Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/smartphone-von-gigaset-made-in-bocholt-1807-135361.html    Veröffentlicht: 11.07.2018 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/135361

Smartphone von Gigaset

Made in Bocholt

Gigaset baut sein Smartphone GS185 in Bocholt - und verpasst dem Gerät trotz kompletter Anlieferung von Teilen aus China das Label "Made in Germany". Der Fokus auf die Region ist aber vorhanden, eine erweiterte Fertigung durchaus eine Option. Wir haben uns das Werk angeschaut.

Seit 1941 produziert Siemens Telefone in seinem Werk in Bocholt, an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden. Die ehemalige Siemens-Tochter Gigaset AG stellt hier seit 2008 DECT-Telefone her - seit Mai 2018 mit dem GS185 auch ein Smartphone. Damit ist das Unternehmen das einzige, das aktuell Smartphones in Deutschland produziert.

Der Begriff "herstellen" ist allerdings so eine Sache: Anders als bei den DECT-Telefonen werden die Smartphone-Teile nicht in Deutschland gefertigt, sie werden hier nur zusammengebaut. Dabei setzt Gigaset aber auf einen komplett anderen Fertigungsprozess, darunter auf Roboter, die auf die Mitarbeiter reagieren.

Bei einem Besuch der Fabrik hat sich Golem.de mit den Verantwortlichen über die Produktion in Deutschland unterhalten. Dabei wurde deutlich, dass Gigaset ein glaubhaftes Interesse am Standort Bocholt und den örtlichen Partnern hat - und eine umfassendere Smartphone-Produktion mit der Herstellung eigener Platinen in der Zukunft nicht ausschließt.

Bocholt liegt abseits des Ruhrgebiets an der deutsch-niederländischen Grenze, ein kleiner Ort auf halbem Weg zwischen Duisburg und Enschede. Im Industriegebiet der Stadt befindet sich neben einer Färberei die Fabrik von Gigaset, der früheren Siemens-Marke für schnurlose DECT-Telefone, die seit 2008 ein eigenständiges Unternehmen ist.

Auf den ersten Blick wirkt der Betrieb unscheinbar, am Standort Bocholt arbeiten aber 550 der weltweit ungefähr 930 Mitarbeiter von Gigaset. Das Unternehmen ist Marktführer bei DECT-Telefonen in Europa und weltweit unter den Top 5. Hergestellt werden die Geräte in Bocholt, komplett von der Platinenbestückung bis zum Gehäuse und der Verpackung. Bestellungen können innerhalb von 24 Stunden produziert und versendet werden.

Seit Kurzem stellt Gigaset in Bocholt auch ein Smartphone her, das Einsteigermodell GS185. Der Hersteller rühmt sich damit, der einzige zu sein, der wieder in Deutschland Smartphones produziere - allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Die Teile des Gerätes stammen allesamt nicht aus Deutschland, sondern werden angeliefert. In Deutschland wurde das Smartphone entworfen, das Design stammt von hier, die eigentliche Produktion beschränkt sich aber auf die Montage der vorgefertigten Teile.

Dennoch verpasst Gigaset jedem Karton des Modells einen kleinen "Made in Germany"-Aufkleber - der Slogan soll auch als Verkaufsmerkmal, als sogenannter Unique Selling Point dienen. Mit "Made in Germany" will sich Gigaset von der Konkurrenz absetzen und erhofft sich damit einen Verkaufsschub. Die Montage und der Entwurf rechtfertigt für den Hersteller die Nutzung des Slogans. Gigaset begründet den Einsatz des Labels auch mit dem Umstand, dass die Entwicklung und Wertschöpfung in Deutschland erfolge.

Kostenvorteil durch geringen Ausschuss

Diesem Konzept kann man zu Recht skeptisch gegenüberstehen: Das Zusammensetzen von in anderen Ländern gefertigten Teilen hat wenig mit "Made in Germany" zu tun - nicht umsonst gibt es die Formulierung "Assembled in ...". Im Gespräch mit den Verantwortlichen zeigt sich aber, dass die Produktion in Deutschland ein glaubhaft vertretenes Konzept für Gigaset ist; die DECT-Telefon-Herstellung zeigt das bereits. Auch im Smartphone-Bereich möchte das Unternehmen die Produktion ausweiten und kann sich beispielsweise vorstellen, auch die Hauptplatine und das Gehäuse in Bocholt herzustellen.

