Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hdr-capture-im-test-high-end-streaming-von-der-couch-aus-1808-135689.html    Veröffentlicht: 02.08.2018 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/135689

HDR-Capture im Test

High-End-Streaming von der Couch aus

Was bringen all die schönen neuen Farben auf dem 4K-HDR-TV, wenn man sie nicht speichern kann oder während des Livestreams nicht mehr selber sieht? Avermedia bietet mit den Capture-Karten Live Gamer 4K und Live Gamer Ultra erstmals bezahlbare Lösungen an. PC-Spieler sehen mit ihnen sogar bis zu 240 Bilder pro Sekunde.

Das traumhafte Fallrückziehertor in Rocket League, der gelungene Abschuss mit der letzten geladenen Patrone in Overwatch oder das berühmte Chicken Dinner in Pubg - es gibt genügend Anlässe, die großen Spielmomente in bestmöglicher Qualität festhalten zu wollen - in 4K, bei flüssigen 60 Bildern pro Sekunde, und bitte in High Dynamic Range (HDR). Wozu hat man denn den teuren 4K-HDR-TV gekauft, wenn man zum Streamen wieder in den Keller gehen muss? Zu diesem Zweck bieten Konsolen inzwischen Optionen, um Videos der eigenen Leistungen direkt auf der Hardware zu sichern. Auf dem PC ist Aufnahmesoftware wie Shadowplay oder OBS seit Jahren verbreitet und etabliert.

Dieser einfache Weg zum Aufnehmen oder Streamen von Inhalten ist aber aus zwei Gründen nicht ideal. Zum einen benötigen Softwarelösungen auf dem PC CPU- und GPU-Ressourcen. Zum anderen sind die Ergebnisse durch Kompromisse bei der Komprimierung auf den Konsolen nicht hochauflösend, haben eine zu geringe Bitrate und echtes HDR bieten sie ebenfalls nicht.

Bequemes Streaming in 4K und mit HDR?

Der Status quo bei der oben angesprochenen bestmöglichen Qualität liegt Mitte 2018 bei einer Auflösung von 3.840 x 2.160 Bildpunkten. Die optimale Bildrate beträgt 60 Bilder pro Sekunde (fps) und sollte auch, wenn möglich, mit erhöhter Farbtiefe und bestmöglichem Kontrast durch HDR übertragen werden. Die Aufnahme von solch hochwertigem Material war bisher nur durch externe SSD-Rekorder wie den Atomos Ninja Inferno möglich. Der ist aber eigentlich für den Dreh mit modernen Filmkameras gedacht und mit über 1.000 Euro sehr teuer. Und streamen kann man mit ihm auch nicht.

Genau hier kommt Avermedia mit zwei neuen Aufnahmemöglichkeiten ins Spiel. Das Unternehmen bietet mit den Capturekarten Live Gamer 4K GC 573 und Live Gamer Ultra GC 553 Lösungen für den Einsatz in Desktop-PCs über PCIe und extern via USB 3.1 an. Beide ermöglichen es, ein hochwertiges 4K60-HDR-Signal anzunehmen und ohne Verzögerung weiterzugeben.

Die interne PCIe-Karte Live Gamer 4K zeichnet auf Wunsch das volle anliegende 4K60-HDR-Videosignal auf, ohne größere Kompromisse. Optional können auch Videosignale von leistungsstarken Spiele-PCs mit zwar geringerer Auflösung, aber dafür höherer Bildrate verarbeitet werden, zum Beispiel 1.440p bei 144 oder 1.080p bei 240 Bildern pro Sekunde. Ultrawide-Auflösungen nimmt die Karte ebenfalls an.

Das Maximum der mobilen Live Gamer Ultra liegt bei einer Sicherung von Material mit 4K und 30 fps, HDR kann sie ebenso, das allerdings nur bei 1080p und 60 fps. Das weitergeleitete Signal wird durch die Verarbeitung nicht beeinflusst. Um diese High-End-Aufnahmen zu sichern, benötigen Nutzer entsprechend moderne Hardware.

