Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/samsung-flip-im-test-brainstorming-mit-essstaebchen-und-nebenbei-powerpoint-1807-135160.html    Veröffentlicht: 02.07.2018 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/135160

Samsung Flip im Test

Brainstorming mit Essstäbchen und nebenbei Powerpoint

Ob mit dem Finger, dem Holzstift oder Essstäbchen: Vor dem Smartboard Samsung Flip sammeln sich in unserem Test schnell viele Mitarbeiter und schreiben darauf. Nebenbei läuft Microsoft Office auf einem drahtlos verbundenen Notebook. Manche Vorteile gehen jedoch auf Kosten der Bedienbarkeit.

Schon die Lieferung des Samsung Flip ist für die Golem.de-Redaktion recht ungewöhnlich. In einem großen schwarzen Kasten für Veranstaltungstechnik wird das Gerät per Lkw von Samsung angeliefert - als einziges Paket im Fahrzeug. Das Auspacken im Büro ist dementsprechend schwierig. Das System lässt sich am besten zu zweit aufbauen, da es sperrig und vor allem sehr schwer ist.

Nach der Montage bildet sich schnell eine Ansammlung von interessierten Mitarbeitern vor dem 55 Zoll großen 4K-Bildschirm und es dauert auch nicht lange, bis sie gemeinsam Zeichnungen und kleine Kritzeleien auf das digitale Papier gebracht haben.

Alle wollen wissen: Was ist das Flip überhaupt und was können wir damit machen? Es kann am ehesten als eine Art Smartboard beschrieben werden, das seinen Platz in modernen Konferenzräumen finden soll. Als ein solches Gerät platziert der Hersteller es auch: als digitales Flip Chart für Unternehmen.

Das Flip kommt im Komplettpaket mit Standfuß auf Rollen ins Haus. Die Verarbeitung der Einzelteile ist für ein Konferenzsystem dieser Art in Ordnung, aber nicht überwältigend. Uns fallen der recht flexible Kunststoff und teilweise grobe Grate und Spaltmaße negativ auf. Komplett aufgebaut wirkt das System aber sehr stabil. Gut finden wir das integrierte Scharnier im Standfuß, mit dem sich das Flip um 90 Grad in eine vertikale Position drehen lässt. Das System kann dank der Vesa-Halterung auch an der Wand montiert werden. Deshalb kann es auch ohne Standfuß bestellt werden, der immerhin 750 Euro kostet.

Auf dem Bildschirm können Nutzer gemeinsam zeichnen, Notizen aufschreiben und diese auf diverse Arten exportieren - etwa an eine E-Mail-Adresse, ein angeschlossenes USB-Laufwerk oder ein Netzlaufwerk im Firmennetzwerk. Das Flip kann außerdem mit einem Smartphone oder einem Laptop drahtlos oder per HDMI verbunden werden, um deren Bildschirminhalte auf dem großen Panel anzuzeigen.

Das funktioniert allerdings nicht wie ein einfacher zweiter Bildschirm, sondern eher als eine digitale Tafel, auf der Inhalte abgelegt und angezeigt werden. Das Board öffnet für Bildschirminhalte ein eigenes Fenster, das auf der weißen Fläche mit dem Finger oder einem Stift verschoben oder skaliert werden kann. Die GUI erinnert dabei an typische Benutzeroberflächen von Betriebssystemen wie Windows oder Linux mit Gnome-Oberfläche.

Während einer Videoübertragung können von gezeigten Frames per Finger- oder Stifttipp Screenshots angefertigt werden, die sich wiederum in einem separaten Fenster öffnen. Alle Fenster können wir mit dem Finger oder beigelegten Stift in der Größe verändern, verschieben oder wieder schließen. Gleichzeitig können wir auf Screenshots und der weißen Fläche mit dem Stift zeichnen und schreiben. Die Technik, die Samsung im Display verbaut, ist sehr ungewöhnlich.

