Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/volumen-statt-flatrate-die-problematik-des-mobilen-internetzugangs-1808-135321.html    Veröffentlicht: 06.08.2018 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/135321

Volumen statt Flatrate

Die Problematik des mobilen Internetzugangs

Mit kommenden Funkstandards soll die mobile Datenübertragung schneller werden als jemals zuvor. Allerdings ist das Datenvolumen in Deutschland im Vergleich mit anderen EU-Ländern eher teuer, so dass die Nutzer zunächst nur wenig von den höheren Geschwindigkeiten profitieren werden.

Seitdem Internetdienste über Mobilfunknetze flächendeckend verfügbar sind, lassen sich unterwegs immer mehr datenintensive Services wie beispielsweise Videostreaming nutzen. Mit der steigenden Auflösung und Qualität der Inhalte erhöhen sich allerdings auch die Übertragungsgeschwindigkeit sowie das benötigte Datenvolumen. Bereits heute ist es im Alltag möglich, Übertragungsraten von mehr als 300 MBit in der Sekunde über ein 4G-Netzwerk (LTE) mit Kanalbündelung und einer dafür ausgelegten MIMO-Antenne zu erreichen.

Die Übertragungsgeschwindigkeit soll sich mit der nächsten Mobilfunkgeneration erneut stark erhöhen. Erst vor kurzem wurde der 5G-Standalone-Standard verabschiedet. Dieser soll ab dem Jahr 2020 eingeführt werden und in Zusammenhang mit einigen Anwendungen Übertragungsraten von bis zu 20 GBit pro Sekunde ermöglichen.

Doch die schnelleren Übertragungsraten können ihren Vorteil lediglich bei dem Einsatz von großen Datenmengen entfalten. Da die Abrufgeschwindigkeiten von Internetseiten durch die Laufzeit eines Pings beschränkt sind, werden kleine Webinhalte nicht mehr proportional schneller zur Übertragungsrate geladen. Somit bieten hohe Netzwerkgeschwindigkeiten hauptsächlich bei großen Downloads, zum Beispiel dem Herunterladen eines kompletten 4K-Films in kurzer Zeit, einen Nutzen. Hierfür wird jedoch ein hohes Datenvolumen gebraucht.

Mobiles Datenvolumen ist in Deutschland im EU-Vergleich eher teuer

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist das in deutschen Mobilfunktarifen enthaltene Inklusivvolumen teuer. Denn die kommerziellen Interessen einiger weniger Netzbetreiber stehen dem schnellen und uneingeschränkten Internetzugang entgegen. Die Provider stellen selbstverständlich keine Bemühungen an, um möglichst viel Datenvolumen für wenig Geld zu verkaufen, da die Preise hierzulande von den Nutzern weitestgehend akzeptiert werden.

Der sogenannte Digital Fuel Monitor hat zuletzt im April 2018 aufgelistet, wie viel LTE-Datenvolumen ab einer Geschwindigkeit von 3 MBit pro Sekunde Nutzer in verschiedenen Ländern jeweils zu einem Preis von maximal 30 Euro erhalten können. Während die Nutzer in Kroatien sowie in den Niederlanden lediglich knapp 22 Euro im Monat für unlimitiertes Datenvolumen zahlen, werden in Deutschland 30 Euro für gerade einmal bis zu 15 GByte fällig.

Nur in Belgien, Zypern, Norwegen, Portugal, Tschechien, Malta, Ungarn und Griechenland erhält man auf dem europäischen Kontinent noch weniger Übertragungsvolumen für sein Geld. Für 12 GByte werden in Belgien 30 Euro und für ein einziges GByte in Ungarn beinahe 26 Euro fällig. Im Gegensatz dazu kann man in Großbritannien und Polen mit niedrigeren Preisen rechnen. 100 GByte Daten kosten hier jeweils 23 Euro beziehungsweise 9,60 Euro.

Es gibt eine große Anzahl an Ländern in Europa, in denen die Datenmenge im Mobilfunk in Tarifen bis zu 30 Euro monatlich nicht beschränkt ist. Hierzu zählen neben Kroatien und den Niederlanden auch Dänemark, die Schweiz, Bulgarien, Finnland, Litauen, Lettland, die Slowakei und Estland. Im zuletzt genannten Land können die Nutzer für 16 Euro monatlich unbegrenzt im Internet surfen. Sogar in Frankreich erhält man großzügige 120 GByte LTE-Volumen für nur 19 Euro.

