Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/github-uebernahme-ein-super-deal-fuer-microsoft-und-den-rest-1806-134769.html    Veröffentlicht: 05.06.2018 12:11    Kurz-URL: https://glm.io/134769

Github-Übernahme

Ein super Deal - für Microsoft und den Rest

Mit der Übernahme von Github manövriert sich Microsoft geschickt aus einer Abhängigkeit und stärkt dabei noch sein Cloud-Geschäft. Das setzt wohl vor allem Atlassian unter Druck. Was der Kauf für das Open-Source-Engagement Githubs bedeutet, ist damit eigentlich auch völlig klar.

Dass ausgerechnet Microsoft Github übernimmt, mag für einige ungewöhnlich oder gar erschreckend erscheinen. Denn damit kauft just das Unternehmen, das wohl wie kaum ein anderes für proprietäre Software steht, den Anbieter, der das Entwicklungsmodell für Open-Source-Software wie kein Zweiter geprägt hat. Doch die Übernahme reiht sich als logische Konsequenz in einige wichtige Entscheidungen von Microsoft ein und passt dabei sogar noch perfekt in das Cloud-Geschäft von Microsoft, das dem Unternehmen deutlich Gewinne beschert.

Unter dem inzwischen nicht mehr wirklich neuen CEO Satya Nadella hat sich Microsoft vermehrt dem Geschäftsbereich zugewandt, der von und mit Entwicklern lebt, und dabei alle vorher möglicherweise bestehenden Berührungsängste abgelegt. Bereits im Jahr 2014 begann Microsoft mit der Offenlegung seines eigenes Frameworks .Net, das inzwischen auf Github entwickelt wird. Nur wenig später folgte mit Visual Studio Code ein neuer Editor, der schon bald als Open Source veröffentlicht wurde und auf Electron und Atom basiert, beides Eigenentwicklungen von Github. Ein leitender Entwickler bei Microsoft sagte im Zuge dieser Umwälzung vor rund drei Jahren gar: "Ein Open-Source-Windows wäre eine Möglichkeit".

Immer mehr auf und mit Github

Microsoft migrierte seitdem mehr und mehr seiner eigenen Open-Source-Projekte, die zudem im Laufe der Jahre immer zahlreicher wurden, zu Github oder startete diese direkt auf der Plattform. Außerdem investiert Microsoft auch selbst direkt oder indirekt in Open-Source-Software und -Projekte, die auf Github von einer größeren Community entwickelt werden. Dazu gehören etwa industrieweite Kooperationen wie Node.js.

Diese Entwicklung führte dazu, dass Microsoft die Liste der Open-Source-Beiträge für einzelne Organisationen bei Github im Jahr 2016 anführte. Im Jahr 2017 führte Visual Studio Code in der Auswertung von Github die Liste der Projekte mit den meisten Beitragenden an. Eigenen Angaben zufolge ist Microsoft mit rund 2 Millionen Commits im Jahr weiterhin die nach Beiträgen größte Organisation, die die Plattform nutzt. Bei all dieser Zuwendung seitens Microsoft hin zu Github blieb der eigene Codehosting-Dienst Codeplex zurück und wurde Anfang 2017 eingestellt.

In den vergangenen Jahren migrierte Microsoft Skype auf Electron und erstellte die Chat-Anwendung Teams auf Basis des Frameworks. Das für den Umzug der Windows-Entwicklung auf Git erstellte GVFS ist in Zusammenarbeit mit Github entstanden und wird auch von Github genutzt. Letztlich hat Microsoft seine Entwicklerwerkzeuge auch immer stärker an Github angebunden. Zuletzt kündigte das Unternehmen erst vor rund drei Wochen auf der Hausmesse Build entsprechende Änderungen an.

All das zeigt, wie abhängig Microsoft und seine Produktangebote inzwischen von Github sind. Der Kauf könnte also schlicht ein Schutz vor Konkurrenten gewesen sein, die Github nicht im Sinne von Microsoft weiterführen wollen. Denn dass Github früher oder später verkauft würde, war wahrscheinlich. Doch das kann als alleiniger Kaufgrund wohl kaum gelten. Es liegt nahe, dass Microsoft noch deutlich mehr mit Github vorhat und diese Pläne betreffen wohl vor allem die Integrationen und Dienstleistungen rund um die Kernfunktionen von Github.

Code und Cloud als Kampfansage

Zwar hat sich Microsoft bisher noch nicht detailliert dazu geäußert, was das Unternehmen mit Github vorhat. Es gibt allerdings einige wichtige Indizien, die anzeigen, wohin der Weg führen könnte. Das von Microsoft-Chef Satya Nadella dafür vorgegebene Motto, Entwickler zu Größerem zu ermächtigen, ist dabei sehr bezeichnend. Denn es mag zwar extrem treffend sein, beschreibt wohl aber nicht das, was eine kleine Minderheit von teils sehr lautstarken Nutzern eventuell darunter versteht.

