Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wework-die-kaffeeautomatisierung-des-lebens-1807-135306.html    Veröffentlicht: 23.07.2018 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/135306

Wework

Die Kaffeeautomatisierung des Lebens

WLAN, ein Tisch, frischer Latte Macchiato und schlaue Köpfe hinter Computern: Mit diesen Zutaten wollte die idealistische Coworking-Bewegung die Arbeitswelt revolutionieren. Herausgekommen ist die Plattformisierung vor allem in Gestalt von Wework - modular, effizient und pragmatisch.

Was der Unterschied sei zwischen einem Americano und einem Regular Coffee werde ich auf Englisch gefragt, während ich an der Kaffeemaschine in der Schlange stehe. Automat würde irgendwie abwertend klingen, dabei hat er wirklich viele Auswahlmöglichkeiten. Die Maschine steht bei Wework in Foyer und reflektiert in gewisser Weise das gesamte Wework-Erlebnis: Qualität und Flexibilität von der Stange. Wework ist eine Art Coworking-Office-Space-Konzern mit einem weltumspannenden Filialnetz. Alleine fünf Standorte gibt es in Berlin, ein weiterer kommt bald hinzu und in dem am Potsdamer Platz warte ich darauf, für eine Führung abgeholt zu werden.

Als ich mich vor zwölf Jahren das erste Mal mit dem Thema Coworking beschäftigte, war nicht abzusehen, was daraus einmal werden würde. Wir dachten noch in Utopien von neuer Arbeit, jenseits der fremdbestimmten Festanstellung; träumten davon, wie das Internet die Beziehung von Unternehmen und Einzelnen zugunsten einer neuer Selbstbestimmung austarieren würde. Wework ist die von allem Idealismus entledigte Kaffeeautomatenversion dieser Utopie. Es ist damit aber auch nur Teil einer globalen Entwicklung, die aus den Internetträumen von damals die heutige Plattformformisierung von allem zimmert. Ich trinke einen Schluck Kaffee. Er ist wirklich gut.

Auch ich kann Coworking

Eine junge Frau kommt mit dem Fahrstuhl im Foyer an und begrüßt mich freudestrahlend. Tatjana, die eigentlich anders heißt, aber hier nicht genannt werden möchte, spricht ebenfalls nur Englisch und ist mein Tourguide. Ich behaupte, dass ich mich als Freelancer für einen Platz hier interessiere. Im Fahrstuhl fragt Tatjana, was ich so tue und ich sage, ich sei Journalist.

Ich habe noch viele andere Hüte auf: Einer davon ist, dass ich ebenfalls mit Coworking zu tun habe. Ich helfe bei der Verwaltung und Vermietung und bekomme meinen Tisch dafür günstiger. Alles hat damit angefangen, dass ich selber jahrelang einen Coworking-Space betrieb, damals am Weichselplatz in Neukölln. Nichts Besonderes. Ein paar Tische und Stühle, WLAN und eine nette, ruhige Atmosphäre. Reich wurde ich damit nicht, aber es finanzierte meinen eigenen Schreibtisch. Als der Vertrag auslief und ich den Laden dicht machte, bot ich mein Know-how einem sich neu gründenden Space an. Ich bin also vom Fach, quasi.

Ein Unterschied ist, dass wir nur 15 Leute beherbergen, nicht 253.000, wie es Wework weltweit tut. Diese Viertelmillion verteilt sich auf 283 Standorte in 75 Städten in 22 Ländern. Nach einer 4,4-Milliarden-Dollar-Investition des japanischen Techkonzerns Softbank wird das Unternehmen derzeit mit 20 Milliarden US-Dollar bewertet.

Wework beherbergt vor allem Unternehmen

Wir erreichen den dritten Stock. Tatjana führt mich durch enge Gänge, die sich wie ein Labyrinth verschachtelt durch die Etage schlängeln und in denen man sich verlieren kann. Links und rechts sind wir flankiert von großflächigen Glasscheiben, dahinter arbeiten Startup-Menschen fleißig an ihrem nächsten heißen Ding. Die einzelnen Büroräume - bei Wework heißen sie Private Offices - sind meist für drei bis zehn Personen ausgelegt, aber Tatjana versichert mir, dass es auch größere gibt. Die Schreibtische sind funktional, die Bürostühle sehen solide und bequem aus. Wework schafft es, die Büros sehr platzsparend zu bauen und dabei trotzdem knapp am Beengtheitsgefühl vorbeizuschrappen.

