird es, wenn wir Banden ausschalten, und richtig gelungen sind einige der Verfolgungsjagden. Dann sehen wir aus luftiger Höhe ganz klein unten auf der Straße ein Verbrecherauto, das mit quietschenden Reifen um Kurven rast, während wir in Spider-Man-Manier an unseren Fäden hinterhereilen und ab und zu Pistolenkugeln oder Raketen ausweichen, bis wir das Vehikel eingeholt haben und es angreifen können.

In dem meisten Kämpfen haben wir es allerdings nicht mit Autos, sondern mit Gruppen aus drei bis acht oder neun menschlichen Gegnern zu tun. Spider-Man streitet ohne Pistolen oder Gewehre für das Gute - nämlich mit Fausthieben, Tritten und Spinnenfäden. So schalten wir die ein oder zwei Schurken mit Fernwaffen per Netzangriff vorübergehend aus, um erstmal die anderen Opponenten im Nahkampf ins Jenseits zu boxen.

Nach und nach wird das ganze komplexer, wir bekommen Extras wie Netzschüsse mit Elektroschockbolzen, können Spezialkräfte wie Fokus-Selbstheilung verwenden oder Handschuhe mit Stromschlägen. Im Talentbaum gibt's außerdem besonders wirkungsvolle Schläge zum Freischalten. Uns erinnert das Kampfsystem sehr an die Batman-Reihe von Rocksteady Games, allerdings müssen wir in Spider-Man mehr Angriffskombinationen lernen und die Ausrüstung sinnvoll einsetzen, vor allem wenn im Spielverlauf immer stärkere Gegner auftauchen. Einfach nur mit wildem Tastengedrücke landet Spidey selbst im einfachsten Schwierigkeitsgrad auf dem Gliederfüßerfriedhof.

Das Programm basiert auf einer Engine von Insomniac Games. Insgesamt macht die Grafik einen guten Eindruck, vor allem New York wirkt sehr groß und lebendig - teilweise aber auch minimal blockig. Die Sichtweite ist gut, Animationen und Zwischensequenzen sind sehr aufwendig inszeniert. Wetterwechsel gibt es gar nicht. Der Wechsel zwischen Tag und Nacht erfolgt nicht fließend, sondern etwa nach längeren Storymissionen. Wer dann einfach nur Extras sammelt, tut das bei quasi ewigem Sonnenuntergang oder Nachthimmel. Wir haben keine Unterschiede zwischen den Fassungen für die Playstation 4 und der PS4 Pro gesehen. Laut Sony läuft das Programm auf der Pro etwas flüssiger, die Bildrate ist aber laut Hersteller auf beiden Systemen auf 30 fps begrenzt. Probleme mit Rucklern hatten wir gar nicht.

Spider-Man erscheint am 7. September 2018 nur für die Playstation 4, der Preis liegt bei rund 70 Euro. Das Programm enthält keinen Multiplayermodus und keine Mikrotransaktionen. Am 23. Oktober 2018 soll das erste von drei Kapiteln einer Erweiterung namens Die Nacht, die niemals schläft erscheinen. Kapitel 2 und 3 folgen im November und Dezember 2018, alle drehen sich um die Superheldin Black Cat, der Gesamtpreis liegt bei rund 25 Euro.

In unserer eigentlich fertigen deutschen Testversion (ohne Day-one-Patch, also Version 1.01) fanden wir keine Möglichkeit, per Menü englische Sprache auszuwählen. Bei umgestellter Systemsprache gab es nur einige englische Sätze zu hören, viele andere hat das Programm vollständig weggelassen - etwa Antworten auf Peters Sätze oder den kompletten Polizeifunk. Die deutsche Sprachausgabe klingt wie eine typische TV-Sychronisation: im Grunde ganz gut, aber etwas steril. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 12 Jahren erhalten.

Fazit

Spider-Man ist ein sympathisches Actionspiel, mit dem Fans des Superhelden viele Stunden lang prima unterhalten werden. Ein Meisterwerk wie God of War oder einige andere jüngere Exklusivspiele für die Playstation 4 hat Insomniac Games aber nicht geschaffen. Die Abenteuer von Peter Parker punkten mit einer gelungenen Mischung aus interessanter Handlung, einer tollen Atmosphäre und den Massen an Extraaufgaben in der offenen Welt. Insbesondere viele Missionen der Haupthandlung sind mit ihrer Mischung aus Schleichen, Rätseln und Kloppereien wunderbar in Szene gesetzt und schön abwechslungsreich.

Während uns das Schwingen durch die Straßenschluchten von New York im Spielverlauf immer mehr Spaß gemacht hat, wirken Standardkämpfe trotz des durchaus komplexen Systems aus Schlägen, Tritten und Extras auf Dauer einen Tick zu eintönig. Auch das Freischalten der Karte über die Funktürme und Sammelaufgaben wie die Suche nach versteckten Rucksäcken bieten langfristig wenig Herausforderung - und zumindest die Funktürme lassen sich leider kaum ignorieren.

Wir könnten noch weiter mäkeln, etwa über die überladene Steuerung und über die stellenweise tolle, aber teils auch etwas schlichte Grafik. Dabei würde aber irgendwann ein falscher Gesamteindruck vermittelt - denn Spider-Man ist trotz kleiner Schwächen ein gelungenes Spiel, dem wir mit viel Freude ins Netz gehen.  (ps)


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