Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/we-happy-few-im-test-freude-oder-abspann-nach-drei-minuten-1808-135908.html    Veröffentlicht: 09.08.2018 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/135908

We Happy Few im Test

Freude oder Abspann nach drei Minuten

Anspruchsvolle Abenteuer wie Bioshock und Dishonored waren offenbar Vorbild für We Happy Few. Wer mag, kann die Kampagne des Action-Adventures fast sofort nach dem Start abschließen - oder sich in eine dystopische 60er-Jahre-Parallelwelt stürzen.

Den Bürgern von Wellington Wells geht es super! Sie haben immer ein breites Grinsen im Gesicht und feiern den ganzen Tag Partys. Kleiner Detailfehler im Action-Adventure We Happy Few: ohne eine Droge namens Freude würden die Bürger ihre Welt gar nicht mehr toll finden. Was mit den Pillen wie ein Schmetterling aussieht, ist ohne Psychopharmaka einfach nur ein Stück Erbrochenes, und statt auf eine fröhlich-bunte Pinata-Puppe schlagen die Bürger während einer Feier auf eine tote Ratte ein.

Kein Wunder: Das in einer Parallelwelt angesiedelte Wellington Wells ist zwar in den 60er Jahren angesiedelt, es leidet aber immer noch unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Die Anspielungen auf das große Schlachten sind in We Happy Few sehr direkt, ein Passant (ohne die Droge) erzählt etwa bedrückt von seiner Flucht aus Dünkirchen.

Wir spielen am Anfang der Kampagne aus der Ich-Perspektive einen gewissen Arthur, der eigentlich (unter Droge) für die staatliche Zensurbehörde arbeitet. Gleich am Anfang können wir eine Freude-Tablette zu uns nehmen - dann ist das Spiel beendet und wir sehen den Abspann. Alternativ können wie die Pille in den Mülleimer pfeffern. Das hat dramatische Folgen.

Wir werden zum Außenseiter, so dass uns die Polizei und einige andere Bürger jagen. Und wir erleben ein Abenteuer, das je nach Menge der absolvierten Nebenmissionen und unserer Vorgehensweise bis zu rund 20 Stunden dauert. Später steuern wir neben den auf Nahkämpfe spezialisierten Arthur auch den Schusswaffenexperten Ollie und die Wissenschaftlerin Sally, die besonders gut schleichen kann.

We Happy Few bietet eine Mischung aus Kämpfen, Schleichpassagen, dem Absuchen von Schränken nach Ausrüstung und Questgegenständen; dazu kommen Dialoge und Zwischensequenzen. Die Mischung erinnert an Titel wie Bioshock oder Dishonored. Ein kleiner Unterschied: Nicht alle, aber viele der frei erkundbaren Umgebungen zwischen Missionsgebieten sind prozedural generiert, sehen also bei jedem Durchgang ein bisschen anders aus.

Grund hierfür ist, dass We Happy Few lange Zeit ein anderes Spiel mit wesentlich mehr Sandbox-Elementen werden sollte. Erst in den vergangenen Monaten haben die Entwickler von Compulsion Games, das übrigens seit kurzem zu Microsoft gehört, das Programm in ein Abenteuer mit einer stärker linearen Handlung umgestrickt.

Eine typische Mission gleich am Anfang schickt uns etwa in eine Festung von Banditen, wo wir die Kriegsmedaillen eines älteren Herren besorgen sollen - erst dann will er uns einen Schlüssel geben, der einen weiteren Teil der Umgebung freischaltet. In der Banditenfestung tappen wir mit etwas Pech aber in eine Falle, müssen dann in einer Arena um unser Leben kämpfen und am Ende auch noch Feinde durch Schleichangriffe abservieren.

Vor allem das Schleichen macht uns Spaß in We Happy Few: Wir sehen die Fußabdrücke der Gegner, so dass wir sie mit etwas Geschick ausmanövrieren können. Es gibt weitere Optionen, beispielsweise können wir uns in Mülltonnen verstecken oder Feinde mit einem Flaschenwurf ablenken, um sie dann von hinten mit einem Würgegriff abzumurksen.