Zeichnen mit Stift, Finger oder Essstäbchen

Der Digitizer des Samsung Flip reagiert auf Eingaben flott und mit einer sehr geringen Verzögerung. Allerdings reagiert der Bildschirm nicht auf Druck, etwa um Variationen in der Strichdicke zu ermöglichen. Wir können hier also nicht die Qualität eines Wacom Cintiq oder sogar eines Samsung-Galaxy-Note-Smartphones erwarten. Das ist aber auch gar nicht der Anspruch des Flips.

Interessant ist, dass sich auf dem Bildschirm mit allen möglichen Gegenständen zeichnen und schreiben lässt. So können wir den mitgelieferten Holzstift verwenden oder auch ein Essstäbchen. Der Digitizer erkennt den Durchmesser einer auf ihm aufliegenden Fläche, so dass die Spitze eines Bleistiftes dünne Striche zieht, während ein etwas breiteres Stäbchen schon als digitaler Markierstift interpretiert wird. Nehmen wir die Handfläche oder auch einen Schwamm zu Hilfe, dann werden Linien wieder wegradiert. Dadurch, dass wir nicht auf Eingabegeräte beschränkt sind, fühlt sich kollaboratives Arbeiten im Team darauf intuitiv an. Einzige Einschränkung: Das System erkennt nur bis zu vier Eingaben gleichzeitig, so dass nicht alle Mitarbeiter auf einmal darauf schreiben können.

Der mitgelieferte Stift ist entsprechend der Digitizertechnik letztlich einfach nur ein Stück Holz mit einer dünnen und einer dicken Spitze. Wenn wir das Smartboard nicht verwenden, kann er in eine dafür vorgesehene Halterung gesteckt werden. Dabei wird das Gerät in den in den Standby-Modus versetzt. Beim Herausnehmen des Stifts schaltet sich das Gerät an - sehr praktisch. Das soll auch funktionieren, sobald sich eine Person der Kameralinse nähert, die sich neben der Stifthalterung befindet. Allerdings hat das zumindest bei uns nicht funktioniert. Diese Linse dient übrigens ausschließlich als Bewegungssensor und nimmt keine Bilder des Raumes auf.

Was hingegen auf Anhieb klappt, ist das Verbinden eines Gerätes per drahtlosem Screen Mirroring. Dazu müssen wir auf dem Hostgerät das Samsung Flip suchen und auswählen. Diese Funktion haben jedoch nicht alle Smartphones mit Android-Betriebssystem. Testen konnten wir das mit dem Huawei Mate 20 und einem Samsung Galaxy S9. Unter Windows 10 können wir das Flip als Drahtlosanzeige über die Mehrbildschirmauswahl verwenden. Auf dem Smartboard müssen wir eingehende Verbindungen dann bestätigen. Alternativ können wir für eine Verbindung auch den am Stifthalter angebrachten NFC-Sensor verwenden und daran ein kompatibles Smartphone halten.

Darüber lässt sich aber nur ein Gerät mit dem Samsung Flip koppeln. Sobald wir ein weiteres verbinden möchten, bricht die Verbindung ab. Das ist bedauerlich, zumal das Smartboard mit der großen 55-Zoll-Zeichenfläche als Teamkollaborationswerkzeug perfekt für mehrere Fenster gleichzeitig wäre - beispielsweise um eine Videokonferenz und eine Powerpoint-Präsentation zugleich laufen zu lassen.

Fehlende Kamera und Mikro schränken ein

Dass wir für Videokonferenzen auf ein externes Gerät angewiesen sind, ist einer unserer größten Kritikpunkte an dem Flip. Leider lässt sich daran auch keine externe Kamera anschließen. Verglichen mit Geräten wie dem Surface Hub von Microsoft oder dem Cisco Spark Board ist das ein erheblicher Nachteil. Das Smartboard ist zu groß und zu sperrig, als dass noch ein eigenständiges Videokonferenzsystem in kleinere Konferenzräume passen würde. Beim Kauf des 3.000 Euro teuren Flips sollten Kunden sich also bei Bedarf gleich noch einen Windows-PC bestellen, an den eine Kamera und ein Mikrofon angeschlossen werden können.

