Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cd-projekt-red-so-spielt-sich-cyberpunk-2077-1806-134915.html    Veröffentlicht: 13.06.2018 08:11    Kurz-URL: https://glm.io/134915

CD Projekt Red

So spielt sich Cyberpunk 2077

Hacker statt Hexer, Ich-Sicht statt Dritte-Person-Perspektive und Auto statt Pferd: Die Witcher-Entwickler haben ihr neues Großprojekt Cyberpunk 2077 im Detail vorgestellt.

Zumindest einer ist von Cyberpunk 2077 bislang nicht begeistert: der Schriftsteller William Gibson. "Der Trailer zu Cyberpunk 2077 kommt mir vor wie GTA mit einer generischen 80er-Retro-Zukunft - aber hey, das bin nur ich", schrieb Gibson vor ein paar Tagen auf Twitter. Der Autor erfand immerhin die Begriffe Cyberspace und Cyberpunk - er sollte sich damit also auskennen.

Andererseits: Gibson hat nur den Trailer gesehen. Gameplay wurde erst zum Start der E3 2018 am 12. Juni 2018 präsentiert, und Golem.de war bei einer der ersten Vorführungen dabei. Und um gleich den wesentlichen Eindruck vorwegzunehmen: Selten zuvor hat uns der erste Blick auf ein neues Spiel so erschlagen wie der auf Cyberpunk 2077 - was positiv gemeint ist. Das Programm basiert übrigens nicht auf Werken von Gibson, stattdessen dienen vor allem die Rollenspiele des US-Designers Mike Pondsmith als Grundlage.

Im Laufe der gut einstündigen Session auf der E3 2018 stellte CD Projekt Red ständig neue Inhalte, Funktionen, Ideen und Figuren vor. Von kleinen Texturfehlern und nicht perfekten Animationen abgesehen wirkte das Spiel schon recht fertig, aber das gilt möglicherweise nur für die gezeigten Stellen. Einen Erscheinungstermin nannten die Entwickler noch nicht. Unser Eindruck war jedoch, dass wir noch länger auf die Veröffentlichung warten müssen, die für Xbox One, Playstation 4 und Windows-PC geplant ist.

Mal ganz grundsätzlich: In Cyberpunk 2077 treten Spieler als Söldner V an; der "Wii" ausgesprochene Buchstabe ist der gesamte Name. Vor dem Start wählt der Spieler noch zwischen einem männlichen Held oder weiblichen Protagonistin, die im entsprechenden Menü übrigens als nackte Ganzkörperfigur mit ausgepixelten Geschlechtsteilen zu sehen sind. Spieler wählen keine Klasse, sondern vergeben Punkte für Stärke, Gesundheit, Intelligenz, Reflexe, Technikkönnen und Coolness.

Die Steuerung erfolgt aus der Ich-Perspektive, eine alternative Schulterkamera ist nicht vorgesehen. Das hat unter anderem den Grund, dass V in erster Linie mit Schusswaffen kämpft, die man - zumindest nach Auffassung der Entwickler - so besser unter Kontrolle hat. Allein das Arsenal an Pistolen, Schrotflinten, Sturmgewehren und so weiter ist offenbar riesig.

Dazu kommen Autos: V kommt per Luxusschlitten von A nach B. Das ist nicht mal im Ansatz so wie in GTA, was Offenheit der Umgebung und Verkehrsfluss angeht, sondern wohl eher als Ersatz für das Pferd von Hexer Geralt in The Witcher 3 zu verstehen. Immerhin gibt's auch Schießereien und Verfolgungsjagden.

Die Schusswaffen haben ebenso wie sämtliche andere Ausrüstung auf Werten basierende Vor- und Nachteile - wer die entsprechenden Nebenquests absolviert oder sich in der offenen Welt zum reichen Supersöldner mausert, kann etwa die besonders effektiven Waffen des Militärs kaufen. Diese haben teils besondere Fähigkeiten: So kann der Spieler per Zeitverlangsamung beim Zielen über eine eingeblendete Linie einen Gegner um eine Ecke herum anvisieren, Feinde durch Mauern hindurch erledigen oder Wände zerstören - zumindest ein Teil der Umgebungen in Cyperpunk 2077 lässt sich in Schutt und Asche legen.