Deutschland schneidet im internationalen Vergleich durchschnittlich ab

Auch im internationalen Vergleich schneidet Deutschland als Industrieland nicht sonderlich gut ab. Zwar sind Volumentarife mit jeweils 10 GByte in den Vereinigten Staaten für gut 20 Euro, in Mexiko für etwa 22 Euro und in Neuseeland für 27 Euro sowie Verträge in Japan mit 6 GByte für knapp 23 Euro und in Südkorea mit einem GByte für 29 Euro erheblich teurer als hierzulande, allerdings erhält man in vielen Ländern bessere Konditionen. Ein Netzbetreiber in der Türkei bietet 30 GByte LTE-Daten für fast 28 Euro an. In Australien erhalten Nutzer 45 GByte für umgerechnet weniger als 30 Euro. Israel ist mit 100 GByte für 13,57 Euro einer der günstigsten Staaten weltweit in Bezug auf das enthaltene Volumen.

Hierfür sind unterschiedliche Gründe verantwortlich. Einem Sprecher der Deutschen Telekom zufolge müssen die Netzbetreiber in Deutschland mit höheren Kosten kalkulieren, da es sich um ein großflächiges Land mit teilweise ungünstigen topographischen Gegebenheiten handelt. Der Netzausbau in den schwerer zu erreichenden Regionen würde daher zu erheblich höheren Kosten führen.

Dementsprechend höher seien auch die Investitionen für die Instandhaltung der Funknetze, wozu unter anderem die Stromversorgung sowie Modernisierungsprozesse zählen. Warum die Mobilfunktarife zum Beispiel in der Schweiz trotzdem günstiger angeboten werden können, obwohl es sich ebenso um ein Land mit bergiger Topographie handelt, bleibt anhand dieser Aussage allerdings ungeklärt.

Ein Großteil der Daten wird über WLAN übertragen

Mit einem Anteil von knapp 91 Prozent verfügt ein im Vergleich zu fast allen anderen EU-Ländern hoher Anteil der Bevölkerung in Deutschland über einen Festnetzanschluss mit Telefon- oder Internetanbindung. Die stationäre Leitung wird hierzulande in der Regel für die Übertragung des größten Anteils an Datenmengen genutzt. In anderen Ländern, beispielsweise der Schweiz, ergänzen und ersetzen Mobilfunkanschlüsse zunehmend die geringere Anzahl an Festnetzzugängen, so dass andere Tarife benötigt werden.

Bei den meisten Nutzern beschränkt sich die mobile Internetnutzung laut einer Studie von Ericsson lediglich auf Kommunikationsanwendungen wie Whatsapp und das Teilen von kleineren Elementen wie zum Beispiel Fotos über Twitter. Zudem möchten die Nutzer bewusst verhindern, dass der eigene Internetzugang gedrosselt wird. Aus diesen Gründen brauchen viele Mobilfunkkunden das im Vertrag enthaltene Datenvolumen bis zum Ende des Monats nicht vollständig auf. Daher sehen sich die Provider anscheinend nicht unbedingt dazu gezwungen, ihre Inklusivvolumina stark zu erhöhen.

Außerdem wurden die Mobilfunknetze in Deutschland weitgehend privatisiert. Der Staat übernimmt in Deutschland nicht die Ausbaukosten für ländliche Gebiete. Trotzdem sind die Netzbetreiber dazu verpflichtet, auch in wirtschaftlich unrentablen Regionen einen mobilen Internetzugang zu gewährleisten. In EU-Ländern wie Großbritannien und Frankreich stellt der Staat in diesen Fällen zusätzliche Fördermittel zur Verfügung. Darüber hinaus werden die zum Betreiben eines Mobilfunknetzwerks erforderlichen Frequenzen in Deutschland zu den höchsten Preisen europaweit versteigert. Diese Ausgaben veranlassen die Provider dazu, ihre Tarife erheblich teurer zu gestalten, um die Kosten zu kompensieren.

