Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elon-musk-warum-tesla-nun-doch-an-der-boerse-bleibt-1808-136199.html    Veröffentlicht: 27.08.2018 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/136199

Elon Musk

Warum Tesla nun doch an der Börse bleibt

Gut zwei Wochen lang hielt Tesla-Chef Elon Musk mit seinen Rückzugsplänen die Börsianer in Atem. Offenbar wollte er am Ende nicht, dass Konkurrenten wie Volkswagen oder saudische Ölproduzenten über den Bau von Elektroautos bestimmen.

In den vergangenen zwei Wochen hat der Ruf von Elon Musk ziemlich gelitten. Neben dem überraschenden Tweet vom Börsenrückzug am 7. August 2018 hinterließ auch sein emotionales Interview mit der New York Times gut eine Woche später den Eindruck von einem erratischen, überarbeiteten und überforderten Firmenchef. Seine Entscheidung, den Elektroautohersteller Tesla nun doch nicht von der Börse zu nehmen, verstärkt diesen Eindruck. Dabei sind die Gründe dafür durchaus nachvollziehbar. Die Frage ist nur, warum Musk das nicht vor seiner Ankündigung im Stillen prüfen ließ.

US-Medien zufolge enthält Musks Blogeintrag vom vergangenen Freitag, in dem er seine Entscheidung begründete, nur die halbe Wahrheit. Zutreffend ist demnach in der Tat, dass wichtige institutionelle Tesla-Investoren wie T. Rowe Price, Black Rock oder Fidelity Investments ihre Anteile nicht in vollem Umfang in ein privates Unternehmen hätten einbringen können. Auch Privatanleger, von denen viele enthusiastische Tesla-Fans sind, hätten ihre Aktien abstoßen müssen.

Saudi-Einstieg nicht sicher

Was Musk als Grund nicht erwähnt: In den vergangenen Wochen hätten Banken und Investmentfirmen wie Goldman Sachs und Silver Lake versucht, neue Kapitalgeber aufzutreiben, berichtete das Wall Street Journal (Artikel hinter Paywall). Musk selbst hatte zu seiner Verteidigung bereits den saudischen Staatsfonds ins Spiel gebracht, der angeblich bereit gewesen sein sollte, stärker bei Tesla einzusteigen und den Börsenrückzug zu finanzieren.

Doch die saudische Regierung sei in der Frage gespalten gewesen, schreibt das Wall Street Journal (WSJ) unter Berufung auf informierte Kreise. Musks Äußerungen und sein Verhalten hätten bei einigen Regierungsbeamten Sorgen über dessen Gesundheitszustand und dessen Rolle bei Tesla ausgelöst. Zudem hätte die Finanzierung des Börsenrückzugs, der zig Milliarden US-Dollar kosten sollte, selbst für die Saudis ein Problem bedeuten können. Zum einen erwäge der Fonds derzeit eine Beteiligung an einem Tesla-Konkurrenten, zum anderen habe das Königreich große Pläne für den Bau einer neuen Megastadt in der Wüste. Aber auch einigen Telsa-Mitarbeitern habe es nicht gefallen, dass ausgerechnet ein Ölproduzent einen großen Anteil an dem Elektroautohersteller bekommen sollte. Von der Menschenrechtsproblematik in Saudi-Arabien ganz zu schwiegen.

Volkswagen angeblich interessiert

Die Berater hätten daher auch Ausschau nach anderen Investoren gehalten, beispielsweise Autohersteller oder andere Staatsfonds. Dem Bericht zufolge hätten die Berater am Mittwoch vergangener Woche eine Liste mit Investoren zusammengestellt, die bis zu 30 Milliarden US-Dollar aufbringen wollten. Darunter seien auch der deutsche Autohersteller Volkswagen und Silver Lake selbst gewesen. Doch Musk hege ein großes Misstrauen gegen traditionelle Autohersteller, die seiner Ansicht nach lediglich von Teslas Halo-Effekt profitieren wollten.

Darüber hinaus deuteten die Berater an, dass die neuen Investoren für ihr Geld auch ein größeres Mitspracherecht haben wollten. Jeder Geldgeber wolle seine eigenen Bedingungen diktieren. Der New York Times zufolge sollen Staatsfonds beispielsweise gefordert haben, dass Tesla dann eine Autofabrik in dem Land errichtet. Nach der Präsentation des Konzepts habe Musk daher schon Zweifel angemeldet.

Will die SEC an Musk ein Exempel statuieren?

In einem Treffen mit dem Verwaltungsrat am Donnerstag habe Musk dann seinen Rückzug vom Börsenrückzug bekanntgegeben. Doch damit ist die turbulente Episode für Tesla und Musk noch nicht beendet. Zwar soll der entsprechende Sonderausschuss bei Tesla umgehend aufgelöst worden sein, doch die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC sind damit noch nicht beendet. Diese prüft weiterhin, inwiefern Musk mit seinem Tweet vom 7. August 2018 gegen die Börsenregeln verstoßen hat.

Seine Behauptung, die Finanzierung des Börsenrückzugs zum Preis von 420 US-Dollar pro Aktie sei gesichert, hatte an dem Tag einen starken Kursanstieg der Aktie ausgelöst und Börsenspekulanten hohe Verluste eingebracht. Sogenannte Shortseller hatten anschließend eine Klage eingereicht.

Der schnelle Abschied von den Plänen macht nach Ansicht von Experten nun erst recht deutlich, wie unüberlegt Musk die Ankündigung getwittert hatte. Das sei ein Anzeichen für die "Unaufrichtigkeit des ersten Statements", zitiert die Nachrichtenagentur AP den Börsenrechtsexperten James Cox von der Duke-Universität.

Rückzug vermindert nicht den Börseneffekt

Andere Experten gehen davon aus, dass Musk die schnelle Meinungsänderung auch zu seiner Verteidigung nutzen könne. "Er könnte sagen: Ich habe lediglich das Terrain sondieren wollen. Ich habe nur laut gedacht und wollte damit niemanden in die Irre führen", sagte Peter Henning, Jura-Professor und früherer SEC-Anwalt laut AP.

Allerdings habe das keinen Einfluss auf die Auswirkungen des ursprünglichen Tweets, die von der SEC geprüft würden. "Der spätere Rückzug vermindert nicht den Effekt", sagte Henning der New York Times und fügte hinzu: "Man kann keine börsenrelevanten Informationen raushauen und dann sagen 'Vergiss es'. Das ist der Chef des Unternehmens. Seine Statements sind die des Unternehmens. Wollen sie an ihm ein Exempel statuieren? Vielleicht."

Cox geht davon aus, dass Tesla sich mit der Börsenaufsicht einigen, eine Geldbuße zahlen und versichern wird, in Zukunft keine Börsenregeln mehr zu verletzen. Ob Letzteres mit Musk funktionieren wird, kann aber wohl kein Experte derzeit voraussagen.  (fg)


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