Verfügbarkeit und Fazit

Unter anderem durch erfolgreich absolvierte Missionen bekommen wir Punkte, mit denen wir unsere Fertigkeiten verbessern können. So lässt sich die maximale Gesundheit steigern oder unsere Fausthiebe richten mehr Schaden an. In den auffällig gut gemachten Menüs finden sich noch mehr Möglichkeiten, um uns das Leben etwas zu erleichtern: Wir können allerlei Gegenstände herstellen, mit denen wir unsere Skills kurzfristig optimieren können. Übrigens wirken die Menüs auffallend durchdacht und schön gestaltet.

Es gibt noch eine kleine Besonderheit in We Happy Few: Den Schwierigkeitsgrad können wir deutlich weitgehender als sonst üblich unseren Wünschen anpassen. Wir können mit Permadeath spielen, so dass wir bei einem virtuellen Tod ganz von vorne beginnen müssen. Weitere Optionen gibt es bei der Nahrung und dem Schlaf, den wir benötigen, sowie separat davon bei den Anforderungen der Kämpfe.

Die Grafik auf Basis der Unreal Engine 4 wirkt sehr durchwachsen. Es gibt hübsche Wälder und schöne Gebäude, außerdem sind einige Zwischensequenzen grandios aufbereitet. Andere wirken dagegen wie simple Skripts und viele Texturen sehen matschig aus. Auch bei den Animationen und den Licht- und Schatteneffekten kann das Programm über weite Strecken nicht mit anderen aktuellen Titeln mithalten - auch wenn es zwischendurch immer wieder sehenswerte Abschnitte gibt.

We Happy Few ist ab dem 10. August 2018 zum Preis von rund 70 Euro für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Das Spiel ist aufwendig vertont, die Sprachausgabe klingt allerdings sehr umgangssprachlich-britisch und ist entsprechend schwierig zu verstehen; wer mag, kann deutsche Untertitel aktivieren.

Einen Multiplayermodus oder Mikrotransaktionen gibt es nicht. Über den Season Pass soll es drei weitere Einzelspieler-Erweiterungen geben sowie einen anpassbaren Survivalmodus - das bedeutet nach unserem aktuellen Wissensstand, dass man die Größe und Gefahrendichte der prozedural generierten Umgebungen verändern kann. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 16 Jahre erhalten.

Fazit

Man muss keine Drogen einwerfen, um mit We Happy Few relativ viel Spaß zu haben. Mit seinen vielen Anspielungen auf die echte Welt und die Historie bietet das Programm intelligente Action. Es ist interessant, hinter die Geheimnisse von Wellington Wells zu kommen und herauszufinden, was ohne bunte Pillen vor sich geht.

Allerdings sollten sich Spieler darüber im Klaren sein, dass man den verschlungenen Entstehungsprozess des Programms stellenweise spürt. Die Handlung ist längst nicht so hochglanzpoliert wie ein Bioshock, aber auch einige Sandbox-Elemente wirken nur halb ausgereift. In der Praxis heißt das, dass man relativ viel Zeit mit der Suche nach Gegenständen, Extras und Aufgaben verbringen kann - das ist oft, aber eben nicht immer unterhaltsam.

Richtig Spaß hat uns We Happy Few vor allem dann gemacht, wenn wir schleichen oder anderweitig mit Tricks vorgehen konnten. Die Menüs und sonstigen interaktiven Elemente des Spiels sind teils so gut aufbereitet und gestaltet, dass sie durchaus als Vorbild für andere Titel dienen können. Die Kämpfe dagegen sind manchmal seltsam hektisch - ein ganz großes Problem ist das aber nicht.

Unterm Strich ist We Happy Few ein gelungenes Programm, mit dem sich leidenschaftliche Gamer durchaus beschäftigen sollten, weil es Spieltiefe mit ungewöhnlichen Ideen verbindet. Wer einfach nur ein paar Stunden unkomplizierte Beschäftigung sucht, wirft besser gleich nach dem Start die Freude-Pille ein.

 (ps)


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