Bei den DECT-Telefonen nutzt Gigaset eigenen Angaben zufolge als Kostenvorteil gegenüber Konkurrenten aus Asien den geringeren Ausschuss bei der Produktion: Die Fertigung der Telefone hat einen Ausschuss von etwa einem Prozent. Dieses Prinzip will der Hersteller auch bei seinen Smartphones nutzen, um wettbewerbsfähig zu sein.

"Ob wir das GS185 in China zusammenbauen lassen oder hier, macht keinen Unterschied", erklärt uns Jörg Wissing, Head of Automation bei Gigaset. Bei in China bestellten Geräten gebe es immer einen höheren Ausschuss als bei dem in Deutschland gefertigten GS185 - den Gigaset bezahlen muss, ob die Geräte nun funktionieren oder nicht. Entsprechend ist es für den Hersteller bereits ein Vorteil bezüglich der Ausschussmenge, wenn die GS185-Geräte in Deutschland zusammengesetzt werden.

Dafür hat Gigaset eine eigene Etage mit U-förmigen Produktionslinien eingerichtet. An diesen arbeiten je nach Nachfrage zwischen einer und sechs Personen. Gigaset arbeitet "just in time", produziert also immer nur so viel, wie gerade verlangt wird - auch bei den DECT-Telefonen. Entsprechend flexibel kann die Produktion angepasst werden.

Ein Mitarbeiter, oder wie bei unserem Besuch eine Mitarbeiterin, baut komplett ein GS185 zusammen. Die Arbeiterinnen vollführen in einer Schicht also nicht immer nur einen einzigen Arbeitsschritt, sondern alle, vom Einbau des Displays und der Hauptplatine über den Einbau des Akkus und die Softwaretests. Wird bei diesen Tests ein Fehler entdeckt, wird das betroffene Gerät aus der Produktion genommen und von einer weiteren Mitarbeiterin untersucht. "In den meisten Fällen kann der Fehler direkt lokalisiert und behoben werden", sagt Wissing.

Kaum Ausschuss bei montierten Smartphones

Bei unserem Besuch hatte die Schicht bereits 50 GS185 an diesem Tag hergestellt. Eines der Smartphones hatte ein Problem: ein verbogener Kontakt bei einem Akku. Dies ließ sich schnell beheben, das Gerät ging anschließend wieder in den Produktionskreislauf.

Gigaset setzt beim Zusammenbau des GS185 auf viel Handarbeit, anders als bei seinen DECT-Telefonen, die fast komplett von autonomen Industrierobotern hergestellt und zusammengesetzt werden. Die Arbeiterinnen werden aber von Robotern unterstützt; im Vergleich zu den Geräten in der DECT-Fertigung sind diese deutlich intelligenter. Sie reagieren auf Berührungen, was einerseits der Sicherheit dient, andererseits auch in die Arbeitsabläufe eingebunden ist.

Neues Fabrikkonzept dank intelligenter Roboter

Die Roboter der DECT-Fertigung führen ihre Arbeitsbewegungen immer aus, ob ein Arbeiter in den Roboterarm fasst oder nicht. Dieses Sicherheitsrisiko wird durch eine Vielzahl von teuren Maßnahmen minimiert. Die Roboter aus der Smartphone-Fertigung ziehen sich sofort zurück und weichen aus, wenn sie auf ein Hindernis stoßen - beispielsweise die Hand einer Mitarbeiterin. Zudem kommunizieren sie untereinander und warten beispielsweise, wenn ein Roboterkumpel sich gerade eine Schraube aus einer Schale holt, bevor sie sich selber eine nehmen.