Implantate für eine Handvoll Euro-Dollar

V lebt im Jahr 2077 in einer nordkalifornischen Metropole namens Night City, deren sechs Stadtteile frei zugänglich sind. Der Spieler besitzt eine eigene Wohnung, in der unter anderem die Ausrüstung verstaut wird, und in der er sich zu erotischen Treffen mit computergesteuerten Neben- oder Hauptfiguren treffen kann. Cyberpunk 2077 ist ähnlich wie The Witcher 3 relativ freizügig - und zwar im Hinblick auf Männer wie Frauen.

Bei den ersten Schritten im Apartment, beim Durchstreifen von Night City und erst recht bei den beiden Missionen - dazu gleich mehr - beeindruckte uns vor allem eines: Cyberpunk 2077 steckt auf bislang unbekannte Art voller Details. So kommen wir an einer Art Fitnessstudio vorbei, in dem ein Sportler sich einen Faustkampf mit einem Roboter liefert.

Wir sehen aus den Augenwinkeln, wie die Polizei einen Bereich der Straße gesperrt hat und dort mit Hologrammen ein Verbrechen nachstellt. Jeder Passant sieht anders aus, alle paar Meter offenbart Night City neue Einblicke - über uns sausen Schwebebahnen, neben uns passiert ein Überfall, unter uns erhaschen wir offenbar kurz einen Blick in düstere Slums.

In der Präsentation zeigten die Entwickler zwei Missionen, die beide extrem aufwendig in Szene gesetzt waren. Wir geben nur die Kurzversion wieder: Zuerst soll V mit einem Kumpel namens Jackie - ein vom Computer gesteuerter muskelbepackter, schweigsamer Typ - eine junge Frau finden, wofür die beiden sich durch eine düstere Wohnanlage ballern müssen. Die Dame finden sie halbtot und nackt in einer Eiswanne, wo sie offenbar für Organentnahmen oder ähnliches gekühlt werden sollte.

Als sie fast schon gerettet ist, kommt aus dem Nichts mit einem Fluggleiter das sogenannte Trauma Team Medic angesaust - das ist eine Art Highend-Medizinservice für reiche Leute. Deren schwer bewaffnete Soldaten halten V und Jackie in Schach, während die junge Frau weggebracht wird. Wir vermuten, dass wir sie später wiedersehen.

Die zweite Mission besteht aus noch wesentlich mehr Abschnitten. V muss sich zuerst neue Implantate einbauen lassen - was ebenfalls aufwendig direkt als Gameplay inszeniert ist. Dann soll V für einen Zuhältertyp, aber irgendwie auch für korrupte und reiche Konzernmitarbeiter, eine Kampfroboterhundespinne von einer Gang namens Maelstrom klauen. Allein schon der Bot ist eine Augenweide, wie er mit seinen vier Beinen nicht nur über den Boden wackelt, sondern auch an Wänden und der Decke hochklettert.

Im Quartier der Gang läuft vieles schief, jeder betrügt alle anderen. Dabei spielt Technologie eine entscheidende Rolle. Die Figuren in Cyberpunk 2077 verfügen am Hinterkopf über Anschlüsse. Darüber lassen sich etwa Erinnerungen in einer Art USB-Stick mitnehmen, V bekommt die Informationen über eine Mission per Kabel als Hologramm vor seinerm oder ihrem inneren Auge präsentiert. In einer Szene wird V so gehackt, dass er oder sie im Multiple-Choice-Dialog zwar lügen kann - aber der Gegner-Gesprächspartner das sofort merkt.

Eine weitere Rolle spielen die Implantate. Bei der Präsentation sahen wir zwei: Der Kiroshi Optical Scanner ist ein neues Auge, mit dem V sich per Zoom auch weit entfernte Gegenstände genauer anschauen kann, und mit dem der Spieler auf Wunsch wie bei einer Augmented-Reality-Anwendung etwa Zusatzinformationen über andere Personen erhält. Das zweite Implantat verbessert die Hand, so dass V besser mit Waffen umgehen und mehr Schaden anrichten sowie etwa auch per Handscanner gesperrte Pistolen verwenden kann. Nettes Detail: Für die Implantate ist eine Stange Geld fällig. Das nennen die Bewohner von Cyberpunk 2077 Eddie - eigentlich heißt die Währung aber Euro-Dollar.  (ps)


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