Festzuhalten ist zunächst, dass Microsoft Github unabhängig weiterführen will. Doch Microsoft wird Github in seinen Bilanzen als Teil des Cloud-Geschäfts ausweisen und sowohl der alte Chef Chris Wanstrath, der als Berater erhalten bleibt, als auch der neue Chef Nat Friedman werden Scott Guthrie direkt unterstellt. Guthrie verantwortet das Cloud- und KI-Geschäft von Microsoft. Ob und wie stark die Unabhängigkeit Githubs von Microsofts Cloud-Geschäft letztlich tatsächlich wird, ist schwer abzusehen, Microsoft will mit der Übernahme aber explizit seinen Umsatz steigern und das geht eben nur durch entsprechende Unternehmensangebote.

Entscheider, die Ahnung haben

Die drei eben genannten Personalien können als weiteres Indiz dafür herangezogen werden, wie diese Angebote ausgestaltet werden könnten. Wanstrath kennt als Github-Mitbegründer und ehemaliger Chef das Geschäft, die Community und Kunden sowie deren Mentalität wohl besonders gut. Wie Nat Friedman bei seiner Vorstellung als neuer Github-Chef schreibt, begann er bereits vor über 20 Jahren damit, an Linux zu arbeiten und blieb auch gut 15 Jahre lang dabei. Friedman ist einer der Mitbegründer von Xamarin, das die freie .Net-Implementierung Mono verantwortet und eine Reihe von Entwicklerwerkzeugen dafür erstellt hat. In der Nachfolge der Offenlegung von .Net ist Xamarin schließlich von Microsoft übernommen worden.

Scott Guthrie, der Github letztlich in der Gesamtbetrachtung bei Microsoft zu verantworten hat, ist ein Urgestein der Entwicklungsabteilung von Microsoft. Er gilt als Mitbegründer des .Net-Frameworks und hier vor allem des Webablegers ASP.Net. Sein Team bei Microsoft erstellt Azure, den Windows Server, Microsofts SQL Server sowie viele weitere Angebote und Werkzeuge, deren Nutzer und Hauptzielgruppe vor allem Entwickler und Administratoren sind. Guthrie ist in dieser Position mitverantwortlich für die Hinwendung zu Docker und Containertechnik, die Portierung des SQL-Servers auf Linux, die Umsetzung von Linux-Werkzeugen im Windows Server, die Offenlegung der Powershell und Azure-Werkzeuge und auch ganz allgemein die bereits beschriebene Hinwendung zu quelloffener Software und deren Communitys wie etwa zu der Cloud Native Computing Foundation. Github bleibt also in der Verantwortung jener Menschen, die das Open-Source- und Entwicklergeschäft extrem gut kennen.

Big Business für Microsoft

Wie erwähnt erhofft sich Microsoft eine leichte Umsatzsteigerung durch den Kauf von Github, das zuletzt eigenen Angaben zufolge rund 200 Millionen US-Dollar im Jahr erwirtschaftet hat. Davon werden wohl deutlich mehr als die Hälfte in die mehr als 800 Github-Angestellten investiert. Zwar sind diese Zahlen allein im Vergleich zu Microsofts vergangenem Quartalsergebnis mit 26,82 Milliarden US-Dollar Umsatz und 7,4 Milliarden US-Dollar Gewinn so verschwindend gering, dass Microsoft die Github-Übernahme und den Weiterbetrieb quasi aus der sprichwörtlichen Portokasse bezahlen könnte. Doch Microsoft hat es wohl auch auf die Kunden und das Geschäft von Github abgesehen.

Denn der von Guthrie verantwortete Bereich bei Microsoft - der ja auf Entwickler zielt - bekommt durch eine weite Integration der Microsoft-Dienste in Github mehr oder weniger direkt Zugriff auf fast 30 Millionen potenzielle Kunden. Diese Integration könnte etwa über den erst kürzlich eingeführten Marketplace geschehen, so dass automatische Tests bis hin zu Deployment von Code auf Github in der Azure-Cloud nur einen Knopfdruck entfernt sind. Die Integration der Github-Dienste in Microsoft-Werkzeuge wie Visual Studio Code könnte diese Verzahnung noch weiter vertiefen.

Darüber hinaus nutzen laut Github schon jetzt gut die Hälfte der Fortune-50- und Fortune-100-Konzerne die Enterprise-Angebote von Github. Und eben diese Konzerne mit Milliardenumsätzen sind wiederum auch die prestige- und gewinnträchtigen Kunden, die Microsoft für seine Cloud-Angebote gewinnen will. Ein Angebot für diese Art Kunde könnte deutlich über das einfache Hosting in Azure samt Support hinausgehen. Denn mit weiteren Angeboten wie etwa Teams und Office-Funktionen sowie integrierten Analyse- und KI-Funktionen für Daten der Kunden könnte Microsoft recht schnell und leicht aus bereits bestehenden Produkten ein ziemlich einzigartiges Rundum-sorglos-Paket für die Entwicklerabteilungen schnüren - die das Microsoft-Produktuniversum dann nie verlassen müssten.