Die Anreichung der Teile für das GS185 erfolgt nicht kontinuierlich, sondern auf das Signal der Mitarbeiterin hin. Dazu tippt sie den Roboterarm kurz an, wie beispielsweise bei der Display-Montage. Der Roboterarm setzt sich daraufhin in Bewegung, schnappt sich eine Bildschirmeinheit und setzt diese passgenau in das Gehäuse. Auf einem Bildschirm fragt der Roboter in regelmäßigen Abständen nach, ob beispielsweise weiterhin Teile benötigt werden. Über das Display kann die Mitarbeiterin in begrenztem Umfang mit dem Roboter kommunizieren.

"Diese Art von Robotern ist die Zukunft, unsere DECT-Halle wird in zehn Jahren auch so aussehen", sagt Jörg Wissing. "Einer dieser Roboter kostet 15.000 Euro. Die aus der DECT-Fertigung kosten das Doppelte, die Gesamtkosten einer dieser Roboterzellen liegt aber bei 500.000 Euro." Grund dafür sind die Sicherheitsvorkehrungen, die gemäß deutscher Vorschriften mehrfach vorhanden sein müssen. Die Zellen mit den vollautomatisierten Robotern ohne Sensoren müssen sogar gegen absichtliches Eindringen, also Sabotage, abgesichert sein.

"Wenn wir einen der Roboter aus der DECT-Fertigung mit zehn der neuen, reagierenden Roboter ersetzen, sind wir immer noch günstiger dran", sagt Wissing. Der Zusammenbau des GS185 in Bocholt ist in dieser Hinsicht auch ein Testlauf für die Neuorganisation des Hauptgeschäftsfeldes, der Fertigung von DECT-Telefonen.

Zusätzliche Arbeitsplätze entstehen durch die Smartphone-Fertigung nicht direkt. Die Mitarbeiterinnen, die die Geräte zusammensetzen, stammen aus der DECT-Fertigung. Sie bekommen zusätzliche Schulungen, die sie befähigen, das GS185 zu bauen. Aktuell betreibt Gigaset nur eine Fertigungslinie mit maximal acht Mitarbeiterinnen pro Schicht. Platz ist für bis zu sechs Fertigungslinien, eine zweite will der Hersteller demnächst in Betrieb nehmen. Früheren Aussagen zufolge können bis zu 6.000 Geräte pro Woche an der Fertigungsstraße gebaut werden.

Platinenherstellung in Bocholt ist kein Problem

Die Frage, ob Gigaset ein Interesse daran hat, die Fertigung von Smartphones in Bocholt auszuweiten, bejaht Wissing. "Wir könnten auch die Hauptplatine hier vor Ort gießen und komplett bestücken, die Maschinen benutzen wir für die DECT-Telefone ja bereits", sagt er. Mit den SMD-Maschinen (Surface Mounted Technology) kann Gigaset Platinen selbst bestücken und anschließend verlöten. Dabei kommen verschiedene Geräte zum Einsatz, die entweder besonders schnell sind oder besonders genau - je nachdem, was die Situation erfordert.

Bestimmte Einzelteile für die Platine müsste Gigaset allerdings weiterhin importieren. "Es gibt in Europa beispielsweise keinen Hersteller, der für Smartphones passende Chips herstellt", sagt Wissing. Auch Akkus sind in der für ein Mobiltelefon benötigen Bauweise aktuell nicht wirtschaftlich vernünftig in Europa zu bekommen.

Mögliche Produktionsausweitung bei höherer Nachfrage

Die erweiterte Fertigung in Bocholt würde sich allerdings nur dann wirtschaftlich lohnen, wenn die Nachfrage nach den Geräten stimmt. Dabei setzt das Unternehmen auch auf andere Firmen in der Region, etwa den Hersteller des Kartons für das GS185. Der Lokalpatriotismus drückt sich auch auf riesigen Plakaten mit dem Slogan "Made in Bocholt" aus. Gigaset hofft, dass das Label "Made in Germany" bei der Vermarktung des GS185 hilft, seinen Marktanteil zu steigern.

Bei der Betrachtung der aktuellen Marktzahlen ist jedoch durchaus Zweifel angebracht, inwieweit Gigaset mit seinen Smartphones einen nennenswerten Teil des Marktes für sich gewinnen kann. In den Statistiken der großen Marktforschungsinstitute kommt das Unternehmen nicht vor, auch die Wahrnehmung im Alltag ist eher gering. Vor einigen Jahren hatte das Unternehmen zusammen mit dem FC Bayern München eine Werbekampagne für sein damaliges Top-Gerät gestartet, es darf aber bezweifelt werden, dass die Fußballer privat wirklich ein Gigaset-Smartphone verwendet haben.

