Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ar-was-augmented-reality-noch-fehlt-1807-135576.html    Veröffentlicht: 30.07.2018 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/135576

AR

Was Augmented Reality noch fehlt

ARCore, ARKit und Hololens werden dauernd weiterentwickelt, doch bisher hat Augmented Reality den Durchbruch im Massenmarkt noch nicht geschafft. Was fehlt - und was kommt? Darüber haben wir mit dem Kölner Entwickler Peter Bickhofe gesprochen.

Augmented Reality wird vorangetrieben: Google macht seine Entwicklungsumgebung ARCore auf immer mehr Geräten verfügbar, sogar unter iOS. Derweil hat Apple für iOS 12 und ARKit zahlreiche neue Funktionen angekündigt.

Doch abgesehen von Pokémon Go und Snapchat-Filtern ist AR noch nicht aus der Nische herausgekommen. Das liege unter anderem daran, dass es bisher kein präzises bezahlbares Headset gibt, sagt der Kölner Entwickler Peter Bickhofe. Er ist überzeugt, dass mit AR auch für Endkunden bereits spannende Erlebnisse möglich sind. Für Hololens hat er ein Multiplayer-Game entwickelt, um das zu beweisen.

Die Ausgangslage für AR-Headsets könnte unterschiedlicher kaum sein: Microsoft zielt mit der 3.000-Euro-Brille vor allem auf Unternehmenskunden, Google und Apple wollen mit ihren Smartphone-Anwendungen den Massenmarkt erobern. Dennoch hängt alles, was im AR-Bereich passiert, miteinander zusammen. Die Hersteller können voneinander lernen, versuchen aber natürlich auch, sich gegenseitig zu übertrumpfen.

"Hololens ist den anderen insofern einen Schritt voraus, als dass man die komplette Umgebung wirklich in 3D scannen kann", sagt Bickhofe. Dadurch habe man viel mehr Informationen über den Raum an sich. "Wenn man zwei Hololens-Brillen hat, ist es möglich, die daraus generierten Meshs miteinander zu vergleichen.".

Für Cutting-Edge-Anwendungen nutzt der Entwickler daher vorwiegend die Microsoft-Brille. "Wenn es genügend Übereinstimmungen gibt, sind die Brillen auch sehr schnell in der Lage, einen gemeinsamen Nullpunkt zu definieren. Das ist wiederum die Voraussetzung dafür, dass man die Hologramme in einem Netzwerk identisch verortet."

Holographische Würfel und Linien in der Luft

So lässt sich beispielsweise mit einer Handgeste ein holographischer Würfel auf den Tisch stellen. "Und jemand anders steht in einer anderen Ecke des Raums und sieht den Würfel - auf den Zentimeter genau - an derselben Stelle stehen", erklärt Bickhofe.

ARCore und ARKit beherrschen den gemeinsamen Ankerpunkt zwar mittlerweile auch, Google hat als Demo beispielsweise die App Just a Line veröffentlicht, mit der mehrere Nutzer gemeinsam im Raum zeichnen können. Doch eine Abweichung von 20 Zentimetern und mehr ist bei diesen Smartphone-Anwendungen nach wie vor durchaus üblich - zu viel, um wirklich präzise Kollaboration zu ermöglichen.

Mit Hololens hingegen demonstriert Bickhofe eine Demo-App, die AR-gestützte Reparaturen am echten Auto ermöglicht. Die App legt über den Kühler ein 3D-Gitter, das die Einzelteile des Autos einblendet. Während ein Mechaniker mit Hololensbrille Reparaturen ausführt, können mehrere Kollegen - ebenfalls mit Hololens - jeden seiner Arbeitsschritte verfolgen. Und gegebenenfalls korrigieren.

Als Lehr- und Trainings-Tool für Unternehmen hat die Hololens großes Potenzial. Für Endkonsumenten ist die Brille bei Stückpreisen von rund 3.000 Euro aber noch weitgehend uninteressant. "Die wenigsten Leute haben eine Hololensbrille, geschweige denn zwei", sagt Bickhofe. "Wir haben aber die Technik genommen und ein Spiel daraus gebaut. Wir wollen beweisen, dass wir diese Technik draufhaben."

Die App HoloWAA! ist eines der ersten Hololens-Multiplayer-Games überhaupt: Ziel ist, die Erde vor heranrasenden Asteroiden zu schützen. Der gemeinsame Ankerpunkt ermöglicht hier präzises, kooperatives Gameplay.

Tischtennis spielen in AR

Ein vergleichbar präzises Headset für Consumer lässt noch auf sich warten. Viele Hoffnungen ruhen auf Apple, doch dessen Brille dürfte nicht vor 2020 in die Läden kommen. Bastler trösten sich mit Project Northstar, einer Brillenbauanleitung der Leap-Motion-Macher. Deren Tischtennis-Demo ist durchaus beeindruckend.

"Bei ARCore und ARKit muss auch so langsam mal eine Zusatz-Hardware kommen - ähnlich wie die Oculus Go im VR-Bereich", sagt Bickhofe. Vielleicht werde man im ersten Schritt noch das Handy einlegen und das Bild einspiegeln müssen. "Wenn man etwas wirklich Immersives haben will, muss man aber endlich die Hände frei haben." Dann sind hoffentlich auch die Zeiten vorbei, in denen die meisten Anwender Augmented Reality nur im Bildausschnitt ihres Smartphones erfahren.