Hohe Systemvoraussetzungen

Um diesen technologischen Sprung in der Signalqualität zu ermöglichen, sind zwei Komponenten essenziell. Nutzer benötigen mindestens 16 GByte RAM, einen Intel-Core-i5-Prozessor der sechsten Generation (Skylake oder neuer) und eine Geforce GTX 1060 von Nvidia. Ohne die aktuelle Pascal-Generation von Nvidia ist es nicht möglich, HDR-Videos abzuspeichern, die Optionen dafür werden beispielsweise selbst mit einer sehr performanten Geforce GTX 980 Ti ausgegraut.

Die hohen Systemvoraussetzungen sind laut Avermedia nötig, um die großen unkomprimierten Dateien verarbeiten zu können (DMI3 zwischen CPU und Chipsatz sowie DDR4 erst ab Skylake) und unablässig für das Encoding mit dem HEVC-Codec (H.265).

Die Capture-Karten haben beide jeweils einen HDMI-2.0-Ein- und -Ausgang. Beiden liegt ein passendes kurzes Kabel bei. Durch die Limitierung des HDMI-2.0-Standards lässt sich maximal ein HDR-Signal bei 4K im Farbraum YUV 4:2:0 aufnehmen. Volles RGB 4:4:4 oder YUV 4:2:2 ist nicht möglich. Die Konsolen zeigen diesen Umstand auch direkt an, sobald sie mit den Capture-Karten verbunden werden.

Nutzung mit älteren PCs

Wir haben die Live Gamer 4K und Live Gamer Ultra dennoch auch mit einem Intel Core i7-4770K Haswell und der angesprochenen Geforce GTX 980 Ti ausprobiert. Signale bis zu 4K60 mit HDR werden auch hier problemlos an den TV weitergegeben. Allerdings gibt es tatsächlich Einschränkungen bei Aufnahme und Livestreaming.

So ist es mit diesem ansonsten durchaus noch modernen PC maximal möglich, 4K-Signale mit 30 Bildern pro Sekunde im bewährten H.264-Codec zu sichern. 1440p-Signale lassen sich bereits mit 60 fps speichern und 1080p-Signale mit 120 fps - alles ohne HDR.

HDR-Aufnahmen sind möglich, sobald wir nur die Grafikkarte austauschen. Setzen wir zum Beispiel statt der Geforce GTX 980 Ti eine Geforce GTX 1060 ein, ist die HDR-Aufnahme zumindest in 1080p mit 60 fps möglich, während das volle 4K60-HDR-Signal an den Fernseher weitergeleitet wird. 4K60 mit HDR aufzeichnen klappt nicht, solange der Core i7-4770K verbaut ist.

HDR-Aufnahmen nur mit RECentral

Für die neuartigen HDR-Spielaufzeichnungen muss die mitgelieferte Software RECentral genutzt werden. Mit OBS, Streamlabs oder XSplit ist die HDR-Verarbeitung noch nicht möglich. Das liegt am fehlenden H.265-Codec und dem Tone-Mapping, das diese Programme nicht leisten. HDR-Signale würden deshalb farbarm, wie mit einem Grauschleier überzogen aussehen. Die CPU-Auslastung liegt bei einer Bitrate von 150.000 KByte pro Sekunde bei sehr guten 20 bis 30 Prozent. Die Software nutzt stets alle verfügbaren Threads und Kerne. Die Grafikkarte wird mit bis zu zehn Prozent beansprucht. Viel höhere Auslastungsmessungen konnten wir nur mit OBS erzielen, wo beim Encoding auch mehr Freiheit geboten wird.

RECentral hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sehr brauchbaren Lösung für das Aufzeichnen und Streamen von Inhalten entwickelt. Wir sind überrascht, wie stabil die Software von Avermedia läuft. Teststreams an eine oder mehrere Plattformen gleichzeitig laufen stabil und die Optionen sind übersichtlich. Nutzer können weitere externe Quellen hinzufügen und Bildinhalte frei arrangieren - deutlich besser als zum Beispiel in Elgatos Game-Capture-Software, aber auch nicht so komplex und intuitiv wie in OBS. Besonderes Augenmerk gilt natürlich dem HDR-Tone-Mapping, also die Konvertierung vom HDR- zum SDR-Signal zur Weiterverarbeitung beim Stream oder Videoschnitt.

