Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/jan-koum-whatsapp-gruender-verlaesst-facebook-im-streit-um-datenschutz-1805-134157.html    Veröffentlicht: 01.05.2018 13:26    Kurz-URL: https://glm.io/134157

Jan Koum

Whatsapp-Gründer verlässt Facebook im Streit um Datenschutz

Whatsapp-Gründer Jan Koum will sich künftig lieber seinen luftgekühlten Porsches widmen, als sich mit Facebook über Datenschutz und strikte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung herumstreiten. Das lässt wenig Gutes für die Nutzer erwarten.

Der Mitgründer und CEO des Messengerdienstes Whatsapp, Jan Koum, verlässt offenbar im Streit mit dem Mutterkonzern Facebook sein Unternehmen. "Es ist Zeit für mich, weiterzuziehen", schrieb Koum in einem Facebook-Eintrag am Montag. Die Washington Post hatte zuvor berichtet, es habe Streit mit Facebook über die Datennutzung sowie die strikte Verschlüsselung bei Whatsapp gegeben. Koum soll demnach auch den Aufsichtsrat von Facebook verlassen, wo er für die strategische Ausrichtung von Whatsapp zuständig war.

Die Zeitung macht keine detaillierten Angaben darüber, welche Änderungen Facebook bei Whatsapp planen könnte. Auch Koum äußert sich in seinem kurzen Facebook-Beitrag nicht dazu. Koum dankte darin seinem "unglaublich kleinen Team", das es möglich gemacht habe, eine von so vielen Menschen genutzte App zu entwickeln. Facebook-Chef Mark Zuckerberg kommentierte den Rückzug mit den Worten: "Jan, ich werde die enge Zusammenarbeit mit Dir vermissen. Ich bin dankbar für alles, was Du getan hast, um die Welt zu vernetzen, und für alles, was du mir beigebracht hast, einschließlich über Verschlüsselung und ihre Fähigkeit, Macht von zentralisierten Systemen wegzunehmen und sie wieder in die Hände der Menschen zu legen. Diese Werte werden immer im Mittelpunkt von Whatsapp stehen."

Verschlüsselung und Datenweitergabe strittig

Dem Bericht zufolge störten sich die Facebook-Manager unter anderem an der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Whatsapp-Nachrichten, die es unmöglich macht, die Nachrichteninhalte für gezielte Werbung auszuwerten. Ein weiterer Streitpunkt seit der Übernahme von Whatsapp durch Facebook im Jahr 2014 ist die Weiternutzung der Whatsapp-Kontakte durch das soziale Netzwerk sowie der Abgleich der Nutzungsgewohnheiten. Der Messengerdienst hatte im August 2016 angekündigt, die Telefonnummern seiner Nutzer sowie Informationen zur Nutzungshäufigkeit an das weltgrößte soziale Netzwerk weiterzugeben.

Datenschützer wie der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar hatten dieses Vorgehen von Anfang an kritisiert und die damit verbundene Einwilligungserklärung für unzulässig erachtet. Anfang März 2018 hatte das Oberverwaltungsgericht Hamburg Caspars Anordnung bestätigt, dass Facebook nicht massenhaft Daten seiner Tochterfirma Whatsapp für eigene Zwecke nutzen darf.

Unabhängigkeit als Illusion

In einem ähnlichen Streit mit der britischen Datenschutzbehörde hatte Whatsapp hingegen angekündigt, die Daten seiner Nutzer künftig auf Basis der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung an den Mutterkonzern Facebook weiterzuleiten. Wie dies genau aussehen könnte, ist allerdings unklar. Caspar kündigte bereits an, unzulässige Praktiken im Zweifel vor den neuen EU-Datenschutzausschuss zu bringen.

Hintergrund des Auseinandersetzungen ist offenbar der Versuch der Facebook-Manager, mit der damaligen Akquisition in Höhe von fast 22 Milliarden US-Dollar mehr Umsatz zu generieren. Das Unternehmen hatte die frühere Abo-Gebühr von einem Dollar pro Jahr im Januar 2016 abgeschafft. Damals hieß es, Werbung in Whatsapp werde es weiterhin nicht geben, dafür aber die Möglichkeit für Firmen, beispielsweise mit ihren Kunden über den Messenger zu kommunizieren.

Whatsapp-Gründer sind Milliardäre geworden

Die früheren Yahoo-Manager Koum und Brian Acton hatten Whatsapp im Jahre 2009 gegründet und mit ihrem Dienst zum Zeitpunkt der Übernahme bereits 400 Millionen Nutzer. Selbst als im Februar 2016 die Zahl von einer Milliarde Nutzer erreicht wurde, standen laut Koum nur 57 Programmierer hinter dem Projekt. Inzwischen sollen 1,5 Milliarden Menschen weltweit Whatsapp nutzen. Zur Übernahme durch Facebook hatte Koum noch erklärt: "Und das wird sich für euch, unsere Benutzer, ändern: Nichts. WhatsApp wird eigenständig bleiben und unabhängig arbeiten."

Nach dem Abgang von Koum und Acton, der Whatsapp bereits im September 2017 verlassen hatte, dürfte es für den Messengerdienst noch schwieriger werden, eine gewisse Form von Unabhängigkeit zu erhalten. Der Washington Post zufolge wollen im November 2018 weitere frustrierte Whatsapp-Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Der Grund für den Zeitpunkt: Vier Jahre und einen Monat nach dem Verkaufsabschluss können sie dann ihre Aktienoptionen einlösen. Actons Vermögen beläuft sich laut Forbes derzeit auf 5,7 Milliarden US-Dollar, Koum soll sogar 9,1 Milliarden US-Dollar besitzen.

Koum nimmt sich Auszeit von IT

Acton hatte sich in den vergangenen Wochen offensiv gegen das Unternehmen gestellt, das ihn zum Milliardär gemacht hat. So kündigte er im Februar 2018 an, die Entwicklung des Kryptomessengers Signal zu fördern und 50 Millionen US-Dollar in die neu gegründete Signal Foundation zu investieren. Whatsapp verschlüsselt seit April 2016 alle Inhalte komplett und nutzt dazu Verschlüsselungstechnik von Signal. Nach dem Bekanntwerden des Facebook-Skandals um die Analysefirma Cambrigde Analytica hatte Acton mit einem Tweet zur Löschung von Facebook-Accounts aufgerufen.

Koum will sich nach seinem Abschied von Whatsapp zunächst eine Auszeit von der IT-Entwicklung nehmen und sich seiner Sammlung luftgekühlter Porsches widmen, an seinen Autos herumbasteln und Ultimate Frisbee spielen. Für 9,1 Milliarden US-Dollar wird er sicherlich noch einige alte Porsches kaufen können.  (fg)


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