Mobilfunknetze sind durch EU-Roaming überlastet

Durch die im vergangenen Jahr eingeführten Regelungen zum Roaming innerhalb der EU haben sich in einigen Staaten Probleme ergeben. Das von O2 in Großbritannien betriebene Mobilfunknetz wurde als Folge des freien Datenroamings von ausländischen Kunden anderer Provider überlastet, so dass der Netzbetreiber die Übertragungsrate temporär auf 0,5 MBit pro Sekunde beschränkt hat. Das Einwählen in das LTE-Netz ist fremden SIM-Karten oftmals nicht möglich. Dieser Effekt charakterisiert einen typischen Nachteil eines geteilten Internetanschlusses, auch Shared-Medium genannt, welches die Anforderungen vieler an einem Punkt konzentrierter Nutzer nicht mehr erfüllen kann.

Obwohl ein Großteil der Datenmengen aufgrund der hohen Preise für das Datenvolumen immer noch über WLAN-Netzwerke übertragen wird, wünschen sich viele Verbraucher trotzdem eine Lösung, um beispielsweise Videoinhalte auch unterwegs abrufen zu können, ohne innerhalb kürzester Zeit in die Drosselung zu geraten.

Um diesen Ansprüchen in Bezug auf den Medienkonsum noch gerecht werden zu können, hat die Telekom im vergangenen Jahr das Stream-On-Konzept eingeführt. Damit können einige Dienste genutzt werden, ohne dass der Traffic auf das Datenvolumen des Nutzers angerechnet wird. Inzwischen bietet auch Vodafone mit dem Gigapass ein ähnlich funktionierendes Angebot an.

Die Ansätze von Telekom und Vodafone sind sehr verschieden. Bei der Telekom gibt es die Stream-On-Option ohne Aufpreis kostenlos dazu. Allerdings muss sich der Kunde dann für einen vergleichsweise teuren Tarif entscheiden, um eine Stream-On-Option buchen zu können. Wer nur die Musik-Flatrate benötigt, braucht mindestens einen Magenta-Mobil-M-Vertrag, der monatlich 44,95 Euro kostet

Die Videonutzung per Stream On gibt es nur zusammen mit der Musik-Option, also nicht einzeln. Und wer beide Stream-On-Optionen nutzen will, muss mindestens den Magenta-Mobil-L-Vertrag wählen, der monatlich 54,95 Euro kostet. Wer beim Videostreaming HD-Qualität haben möchte, muss mindestens einen Magenta-Eins-Vertrag nehmen, bei dem der Festnetzanschluss mit dem Mobilfunkanschluss vertragsrechtlich gekoppelt ist.

Bei Vodafone lassen sich die Pässe für alle Red-Tarife dazubuchen. Selbst für den kleinsten Ted-Tarif für monatlich 24,99 Euro ist das möglich. Vodafone bietet Pässe für Chat-Apps, Musik-Apps sowie Social-Apps und Video-Apps. Jeweils 5 Euro pro Monat kostet der Chat-, Social- oder Music-Pass. Der Video-Pass ist mit 10 Euro monatlich doppelt so teuer. Wer sich aber mit dem kleinsten Tarif begnügt, bekommt bei Vodafone ein zu den Telekom-Tarifen vergleichbares Angebot schon für 40 Euro statt für 55 Euro.

Pass-Angebote verletzen die Netzneutralität

Dennoch können Angebote, die auf dem Modell von Stream On basieren, nicht als vollwertige Flatrates bezeichnet werden. Auch wird hiermit eine Verletzung der Netzneutralität hervorgerufen. Um eine allgemeine Netzstabilität zu gewährleisten, wird die Datenübertragungsrate beim Videostreaming auf 1,7 MBit pro Sekunde sowie die Auflösung durch ein nicht mehr zeitgemäßes 480p-Signal begrenzt. Um die Inhalte von weiterem Traffic unterscheiden zu können, werden Pakete mit Hilfe von Deep Package Engineering untersucht. Damit wird tief in den Datenverkehr eingegriffen.

Während die Telekom betont, dass jeder Anbieter mit dem Telekommunikationsunternehmen kooperieren kann, um die eigenen Dienste in das Angebot zu integrieren, werden nicht in das System eingebundene Services zunächst einmal benachteiligt. Dies wird bereits seit einiger Zeit von Verbraucherschützern kritisiert. Die Bundesnetzagentur hat sogar temporär eine vollständige Abschaffung der entsprechenden Angebote gefordert, da von der Behörde gestellte Auflagen innerhalb einer gesetzten Frist nicht erfüllt wurden.