Wir finden auch, dass der Bildschirm des Flips ein wenig heller sein könnte. Die von Samsung angegebenen 220 Candela pro Quadratmeter erreicht das Gerät zwar subjektiv, allerdings werden bereits einige Sonnenstrahlen durch das Fenster des Konferenzraumes zum Problem. Dann können wir dargestellte Inhalte nicht auf Anhieb erkennen. Auch sehen wir einen kleinen Grauschleier auf dem Bildschirm; beim Betrachten aus nächster Nähe erkennen wir als Ursache mit dem bloßen Auge das Pixelgitter und den darauf liegenden Digitizer. Die Blickwinkelstabilität des Bildschirms ist hingegen gut, was für gut gefüllte Konferenzräume von Vorteil ist.

Außerdem kann das Produkt bei der simplen Bedienung punkten. Hier nutzt Samsung die Fähigkeiten seines auf Tizen 3.0 basierenden Flip-UX-Betriebssystems gut aus.

Auch ein Kind könnte das Flip bedienen

Das Smartboard nutzt eine von Samsung angepasste Version des auf Linux basierenden, in Smart-TVs und Smartphones verwendeten Betriebssystems Tizen 3.0: das sogenannte Flip UX. Schon nach dem Anschalten wird klar, dass hier der Fokus auf eine möglichst einfache Bedienung gelegt wird. Wir müssen nicht einmal große Installationsarbeit leisten, das System bootet direkt in die Zeichenfläche, nachdem wir uns drahtlos mit dem Unternehmensnetzwerk verbunden haben.

Nach wenigem Ausprobieren werden auch die Menüs des Flips ersichtlich: Zwei Reiter am oberen Bildschirmrand ermöglichen uns das Exportieren oder Importieren von Bildern und Skizzen. Unten gelangen wir über das klassische Listensymbol in die Einstellungen, können uns eine Übersicht aller gespeicherten Folien anzeigen lassen oder einen Schritt vor- beziehungsweise zurückgehen. Auf der Zeichenfläche finden wir zudem eine gestrichelte Linie. Diese ziehen wir, wenn wir auf eine weitere Fläche gelangen möchten. Das funktioniert auch über die schwarzen Ränder des Smartboards - gute Idee. Dabei ist es möglich, eine Liste mit bis zu 20 dieser Seiten zu befüllen.

8 GByte Cloud-Speicher inklusive

Über die Einstellungen können wir auch von einem Whiteboard- in einen Blackboard-Modus wechseln. Wir können angelegte Dateien mit einem PIN-Code schreibschützen und Projekte zwischenspeichern oder Löschen. Für das Speichern von Dateien stellt Samsung übrigens acht GByte Cloud-Speicher zur Verfügung. Dies ist der Standardspeicherplatz für alle unsere Folien. Es ist aber auch möglich, ein firmeninternes Netzlaufwerk mit dem Smartboard zu verbinden, Dateien an E-Mail-Adressen zu senden oder in Papierform auszudrucken.

