Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kuenstliche-intelligenz-ki-taxi-app-fuer-lastwagen-soll-staus-verhindern-1806-135087.html    Veröffentlicht: 22.06.2018 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/135087

Künstliche Intelligenz

Taxi-App für Lastwagen soll Staus verhindern

Jeder dritte Lkw auf der Straße fährt leer durch die Gegend. Das Hamburger Startup Cargonexx hat ein KI-System entwickelt, das das Disponieren effizienter macht. Es soll Leerfahrten verhindern, dadurch Staus vermeiden und Schadstoffemissionen senken.

Lkw hinter Lkw hinter Lkw: Ein Bild, das sich auf vielen Autobahnen bietet. Täglich sind rund 500.000 Lkw auf Deutschlands Straßen unterwegs. Aber nicht alle sind beladen: Etwa ein Drittel fährt leer. Sie verstopfen die Straßen, bringen dem Eigentümer aber kein Geld ein. Das will das Hamburger Unternehmen Cargonexx ändern.

Das 2016 gegründete Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, über die Frachten und Fahrten vermittelt werden. Auftraggeber, Verlader genannt, können eine Fracht einstellen, die von A nach B transportiert werden soll. Fuhrunternehmer stellen Touren sein, die sie fahren und bieten Transportkapazität an. Ein System mit künstlicher Intelligenz vermittelt Lasten und Fahrten. "Das ist so einfach, wie ein Taxi über eine App zu buchen", beschreibt Bert Manke, Marketingchef von Cargonexx, im Gespräch mit Golem.de.

Cargonexx ist auf Standardtransporte spezialisiert: große Sattelschlepper, die Ladungen ab drei Lademeter - das entspricht acht Plattenstellplätzen - über eine Strecke von mehr als 300 Kilometern transportieren, am liebsten Komplettladungen, aber auch Teilladungen werden vermittelt. Kunden sind Großunternehmen unter anderem aus der Automobilbranche, Hersteller von Kosmetik- und Körperpflegeartikeln oder Baumärkte. Für sie organisiert Cargonexx beispielsweise Frachten aus dem Zentrallager ins Regionallager, oder auch, bei den großen Discountern, in die Filiale.

Ein Auftraggeber etwa meldet bei dem System eine Ladung an, die von Hamburg nach Köln transportiert werden soll. Er gibt die Größe in Lademetern und die Anforderungen für den Lkw an. Der selbstlernende Algorithmus, Multidimensional Artificial Neural Network Intelligence, kurz Manni, berechnet den Preis für die Fahrt und fragt den Verlader, ob der den Preis für akzeptabel hält - ohne dass es für die Fahrt schon ein Fahrzeug gibt.

Den Preis berechnet Manni tagesaktuell. Er berücksichtigt dabei Fracht und Strecke, Treibstoffpreis, Verkehrs- und Wetterdaten, vergleicht, was Frachtführer verlangen und was Verlader zu zahlen bereit sind, bezieht auch Sonderfälle ein, wie etwa Betriebsferien oder Feiertage, an denen es schwierig ist, einen Fahrer zu finden. So ermittelt Manni einen Preis, der für beide Seiten annehmbar sein sollte. Dafür wurde das System mit Millionen Datensätzen früherer Touren trainiert. Es wertete beispielsweise aus, was Fahrten mit bestimmtem Volumen und Ladungsgewicht früher kosteten, wie Baustellen oder Schneefall die Fahrtzeiten beeinflussten - und es lernt immer noch mit jeder vermittelten Tour weiter.

Nimmt der Auftraggeber den Preis an, wird Cargonexx zum haftenden Spediteur. Anders als eine Online-Frachtbörse übernimmt Cargonexx also die Verantwortung dafür, dass die gebuchten Fahrten auch durchgeführt werden. Das Unternehmen lebt von der Preisdifferenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis der Touren.

Bei Cargonexx sind 70.000 Lkw registriert

"Wir spielen diesen Auftrag in unser Netzwerk aus. Darin haben wir aktuell zirka 70.000 Lkw", sagt Manke. Die Lkw-Betreiber, im Fachjargon Frachtführer, stellen im System die Strecken ein, für die sie Ladungen suchen. So kann ein Frachtführer beispielsweise eingeben, dass er jeden Montag von Hamburg nach Köln fährt und dabei 12 Lademeter frei hat. Manni matcht die Nachfrage gegen die Angebote und vermittelt die Fahrt.

Einen solchen Transportauftrag zu bearbeiten, dauert laut Cargonexx etwa eine Minute. Die Vermittlung einzelner Fahrten reicht dem Unternehmen aber nicht.

Wann kommt die Fracht?

