Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sysadmin-day-2018-fallschirmspringen-und-rufbereitschaft-1807-135636.html    Veröffentlicht: 27.07.2018 09:03    Kurz-URL: https://glm.io/135636

Sysadmin Day 2018

Fallschirmspringen und Rufbereitschaft

Einmal im Jahr ist der Sysadmin Day, an dem die teils undankbare Arbeit von Systemadministratoren in den Firmen gewürdigt werden soll. Doch was machen diese oft stillen Helfer eigentlich? Wie sind sie drauf? Ein Einblick in die Arbeit zweier Sysadmins, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Man könnte es Besessenheit nennen, aber Tobias sagt lieber "Interesse", wenn er von seinem Job als Sysadmin spricht. Es ist ein äußerst starkes Interesse, das ihn mit sieben Jahren gepackt hat und seither nicht mehr loslässt. Nicht einmal auf einem Flugfeld in Brandenburg, wo er den Laptop aufklappt und ein paar E-Mails beantwortet. Dann ins Flugzeug steigt, sich auf schwindelerregende Höhen bringen lässt, abspringt, stürzt, am Fallschirm zur Erde schwebt, den Schirm losmacht und den Rechner wieder aufklappt. Was er dazu zu sagen hat: "Manchmal muss so etwas einfach sein."

Sysadmin zu sein, ist nicht nur ein Job, es ist eine Lebenseinstellung. Das geht dem 30-Jährigen nach mehr als zehn Jahren Berufserfahrung nicht anders als seinem fast zehn Jahre jüngeren Kollegen. Benedikt hat die Schule abgebrochen, weil er einfach nichts anderes tun will, als für seine Passion zu arbeiten. Schon jetzt versteht er mehr von Python, Shell, C, Rust und anderen Programmiersprachen als viele Kollegen. 

Hier sitzt das Marketing im Keller

Bei dem Berliner Webhoster Syseleven teilen sie ein Büro, das mit dem Nerdklischee eines Adminkellers wenig zu tun hat. Es liegt in der hellen ersten Etage eines ehemaligen Elektrizitätswerks. Der rustikale Industrielook kontrastiert hier mit modernen Büroflächen. Diese sind in mehrere kleine Büros aufgeteilt, die mit einer Glaswand und Schiebetür vom Flur getrennt sind. Es herrscht eine konzentrierte Ruhe und nur das Klackern von Tastaturen ist zu vernehmen. Lustig: Statt der Admins sitzen hier Mitarbeiter von Verkauf und Marketing in einem kleinen, kellerartigen Gewölbe.

Ein paar Zugeständnisse an die Geek-Kultur gibt es dann aber doch: Gleich neben dem Arbeitsplatz von Tobias hängt ein Plakat aus dem Film Mars Attacks, auf dem "Daaht, Daaht, Daaht" steht. Darunter können sich Mitarbeiter an Star-Wars-Lichtschwertern bedienen - ikonisches Brummgeräusch inklusive. In einem anderen Büro ist das Motiv von Agent Smith aus der Matrix-Trilogie aufgehängt - passend zum Namen des Entwicklerteams Smith.

Tobias implementiert als System Engineer zusammen mit Kunden Software, betreut sie und behebt auftretende Fehler. Im Ticket-System Zendesk werden ihm alle anstehenden Aufgaben angezeigt. Die Liste scheint kein Ende zu nehmen, als er in rasendem Tempo durch die Tickets scrollt. Manche von ihnen sind an einem Tag zu erledigen. Es gibt aber auch lange Projekte wie die Implementierung einer SQL-Datenbank bei einem Kunden, die seit einem Jahr - wegen Problemen mit eben diesem - kaum Fortschritte macht.

IT-Begeisterung auch nach der Arbeit

Wichtig für die Arbeit ist, dass sich Tobias auch in anderen Bereichen auskennt. Denn: Es sind immer wieder neue Themengebiete, die sich in der IT auftun. Diese Vielfalt an Themen ist es, die ihn motiviert. "Solange mir ein Problem Spaß macht, ist es mir egal, auf welcher Plattform oder woran genau ich arbeite", sagt er.

Heute ist es Containerorchestrierung, morgen ist es künstliche Intelligenz und übermorgen ein komplett unerforschtes Thema. Das Wissen um Scripting und diverse Programmiersprachen hat sich Tobias zum großen Teil selbst angeeignet. Sein Arbeitgeber bietet aber auch Schulungen an. Dazu gehören regelmäßige Workshops, Konferenzen und individuelle Weiterbildungen auf Basis von Feedbackgesprächen.

Trotzdem ist das bei manchen Arbeitgebern nicht genug. "40 Stunden reichen für diesen Job eben nicht aus", sagt Tobias und blickt dabei auf seine Karriere zurück. Syseleven wirkt nach eigenen Aussagen diesem Klischee entgegen. Es ist etwa möglich, wie andere Kollegen in Teilzeit zu arbeiten. Auch massive Überstunden sind beim Berliner Hoster ungern gesehen, woran Mitarbeiter des Öfteren erinnert werden. Dann geht es früher nach Hause.

Nach der Arbeit gehe es dabei oft zu Hause weiter: Tobias und seinen Kollegen Benedikt packt dabei auch einfach privat das Interesse an IT. "Wir machen in unserer Freizeit auch gerne Dinge mit Computern, abseits dessen, was wir auf der Arbeit erledigen", sagt Benedikt.