Von HDR zu SDR, von 5.1-Sound zu Stereo

Für eine HDR-Aufnahme muss zwingend ein HDR-fähiger Bildschirm am HDMI-Ausgang angeschlossen sein. Wer den PC mit den Capture-Karten an einem SDR-Bildschirm nutzt, bekommt ein durch Tone Mapping konvertiertes Signal in Echtzeit zu Gesicht. Im Normalfall speichert man eine zu SDR konvertierte Fassung auf seinem Rechner. Erst durch den manuellen Druck auf den HDR-Knopf in RECentral wird automatisch der Codec von H.264 auf H.265 gewechselt und HDR-Aufnahmen werden möglich.

Über ein Auswahlmenü und Profile lassen sich die Signale auch herunterskaliert sichern. Wie erwähnt, haben wir so zum Beispiel ein HDR-Video in 1080p und 60 Bildern pro Sekunde gespeichert, obwohl das Signal in 4K vorlag - quasi Supersampling.

Mit Final Cut Pro X, Adobe Premiere oder Cyberlink Power Director 15 lassen sich Dateien laut Avermedia editieren. Für Letzteres liegt ein Produktschlüssel bei - wir konnten damit aber noch kein HDR-Video schneiden. Cyberlink will das passende Update bald nachreichen, wurde uns von Avermedia bestätigt.

Ruckelnde Videos

Sollten die Capture-Karten mit PCs unter den Mindestanforderungen genutzt werden, muss man aufpassen, welche Bildrate tatsächlich am PC ankommt. Sobald dieser Wert nicht stabil bei 30 oder 60 fps liegt, raten wir von der Aufnahme ab. Videos mit variabler Bildrate scheint RECentral nicht encoden zu können. Unsere Ergebnisse waren jedenfalls alle unbrauchbar.

Löblich ist die sehr geringe Eingabeverzögerung des Vorschaubildes bei 60 fps. Spiele, bei denen es nicht um millisekundengenaue Eingaben geht, lassen sich problemlos mit dem Vorschaubild spielen. Im Vergleich mit dem Gaming-Monitor Viewsonic XG 2530 konnten wir nur einen zusätzlichen Frame, also eine Verzögerung von circa 16 Millisekunden, messen. Bei der Aufnahme mit 30 fps ist die Verzögerung deutlicher spürbar.

Und was ist mit Mehrkanalsound?

Die Live Gamer 4K und Live Gamer Ultra bieten laut Herstellerangaben die Möglichkeit, auch Mehrkanalsound durchzuschleifen. Das würde tatsächlich einen optimalen Spielgenuss in 4K60 mit HDR und 5.1 ermöglichen bei gleichzeitiger Aufnahme oder Streaming. Uns ist es im Test aber nicht gelungen, den Capture-Karten etwas anderes als ein Stereosignal abzugewinnen.

In allen möglichen Reihenfolgen und verkabelten Varianten haben wir unseren Onkyo-Audio-Receiver, einen Philips OLED 9002 und die Capture-Karten ausprobiert - stets blieb der Sound maximal bei zwei Kanälen. Führen wir das Audiosignal über HDMI zuerst in den Audio-Receiver und von dort in die Capture-Karte, bekommen wir Mehrkanalton - allerdings kein Bild mehr, da dann die HDCP-Verschlüsselung eingreift.

So bleibt eines der interessantesten Features der Capture-Karten, die High-End-Gaming ermöglichen sollen, leider bisher auf der Strecke.

Störender Lüfter, blinkende Lichter

Die mobile Capture-Karte Live Gamer Ultra wird durch einen kleinen Lüfter gekühlt, der hörbar ist. Zwar kann man sich an das Surren gewöhnen. Wer aber an einem stillen Arbeitsplatz sitzt, kann ihn nicht überhören. In diesem Bereich arbeiten Elgatos Capture-Karten deutlich angenehmer, nämlich lautlos.

Die Live Gamer 4K haben wir im Alltag nicht gehört, sie ist aber auch durch das Desktopgehäuse isoliert. Sie hat unter der Verkleidung einen kleinen passiven Kühlkörper.

