Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cloud-gaming-auf-dem-fire-tv-stick-60-frames-fuer-40-euro-1806-135009.html    Veröffentlicht: 25.06.2018 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/135009

Cloud-Gaming auf dem Fire TV Stick

60 Frames für 40 Euro

Wie schlägt sich die aktuelle, zweite Generation des Amazon Fire TV Sticks als Cloud-Gaming-Client mit der neuen Steam Link App? Wir haben es ausprobiert und festgestellt: Zocken ohne eigene Konsole oder Rechner ist damit schon erstaunlich gut möglich - trotz einiger nerviger Probleme.

Was vor einigen Jahren noch als Utopie einiger junger Startups galt, ist heute auf dem Weg zum Massenprodukt: das Streaming von Videospielen aus der Cloud. Auf der gerade beendeten Leitmesse E3 kündigten mit EA und Microsoft zwei weitere große Spielefirmen eigene Streaming-Services an. Der Ubisoft-CEO Yves Guillemot geht sogar so weit zu behaupten, dass die nächste Konsolengeneration die letzte sein wird, weil danach alle Spiele nur noch gestreamt werden. 

Auch wenn das Konzept noch mit ein paar Problemen kämpft, gibt es heute schon marktreife Lösungen wie um Beispiel Nvidias Geforce Now. Auch Valve bietet bereits seit 2015 ein Produkt für das Spiele-Streaming an. Gemäß der Vermarktung als Steam In-Home-Streaming handelt es sich bisher eher um eine Lösung, um Spiele vom Arbeitszimmer ins Wohnzimmer zu bringen, noch nicht um eine Cloud-Lösung.

Technisch funktioniert es allerdings einwandfrei über das Internet. Durch die kürzlich veröffentlichte Beta-Version der Steam Link App für Android (und bald hoffentlich auch für iOS) kannibalisiert Steam sogar seine eigene Hardware: Die kleine Steam-Link-Box wird nun nicht mehr benötigt, da jedes aktuelle Android-Gerät - die App benötigt mindestens Android 5.0 - eingesetzt werden kann.  

Eines der Android-Geräte mit der größten Verbreitung in heimischen Wohnzimmern dürfte der Fire TV Stick von Amazon sein. Dank des geringen Preises von 40 Euro, offensivem Marketing und der Vielseitigkeit in Bezug auf die verfügbaren Inhalte ist der kleine Stick heute schon in vielen Wohnzimmern vorhanden und bietet sich damit ideal als Cloud-Gaming-Client für Gelegenheitsspieler an. 

Fire TV Stick: Sideloading der Steam Link App 

Die Steam Link App ist nicht in Amazons App Store, sondern nur im Google Play Store verfügbar. Deshalb muss sie also via Sideloading installiert werden. Nachdem wir in den Einstellungen die Installation aus unbekannten Quellen erlauben, finden wir via Google auch schnell inoffizielle Quellen, aus denen sich die apk-Dateien aus Googles Play Store herunterladen lassen. Über die Downloader-App findet das entsprechende Package schnell seinen Weg auf den Stick und kann dort ohne Probleme installiert werden. Wir verwendeten in diesem Test die Steam Link App in der Version 1.1.4. 

Bluetooth-Controller: Sony zickt, Microsoft läuft

Weil die Fernbedienung des Fire TV Stick für PC-Spiele denkbar ungeeignet ist, empfiehlt sich der Einsatz eines Gamepads. Zum Glück verfügt der Fire TV Stick über eine Bluetooth-Verbindung, so dass alle gängigen Bluetooth-Controller eingesetzt werden können - mit einer Ausnahme: Ein aktueller Playstation-4-Controller wollte sich nicht mit dem Fire TV Stick koppeln. Andere beliebte Kandidaten sind etwa Amazons eigener Fire-TV-Controller oder auch der universelle Steam Controller. Wir haben die aktuelle Controller-Generation der Xbox One S verwendet. Dieser Controller ist für unter 50 Euro erhältlich und wird von Android sowie Steam sofort erkannt. 

Kurioserweise wird bei der Verbindung mit Android die Belegung der linken und rechten Trigger-Tasten in der Steam Link App vertauscht. Das lässt sich aber in den Steam-Einstellungen beheben. Ein weiteres Problem ist die Standard-Belegung der Buttons in Android: Der Xbox-Button in der Mitte des Controllers ist fest als Home-Taste eingeplant und kann daher nicht in Spielen verwendet werden. Wer lieber einen kabelgebunden Controller einsetzt, benötigt dafür eine USB-OTG-Kabelpeitsche, die den einzigen Micro-USB-Anschluss des Fire TV Stick in einen Stromeingang und einen herkömmlichen USB-Anschluss aufteilt. 

