Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/krankenversicherung-der-papierkrieg-geht-weiter-1807-135356.html    Veröffentlicht: 13.07.2018 09:10    Kurz-URL: https://glm.io/135356

Krankenversicherung

Der Papierkrieg geht weiter

Die Krankenversicherung der Zukunft wird digital und direkt, aber eine tiefgreifende Disruption des Gesundheitswesens à la Amazon wird in Deutschland wohl ausbleiben. Die Beharrungskräfte sind zu groß.

Die meisten kennen es: Im Zeitalter des Smartphones müssen Krankmeldungen in der Regel immer noch per Post an die Krankenkasse geschickt werden. Jeder Kontakt mit dem Gesundheitswesen zieht einen bürokratischen Rattenschwanz nach sich. Die beginnende Digitalisierung verspricht hier Linderung. Doch die kommt nicht über Nacht.

Eine Neugründung wie die Krankenversicherung Ottonova bringt IT-affinen Nutzern seit 2015 moderne Dienstleistungen wie Arztauswahl via App und eine komplett papierlose Dokumentation. Allerdings ist die erdrückende Mehrheit der Deutschen noch bei den herkömmlichen Krankenversicherungen, bei denen jahrzehntelang eingeübte Bürokratie herrscht. Diese reformieren sich nur in Zeitlupe. Umwälzende Veränderungen sind da nur möglich, wenn der innovative Anspruch mit Marktmacht flankiert wird.

Anfang 2018 kündigte Amazon an, gemeinsam mit dem Versicherungskonzern Berkshire Hathaway des bekannten Investors Warren Buffet und der Großbank JPMorgan Chase ihren Angestellten in den USA mit einem technologiegetriebenen Joint Venture günstigere und patientenfreundlichere Gesundheitsdienstleistungen anzubieten.

Amazon, das sich in Pressemitteilungen selbst "langfristiges Denken" bescheinigt, habe dabei größere Pläne, schreibt der Wirtschaftsanalyst Ben Thompson in seinem Blog Stratechery : "Dies legt nur das Fundament für die umfassende Disruption des amerikanischen Gesundheitssystems." Laut Thompson wird mit der Kooperation eine Schnittstelle zwischen Amazons Dienstleistern und Angestellten geschaffen, die im weiteren Verlauf zu einem Gesundheitsmarktplatz für alle Amazon-Kunden und Anbieter weiterentwickelt werden kann.

Dann wäre denkbar, dass Pharmaunternehmen, Krankenkassen, Kliniken und Ärzte mit ihren Dienstleistungen und Produkten auf dem Marktplatz um Patienten werben. Dass dabei auch in großem Stil Gesundheitsdaten gesammelt und verarbeitet würden, erklärt sich angesichts der bisherigen datengetriebenen Amazon-Produkte von selbst.

Eine solche Transformation der deutschen Krankenversicherungen würde schon an der strikten Rechtslage für empfindliche Daten scheitern. "In Deutschland haben wir einen relativ eng gefassten Datenschutz", erklärt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). "Speziell für Gesundheits- und Sozialdaten ist der Datenschutz noch einmal enger gefasst."

Christian Zimmermann vom Allgemeinen Patienten-Verband (APV) sagt, ein integrierter Vorstoß sei "in dieser Form nur in den USA durchführbar", da dort Angestellte häufig über "Managed Care"-Programme ihrer Arbeitgeber krankenversichert seien. Dabei werden miteinander verknüpfte Krankenversicherungen und Gesundheitsdienstleistungen für die Dauer der Beschäftigung als Paket angeboten und über den Arbeitgeber abgewickelt. Deutsche Arbeitnehmer dagegen versichern sich selbst und suchen sich die Gesundheitsleistungen aus. Deshalb, so meint Zimmermann, "dürften die Pläne von Amazon & Co. für uns in absehbarer Zeit keine Bedeutung erlangen".

Die einflussreichen Verbände des Gesundheitswesens sind gewillt, das bestehende System gegen neue, gewinnorientierte Marktteilnehmer zu verteidigen.

Beharrungskräfte am Werk

Der Ärzteverband Marburger Bund beispielsweise erteilt wirtschaftlichen Interessen eine klare Absage. Es gelte zu verhindern, "dass finanzstarke Unternehmen aus personalisierten medizinischen Daten ein Geschäftsmodell zur Steigerung des eigenen Gewinns entwickeln", erklärt Sprecher Hans-Jörg Freese.

In ihren Statements loben Gesundheitsexperten aus Politik und Verbänden die Chancen der Digitalisierung. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Maria Klein-Schmeink, sieht "eine bessere Einbeziehung von Patientinnen und Patienten und eine Stärkung ihrer digitalen Souveränität, neue Behandlungsmethoden sowie mehr Effizienz auf der möglichen Habenseite der Digitalisierung". Ihre Kollegin von der FDP-Bundestagsfraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, sieht "unglaubliche Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu verbessern". Auch ein Sprecher der Bundestagsfraktion der Linkspartei erkennt in der Digitalisierung eine Chance, "die Qualität der Versorgung und die Arbeitsbedingungen zu verbessern sowie zur Prävention von Erkrankungen beizutragen".

Alle betonen das Recht auf umfassenden und detaillierten Patientendatenschutz, sprechen sich gegen unreguliertes Datamining aus und fordern eine schnellere Umsetzung neuer digitaler Modelle. Die stecken aber seit Jahren in der Versuchsphase oder werden verschoben, während die verschiedenen Interessengruppen um Details streiten und die beschlossenen Maßnahmen nur schleppend umgesetzt werden. Beispielsweise sollten unter dem Stichwort "Versichertenstammdatenmanagement" Ärzte einmal im Quartal automatisch ihre Unterlagen mit den Daten der Krankenversicherung abgleichen, um beispielsweise Adressen der Patienten aktuell zu halten. Das für Juli 2018 geplante Stichdatum wurde auf den 1. Januar 2019 verschoben.

Amazon bleibt draußen, aber für die Patienten geht der Papierkrieg weiter.  (daf)


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