An den Seiten ist das Avermedia-Logo der Live Gamer 4K mit RGB-LEDs ausgestattet, die entweder den aktuellen Status der Karte anzeigen oder individualisiert werden können.

Betrieb unter Mac OS und Linux möglich

Zumindest die mobile Live Gamer Ultra kann unter Mac OS High Sierra und Linux (Ubuntu) genutzt werden und benötigt für den Einsatz nicht einmal zusätzliche Treiber.

Wir haben die Capture-Karte an einem Mac Pro (2013) und einem Macbook Pro (2015) ausprobiert und waren von den Ergebnissen positiv überrascht. Zwar gibt es keine Möglichkeit, HDR-Videos zu sichern, da es kein RECentral auf den Plattformen gibt, aber die Signale wurden dennoch mit Tone Mapping angezeigt und konnten in OBS als Quelle hinzugefügt werden.

Das dürfte einige Mac-Nutzer freuen. Elgatos Game-Capture-Karten laufen im Vergleich bis heute nicht nativ unter Mac OS. Durch die Live Gamer Ultra haben sie nun neben Blackmagics Decklink-Karten eine weitere Alternative, um Spiele direkt von Mac OS aus zu streamen oder aufzuzeichnen. Ob das ruckelfrei gelingt, hängt natürlich wiederum von der CPU und der Bitrate ab. Wir spielen im Test zum Beispiel God of War in 4K und HDR am TV, während wir mit dem Macbook das Ganze in 1080p bei 30 Bildern pro Sekunde in SDR (5.000 KByte) streamen.

Im ersten ernsten Livebetrieb beim Stream von No Man's Sky Next ließ uns die Capture-Karte aber im Stich und stürzte nach 10 Minuten ab. Wir mussten zurück zu Windows wechseln.



Verfügbarkeit und Fazit

Avermedias Capture-Karten Live Gamer 4K und Live Gamer Ultra sind in Deutschland über Amazon.de im Handel. Die Live Gamer 4K kostet dort 300 Euro, die Live Gamer Ultra 250 Euro.

Fazit

Wenn man sich vor Augen führt, dass Avermedias Capture-Karten mit der Kombination aus Intel Core i5-6400 und Geforce GTX 1060 besser funktionieren als mit einem Core i7-4770K und Geforce GTX 980 Ti, klingt das schon sehr merkwürdig. Immerhin ist die ältere Kombination mit Haswell-CPU deutlich schneller in Spielen und auch in After Effects. Dennoch beweist dieses Beispiel, was sich gerade im Hintergrund beim Encoding mit H.264 und HEVC allgemein getan hat.

Mit der passenden Hardware sind Avermedias Capture-Karten vergleichsweise günstige und mächtige Werkzeuge für Streamer, die sich nicht den Luxus nehmen lassen wollen, das bestmögliche Bild bei ihrer Arbeit zu sehen.

Schade, dass der kleine Lüfter auf der Live Gamer Ultra so störend surrt, ansonsten wäre die mobile Variante durch den flexiblen Einsatz an Notebooks unser Favorit im Test geworden. Kaum ein Spiel läuft aktuell in 4K bei vollen Details bei 60 Bildern pro Sekunde, weshalb 4K30 hier ausreichend erscheint.

Bei der Live Gamer 4K stört keine Belüftung. Leider wird der Einsatz eines Desktop-PCs im Wohnzimmer für die meisten Nutzer aber sehr unpraktisch sein, schließlich müssen dann mindestens auch ein weiterer Bildschirm, Maus und Tastatur dazu.

Wir hätten das dennoch gemacht, wenn wir nicht auf die Probleme beim Duchschleifen des Mehrkanaltons gestoßen wären. Wenn wir schon beim Aufnehmen oder Streamen vor dem 4K-HDR-OLED sitzen, wollen wir auch mindestens den passenden 5.1-Sound. Dieser lässt sich aber zumindest mit unseren Komponenten nur mit sehr vielen verschiedenen Kabeln und Adaptern für alle Konsolen gleichzeitig realisieren.

Trotz dieser Unwegsamkeiten begrüßen wir die neuen Capture-Karten von Avermedia und halten sie für sehr funktionale Produkte, die den HDR-Standard weiter in die Mitte der Spielerschaft rücken.  (mw)


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