Wo denn noch andere Freelancer sitzen, frage ich. So Leute wie ich halt. Tatjana lächelt. "Da kommen wir noch hin." Vorher fahren wir allerdings noch einige Etagen rauf und runter. Auf jeder Etage gibt es eine Teeküche mit Sofas, schalldichte Telefonboxen und unterschiedlich eingerichtete Konferenzräume. Schließlich kommen wir zu einem größeren Raum. Hier sitzen sieben Leute, die kein eigenes Büro (Private Office), sondern einen Dedicated Desk gemietet haben, also einen festen Schreibtisch. Ob das alle Selbstständigen hier seien, frage ich. Nein, es gebe noch weitere mit Hot Desk Membership, die hätten keinen eigenen Schreibtisch und würden vor allem in den Aufenthaltsräumen arbeiten, erklärt Tatjana.

Ich kann durchaus nachvollziehen, warum es so wenige sind. Ein Dedicated Desk, also ein fester Schreibtisch, kostet bis zu 390 Euro netto - die Preise schwanken leicht von Standort zu Standort. Das ist nicht konkurrenzfähig in Berlin und die Hot Desks sind mit ca. 340 Euro netto sogar ein völliger Mondpreis für eine Mitgliedschaft ohne festen Schreibtisch. Schon die Hälfte wäre zu teuer für Berlin.

Tatsächlich gehören laut Unternehmensangaben auch nur etwa 5 Prozent der rund 7.000 deutschen Wework-Mitglieder zu der Gruppe, die man sich klassischerweise unter Coworkern vorstellt, also Freelancer oder Einzelunternehmer. 75 Prozent machen Startups und Scaleups aus und die restlichen 20 Prozent sind Corporate Kunden, Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, die hier einzelne Abteilungen auslagern.

"Wework ist eigentlich kein richtiges Coworking" sagt Tobias Kremkau. Er leitet das Coworking im St. Oberholz und ist nebenbei als Coworking-Evangelist und -Experte unterwegs. Wework sei vielmehr ein "Serviced Office Anbieter". Deswegen beherberge es auch fast ausschließlich Firmen. Die Preise für einzelne Arbeitsplätze nennt Kremkau "prohibitiv hoch". "Die wollen gar keine Freelancer", sagt er, schließlich seien die Kosten pro Person relativ gesehen viel höher, als wenn man gleich sieben Leute unter einen Private-Office-Account verwaltet.

Kremkau versucht im St. Oberholz hingegen, den originalen Gedanken des Coworking aufrechtzuhalten: der Einzelne in seiner Freiheit und Individualität, aber gemeinsam mit anderen in einem Büro.

Nichts als schlaue Köpfe hinter Desktop-Displays

Das Berliner Café St. Oberholz war auch mein erster Berührungspunkt mit dem Gedanken des Coworkings - auch wenn es 2006 noch niemand so nannte. Ich las über das Café in dem Buch von Sascha Lobo und Holm Friebe: Wir nennen es Arbeit. Es wird dort als einer der Orte portraitiert, an denen man bereits die "neue Arbeit" in Aktion sehen könne. Nichts als schlaue Köpfe hinter Desktop-Displays "Neue Arbeit" war damals das Stichwort für einen Traum von freibestimmtem Tätigsein, im Gegensatz zur "abhängigen Beschäftigung". WLAN, ein paar Tische und frisch servierter Latte Macchiato - was brauchte es mehr, um produktiv zu sein? Das ist zwölf Jahre her und war zu einer Zeit, als mit dem Internet noch ein utopisches Potenzial verbunden wurden. So auch die Idee, dass der Einzelne dank Digitalisierung auf Augenhöhe mit Unternehmen um Projekte konkurrieren könnten. Es war die Erkenntnis, dass Kreativität keine Unternehmensstrukturen, sondern nur schlaue Köpfe hinter Laptop-Displays benötigte.

2007 organisierte Friebe dann das 9to5-Festival, eine Konferenz zur neuen Arbeit, die um 21 Uhr losging und um 5 Uhr morgens endete. Hier entstand schließlich auch die Idee des Hallenprojektes. Selbstständige schließen sich in Fabrikhallen zusammen, um gemeinsam und freibestimmt zu arbeiten. So hatte es Frithjof Bergmann in seinem Buch Neue Arbeit, Neue Kultur formuliert. Freiheit beginne damit, sich frei zu entscheiden, wofür man seine Zeit einsetzt, betonte er. Bergmann war der Guru der frühen New-Work-Szene in Berlin.