Diese breite Integration von Github etwa in Team-Lösungen wie eben Office 365 samt dem Team-Chat und der Organisationsverwaltung Planner könnte dem Anbieter Atlassian Schwierigkeiten bereiten, der mit Bitbucket, Jira, Trello und Hipchat beziehungsweise Stride ein ähnlich umfangreiches Angebot an Entwickler und Organisationen richtet - nur eben ohne direkt angeschlossenes Hosting. Sollte Microsoft diesen Weg tatsächlich mit Github beschreiten, könnte Atlassian hier deutlich Marktanteile verlieren, da der Netzwerkeffekt von Github einfach wesentlich bedeutender ist.

Vor allem für jene Community-Mitglieder, die die Github-Übernahme wegen dieses Wirtschaftskurses massiv kritisieren, könnte genau diese vermutlich angestrebte Richtung zum Vorteil werden.

Geschäft nur von und mit der Community

Damit der eben skizzierte und vermutliche Plan Microsofts tatsächlich aufgeht, ist ein Punkt essenziell: die langfristige Kunden- und Nutzerbindung. Bisher hatte Github keinerlei Probleme, von Jahr zu Jahr zu wachsen, immer mehr Nutzer und Kunden zu gewinnen und sich dabei auch als so positiv darzustellen, dass sehr viele Open-Source-Projekte dem zentralisierten und proprietären Dienst sehr viel Vertrauen schenkten. Dieses Vertrauen hat sich Github aber intensiv erarbeitet, etwa durch die direkte Interaktion mit der Community und Projektbetreuern - auch wenn das in der Vergangenheit mitunter schon mal zu öffentlichem Streit geführt hat.

Zumindest wenn man den unzähligen Kommentaren auf Webseiten wie Hackernews oder auch Reddit Glauben schenkt, ist dieses Vertrauen in Github quasi über Nacht verschwunden, da immer noch viele ein Misstrauen gegen den Käufer Microsoft hegen. Noch am Wochenende wurde eine Petition gegen den Kauf gestartet und der Importdienst des Konkurrenten Gitlab, der auf freier Software basiert, verzeichnete einen deutlichen Anstieg, der offenbar mit der Ankündigung der Übernahme in Verbindung steht.

All jene, die sich nun öffentlichkeitswirksam beschweren oder ihre Projekte auf Gitlab umziehen, hätten vielleicht auch schon vorher besser statt Github diesen oder andere Dienste genutzt. Allein gestanden hätten sie damit keinesfalls. So haben sich vor allem altgediente Linux-Communitys lange aus Überzeugung geweigert, Github zu nutzen. Allein die freie Verfügbarkeit von Gitlab bewegte schließlich aber Gnome, Debian und zuletzt die Freedesktop-Community mit dem Linux-Grafikstack zu einer Migration auf den Dienst.

Doch all diese Fälle sind in der Open-Source-Welt mittlerweile eine Minderheit. Es ist zurzeit völlig unvorstellbar, dass etwa branchenübergreifende Projekte wie Node.js und NPM, React, Angular, Docker, Kubernetes, Tensorflow oder auch Programmiersprachen wie Ruby, Go und Rust von der Entwicklung auf Github abwandern. Diese und unzählige andere Projekte leben schlicht von der Masse an Entwicklern auf und deren Gewöhnung an Github.

Intensive Bemühungen um Github gewinnbringend

Und eben von diesem Zustand hängt auch der Erfolg des beschriebenen möglichen Geschäftsmodells von Microsoft für Github ab. Sollten sich diese Projekte und Communitys auf Github nicht mehr repräsentiert, wertgeschätzt oder unterstützt fühlen, wandern sie zu Alternativen ab. Schon aus reinem Geschäftsinteresse muss Microsoft das verhindern und Github weiter als Wohlfühloase der Software-Entwicklung aufrechterhalten.

Und das bedeutet wohl auch, dass sich Microsoft nicht nur intensiv um den Dienst Github kümmern muss, sondern auch um alle damit verbundenen Open-Source-Bemühungen des Unternehmens. So engagiert sich Github mit eigenen Upstream-Entwicklern schon aus Eigeninteresse etwa bei Ruby und Rails, Kubernetes, Git, Linux oder in noch kleineren Nischen wie GraphQL. Und das eingangs erwähnte Electron-Framework dürfte die wohl bisher einflussreichste Eigenentwicklung von Github außerhalb des Dienstes selbst sein, die frei verfügbar ist.

All das kann und wird Microsoft als neuer Eigner von Github nicht einfach über Bord werfen, sondern vielmehr noch erweitern müssen. Geld und Intention sind dafür dank Microsoft nun auch reichlich vorhanden. So bleibt Github wohl noch die kommenden Jahre der Quasi-Monopolist, der er seit Jahren schon ist. Und für jene, die dieses Spiel nicht mitmachen wollen, gibt es genügend Alternativen - für Microsoft aber nicht.  (sg)


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