Erst einmal rückt aber noch das Duell zwischen ARCore und ARKit in den Vordergrund. "Vom Leistungsumfang tun sich beide nicht sehr viel", sagt Bickhofe. Apple profitiert dabei von seiner homogenen Hardwarekette. "Wenn man etwas für iOS releasen will, steigt man beim iPhone 6S ein. Man kann sich als Entwickler darauf verlassen, dass es ab da funktioniert, obwohl das iPhone 6S nicht mehr so neu ist."

ARCore hingegen lief lange Zeit nur auf Pixel-Smartphones, hochwertigen Samsung-Geräten und Handy-Smartphones mit Tango-Funktion. In den letzten Monaten hat sich ARCore aber geöffnet und die Gerätepalette ein wenig erweitert. Mittlerweile läuft es sogar auf iOS-Geräten. Eine größere Reichweite auf Android-Geräten sei nur eine Frage der Zeit, sagt Bickhofe. "In vier Monaten - im Vorweihnachtsgeschäft - werden die neuesten Geräte nachgekauft und die zweitneueste Generation verteilt sich nach unten. Dann hat man schon eine gute Basis für ARCore."

AT-AT Walker auf der Straße

Ein großer Fortschritt der aktuellen Entwicklungsumgebungen sei, dass man schon jetzt Dinge auf Oberflächen projizieren könne, ohne dafür einen Marker zu benötigen, so der Entwickler weiter. "Früher durfte man die Kamera nicht weit wegbewegen, wenn man nicht das Tracking verlieren wollte. Mit ARKit und ARCOre muss man einmal den Boden erfassen, kann dann aber mit der Kamera wegschwenken." So lässt sich zum Beispiel ein riesiger AT-AT Walker aus Star Wars auf die Straße zaubern. Oder auch eine komplette Hausfassade umtexturieren.

Eine neue Hololens-Version erscheint wohl Anfang 2019. Voraussichtlich wird die Hololens 2 günstiger sein als die Vorgängerin. "Der Ansatz ist immer noch B2B, aber da ist mit sehr interessanten Projekten zu rechnen, gerade auch wegen des dann wesentlich größeren Sichtfelds", prognostiziert Bickhofe.

Ein Prototyp der Hololens mit angeflanschtem Bauhelm existiert bereits, er dürfte in Industrie und Lagerhaltung zum Einsatz kommen. Auch in der Pre-Visualisierung von Architektur könnte die Hololens gute Dienste leisten. "Bei der Hololens läuft alles über Handerkennung und Gestensteuerung. Das sollte auch mal mit einer leichten, mobilen Brille kombiniert werden", sagt Bickhofe. "Nächste Schritte sind dann auch eine Spracheingabe sowie eine KI, die grundlegende Aufgaben übernimmt und Objekte automatisch für den User erkennt."

Zukunftsprojekt AR Cloud

Zweifellos faszinierend ist auch das Projekt einer weltweiten AR Cloud. Derzeit funktioniert der Austausch von AR-Nullpunkten nämlich nur in Innenräumen oder in einem eng gefassten Außenbereich. Die AR Cloud hingegen ist der Versuch, die kompletten Geoinformationen von Orten bereitzustellen. "Wenn ich also ein Hologramm in Köln auf der Schillergasse am Boden hinterlasse, kann jemand anders eine Woche später auf diesen Datenbestand zurückgreifen", erklärt Bickhofe. "Das ist dann immer noch dasselbe Objekt, das zwei Meter über dem Boden an derselben Stelle schwebt."

Im Grunde sei die AR Cloud ein IP-System für die Realwelt. "Das würde zum Beispiel auch den Times Square mit allen Werbetafeln und Fassaden neu definieren. Man könnte die Werbeflächen x-fach neu bespielen", so Bickhofe.

Voraussetzung ist, dass der Nullanker für alle User bereitgestellt wird, damit sie für die AR Cloud kollaborativ Inhalte generieren können. Mehrere Investoren haben sich bereits auf das Thema spezialisiert und sammeln Startups. Einer davon ist Matt Miesnieks von Super Ventures, er hat ein Chart mit Firmenlogos entwickelt. Auch John Hanke von Niantic (Pokémon Go, Ingress) hat sich bereits zur AR Cloud geäußert: Ihm zufolge ist Niantic weit vorne mit dabei, den Cloud-Standard zu etablieren . Wer hier das Rennen macht, ist Bickhofe zufolge aber noch unklar.

Klar ist aber: Die AR Cloud ist ein ehrgeiziges Projekt, das sich nicht von heute auf morgen verwirklichen lässt - zumal einer lückenlosen Kartierung auch Sicherheitsbedenken entgegenstehen dürften. Wie aber sieht die nahe Zukunft für AR aus? Wird sich die Technologie in absehbarer Zeit am Massenmarkt durchsetzen? "AR-Effekte für Kameras laufen ziemlich gut. Die Leute stellen sich da nicht so sehr die Technikfrage", sagt Bickhofe. Um hingegen eine AR-App zu installieren, sei schon ein Grundinteresse an der Technologie erforderlich. "Man muss AR den normalen Usern erst mal erklären. Dann kommt der Nachmacheffekt", sagt der Entwickler.  (afe)


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