Eine Möglichkeit, statt der von Samsung vorgegebenen Cloud einen anderen Dienst wie etwa Google Drive oder Microsoft Azure mit dem Flip zu verwenden, haben wir nicht gefunden. Das schränkt die Nutzbarkeit ein. Außerdem müssen wir immer mit denselben zwei Pinselstrichen auskommen, dem Textmarker und dem dünnen Stift. Auch bei der Farbwahl sind unsere Möglichkeiten eingeschränkt. Wir können zwischen einigen Farbpaletten auswählen. Hier wäre ein selbst einstellbares Farbschema, beispielsweise in den Corporate-Identity-Farben der eigenen Firma, sinnvoll.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Samsung Flip gibt es hier in Deutschland im Onlineshop des Herstellers auf Anfrage zu kaufen. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 3.000 Euro inklusive Stand. Bei Onlinevesandhändlern wie Mindfactory ist das Gerät für etwa 2.200 Euro verfügbar. Der passende Stand kostet einzeln etwa 600 Euro extra - ein lohnendes Zubehör. Zum Vergleich: das Surface Hub 2 von Microsoft und das Spark Bord 50 von Cisco kosten umgerechnet jeweils etwa 4.300 Euro.

Fazit

Das Samsung Flip ist ein interessantes Smartboard, das durch die einfache Verbindung mit Notebooks oder Smartphones einen großen Funktionsumfang bietet. Per drahtloser Übertragung oder per HDMI können Bildschirminhalte von verbundenen Geräten auf dem 55-Zoll-Bildschirm angezeigt werden. Die jeweiligen Fenster können Nutzer mit dem Stift oder dem Finger verschieben und in der Größe skalieren. Es lassen sich auch Screenshots einzelner Frames auf der Tafel ablegen und dann mit Markierungen versehen.

Das auf Tyzen 3.0 basierende Betriebssystem des Flips erinnert an gängige Desktopoberflächen in Windows oder Linux. Zusätzlich legt der Hersteller viel Wert auf eine einfache Bedienbarkeit.

Die Menüs sind sehr übersichtlich und schlicht gehalten, wobei Menüpunkte selbsterklärend sind: Das Listensymbol öffnet zusätzliche Einstellungen, der Pfeil zurück revidiert die letzte Aktion auf dem Bildschirm. Innerhalb der Einstellungen ist es zudem möglich, die Stiftstärke, Farbpaletten, Bildschirmhelligkeit oder auch Drucker und Netzlaufwerke einzurichten.

Die einfache Steuerung des Betriebssystems wird durch den von Samsung verbauten ungewöhnlichen Digitizer im Panel ergänzt. Dieser erkennt Objekte aufgrund ihrer Auflagefläche auf dem Bildschirm und interpretiert die Spitze eines Stiftes als dünne Linie und die breitere Rückseite als Textmarkierer.

Allerdings geht die einfache Bedienbarkeit auf Kosten des Funktionsumfanges der Software. So lassen sich keine eigenen Farben der Stifte einstellen oder eine eigene Cloud-Ablage einrichten. Auch hat das Flip keine Hardware für Videokonferenzen. Sie muss über ein angeschlossenes Gerät bereitgestellt werden.

Das Panel mit 4K-Auflösung des Flips ist mit 220 Candela pro Quadratmeter für abgedunkelte Büroräume hell genug. Sobald aber die Sonne etwas stärker hineinscheint, heißt es: Rollos herunterfahren. Andernfalls können wir die Inhalte auf dem Bildschirm schwerer erkennen. Da erweist es sich als gut, dass wir unser Flipboard auf dem stabilen Ständer hin und her rollen können - bei Bedarf auch in andere Räume.

Sehr praktisch daran ist, dass sich das Display mit dem eingebauten Scharnier so auch im vertikalen Modus nutzen lässt. Auf einer Kunststoffablage lassen sich zudem Laptops oder Desktop-Computer abstellen und an den im Ständer enthaltenen HDMI-Bildschirm- und Netzwerkbuchsen anschließen.

Das Samsung Flip ist ein sehr gutes Smartboard, das durch die einfache Bedienbarkeit sicherlich eine Bereicherung für Besprechungsräume sein kann. Die fehlende Videokonferenzfunktion und Abstriche bei den Anpassungsmöglichkeiten des Betriebssystems lassen aber Raum für die Konkurrenz offen. Da kommen komplettere Systeme wie das Microsoft Surface Hub oder das Cisco Spark Board ins Spiel.  (on)


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