Seine Idee der "Hallen" umzusetzen, stellte sich jedoch als schwieriger heraus, als gedacht. Es gab zwar einzelne Orte, an die man als Freelancer hingehen konnte, aber der erste richtige Coworking-Space öffnete in Berlin erst 2010: Das Betahaus hatte sich ambitioniert eine ganze Etage in einem alten Fabrikgebäude am Moritzplatz gesichert und mit viel eigener (Holz)-Arbeit einen schönen Ort geschaffen, an dem die neuen Kreativarbeiter ihre Laptops aufklappen konnten.

Schreibtische allein bringen keine Milliarden

Etwa gleichzeitig mieteten Adam Neumann und Miguel McKelvey rund 300 Quadratmeter auf einer Fabriketage im Manhattener Szenestadtteil Soho - und gründeten damit Wework. Hier enden aber beinahe schon die Gemeinsamkeiten. Während die Mieten in Berlin 2010 noch spottbillig waren, kämpften Freiberufler in New York bereits um jeden bezahlbaren Quadratmeter Büro. Weworks Erfolg ergab sich nicht aus dem idealistischen Streben nach neuen Formen der Arbeit, sondern aus der schlichten Notwendigkeit von effizientem Büromanagement.

Genau dieses Know-how ist die Kernkompetenz des Unternehmens und das wahre Produkt, das Wework bis heute zu Markte trägt. Mit den Schreibtischmieten der Freelancer wird man schließlich nicht 20 Milliarden schwer. Wework brüstet sich damit, über die meiste Erfahrung - und die meisten Daten - zu verfügen, wie man effiziente und trotzdem angenehme Arbeitsumgebungen schafft.

Während die Berliner noch von der neuen Arbeit träumten, gründete Wework eine Filiale nach der anderen. Schon sehr früh kamen kleine Startups, um sich einzumieten. Für sie ist es praktisch, dass sie sich nicht mehr um Büroinfrastruktur sorgen müssen und in Wachstumsphasen problemlos Schreibtische dazustellen können. Für Startups ist Wework wie die Amazon-Cloud für das Büro: flexibel, professionell gemanagt und vor allem skalierbar.

Doch es sind schon lange nicht mehr nur die Startups. Immer mehr Großunternehmen und Konzerne lagern ganze Abteilungen zu Wework aus. Meist sind es Innovations- und Kreativabteilungen.

Vom Weltraumkommunismus à la Star Trek zum Monopol

Stellt man sich den Immobilienmarkt als Protokollstapel vor, hat sich Wework zwischen den Vermieter- und den Mieter-Layer (also die Firmen) als Management-Layer geschoben. Dinge, um die sich sonst jedes Unternehmen Gedanken machen muss, - von der Büroausstattung, der Organisation der Arbeitsplätze, bis hin zu Internet, Kaffee und Bierversorgung, aber auch Sicherheit und Postzustellung - hat Wework in seinen Service-Layer integriert und damit für die Firmen zu einer monatlichen Rechnung wegabstrahiert. Wework ist Büro as a Service, mit allem inklusive.

Dafür hat das Unternehmen auch einiges an Dateninfrastruktur aufgebaut. Jedes Wework-Mitglied installiert sich eine App, mit der es am Communitygeschehen teilnimmt, aber auch etwa einen Konferenzraum bucht. Dadurch weiß Wework viel über Auslastung und Crowdflows innerhalb seiner Filialen und kann entsprechend optimieren. So haben die Daten ergeben, dass in Deutschland große Konferenzräume öfter gebucht werden als in anderen Märkten. In den USA werden derweil auch Sensoren an den Schreibtischen getestet, die für die individuelle Optimierung von Arbeitsumgebungen genutzt werden sollen.

Wie es sich für einen Protokoll-Layer gehört, ist auch Wework vor allem Software. Es besitzt fast keine Immobilien, sondern mietet sich ein. Zwar gehören die Tische, Glaswände und Router dem Unternehmen, doch das stimmt auch nicht immer. Für IBM in New York genauso wie für Amazon in Seattle managt Wework ganze Gebäudekomplexe als Dienstleistung. Powered By We heißt das Produkt und macht klar, dass Wework in erster Linie Büromanagement-Kompetenz verkauft - ob in seinen eigenen Filialen oder den Gebäuden ihrer Kunden ist dabei fast egal.

