Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/amazon-go-ausprobiert-als-wuerde-man-einen-laden-ausraeumen-1805-134251.html    Veröffentlicht: 07.05.2018 09:49    Kurz-URL: https://glm.io/134251

Amazon Go ausprobiert

Als würde man einen Laden ausräumen

Zwischen den Konferenzen Dell Technologies World und Microsoft Build hatte Golem.de die Gelegenheit, in Seattle den kassenlosen Supermarkt Amazon Go auszuprobieren. Das Konzept ist spannend, der Einkauf fühlt sich aber seltsam an.

Rein in den Laden, Waren in den Rucksack stecken und einfach wieder rausgehen? Was normalerweise einem Ladendiebstahl entspricht, ist bei Amazon Go erwünscht. Das liegt an einem wichtigen Detail: Käufer identifizieren sich mit einem QR-Code, um in den Laden einzutreten. In Seattle, Washington, habe ich die Gelegenheit, das System auszuprobieren - und fühle mich dabei etwas eigenartig.

Die Nutzung des Geschäfts ist simpel. Ich muss nur die App Amazon Go herunterladen. Die befindet sich überraschenderweise bereits im deutschen App Store von Apple; ich hatte erwartet, meinen US-Account nutzen zu müssen. Einmal heruntergeladen, muss ich mich in der App anmelden und eine von zwei Kreditkarten auswählen, die ich hinterlegt habe. Die deutsche Visa-Kreditkarte ist kein Problem, alle Vorbereitungen kann ich locker auf dem Weg zu Amazon Go in der 7th Avenue treffen. Der Laden ist unweit der zentralen Pike und Pine Street.

Für den Laden gibt es eine Zugangsbeschränkung: Es braucht einen Anmelde-QR-Code, um einzutreten. Anschließend kann ich nach Lust und Laune einkaufen. Das Angebot ist hochwertig, allerdings recht stark eingeschränkt. Der Laden ist mit kleineren 7-Eleven-Filialen in den USA vergleichbar, nur sauberer. In Asien sind ebenfalls kleinere Family-Mart-, Mini-Go- oder 7-Eleven-Filialen vergleichbar, in Deutschland gibt es kaum Vergleichbares. Tante-Emma-Läden gibt es kaum noch, in Tankstellen ist das Angebot kleiner und auch die klassischen Berliner Spätis haben selten ein so gutes Angebot, im Supermarkt hingegen ist das Angebot größer.

Bei Amazon Go bekommt man das Wichtigste: Getränke, Snacks, ein bisschen Essen und Ware, die zwingend gekühlt werden müssen. Konzentriert wird sich dabei eher auf kleine Portionen. Der Großeinkauf lohnt sich hier nicht, zumal die Preise in der Tendenz etwas höher als in US-Filialen von Walgreens und Target sind. Bei Amazon Go sind allerdings auch Waren zu finden, die es bei Walgreens und Target nicht gibt. Das ist typisch in den USA: Die Warenauswahl unterscheidet sich stark zwischen den zahlreichen Ketten. Zudem gibt es auch Hochwertiges in den Regalen.

Angenehmes Einkaufserlebnis

Der Einkauf bei Amazon Go ist simpel, auch wenn ich mich dabei sehr unwohl fühle. Nach einer Rückversicherung beim Personal, das zur Erklärung da ist, suche ich vier Produkte aus. Noch halbwegs gesund ist der Mango-Trinkjoghurt, den ich nach kurzem Zögern im Rucksack verschwinden lasse. Ich schaue mich um wie ein Ladendieb, während ich den Laden ausräume. Mit einem Mexican-Vanilla-Kaffeemilchmischgetränk wandere ich sogar durch den halben Laden, bevor ich ihn einstecke. Die Gummipfirsichringe und die sehr leckeren Vanilla Cashew Nuts verschwinden dann aber schon viel schneller im Rucksack. Ich hätte übrigens auch eine Amazon-Tüte nehmen können, die gibt es derzeit sogar kostenlos. In Zukunft will Amazon aber, dass Kunden ihre eigenen Taschen mitbringen.

Nach dem Einkauf hadere ich ein wenig. Gehe ich jetzt wirklich einfach raus? Ist das alles richtig so? Zu ungewohnt ist das Verfahren dieses Einkaufs. Wer sich bei Selbstbedienungskassen schon unwohl fühlt, dem wird Amazon Go noch unangenehmer sein. Aber irgendwann übernimmt der rationale Teil der Gedanken und ich laufe aus dem Laden. Denn die vielen Sensoren über den Regalen habe ich entdeckt. Dass die Regale mit Gewichtssensoren ausgestattet sind, ist mir hingegen nicht aufgefallen. Es hat ein wenig die Aufregung überwogen, weswegen ich auch nur normal eingekauft und keine Sonderszenarien ausprobiert habe.

Als ich aus dem gesperrten Bereich ausgetreten bin, warte ich auf meine Rechnung per App, doch die kommt nicht. Das Personal sagt, es könne zwischen fünf und zehn Minuten dauern. Ich bekomme die Rechnung, die per Push-Notification auch angepriesen wurde, also erst auf dem Rückweg.

Am Ende habe ich 12,46 US-Dollar in dem Laden gelassen, ohne mich irgendwo anstellen zu müssen, meine Waren selbst durch einen Scanner einzulesen oder ein Zahlungsmittel hervorkramen zu müssen. Die App reichte aus. Das ist tatsächlich komfortabel und ein technisch interessanter Ansatz für den Einkauf in einem klassischen Ladengeschäft. Das Unwohlsein beim Einkauf dürfte irgendwann verschwinden.

Zwar dürfte dieser hohe Level an Automation einen Arbeitskräfteabbau bedeuten, andererseits wird aber auch in anderen Geschäften mitunter nicht genug Personal eingesetzt, so dass Kunden warten müssen. Für solche Läden könnte Amazon Go ein ernsthaftes Problem werden. Abschließend bewerten lässt sich das aber noch nicht, dafür ist das Konzept noch nicht weit genug verbreitet.  (ase)


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