Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nokia-1-im-test-android-go-macht-noch-kein-flinkes-smartphone-1804-133918.html    Veröffentlicht: 24.04.2018 09:15    Kurz-URL: https://glm.io/133918

Nokia 1 im Test

Android Go macht noch kein flinkes Smartphone

HMD Globals Nokia 1 ist ein sehr günstiges Android-Smartphone, das sich an Einsteiger richtet. Im Test zeigt sich, dass man mitunter etwas Wartezeit mitbringen muss - daran ändert auch die Auslieferung mit Android Go nichts.

HMD Global hat sich mittlerweile den guten Ruf erarbeitet, seine Smartphones recht zuverlässig auf dem aktuellen Android-Stand zu halten. Entsprechend bringt der finnische Hersteller auch seine preiswerten Smartphones mit aktueller Software auf den Markt: Das auf dem Mobile World Congress (MWC) 2018 vorgestellte Nokia 1 macht da keinen Unterschied, obgleich es nur 100 Euro kostet.

Das Nokia 1 gehört zu denjenigen Smartphones, die keine normale Android-Version haben, sondern mit Android Go erscheinen. Android Go ist eine spezielle Variante von Oreo, die explizit für die Nutzung auf technisch schwächer ausgerüsteten Smartphones zugeschnitten ist. Das Nokia 1 ist aufgrund seiner Hardware prädestiniert für Android Go. Im Test zeigt sich, dass Nutzer des Smartphones trotzdem häufig viel Geduld mitbringen müssen.

Das Nokia 1 hat ein 4,5 Zoll großes Display, das eine Auflösung von 854 x 480 Pixeln hat. Das ergibt eine Pixeldichte von nur 217 ppi, was man den Bildschirminhalten auch ansieht: Sie sind bei näherer Betrachtung nicht scharf. Die Blickwinkelstabilität hingegen ist in Ordnung: Die Helligkeit nimmt nur in geringem Maße ab, die Farben bleiben weitgehend stabil. Als störend empfinden wir allerdings das stark spiegelnde Displayglas, das in hellen Umgebungen zu einer Beeinträchtigung der Sicht führen kann.

Das Gehäuse des Nokia 1 ist aus Kunststoff, der sich weniger hochwertig anfühlt als bei anderen Geräten der Nokia-Marke. Die Rückseite ist abnehmbar und kann gegen andere Cover ausgetauscht werden. Die allgemeine Verarbeitung ist ok, trotz des geringen Preises ist das Smartphone verwindungssteif und knarzt nicht. Einen Vergleich mit teureren Geräten kann das Nokia 1 aber natürlich nicht gewinnen - auch nicht mit den nur geringfügig teureren Geräten von HMD Global selbst.

Im Inneren des Smartphones arbeitet Mediateks MT6737M, ein Quad-Core-SoC mit einer maximalen Taktrate von 1,1 GHz. Der Arbeitsspeicher ist 1 GByte groß, der Flash-Speicher 8 GByte. Ein Steckplatz für Micro-SD-Karten ist eingebaut. Mit der Prozessorausstattung bewegt sich das Nokia 1 am unteren Rand des Leistungsspektrums, was sowohl ein Blick auf die Benchmark-Ergebnisse als auch die tägliche Nutzung zeigen.

Benchmark-Werte am unteren Ende der Leistungsskala

Im Geekbench-Gerätetest erreicht das Smartphone einen Single-Wert von nur 492 Punkten - das entspricht dem Niveau des Jelly-Smartphones, das ebenfalls von der Leistung her nur schwach ausgestattet ist. Zum Vergleich: Ein aktuelles Top-Smartphone wie das Xperia XZ2 Compact mit seinem Snapdragon-845-SoC schafft im gleichen Test fast 2.500 Zähler. Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMark erreicht das Nokia 1 magere 3.320 Punkte - das Xperia XZ2 Compact erreicht im Vergleich fast 64.000 Zähler. Die Vergleichswerte dienen lediglich der Einordnung; eine Konkurrenz zu den aktuellen Topgeräten soll das Nokia 1 natürlich nicht sein.