Abgeordnetenhaus outgesourct

Dieses Know-how nutzt auch der FDP-Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus, Bernd Schlömer, für sich, aber vor allem für seine Mitarbeiter, darunter Ann Catrin Riedel. Es sei eine rein pragmatische Entscheidung gewesen, die sie gemeinsam getroffen hätten, sagt Riedel. Der Platz im Abgeordnetenhaus sei eben beengt und ein großes Wahlkreisbüro in Friedrichshain-Kreuzberg wäre zu teuer gewesen. "Das ist am Ende auch eine Kostenfrage."

Bevor sie anfing für Schlömer zu arbeiten, saß Riedel im St. Oberholz und vermisst es ein bisschen. Zwar sei sie grundsätzlich zufrieden bei Wework, aber Coworking sei das nicht, pflichtet sie Tobias Kremkau bei. Sie habe in all der Zeit keinen einzigen Selbstständigen getroffen. Überhaupt sei die Atmosphäre bei Wework eher anonym.

Der Erfolg kommt erst mit dem Preisschild

Im Grunde kann man die Entwicklung, die das Coworking mit Wework genommen hat, gut mit der sogenannten Sharing-Economy vergleichen. Unter Carsharing stellte man sich damals ja auch vor, dass man einfach das Auto des Nachbarn mitnutzen würde. Lange vor Airbnb gab es bereits die Couchsurfing-Community, die fröhlich fremde Menschen unentgeltlich auf dem eigenen Sofa einquartiert. Das gemeinsame Nutzen von Ressourcen hatte am Anfang immer einen Touch von Weltraumkommunismus à la Star Trek und natürlich wird das durch das Internet erleichtert - Sharing-Economy war wie Coworking tatsächlich ernst und durchaus politisch gemeint. Dass diese Prinzipien erst so richtig zum Massenphänomen wurden, als ein Preisschild dran klebte, kann der Kapitalismus getrost als Erfolg für sich verbuchen.

Das Internet hat mit seinen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten radikal die Koordinationskosten reduziert. Jeder kann jederzeit kommunizieren, wo welche Ressourcen frei werden und Menschen und Ressourcen lassen sich ad hoc verknüpfen. Es war früh klar, dass das die Ökonomie radikal verändern würde. Jeremy Rifkin schrieb bereits zur Jahrtausendwende sein Buch Access. Das Verschwinden des Eigentums, in dem er die Rolle des Eigentums zugunsten des Zugangs schwinden sah. Wer braucht noch Eigentum, wenn sich Zugang zu Gegenständen digital so leicht regeln lässt?

Doch statt des digitalen Kommunismus haben wir die Plattformisierung von allem erlebt. Netzwerkeffekte sorgen für die Monopolisierung der Services. Warum woanders nach Wohnungen suchen, wenn Airbnb eh die größte Auswahl hat? Hinzu kommen Kostenreduzierungen durch Professionalisierung und das Zusammenlegen von Ressourcen - die sogenannten Skaleneffekte. Das Resultat: Plattformen agieren heute als neue Service-Layer zwischen Menschen und Gegenständen und lösen Probleme mittels integrierten Standards und optimierten Algorithmen. So werden aus Produkten, die man kaufen kann, Services, die man mietet. Die Antwort auf das Problem, von A nach B zu kommen, ist nicht mehr das Auto, sondern die Uber-Fahrt. Die Antwort auf das Problem "Ort zum Arbeiten" ist eben nicht mehr das Büro, sondern die Wework-Mitgliedschaft.

Doch da ist noch etwas anderes. Die rein ökonomische Erkenntnis, dass es nicht mehr als einen Zugang zu einem Schreibtisch und dem Internet braucht, um produktiv zu sein, ist nicht das Einzige, was Wework aus der New-Work-Bewegung gezogen hat. Es ist auch das Image.

Outgesourcte Hippness als zubuchbares Businessmodul?

