Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/windenergie-wie-umweltfreundlich-sind-offshore-windparks-1807-135180.html    Veröffentlicht: 10.07.2018 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/135180

Windenergie

Wie umweltfreundlich sind Offshore-Windparks?

Windturbinen auf hoher See liefern verlässlich grünen Strom. Frei von Umwelteinflüssen sind sie aber nicht. Während die eine Tierart profitiert, leidet die andere. Doch Abhilfe ist in Sicht.

Vergnügt schwimmt eine Robbe durch einen der zahlreichen Offshore-Windparks in der Deutschen Bucht. An einem der stählernen Türme taucht sie ab, Minuten später zeigt sie sich mit einem dicken Fisch zwischen den Zähnen wieder an der Oberfläche. Die Robbe weiß ganz genau: In den Windfarmen gibt es etwas zu fressen.

Warum sich in den Meereswindfarmen Tiere tummeln, weiß der Biologe Georg Nehls, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Bioconsult in Husum: "In den Windparks gilt ein Fischereiverbot. Davon profitieren die Fische. Auch benthische Lebewesen, also solche, die am Meeresboden leben, etwa Krebse und Hummer, besiedeln die neuen Lebensräume. An manchen Fundamenten hängen zehn Tonnen Muscheln."

Vor einer zerstörerischen Kraft bewahren die Windparks die Meere gar: der Schleppnetzfischerei. Vor allem in der Nordsee wird diese Art der Fischerei seit Jahrzehnten intensiv betrieben. Schiffe ziehen dabei schwere Netze über den Grund und machen alles platt. "Die bodenberührende Schleppnetzfischerei hat in der Nordsee massive Auswirkungen. Da es in den Parks keine Fischerei gibt, werden dort Flächen geschont", sagt Nehls.

Auch der Hummer fühlt sich in den Windparks wohl. Das bedrohte Tier profitiert von den künstlich geschaffenen Steinriffen, die an den Fundamenten der Windräder aufgeschüttet werden. Im Windpark Riffgat, vor der Nordseeinsel Borkum, wurden tausende Tiere ausgewildert, diese beobachten die Forscher inzwischen auch in anderen Offshore-Parks.

Die Offshore-Windparks sind gewissermaßen die Kinderstube. So gesehen sind sie ein Segen: Bereits heute ist ein Drittel der Nordsee als Meeresschutzgebiet ausgewiesen. Wenn jetzt noch alle geplanten Windparks hinzukommen, ist die Hälfte der Nordsee für den Fischfang gesperrt. Das würde vielen Arten eine dringend nötige Verschnaufpause verschaffen.

Ob das den Fischern gefällt, steht auf einem anderen Blatt."Dann wird es eng für die", konstatiert Nehls. In manchen Ländern, etwa Großbritannien oder in den Niederlanden, überlegt man deshalb, Naturschutzansprüche und Offshore-Windenergie zu kombinieren und Windparks dort zu errichten, wo ein Fischereiausschluss für den Meeresschutz besonders wichtig ist. "Ein interessanter Gedanke", findet Nehls.

Doch die Offshore-Windkraft hat nicht nur positive Seiten.

Keine Erkenntnisse über Vogelschlag

"Negative Auswirkungen beobachten wir hauptsächlich bei Meeressäugern und Vögeln", sagt Nehls. Generell müsse man zwischen der Errichtungsphase und dem Betrieb trennen: Beim Rammen der Fundamente beobachteten die Wissenschaftler in der Vergangenheit eine starke Störwirkung für den Schweinswal. Doch die Schallminderungsmaßnahmen wie Blasenschleier seien mittlerweile sehr effektiv. Seither gäbe es nur noch geringe Störungen, sagt Ursula Prall, Juristin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Offshore-Windenergie: "Inzwischen werden die Werte eingehalten."

Was jedoch noch Sorgen bereitet und relativ unerforscht ist, ist die Wirkung der gigantischen Windparks auf die Vogelwelt. "Was die Vögel angeht, beobachten wir mitunter einen starken Einfluss. Die Sterntaucher etwa meiden die Parks großräumig. Wir nehmen an, dass es die optische Präsenz der Anlagen ist", sagt Nehls.

Ein anderes Thema ist der sogenannte Vogelschlag. Wie viele Vögel tatsächlich von den Flügeln der Windturbinen getötet werden, ist unbekannt. "Man weiß viel zu wenig. Die toten Tiere bleiben ja nicht unter der Anlage liegen, wie es Onshore der Fall ist. Das macht es schwierig", sagt Nehls. Die Forscher vermuten, dass die Beleuchtung der Anlagen die Tiere anzieht. Das Phänomen kennt man von Hochseeschiffen und Leuchttürmen. Inzwischen wird daher über die bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung der Windräder nachgedacht. An Land wird das bereits praktiziert: Die Lichter gehen nur an, wenn tatsächlich Schiffe oder Flugzeuge in der Nähe sind. Über Transponder kommunizieren beide Parteien.

Größere Windparks sind weniger aufwendig

Einig sind sich die Forscher über die Größe der Windparks und einzelnen Anlagen. Ihr Fazit: Je größer, desto besser. Größere Maschinen brauchen auch nur ein Installationsschiff, ein Fundament und ein Anschlusskabel. Also ist die Installation eines 9-MW-Windrads einfacher als die von drei 3-MW-Anlagen. Auch der Wartungsaufwand wird reduziert. Aber auch die Umwelt profitiere, sagen die Fachleute: Größere Anlagen haben einen höheren Durchlauf. Das ist der Abstand zwischen Wasseroberfläche und Flügelspitze. Ein großer Abstand sei besonders für die dicht über der Wasseroberfläche fliegenden Seevögel günstig.

Einen Schritt weiter ist man an Stellen, die man gar nicht sieht: der Verkabelung. Das sogenannte "2K-Kriterium" regelt, wie viel Wärme die parkinternen und -externen Verkabelungen in den Meeresboden eintragen dürfen: nämlich maximal zwei Grad auf 20 Zentimeter Meeresbodentiefe. Je mehr Strom durch die Kabel fließt, desto wärmer werden sie. Gegebenenfalls müssen die Anlagen gedrosselt werden. Messungen legen nun nahe, dass man bislang zu konservativ gerechnet hat: "Man kann vermutlich mehr Strom abführen, als bislang gedacht", sagt Prall.

In einer Disziplin sind die Windkraftwerke indes unschlagbar gut: beim Klimaschutz. Ende 2017 waren in deutschen Gewässern Turbinen mit insgesamt 5.300 Megawatt am Netz. Alle Turbinen zusammen erzeugten im Laufe des Jahres rund 18 Milliarden Kilowattstunden. Hätte man diese Energie konventionell erzeugt, wären rund 13 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre entwichen.  (dha)


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