Wartezeit beim App-Wechsel und der Kamera

Ausgeliefert wird das Smartphone mit Android Go 8.1, Googles reduzierter Variante von Android 8.1. Das Betriebssystem soll dafür sorgen, dass schwächer ausgestattete Smartphones halbwegs flüssig laufen - "halbwegs" scheint uns eine notwendige Einschränkung zu sein, da das Nokia 1 trotz Android Go eben nicht wirklich flüssig arbeitet. Im Alltag zeigt sich das hauptsächlich in Wartezeiten, beispielsweise wenn wir nach längerer App-Nutzung auf den Startbildschirm wechseln.

Auch bei App-Starts warten wir länger als bei Geräten mit besserer Ausstattung. Machen wir zudem mit der Kamera ein Foto, dauert es einen kleinen Augenblick, bis uns die Kamera-App wieder zur Verfügung steht - das Abspeichern des Bildes führt zu einem kleinen Aussetzer. Schlimmer noch ist die Wartedauer, wenn wir unser soeben geschossenes Bild direkt aus der Kamera-App heraus betrachten wollen: Dann warten wir stellenweise mehrere Sekunden.

Android Go sorgt nicht für ein flüssig laufendes System

Dennoch beherrscht das Nokia 1 im Grunde alles, was wir von einem Smartphone erwarten: Wir können problemlos Videos auf Youtube anschauen, E-Mails abfragen, im Internet browsen oder Chatprogramme nutzen. Der Chrome-Browser reagiert nach einer mitunter längeren Startphase ohne allzu störende Ruckler, die allgemeine Bedienbarkeit des Systems leidet aber unter den Leistungsproblemen. Spiele sind generell für das Nokia-Smartphone kein Problem, so lange sie grafisch nicht allzu aufwendig sind. Für die gängigen Puzzle- oder Tower-Defense-Spiele ist das Gerät also problemlos geeignet.

Wechseln wir von einer App in eine zuvor ausgeführte, warten wir aufgrund des begrenzten Arbeitsspeichers teilweise ebenfalls ein wenig, bis das System die Anwendung neu geladen hat. Android Go behilft sich hier mit kleinen Tricks: So werden die Apps in der Übersicht der zuletzt genutzten Anwendungen als unscharfe Screenshots angezeigt, bei manchen Apps wird bei uns auch nur der Name angezeigt und kein App-Inhalt. Diese unscharfe Ansicht bekommen wir auch hin und wieder, wenn wir eine App wieder aufrufen.

Im Großen und Ganzen sorgt Android Go auf dem Nokia 1 dafür, dass wir das Smartphone zwar benutzen können - Spaß macht das aber nicht. Die alltäglichen Standardanwendungen beherrscht das Smartphone, die Wartezeiten machen die Benutzung aber zu einem Geduldsspiel. Einen besonderen Vorteil bezüglich der Systemgeschwindigkeit dank Android Go verglichen mit anderen günstigen Smartphones, die mit einer normalen Android-Version erschienen sind, können wir ehrlich gesagt nicht erkennen.

Go-Apps mit verringertem Speicherbedarf

Bestandteil von Android Go sind auch spezielle Apps, die im Anwendungsnamen oder im Logo mit einem "Go" gekennzeichnet sind. Diese Anwendungen hat Google in der Speichrgröße reduziert, um den mit 8 GByte doch recht eingeschränkten internen Speicherplatz nicht allzu sehr zu belasten. Im Falle von Maps Go ist die App einfach eine Progressive Web App, die eine spezielle Maps-Webseite als App darstellt. Hier können wir den Kartenausschnitt ganz normal bewegen und vergrößern, was fehlt, sind die Erkundungsoptionen der normalen Maps-App. Gmail oder die Google-Suche hingegen unterscheiden sich von der Nutzung her nicht nennenswert von ihren vollwertigen Pendants.

