Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/projekt-am-suedkreuz-videoueberwachung-soll-situationen-statt-gesichter-erkennen-1807-135476.html    Veröffentlicht: 15.07.2018 11:04    Kurz-URL: https://glm.io/135476

Projekt am Südkreuz

Videoüberwachung soll Situationen statt Gesichter erkennen

Der Test am Berliner Südkreuz zur automatischen Gesichtserkennung läuft in Kürze aus. Die Kameras werden danach aber nicht abgeschaltet, sondern für einen anderen Versuch genutzt.

Der umstrittene Versuch zur automatischen Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz wird demnächst durch einen neuen Test abgelöst. Voraussichtlich von Ende September an wolle die Deutsche Bahn mit Hilfe der Videoüberwachung feststellen, wie gut die Programme seltene oder gefährliche Abweichungen von der Normalität im Bahnhof erkennen könnten, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Wann und in welcher Form die Ergebnisse des zu Ende gehenden einjährigen Projekts der Bundespolizei veröffentlicht werden sollen, stehe nach Angaben des Innenministeriums noch nicht fest.

Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte Mitte Dezember 2017 ein positives Zwischenfazit des Testlaufs gezogen. Die Erkennungsquote könne bislang auf 70 bis 85 Prozent beziffert werden. "Das ist besser als ich erwartet habe, und die meisten Kritiker auch", hatte de Maizière gesagt. Die Zwischenergebnisse "versprechen einen erheblichen Mehrwert für die Fahndung nach Terroristen und Schwerverbrechern". Die Fehlerquote (False Positives) hatte nach der Auswertung des ersten halben Jahres bei 0,3 Prozent gelegen.

Vier Situationen erfassen

Nun will die Bahn die Kameras für einen eigenen Test nutzen. Es geht laut dpa um vier kritische oder aus Sicht der Bahn ungewöhnliche Situationen. Die Computer sollen diese Situationen erkennen, die Bilder der entsprechenden Kamera in der Zentrale gesondert anschalten und dort Alarm schlagen:



Firmen noch nicht ausgewählt

Die Technik erleichtere die Arbeit der eigenen Leute und der Polizisten, meint die Bahn. "Sie sind schneller und genauer am Einsatzort", sagte ein Sprecher. "Die Software weist so auch auf Dinge hin, die wir sonst vielleicht gar nicht erkennen würden. Das ist gut für die Sicherheit der Bahn und ihrer Kunden."



Die beteiligten Firmen seien noch nicht ausgewählt, sagte der Bahnsprecher. Bei dem Test der Bundespolizei werden drei verschiedene Systeme der Unternehmen Herta, Anyvision und Idemia getestet. Die Daten der handelsüblichen Videokameras mit einer Auflösung von 1.920 mal 1.080 Pixeln wurden auf einen jeweils eigenen Server geleitet und ausgewertet.

Koalition will Test von Gesichtserkennung abwarten

Die Bahn will mindestens ein halbes Jahr lang den Versuch laufen lassen, um zu sehen, ob die Computer die vier Szenarien zuverlässig erkennen können. Wie viele Kameras ausgewertet würden, stehe noch nicht fest, sagte ein Sprecher. Weder Filme noch sonstige Daten würden dabei gespeichert.

Allein die Deutsche Bahn hat in ganz Deutschland in etwa 900 Bahnhöfen zusammen 6.000 Kameras installiert. In welchem Umfang die Videoüberwachung in Deutschland ausgeweitet werden soll, ist unklar. Im Koalitionsvertrag (PDF) haben Union und SPD beschlossen: "Die Menschen sollen sich auf unseren Straßen und Plätzen sicher bewegen können. Deshalb wollen wir die Videoüberwachung an Brennpunkten einsetzen, sie verhältnismäßig und mit Augenmaß effektiv ausbauen und dabei auch technisch verbessern. Intelligente Videoüberwachung kann dabei eine Weiterentwicklung sein. Deswegen werden wir den laufenden Modellversuch abwarten, prüfen und bewerten."

De Maizière hatte im vergangenen Dezember gesagt, bei einem positiven Ergebnis wolle er die Videoüberwachung zur Gesichtserkennung nach Schaffung einer gesetzlichen Grundlage flächendeckend einführen, "mindestens im Bereich des Innenministeriums - also bei Bahnhöfen und Flughäfen". Nach Ansicht der Grünen im Bundestag stellt die massenhafte Erfassung und der automatisierte Abgleich biometrischer Daten "einen tiefen Eingriff in die Grundrechte und eine ernste Gefahr für die Anonymität im öffentlichen Raum dar".  (fg)


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