Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/blue-origin-neuer-hoehenrekord-mit-deutschem-experiment-an-bord-1807-135553.html    Veröffentlicht: 18.07.2018 18:50    Kurz-URL: https://glm.io/135553

Blue Origin

Neuer Höhenrekord mit deutschem Experiment an Bord

Wer wohlhabende Passagiere ins Weltall fliegt, will vorher alle Sicherheitssysteme testen. Jeff Bezos' Touristenrakete New Shepard hat dabei auch noch einen neuen Rekord aufgestellt.

Bevor die New-Shepard-Rakete erste Flüge mit Passagieren unternimmt, wird sie noch ausgiebig getestet. Heute stand ein Test des Startabbruchsystems nach Brennschluss der Raketenstufe auf dem Testplan, nachdem die Rakete auf fast genau einen Kilometer pro Sekunde beschleunigt hat. Dabei musste sich die Kapsel nahezu unter Vakuumbedingungen in Schwerelosigkeit selbst stabilisieren. Außerdem erreichte die Kapsel durch den zusätzlichen Schub einen neuen Höhenrekord von 119 Kilometer Flughöhe, statt 102 Kilometer wie zuvor.

Neben der Testpuppe Mannekin Skywalker befand sich auch eine Reihe von Experimenten an Bord der Kapsel, die während des Abbruchtests etwa der zehnfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt war. Unter den Experimenten war auch das Gaga-Experiment (Granulare Anisotrope GAse) von der Universität Magdeburg mit Unterstützung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

Das Experiment soll theoretische Modelle vom Verhalten nicht-idealer Gase sammeln. Ideale Gase werden in der Physik als punkt- oder kugelförmige Teilchen angenommen, die sich mathematisch leicht beherrschen lassen. Bei größeren Molekülen, die stabförmig oder gewinkelt sind, wird das kollektive Verhalten dagegen mathematisch kompliziert. Das Gaga-Experiment besteht aus vielen Plastikmodellen von Molekülen, deren Bewegung in Schwerelosigkeit aufgezeichnet und anschließend analysiert wird, um die Daten mit theoretischen Modellen zu vergleichen. Es ist früher schon mit kleineren Raketen geflogen.

Zusatzschub im Flug sorgt für neuen Höhenrekord

Bei Tests der Fluchtraketen vom Boden aus erreichte die Kapsel nicht annähernd solche Flughöhen. Der Grund für den großen zusätzlichen Höhengewinn im Vergleich zum Start am Boden liegt in der großen Geschwindigkeit zum Zeitpunkt der Zündung der Raketen. Wenn eine vier Tonnen schwere Kapsel durch die Fluchtraketen vom Stand auf 100 m/s beschleunigt wird, dann hat sie anschließend eine zusätzliche kinetische Energie von 20 Megajoule und erreicht damit im Idealfall eine Flughöhe von rund 500 Meter. Der reale Test vom Boden erreicht wohl eine noch größere Höhe.

Wenn die Fluchtraketen dagegen die Kapsel von der Maximalgeschwindigkeit der Rakete von 1.000 m/s auf 1.100 m/s beschleunigen, dann gewinnt die Kapsel dadurch 420 Megajoule Energie, im Vergleich zur Anfangsgeschwindigkeit. Das würde für 10,5 Kilometer zusätzliche Flughöhe genügen. Da Blue Origin keine Daten zu dem System veröffentlichen wird, kann seine Leistungsfähigkeit nur geschätzt werden. Sie muss aber noch über diesen Annahmen liegen.

Tickets für Flüge mit der New Shepard sollen demnächst verfügbar sein, die Preise bewegen sich zwischen 200.000 und 300.000 US-Dollar.  (fwp)


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