Paperspace: Spielerechner in der Cloud mit stundengenauer Abrechnung

Als Steam-Server, auf dem unsere Spiele ausgeführt werden sollen, dient uns ein Cloud-Desktop-Rechner des Anbieters Paperspace. Für eine Grundgebühr von 5 US-Dollar und einen Stundenpreis von 40 US-Cent im laufenden Betrieb lässt sich dort ein äußerst potenter Windows-Spielerechner mieten: Ein Xeon E5-2623 v4 mit vier Kernen sowie bis zu 3,2 GHz samt 30 GByte RAM und eine Quadro P4000 (die zwischen einer Geforce GTX 1060 und einer Geforce GTX 1070 liegt) sorgen für ordentliche 3D-Leistung. Wem das nicht reicht, der kann auch noch leistungsfähigere Pakete buchen.

Der Rechner befindet sich im einzigen europäischen Rechenzentrum des Anbieters in Amsterdam und ist über einen Gigabit-Link an das Internet angebunden. Um via Steam auf den Rechner zugreifen zu können, empfiehlt sich außerdem das Hinzubuchen einer statischen IP-Adresse für drei Dollar pro Monat. Die Alternative via dynamischem DNS-Anbieter funktionierte im Test nicht. 

Der Cloud-Rechner muss normalerweise über die Web-Console von Paperspace gestartet werden. Das kann zwar auch über ein Smartphone oder den Browser auf dem Fire TV Stick erfolgen, erfordert aber die zeitaufwändige Eingabe von Zugangsdaten. Alternativ lässt sich der Rechner durch ein Lesezeichen auf dem Startbildschirm des Fire TV Stick und Anbindung an die Programmierschnittstelle von Paperspace starten. Konsequenterweise sollte Steam auf dem Cloud-Rechner so eingerichtet werden, dass es direkt beim Hochfahren im Big-Picture-Modus startet, der sich komfortabel mit einem  Gamepad bedienen lässt. 

FTTH ja, WLAN nein

In der Steam Link App selbst gibt es nur wenige Einstellungen, die modifiziert werden können. Eine Option, die man auf jeden Fall aktivieren sollte ist 'HEVC Video'. Damit verwendet der Fire TV Stick den H.265/HEVC-Codec, der vom Fire TV Stick dank separater Hardware decodiert werden kann und subjektiv eine etwas höhere Bildqualität mit geringerer Artefaktbildung bietet. Wer außerdem gerne wissen möchte, wie hoch die Latenz durch das Streaming ist, der kann sich in den App-Einstellungen das Performance Overlay anzeigen lassen. In unserem Fall lag die angezeigte Latenz meistens im Bereich um 30 Millisekunden (etwa das Zweifache der Ping-Dauer). Im WLAN-Betrieb lag der Wert zwar im gleichen Bereich, jedoch stellten sich in regelmäßigen Abständen kleine Ruckler ein, die mit einem USB-Netzwerk-Adapter - angeschlossen über die erwähnte USB-OTG-Kabelpeitsche - nicht mehr auftraten. 

Cloud-Gaming: 5G und Docsis 3.1 könnten Latenzen deutlich reduzieren

Auch die Konstellation aus Fire TV Stick und Cloud-Rechner hat die gleichen Probleme wie alle anderen Streaming-Angebote: Latenzen. Die Verzögerung von 30 Millisekunden ist bedingt durch den Server-Standort in Amsterdam - wir testeten in Hamburg - und den herkömmlichen DSL-Anschluss (50 MBit/s) schon ein recht gutes Ergebnis. Durch eine geringere Entfernung zum Server ließe sich die Latenz im Idealfall vielleicht noch um ein Drittel auf 20 Millisekunden senken. Mehr Luft nach oben hätte dann nur noch ein anderer Internetzugang: Sowohl FTTH als auch die zukünftigen Mobilfunk- und Kabeltechnologien 5G  bzw. Docsis 3.1 versprechen teilweise deutlich geringere Latenzen und könnten damit Cloud-Gaming auch für anspruchsvollere Spieler interessant machen. Nur im Bereich der DSL-Anschlüsse über Kupferdraht ist in dieser Hinsicht in den nächsten Jahren keine Besserung zu erwarten. Auf unserem Testsystem stürzte Steam auf dem Server leider meistens schon beim ersten Verbindungsversuch ab. Erst nach erneutem Starten der Steam-Anwendung klappt die Verbindung zuverlässig.  

Fazit: Fire TV ermöglicht günstiges Cloud-Gaming mit einigen Problemchen

Der Fire TV Stick als Client für Cloud-Gaming-Lösungen ist eine günstige und durchaus brauchbare Alternative zu Steams eigener Steam-Link-Box. Wer keine Titel mit extrem schnellen Reaktionszeiten - tendenziell alle Multiplayer-Titel sowie Shooter und Sportspiele -, sondern nur gelegentlich aktuelle Action/Adventure-Titel spielen möchte, ohne einen aktuellen PC oder eine Konsole zu besitzen, der kann mit der hier vorgestellten Lösung glücklich  werden. Allerdings müssen einige Problemchen in Kauf genommen werden. Am nervigsten sind vertauschte Controller-Mappings und häufige Abstürze beim Herstellen einer neuen Verbindung. Wer darauf wartet, dass sich Cloud-Gaming gleichwertig anfühlt wie das lokale Spielen, der wird sich ohnehin noch einige Jahre gedulden müssen.   (mos)


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