Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/transitional-justice-vorbereitung-auf-das-ende-nordkoreas-dank-freier-software-1808-135956.html    Veröffentlicht: 12.08.2018 08:00    Kurz-URL: https://glm.io/135956

Transitional Justice

Vorbereitung auf das Ende Nordkoreas dank freier Software

Staat und zivile Vereinigungen in Südkorea wollen auf ein mögliches Ende des Regimes in Nordkoreas vorbereitet sein. Eine kleine NGO sammelt mit Hilfe von freier Software, Kartografie und Interviews Daten über die Verbrechen, um diese später aufarbeiten zu können.

Das Ende des Regimes in Nordkorea könnte "morgen, in 10 Jahren oder erst in 30 Jahren" stattfinden, sagt Dan Bielefeld auf der Keynote der diesjährigen KDE Akademy, die zurzeit in Wien stattfindet. Besonders wichtig dabei sei aus Sicht von Bielefeld und seiner Mitstreiter, vorbereitet zu sein für den Umbruch, der mit dem Ende der Diktatur in Nordkorea sehr wahrscheinlich eintreten wird. Dazu sammelt das Team Informationen über die Verbrechen des Regimes, was ohne freie und offene Software (FOSS) nur schwer umsetzbar sei, sagt Bielefeld.

In Südkorea ist der Wunsch an eine mögliche Wiedervereinigung oder zumindest die Vorbereitung darauf und auf ein Ende des derzeit herrschenden Regimes in Nordkorea weit verbreitet. So gibt es etwa ein staatliches Ministerium, das Möglichkeiten der Wiedervereinigung ausarbeitet, damit diese den Staat nicht völlig unvorbereitet trifft. Bielefeld selbst arbeitet als Techniker der kleinen Nichtregierungsorganisation Transitional Justice Working Group (TJWG). Der Begriff Transitional Justice beschreibt dabei den Aufarbeitungsprozess einer Diktatur oder Gewaltherrschaft nach einem Umbruch (englisch: transition), der etwa Wahrheitskommissionen, Strafrechtsprozesse oder Ähnliches umfassen kann.

Dokumentation der Verbrechen

Die TJWG sammelt dafür Informationen, die größtenteils auf Interviews von Personen basieren, die aus Nordkorea flüchten konnten. Einen ersten Bericht dieser Arbeiten hat das Team im vergangenen Sommer veröffentlicht und stellt diesen über seine Webseite bereit. Hauptarbeitsgebiet ist hierbei die Dokumentation von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und vor allem den Ort des Auftretens dieser: also etwa den Ort einer öffentlichen Hinrichtung, der berüchtigten Lager oder auch von Massengräbern.

In der Geschichte gibt es viele Beispiele für derartige Verbrechen, die im Nachhinein versteckt werden sollten, damit die Nachwelt diese nicht im Rahmen der Transitional Justice aufarbeiten kann. Bekannt ist etwa der Versuch des Nazi-Regimes, das Vernichtungslager Treblinka komplett einzuebnen und mit der Attrappe eines Bauernhofes zu tarnen. Ebenso fertigten die serbischen Truppen, die den Genozid in Srebrenica verübten, wenige Dokumente über ihre Taten oder Massengräber an und betteten die Leichen der Opfer nach den Taten teilweise sogar in weiter entfernte Gebiete um, um die Gräber und Morde zu vertuschen.

Die TJWG möchte diesem Vertuschen der Täter im Falle Nordkoreas etwas entgegenstellen, soweit dies eben möglich ist, wofür das Team auf vielfältige freie Software setzt.

Mit Karten und freier Software für Gerechtigkeit

Wie erwähnt, versucht das Team der TJWG, verschiedene Verbrechen zu kartografieren. Dabei wollen und müssen die Beteiligten die gewonnenen Daten möglicherweise über mehrere Jahrzehnte vorhalten. Mit proprietärer Software und vor allem auch proprietären Datenformaten wäre dies aus Sicht Bielefelds, dem Techniker der Gruppe, nur schwer vorstellbar.

Wichtigste Software für ihr Anliegen ist dabei das Geoinformationssystem QGis sowie Postgis, das es einfach ermöglicht, Geodaten und -Objekte in dem Datenbanksystem PostgreSQL zu speichern. Ebenso verwendet die TJWG für ihre Arbeit Openstreetmap-Daten und wertet diese aus. Das gilt insbesondere für die Daten über die Verwaltungsgliederung Nordkoreas, die sich im Laufe der Jahre wie wohl in jedem anderen Land auch, ändern kann.

Aus nachvollziehbaren Gründen will die TJWG ihre Daten aber geheim halten. Laut Bielefeld fürchtet die Organisation, dass bei einer Veröffentlichung der bereits erhobenen Daten das nordkoreanische Regime die dokumentierten Orte "aufräumt" und die Verbrechen damit wieder vertuscht. Immerhin hat das nordkoreanische Regime wohl kein Interesse daran, dass dessen Verbrechen bekannt werden oder irgendwann aufgearbeitet werden könnten.

Aus dieser Notwendigkeit der Geheimhaltung ergibt sich ein weiteres Problem für die TJWG, was Bielefeld mit dem Satz: "Die nordkoreanischen Hacker sind sehr gut" zusammenfasst. Das Vertrauen in die Integrität der verwendeten Software und vor allem in die abgesicherte Kommunikation der Beteiligten schaffe auch hier nur freie Software, sagt Bielefeld.

Ebenso mache sich die kleine Organisation nicht abhängig von bestimmten Herstellern, damit diese Art der sicheren Kommunikation dauerhaft aufrecht erhalten werden kann. Was dem noch recht jungen und mit wenigen Ressourcen ausgestatteten Team laut Bielefeld ebenfalls hilft, ist die kostenlose Verfügbarkeit freier Software sowie die Community, die vor allem Bielefeld als IT-Beauftragten hilfreich zur Seite steht.  (sg)


Verwandte Artikel:
Akademy: Plugins entfernen ist für KDE keine Lösung   
(13.08.2018, https://glm.io/135965 )
Trend Micro: Nordkorea nutzt geklauten Virenscanner mit Malware   
(02.05.2018, https://glm.io/134190 )
Apple: iPhone 3GS wird in Südkorea wieder verkauft   
(14.06.2018, https://glm.io/134967 )
Gegen Überstunden: Seoul will Beamten abends die PCs abschalten   
(26.03.2018, https://glm.io/133516 )
IT-Sicherheit: Der Angriff kommt - auch ohne eigene Fehler   
(02.01.2018, https://glm.io/131790 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/