Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/disenchantment-angeschaut-fantasy-kurzweil-vom-simpsons-schoepfer-1808-135870.html    Veröffentlicht: 07.08.2018 09:08    Kurz-URL: https://glm.io/135870

Disenchantment angeschaut

Fantasy-Kurzweil vom Simpsons-Schöpfer

Mit den Simpsons ist er selbst Kult geworden, und Nachfolger Futurama hat nicht nur Sci-Fi-Nerds mit einem Auge für verschlüsselte Gags im Bildhintergrund begeistert. Bei Netflix folgt nun Matt Groenings Cartoonserie Disenchantment, die uns trotz liebenswerter Hauptfiguren in Märchenkulissen allerdings nicht ganz zu verzaubern weiß.

Das Spoiler-Potenzial ist bei Disenchantment gering, da die grobe Haupthandlung keine bedeutende Rolle spielt. Trotzdem halten wir uns in dieser Kritik mit Details zurück, so dass wir möglichst niemandem den Spaß verderben.

Prinzessin Bean ist auf der Flucht. Nicht vor einem Drachen oder der bösen Stiefmutter, sondern vor ihrer Zwangsverheiratung. Dabei stolpert sie über den frechen Dämon Luci, der als passionierter Raucher mit sarkastischer Attitüde an den Roboter Bender Bending Rodriguez aus Futurama erinnert. Ein ins Exil geschickter Elf mit dem weniger originellen Namen Elfo komplettiert das oft trottelige, nicht immer rechtschaffene, aber stets liebenswerte Heldentrio von Disenchantment, der neuen Cartoonserie des Simpsons- und Futurama-Schöpfers Matt Groening.

1989 starteten die Simpsons beim US-Fernsehsender Fox, heute sind sie die langlebigste Zeichentrickserie aller Zeiten. Während die gelbe Familie aus Springfield im Herbst in ihre 30. Staffel geht, war für Groenings Nachfolgeshow Futurama bereits nach sieben Staffeln Schluss. Dennoch sind beide Serien aus der Popkultur nicht wegzudenken. Wird Groenings neue Fantasy-Cartoon-Show Disenchantment bei seinen Fans ähnlichen Kultstatus erlangen? Wir glauben nach Sichtung der ersten fünf Folgen im englischen Originalton nicht daran, auch wenn wir oft schmunzeln mussten.

Von Hänsel und Gretel im Ofen gebraten

Den schrullig-charmanten Hauptfiguren Bean, Luci und Elfo ist es zu verdanken, dass wir dem Geschehen gerne weiter folgen, obwohl die einzelnen Episoden mit ihren kleinen Geschichten beliebig vor sich hin plätschern. Es gibt zwar eine grobe Rahmenhandlung, die kommt jedoch nur schleppend in Gang. Auch für sich selbst betrachtet hat keine Episode von Disenchantment ansatzweise so viel Story zu bieten wie jede beliebige Simpsons- oder Futurama-Geschichte bei gleicher Laufzeit.

Was den Humor angeht, scheinen Groening und seine Coautoren ebenfalls ein wenig eingerostet - die meisten Witze sind nur für ein Lächeln gut. Wenn Elfo etwa von Hänsel und Gretel im Ofen gebraten wird, sich aber mehr darum sorgt, dass er gegen den Apfel in seinem Mund allergisch ist, lachen wir mehr über seine unbekümmerte Art als über den Witz an sich. Dass seine Peiniger im englischen O-Ton mit deutschem Akzent sprechen, geht dann mehr in Richtung müdes Lächeln.

Während Disenchantment viele leicht amüsante Charaktermomente zu bieten hat, fehlen Anspielungen auf bekannte Fantasy-Werke wie Game of Thrones oder Der Herr der Ringe in den von uns gesichteten Episoden überraschenderweise beinahe komplett. Überraschend deswegen, weil besonders Futurama in seinem Sci-Fi-Genre stets mit viel humoristischem Mehrwert für kundige Nerds glänzte.

Es war einmal eine Prinzessin ohne Manieren

Klassische Märchenelemente werden eher parodiert, dabei beschränken sich Groening und seine Autoren jedoch nur auf die größten, schon häufig anderswo parodierten Klischees. Dass eine Prinzessin auch tough sein kann und ein Elf von der Dauerfröhlichkeit seiner immerzu singenden Verwandten genervt ist, ließ schon beim dritten Shrek- oder den Sieben-Zwerge-Filmen von Otto Waalkes mit Sicherheit keinen Märchen- oder Fantasy-Nerd mehr in schallendes Gelächter ausbrechen. Wenn eine schlanke Frau mit starrem Blick und osteuropäischem Akzent und ein rothaariger, aufbrausender König mit radikalen Ansichten auftreten, ist kaum zu übersehen, dass US-Präsident Donald Trump und seine Gattin Melania unfreiwillig Pate für die Eltern von Prinzessin Bean standen. Bei oberflächlichen Ähnlichkeiten hört es aber schon auf, satirische Kommentare mit Bezug zum realen Weltgeschehen á la South Park oder einigen der besseren Simpsons-Folgen bleiben in Disenchantment blass bis unsichtbar.

Im Vergleich zu Groenings bisherigen Serien machen wir etwas Farblosigkeit in Teilen auch beim Zeichenstil aus. Die Farbpalette im Kingdom of Dreamland ist weniger knallig und mehr an natürliche Erd- und Wiesentöne angelegt, was an klassische Bebilderung europäischer Märchengeschichten erinnert. Dass die Bewohner des Königreichs nichtsdestotrotz entfernte Verwandte der Simpsons- und Futurama-Charaktere sind, ist an ihren Glubschaugen und dem typischen Überbiss erkennbar.

Sympathisch naiv, doch die Konkurrenz ist enteilt

In wenigen Momenten nutzt Disenchantment den aus Futurama bekannten CGI-Cartoon-Look mit zusätzlicher räumlicher Tiefe, etwa bei kurzen Kamerafahrten zum Schloss von König Zøg. Im Vergleich zu seinen Serienvorgängern nahmen Detailverliebtheit und Abwechslung der Kulissen allerdings merklich ab, und es gibt um die Helden herum kaum noch Anspielungen oder charmante Kleinigkeiten zu entdecken. Etwas zugenommen hat dagegen der drastische, wenn auch cartoonhaft verniedlichte Gewaltgrad - hier erkennen wir vielleicht doch den Einfluss von HBOs Game-of-Thrones-Adaption. Nur, dass dabei zum Beispiel niedliche Klabauter und riesige Oger ein blutiges Gemetzel aufgrund ihres Größenunterschieds absurd komisch aussehen lassen.

Fünf Jahre haben Fans nach dem Serienaus für Futurama auf eine neue Schöpfung Groenings gewartet - und dürften jetzt ein wenig, wenn auch nicht komplett enttäuscht sein. Ganz begeistert hat uns die Zeichentrickshow in den fünf vorab gesichteten Folgen zwar nicht, trotzdem finden wir, dass die bereits verkündete Fortsetzung für Netflix Sinn ergibt. Knapp halbstündige Episoden sind ideal für zwischendurch, und obwohl ihr Humor bei weitem nicht an die Simpsons oder Futurama herankommt, sind Bean, Elfo und Luci mit ihrer sympathisch-naiven Art kurzweilige Unterhaltung. Wem das nicht genügt, der ist bei der weit enteilten Konkurrenz von Rick & Morty und South Park nach wie vor besser aufgehoben und bekommt bei den Simpsons Ende des Jahres auch schon wieder Nachschub.

Disenchantment erscheint am 17. August 2018 im Streamingangebot von Netflix.  (dp)


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