Das erworbene Wissen weiterzugeben, macht Tobias Spaß und er macht es mit viel Geduld. Ein Kollege am anderen Ende des Flurs hat die Syntax von einem der vielen Shell-Scripts nicht ganz verstanden, die Tobias selbst anlegt, um Prozesse zu automatisieren. Seine Stimme klingt, als lächle er durchgehend, während er spricht und dem Kollegen alles erklärt. Langsam, verständlich und mit nachdrücklichen Gesten. Freundlichkeit im Umgang ist Tobias besonders wichtig in der Arbeit. Adrenalinkicks schätzt er in der Freizeit, aber nicht in Form von Konflikten im Job.

Zeit für Technik, keine Zeit für Ärger

Nach dem Abitur, einer Ausbildung und folgender Anstellung bei einem Spieleentwickler hat er eine Weile als selbstständiger Systemintegrator gearbeitet. Als Freiberufler richtete er Server und Software für Firmen ein und hatte viel persönlich mit teilweise sturen Kunden zu tun. Wenn sie ihre Rechnungen nicht zahlen wollten oder zusätzliche über einen Vertrag hinausgehende Leistungen verlangten, belastete ihn das sehr. "Dieses ständige Gezanke, diese ständige Unsicherheit waren nichts für mich", sagt er. 

Seine Selbstständigkeit gab er nach zwei Jahren auf. Einen Monat lang verschickte er zwei Bewerbungen am Tag. Nicht, weil es schwierig gewesen wäre, einen Job als Sysadmin zu finden. Im Gegenteil: An manchen Tagen war er zu mehreren Bewerbungsgesprächen eingeladen. Manche Firmen boten bis zu 150.000 Euro im Jahr - so händeringend suchten sie nach einem Sysadmin. Aber Tobias wollte sicher sein, bei einem Arbeitgeber zu landen, wo er in Ruhe seinen Job machen kann: Zeit für Technik, keine Zeit für Ärger. Verschiedene Charaktere, die sich gegenseitig respektieren - egal, wie speziell sie auch sind.

Für das bessere Arbeitsumfeld nimmt er zusätzliche Schichten, Rufbereitschaft und Nachtarbeit in Kauf, die bei Syseleven auf Freiwilligenbasis verteilt werden - ungewöhnlich für diesen Beruf. An einem warmen Mittwochabend ist Tobias aber nicht eingeteilt, Benedikt ist dran, den der ohnehin schon ambitionierte Tobias gerne als "Naturtalent" bezeichnet. 

Pizza und Mate in der Nacht

Benedikt sitzt vor dem Bildschirm, einen Katzenkopfhörer auf den langen, blonden Haaren und eine Hornbrille auf der Nase. Er sieht aus wie ein Charakter aus einer Animeserie. Es ist dunkel im Büro, nur in der Kaffeeküche brennt Licht. Die Nacht scheint bei Benedikt und seinen Kollegen wirklich alle Nerdklischees zu aktivieren: Energy Drink und Club Mate werden aus dem Lager geholt, Spinatpizza und Pizza Mista in den Ofen geschoben. Benedikt reserviert sich letztere Sorte komplett, denn Spinat ist nicht sein Fall.

Während das Essen im Ofen gart, geht die Arbeit los. Es müssen diverse Server auf die neue Version einer Open-Source-Container-Verwaltungssoftware aktualisiert werden. Jedem Mitarbeiter wird eine bestimmte Zahl an Servern zugewiesen. Dazu kommt Kollegin Anna, die sich um die Netzwerkanbindung der Systeme kümmert. Alle Admins setzen sich zusammen in ein Büro - von wegen Admin sein ist Alleinarbeit.

Menschen, die auf Ladebalken starren

Der Smalltalk beschränkt sich in den ersten paar Stunden auf ein Minimum. Es werden fast ausschließlich kurze Kommandos gegeben: "Server 3 ist ready" oder "Server 5 kann durchstarten". Nach ein paar Stunden kommt auch das ein oder andere Gespräch in Gang, die anfängliche Anspannung ist verflogen. Doch lange ruhig bleibt es nicht: Schon bald werden die vom Hersteller zur Verfügung gestellten Lizenzen der Software ein Problem. Viele von ihnen sind ungültig und weitere Lizenzen müssen per Hand auf ihre Funktionalität überprüft werden. Da hilft kein Script und kein Programm. Hier beginnt ein langweiliger Teil des Admin-Seins: das Starren auf Ladebalken. 

Zumindest gibt es Cola, Mate und Spielkarten, um die Zeit zu überbrücken. Nach gut fünf Stunden ist das Team mit der Arbeit und mit den Nerven fertig. Es ist Zeit für ein Bier oder auch zwei, allerdings nicht für Benedikt. "Alkohol ist nicht meine Sache", sagt er und spricht dabei das ch nicht im Hals, sondern weich wie in "Technik"

Für Benedikt endet die Schicht um etwa sechs Uhr morgens. Ein paar Stunden später ist Tobias wieder dran. Wie jeden Morgen kommt er auf vier Rädern zur Arbeit, auf einem Skateboard, und zwar in einem Riesentempo - viel Erfolg!

Offenlegung: Golem.de ist Kunde bei Syseleven. Die Recherche und Berichterstattung bleiben von diesem Geschäftsverhältnis unbeeinflusst. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.  (on)


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