Philipp Bohn ist angestellt bei Unify, einem internationalen Telekommunikationskonzern. Er ist dort produktverantwortlich für die Kollaborationssoftware Circuit und das Startup Bluekiwi und arbeitete mit einem kleinen Team einige Monate lang bei Wework. "Wir wollten raus aus den eigenen Strukturen", sagt er. "Neue Umgebung, andere Leute, anderes Umfeld." Es sollte auch ein "Signal" sein, an das Team aber auch an die Kunden, die teils selbst schon da sind, und an die Partner. Das Team war sowieso größtenteils virtuell aufgestellt, verteilt auf die ganze Welt. "Wework reflektiert physisch wie wir eh schon arbeiteten", sagt Bohn. Es biete zudem auch eine andere Atmosphäre als ein Konzern, zum Beispiel wenn man zum Meeting einlade. Die Atmosphäre bei Wework sei innovativer, offener und insgesamt zeitgemäßer, "aber eben auch nicht zu crazy. Hier muss man auch nicht auf Europaletten sitzen wie in manch anderem Coworking-Space."

Wework hat gewissermaßen eine Art kulturelle Scharnierfunktion und bildet den Missing Link zwischen "ausgeflipptem" Coworking- und der eher konservativen Corporate-Welt. Ist Wework also nur das domestizierte Abziehbild einer einst radikalen New-Work-Pose? Outgesourcte Hippness als zubuchbares Businessmodul?

Das wäre zu einfach. Tatsächlich reflektiert Wework sehr gut, was aus der neuen Arbeit in Wirklichkeit geworden ist. Die Arbeitswelt hat sich ja tatsächlich gewandelt - nur halt nicht so eindimensional wie wir damals glaubten. Zwischen den damals als Dualität gedachten Polen des ungebundenen kreativen Freiberuflers und dem bis zur Rente festangestellten Konzernsoldaten hat sich ein großes Feld aufgespannt mit allerlei neuen Arbeitsmodellen, die irgendwo dazwischen liegen: vom festen Freien, zu den nur noch halbtags Angestellten, zu den Leuten im Sabbatical oder den vielen Arbeitskräften, die donnerstags und freitags Homeoffice machen.

Ja, es gibt mehr Freelancer als je zuvor, aber viel mehr noch gibt es diejenigen, die irgendwo zwischen Festanstellung und Freiberuflertum ihre Nische gefunden haben. Die Arbeitswelt hat sich vor allem entzerrt und diversifiziert. Es passiert vieles gleichzeitig und nebeneinander statt entweder-oder. Das hat Wework frühzeitig erkannt und die entsprechend flexible Infrastruktur dafür angeboten.

Alles kann ein Arbeitsplatz sein

Aber auch das Arbeitsplatzangebot hat sich in der Zwischenzeit aufgefächert. Natürlich sitzen einige immer noch im Café, andere haben zu Hause einen Schreibtisch im Arbeitszimmer und vereinbaren so Familie und Beruf. Wieder andere haben die gute alte Bibliothek für sich wiederentdeckt und Pendler arbeiten mittlerweile routiniert im ICE, seitdem auch dort WLAN verfügbar ist. Der Ort der Arbeit hat sich wie die Arbeit selbst entgrenzt und jeder Ort mit Tisch und Internet macht den Coworking-Spaces - und Wework - Konkurrenz.

"Alles kann heute ein Arbeitsplatz sein. Bei gutem Wetter und WLAN kann man auch im Park sitzen und arbeiten", sagt Wybo Wijnbergen, General Manager für Nordeuropa bei Wework. Seiner Ansicht nach ist das, was Wework darüber hinaus anbietet der Zugang zur Community. Von anderen lernen, sich austauschen, zusammen Projekte machen und dabei mehr Geld verdienen, das sei der eigentliche Mehrwert der Wework-Mitgliedschaft und rechtfertige auch die höheren Preise. Eine Umfrage habe ergeben, dass 70 Prozent der Mitglieder mit anderen kollaborierten.

Viele Wework-Kunden, mit denen ich gesprochen habe, konnten diesen Mehrwert - verglichen zu anderen Coworking-Spaces - nicht so recht bestätigen. Das Arbeiten bei Wework sei vergleichsweise anonym, der Austausch eher rar. Das liege gar nicht so sehr am Unternehmen selber - die Bemühungen zur Stärkung der Community seien durchaus sichtbar. Es ist eher der spezifische Mix der Menschen, die dort arbeiten. Der Wunsch nach Austausch ist bei Corporate-Angestellten vielleicht nicht so groß, wenn für sie am Ende des Tages vor allem das Netzwerk innerhalb des eigenen Unternehmens zählt.