Die Konkurrenz aus Asien scheint zu groß - trotz höherem Ausschuss bei der Produktion und stellenweise schlechterem Problemmanagement. Das GS185 kostet im Onlinehandel um die 180 Euro, dafür erhalten Nutzer ein Einsteiger-Smartphone mit HD-Display, Snapdragon-425-Prozessor und, 2 GByte RAM und einzelner 13-Megapixel-Kamera. Das Redmi 2s von Xiaomi kostet im offiziellen französischen Onlineshop ebenfalls 180 Euro, kommt dafür aber mit einem besseren Prozessor, mehr Speicher und einer Dualkamera. Günstigere Einsteigergeräte von weiteren chinesischen Herstellern sind über Importeure ebenfalls erhältlich.

Dort ist mit Sicherheit der Service schlechter: Die meisten chinesischen Hersteller werden kein eigenes Reparaturzentrum wie Gigaset haben, in dem die Vorgabe gilt, dass ein zu reparierendes Gerät möglichst am gleichen Tag instandgesetzt an den Besitzer zurückgehen soll. Auch werden die meisten preiswerten Smartphones nicht mit der jüngsten Android-Version bespielt, wie es Gigaset macht. Die Marktzahlen zeigen aber auch, dass vielen Nutzer dies egal zu sein scheint: Xiaomi ist mittlerweile auf Platz vier der weltweit erfolgreichsten Smartphone-Hersteller gerutscht, in den Top 10 befinden sich mit Oppo und Huawei weitere chinesische Unternehmen. Auch Samsung und Apple lassen in China fertigen.

Gegen diese Konkurrenz kann ein kleiner Hersteller wie Gigaset realistisch betrachtet kaum ankommen - erst recht nicht mit einem einfachen Standardgerät wie dem GS185. In unseren Gesprächen war aber ersichtlich, dass das Unternehmen das Konzept weiterführen will, auch mit mehr Mitarbeitern und weiteren Fertigungsstrecken. Was für ein Gerät als nächstes geplant ist, wollte Gigaset aber nicht verraten.

"Made in Germany" für hochpreisige Smartphones?

Möglicherweise ist das Konzept im höherpreisigen Segment vielversprechender: Ein Oberklassegerät, dessen Teile zu einem nicht unerheblichen Teil in Deutschland gefertigt wurden, hätte einen klaren Unique Selling Point gegenüber der Konkurrenz. Dass viele Teile wie das SoC, der Speicher oder auch die Kamera aus Asien stammen, wäre bei einem qualitativ hochwertigen Gehäuse und einer selbst hergestellten Platine sowie einer Handmontage verschmerzbar. Den finalen Zusammenbau per Hand könnte Gigaset sogar noch als Werbemittel einsetzen.

Von derartigen Überlegungen scheint das Unternehmen aktuell aber noch weit entfernt zu sein - die Herstellung von DECT-Telefonen dominiert angesichts der Verkaufszahlen das Geschäft. Interessant ist aber, wie die Manager von Gigaset überlegen, die Erfahrung mit diesem Herstellungsprozess für andere Produkte zu nutzen. Gleichzeitig sollen Erfahrungen mit neuen Produktionsprozessen wie den smarten Robotern in die bisherigen Abläufe einfließen und diese mittelfristig merklich verändern.

All dies setzt aber voraus, dass die Nachfrage nach Gigasets "Made in Germany"-Smartphones steigt. Trotz des Optimismus der Manager und dem Willen, die Fertigung in Deutschland auszuweiten, ist das bei der aktuellen Marktlage kein selbstverständliches Szenario. Da Gigaset eine gewinnorientierte Aktiengesellschaft ist, kann das auch bedeuten, dass die Fertigung in Deutschland genauso schnell wieder vorbei ist, wie sie angefangen hat.  (tk)


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