Inzwischen klagt die Telekom im Eilverfahren gegen die Auflagen der Bundesnetzagentur. Der Provider hält die Reduzierung des Video-Traffics in bestimmten Tarifen grundsätzlich mit der EU-Verordnung zur Netzneutralität vereinbar. Dem Verwaltungsgericht Köln zufolge verzichtet die Bundesnetzagentur bis zum Abschluss des Verfahrens auf eine Vollstreckung der Auflagen.

5G bringt nicht unbedingt Besserung

Erst vor kurzer Zeit hat die Telekom einen zusätzlichen Tarif eingeführt, der unbeschränktes Highspeed-Datenvolumen zu einem für Privatkunden noch bezahlbaren Preis enthält. Die Magenta-Mobil-XL-Flatrate kostet ohne ein Smartphone etwa 80 Euro monatlich. Zuvor mussten Kunden knapp 200 Euro im Monat für einen Magenta-Premium-XXL-Vertrag zahlen. Im Mai 2018 hat auch Vodafone mit dem Red-XL-Tarif eine 4G-Flatrate bereitgestellt.

Allerdings ist ein Betrag von 80 Euro monatlich für die meisten Nutzer zu hoch. Aus den Geschäftsbedingungen des Angebots der Telekom geht zudem hervor, dass es sich auch hierbei nicht um einen vollwertigen Tarif ohne Drosselung handelt. Sofern eine Mobilfunkzelle ansonsten überlastet würde, können Videostreaming-Inhalte wie bei Stream On komprimiert und die Bandbreite auf 1,7 MBit/s beschränkt werden. Die Wiedergabe von Videos in HD-Qualität ist somit nicht mehr möglich.

Eher keine plötzliche Revolution der Tarifsysteme durch neue Funktechnologien

Viele Nutzer assoziieren mit einem 5G-Mobilfunknetz nicht nur die schnelle Verbindung an sich, sondern häufig beworbene Anwendungsszenarien wie zum Beispiel die vernetzte Industrie und selbstfahrende Autos. Tatsächlich wird das Internet der Dinge (IoT) in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnen. Gerade deshalb sind uneingeschränkte mobile Internetanschlüsse erforderlich, um eine problemlose Kommunikation zwischen den Geräten gewährleisten zu können.

Wer IoT-Geräte ständig mit dem Internet verbinden will, hatte es bisher nicht einfach und musste sich auf erhebliche Zusatzkosten einstellen. Denn die meisten Anbieter verlangen für eine zusätzliche SIM-Karte monatliche Gebühren. Alternativ können gesonderte Datentarife gebucht werden, die ebenfalls mit entsprechenden Zusatzkosten verbunden sind. Dabei benötigen viele IoT-Geräte recht wenig Datenvolumen, so dass die entsprechenden Tarife oftmals überdimensioniert sind.

Einen für den Kunden angenehmeren Ansatz bietet Telefónica mit den neuen O2-Free-Tarifen an. In den Tarifen sind bis zu zehn SIM-Karten enthalten. Neben der Hauptkarte gibt es zwei Multi-SIM-Karten, die für Telefonie, SMS und Datennutzung verwendet werden können. Zudem werden sieben SIM-Karten nur für die Datennutzung angeboten, um etwa IoT-Geräte mit mobilem Internet zu versorgen.

Ob sich die Situation im weiteren Entwicklungsverlauf der kommenden 5G-Mobilfunkgeneration verbessern wird, ist derzeit noch nicht bekannt. Die Provider betonen, dass es noch zu früh sei, um Details zu entsprechenden Tarifen zu veröffentlichen. Trotzdem ist es aufgrund der aktuellen Entwicklungen und der niedrigeren Infrastrukturkosten wahrscheinlich, dass zusammen mit den zukünftigen Netzen und ab einem späteren Zeitpunkt auch echte ungedrosselte Flatrates zu einem günstigeren Preis angeboten werden können. Eine plötzliche Revolution der Tarifsysteme durch neue Funktechnologien ist hingegen nicht zu erwarten.  (trd)


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