Trotzdem ist die Betonung der Community bei Wework mehr als reiner PR-Sprech - zumindest ist es ein nachvollziehbares Ziel. Tatsächlich tut Wework viel, um den Austausch zu fördern. Überall hängen Displays, auf denen Freelancer oder Startups in Rotation ihre Dienste oder Produkte anpreisen. Es gibt regelmäßige Veranstaltungen und im vergangenen Jahr hat Wework das Startup Meetup akquiriert, eine Onlineplattform zur Organisation von Offline-Events. Ein idealer Match, freut sich Wijnbergen, denn genau als das sieht er Wework: die physische Instanz der digital gewordenen Kollaboration.

Ist Wework eher Offline-Facebook oder -LinkedIn?

Es ist kein Zufall, dass Wijnbergens ständige Verweise auf die Community den Verlautbarungen Mark Zuckerbergs ähneln. Auch Facebooks wichtigstes Gut ist die Community - oder ökonomisch ausgedrückt: Es sind die Netzwerkeffekte. Wir alle sind schließlich auf Facebook, weil alle auf Facebook sind. Der Zugang der Nutzer zueinander ist das eigentliche Pfund mit dem Netzwerke wuchern können. Das hat auch Wework verstanden und setzt alles daran, diesen Mehrwert nutzbar zu machen. Auf die Frage, ob Wework eine Art Offline-Facebook sei, meint Wijnbergens, dass das durchaus ein treffender Vergleich sei.

Oder doch eher die realweltliche Entsprechung von LinkedIn? Wework hat sein Schicksal schließlich an die Zukunft der Arbeit gekoppelt - und manche sagen ihr düstere Zeiten voraus. Künstliche Intelligenzen würden einen Großteil der Arbeit, die heute von Menschen gemacht wird, übernehmen, so heißt es. Es ist daher nur folgerichtig, dass Wework sich zunehmend im Bereich der Bildung engagiert, sei es durch die Konzeptgrundschule Wegrow, die das Unternehmen derzeit in New York ausprobiert, oder in Weiterbildungseinrichtungen wie der Flat Iron Coding School, die außer in New York nun auch in London und bald in Berlin eröffnen wird.

Der andere Treiber, der laut Wijnbergens Wework weiter in die Zukunft drängt, ist die Organisation des immer enger werdenden städtischen Raumes. Mit Welive versucht Wework, sein raumorganisatorisches Know-how auf den Bereich des Wohnens zu transferieren. Flexible, fertig eingerichtete Apartments mit allerlei zusätzlichen Services sollen den Widerspruch zwischen Platzmangel und Lebensqualität auflösen. Bislang gibt es die Apartments nur in New York und Washington DC und noch ist offen, ob das Konzept ähnlich gut skaliert wie Wework.

Irgendwann ist alles wie Wework

Auch hier entpuppt sich Wework als typisches Plattformunternehmen. "Vertikale Integration" nennt man es, wenn Google Handybetriebsysteme herstellt und Amazon eigene Logistikzentren baut. Man weitet die eigenen Leistungen auf Bereiche aus, die der eigentlichen Hauptdienstleistung vor- oder nachgelagert sind. Wenn Wework schon deinen Arbeitsplatz organisiert, warum dann nicht auch deine Wohnung und die Kinderbetreuung? Alles aus einer Hand anzubieten ermöglicht Synergieeffekte und erhöht das Lock-in der Verbraucher - es wird immer schwerer aus dem Ökosystem auszubrechen.

Irgendwann wird vielleicht das ganze Leben so funktionieren wie der Kaffeeautomat im Wework-Foyer. Ich wähle aus einer begrenzten, aber durchaus beachtlichen Auswahl an Einrichtungsstilen fürs Apartment sowie Bildungsmodulen fürs Kind aus und gebe meine bevorzugte Schreibtischhöhe ein. Mein Leben wird dann frisch gebrüht überall dorthin serviert, wo es mich gerade hin verschlagen hat. Natürlich all inclusive zum monatlichen Pauschalpreis und platzsparend - vielleicht sogar umweltschonend - durchoptimiert. Dazu bin ich vernetzt in der Community, die mich mit Jobangeboten und Projekten je nach Lebenslage versorgt und mit der ich mich in der Kaffeepause über den Unterschied von Americano und Filterkaffee austauschen kann. Also schon auch ein bisschen wie Star Trek, nur mit Großstadt statt Raumschiff und mit saftigen Preisen.  (mse)


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