"Wir gehen soweit, dass wir sagen: Der Frachtführer braucht Standardtransporte nicht mehr selbst disponieren, sondern er sucht sich seine Touren über Cargonexx", sagt Manke. Es geht dabei nicht nur darum, die Fahrt von Hamburg nach Köln zu organisieren - denn von dort kommt der Lkw unter Umständen leer zurück. "Wir versuchen, jeden Lkw, den wir losschicken, weiter zu disponieren."

Das Beste sei, nach der Entladung möglichst in der Nähe eine neue Tour zu finden, also möglichst noch in Köln. Die muss aber nicht unbedingt nach Hamburg zurückführen. Es kann sein, dass es von Köln weiter geht nach Dresden, Berlin oder nach München, von München vielleicht nach Nürnberg und von Nürnberg wieder zurück. "Wir sind in der Lage, einen Lkw am Montag für die ganze Woche durchzudisponieren, und der Fuhrunternehmer muss sich um nichts mehr kümmern", sagt Cargonexx-Marketingchef Manke.

Das Ganze läuft komplett digital ab. Einem Auftrag hinterherzutelefonieren entfällt ebenso wie das Hantieren mit Frachtpapieren. Cargonexx übertragt die nötigen Dokumente digital. Dann macht der Fahrer ein Foto mit dem Smartphone, das er digital weiterschickt. Da die Branche allerdings konservativ ist, wollen manche Lager oder Verlader auf Papiere nicht verzichten.

Wenn der Empfänger das gewusst hätte...

Effizienter soll auch das Entladen werden: Wenn ein Lkw das Zeitfenster, zu dem er beim Empfänger erwartet wird, nicht einhält, etwa weil er im Stau stand oder weil es zu Verzögerungen beim Beladen kam, erfährt der Empfänger derzeit davon nichts. Er wartet und hält den Platz der Laderampe frei. Werde er aber über die Verspätung rechtzeitig informiert, könne der Empfänger laut Manke den Slot anderweitig vergeben. "Ich selber war auch erstaunt, dass die Branche selten das macht. Dabei ist die rechtzeitige Information von Verspätungen ein Riesenthema", erzählt er. "Wir arbeiten aktuell an der vollständigen Automatisierung des Rampenmanagements und bieten dies als kostenfreien Zusatzservice an."

Wenn also abzusehen ist, dass eine Fracht nicht zur geplanten Zeit beim Empfänger ist, will Cargonexx diesen informieren und einen neue Slot zum Entladen buchen. Das wird gerade in einem Pilotprojekt mit einem großer Verlader und einem großen Empfänger getestet.

Praktisch für solche Prognosen wäre ein Tracking der Fracht in Echtzeit. Daran arbeite das Unternehmen, sagt Technikchef Tom Krause Golem.de. Allerdings sei das schwierig, da viele verschiedene Systeme dafür im Einsatz seien. Cargonexx entwickle eine App, die GPS-Tracking ermögliche. Es sei aber unklar, ob die Frachtführer bereit seien, diese auch einzusetzen.

Aber was bringt das KI-System wirklich?

Weniger Vekehr, weniger Emissionen

"Das Problem ist nicht, dass es zu wenig Lkw gibt, sondern dass diese Lkw nicht effizient ausgelastet werden. Das versuchen wir über unser Netzwerk zu ändern", sagt Manke. Ziel von Cargonexx sei es, mit Hilfe von KI und Machine Learning den Warentransport effizienter zu gestalten und Leerfahrten zu vermeiden. Und der Marketingchef ist optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass wir in anderthalb bis zwei Jahren ungefähr 15 bis 20 Prozent der Leerfahrten von der Entladung zur nächsten Beladung einsparen können."

Für die Lkw-Betreiber bedeutet das mehr Geschäfte, weil ihre Fahrzeuge besser ausgelastet werden. Eine Verdrängung wird nicht stattfinden, da das Aufkommen an Güterverkehr ohnehin steigen wird - bis zu 38 Prozent bis zum Jahr 2030. Im Gegenteil, sagt Manke: Es sei eher so, dass die Transportkapazitäten wegen der Leerfahrten knapp seien. Diese zu vermeiden bedeutet, mehr Kapazitäten bereitzustellen und gleichzeitig weniger Fahrzeuge auf der Straße zu haben.

Falls die Zahl der Leerfahrten nicht verringert werde, sagt Manke, drohe ein Verkehrsinfarkt. Aber nicht nur der Verkehr soll profitieren, sondern auch die Umwelt: Die Lkw emittierten auf Leerfahrten in einem Jahr etwa soviel Kohlendioxid wie Berlin in drei Jahren, sagt Manke. "Wenn wir solche Ineffizienzen vermeiden, können wir unglaublich viel für die Umwelt tun."  (wp)


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