Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/recycling-die-plastikwaschmaschine-1805-134217.html    Veröffentlicht: 09.05.2018 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/134217

Recycling

Die Plastikwaschmaschine

Seit Kurzem importiert China kaum noch Müll aus dem Ausland. Damit hat Deutschland ein Problem. Wohin mit all dem Kunststoffabfall? Michael Hofmann will die Lösung kennen: Er bietet eine Technologie an, die den Abfall in Wertstoff verwandelt.

Neugierig fischt Michael Hofmann Kunststofffetzen aus einem meterhohen Müllberg. Er findet eine Margarine-Packung, bunte Folien, an denen noch Wurstreste hängen, verdreckte Planen, die mal Erdbeeren oder Ähnliches schützten. Hofmann liebt solchen Kunststoffmüll.

Der Verfahrenstechnik-Ingenieur hat mit seinem Unternehmen FVH Folienveredelung Hamburg eine Technologie entwickelt, die es erlaubt, das Material im großen Stil zu recyceln, und zwar so, dass das Recyclat annähernd dieselbe Qualität hat wie neuer, aus Rohöl gewonnener Kunststoff. "Dabei haben wir uns auf Polyethylen-Folien fokussiert, den mengenmäßig größten Abfallstrom", sagt der 59-Jährige. Rohstoff gibt es für ihn in Hülle und Fülle: Deutschlands Haushalte, Industrie und Gewerbe produzieren jährlich rund sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfall.

Herzstück seiner fabrikgroßen Anlage, die im Schweriner Industriepark steht, ist eine sogenannte hydrodynamische Friktionswäsche. Die Maschine reinigt all den Kunststoffmüll und schreddert ihn in ein bis zwei Zentimeter lange Schnipsel, die blitzeblank aus der Anlage rieseln. "Es ist wesentlich einfacher, gewaschene Kunststoffe zu sortieren, als dreckige", erklärt Hofmann. Und liefert prompt ein Beispiel mit: "Denken Sie an einen Gemüsebeutel mit einem Preisschild darauf, den Sie ausdrucken und auf die Tüte kleben. Dieses Etikett verwirrt die Sortieranlage." Die arbeiten nämlich mit Nahinfraroterkennung. Erkennt der Sensor den Kunststoff, blasen Luftdüsen den erwünschten oder den unerwünschten Kunststoff heraus. Haftet jedoch ein Etikett am Beutel, wird er aussortiert und landet auf dem Müll statt im Recycling. "Diese technologische Herausforderung wurde mit unserem Verfahren gelöst."

Der Plastikmüll wird durch Reibung gereinigt

Die Anlage trennt also das Etikett vom Beutel - und zwar vor der Sortierung. Das erledigen zwei Reinigungsscheiben, die gegenläufig in turbulenten Wasserströmungen rotieren. Ein enger Spalt trennt die beiden Scheiben. Durch diesen muss der Plastikmüll hindurch, wobei er parallel ausgerichtet und durch die Reibung gereinigt wird. Anschließend wird das Material getrocknet. Wobei der Durchsatz die Herausforderung sei, wie Hofmann sagt: "Die Trocknung ist anspruchsvoll. Für den Anlagendurchsatz von 2.500 Kilogramm pro Stunde müssen rund 200 Quadratmeter Oberfläche in der Sekunde getrocknet werden."

Das grundlegende Prinzip kennt Hofmann aus seinem früheren Job in der Holzwerkstoffindustrie. Dort werden mit ähnlichen Anlagen Holzschnipsel zermahlen, die dann zu Faserplatten verarbeitet werden. Er hat es in die Welt des Kunststoffabfalls importiert - und patentiert. Die Wäsche benötige weder Chemikalien noch hohe Temperaturen. Das Wasser wird in der eigenen Kläranlage gereinigt und wiederverwendet. Das mache den Prozess besonders umweltschonend.

Die Anlage kann aber noch mehr.

China nimmt keinen Müll mehr an

Nach dem Schreddern und Trocknen durchlaufen die Kunststoffschnipsel verschiedene Klassieranlagen, wobei die unterschiedlichen Kunststoffsorten getrennt werden. Das Ergebnis ist ein hoch angereichertes Polyethylen niedriger Dichte (LD-PE) aus dünnen Folien, das zu Granulaten umgeschmolzen wird. Auf die Wiederverwertungsquoten ist Hofmann besonders stolz: "Bei Folien aus dem Grünen Punkt sind das etwa 60 Prozent, bei Folien aus der gewerblichen Sammlung rund 85."

Zurzeit läuft es für den Hamburger ohnehin gut: Ihm spielt eine Entscheidung in die Hände, die am 18. Juli 2017 in Fernost getroffen wurde. Da teilte das Umweltschutzministerium der Volksrepublik China der Welthandelsorganisation (WTO) mit, bald keinen Plastikmüll mehr zu importieren. Für Hofmann ist es eine "Riesenchance", wie er sagt. Bislang war das Reich der Mitte die Müllhalde der Welt. Global werden jährlich 330 Millionen Tonnen produziert. Ein Großteil davon sind kurzlebige Verpackungen aus Polyethylen, die prompt auf dem Müll landen. Allein Deutschland verschiffte jährlich rund 560.000 Tonnen Kunststoffmüll nach China.

Die Option, Plastikberge nach China zu versetzen, war bequem. Tausende Verwertungsunternehmen dort nahmen sich des Mülls aus dem Westen dankbar an. Bis man erkannte, was da läuft: Videos tauchten auf, die Kunststoffabfall sortierende Kinderhände zeigten. Mit der Schere schnitten sie Etiketten aus, um reine Fraktionen zu erhalten. Immense Müllmengen landeten dennoch in der Natur. Damit ist jetzt Schluss.

Wiederverwerten ist viel sinnvoller als Verbrennen

Chemie-Professor Heinz Langhals von der Ludwigs-Maximilians-Universität München begrüßt die Entscheidung: "Endlich tut sich was." Doch seit dem Importstopp herrscht helle Aufregung in der westlichen Welt: Wohin mit all dem Kunststoffmüll? In vielen Ländern landet er auf der Deponie. In Deutschland gibt es zwar eine großtechnische Lösung: Verbrennen, oftmals im Zementwerk. Doch für Langhals ist das keine gute Lösung: "Das Material ist wertvoll. Wiederverwerten ist viel sinnvoller."

Wiederverwerten favorisiert auch Designer Carsten Buck: "Das Problem ist, dass die Hersteller nicht für die Entsorgung ihres Mülls aufkommen müssen. Würde hier das Verursacherprinzip greifen, wäre das Problem morgen gelöst." Buck denkt Produkte so, dass sie sich in einen endlosen Kreislauf einfügen - von der Wiege bis zur Wiege (cradle to cradle). Doch die Welt denkt anders. Die Handelslandschaft ist so strukturiert, dass die Ware über Monate in den Regalen liegt und dafür wie in einem Tresor verpackt sein muss, um verkehrsfähig zu bleiben.

Für Michael Hofmann ist sein Kreislauf auch irgendwie cradle to cradle: "Gelingt es, mit der Rückgewinnung der Polymere aus Kunststoffabfällen Geld zu verdienen, wird die Bevölkerung Kunststoffe nicht wegwerfen, sondern helfen, diese einzusammeln, um damit Geld zu verdienen."  (dha)


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