Auf der Rückseite des Nokia 1 ist eine 5-Megapixel-Kamera installiert, die einen Fixfokus und ein LED-Fotolicht hat. Die Frontkamera hat 2 Megapixel und eignet sich entsprechend eher nur für Videotelefonie. Die Hauptkamera auf der Rückseite ist qualitativ maximal für Schnappschüsse bei Tageslicht geeignet. Die Schärfe ist schlecht, auch bei sehr gutem Licht gemachte Fotos haben bereits starke Artefakte. Bei einem Bild unseres durch Kunstlicht erhellten Büroflurs dachten wir zunächst, die Linse sei bei der Aufnahme schmutzig gewesen - nur um festzustellen, dass Details bei schlechterem Licht tatsächlich komplett ausgewaschen und regelrecht verschmiert sind. Einen Preis für die Kamera gewinnt das Nokia 1 mit Sicherheit nicht, im Gegenteil: Sie ist für Nutzer, die gerne mal ein Foto mit ihrem Smartphone machen wollen, ein Grund, das Gerät nicht zu kaufen.

Das Nokia 1 unterstützt Cat4-LTE, Nutzer können zwei SIM-Karten gleichzeitig verwenden. Anders als bei Herstellern wie Huawei verdrängt die zweite SIM-Karte nicht die Micro-SD-Karte, die einen eigenen Steckplatz besitzt. WLAN beherrscht das Smartphone nach 802.11b/g/n, Bluetooth läuft in der Version 4.2. Ein GPS-Modul ist eingebaut, auf einen NFC-Chip müssen Käufer verzichten.

Wechselbarer Akku und gute Akkulaufzeit

Der Akku des Nokia 1 hat eine Nennladung von 2.150 mAh. Anders als bei den meisten aktuellen Smartphones lässt er sich einfach austauschen, da die Rückseite des Smartphones ja abnehmbar ist. Entsprechend können Nutzer auch mehrere Akkus verwenden, etwa wenn sie längere Zeit unterwegs sind, ohne eine Möglichkeit zum Laden zu haben. Einen Full-HD-Film können wir bei maximaler Helligkeit über 7,5 Stunden lang anschauen, ein guter Wert. Im Alltag hält das Nokia 1 bei sparsamer Nutzung auch gerne zwei Tage lang durch.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Nokia 1 ist für um die 100 Euro im Onlinehandel erhältlich. Als Farben stehen ein dunkles Blau und Rot zur Verfügung.

Fazit

Das Nokia 1 ist ein schwach ausgestattetes Smartphone, was zu häufigen Wartezeiten führt, die den Nutzern einiges an Geduld abverlangen. Die Kamera ist zudem schlecht, und das Display spiegelt stark - insgesamt zeichnet sich das Nokia 1 nicht wirklich aus.

Vor dem Hintergrund eines Preises von 100 Euro gehört das Smartphone aktuell allerdings zu den günstigsten Android-Geräten am Markt, zudem unterstützt es LTE - das könnte das Gerät für den ein oder anderen Käufer interessant machen. Wer nur 100 Euro für ein Smartphone ausgeben will, bekommt mit dem Nokia 1 ein Gerät, das die grundlegenden Vorteile von Android bietet - so auch den vollständigen Zugriff auf den Play Store.

Die Abstriche, die Käufer dafür aber bezüglich des Komforts, der Systemleistung und der Kameraqualität machen müssen, rechtfertigt für uns nicht den Preisvorteil. Wir würden das Nokia 1 insgesamt höchstens als sehr einfaches Einsteiger-Smartphone oder als Zweitgerät empfehlen. Einsteigern raten wir allerdings eher dazu, knapp 30 Euro mehr auszugeben und das Nokia 3 zu kaufen.

Auch dieses Smartphone ist aufgrund der Hardwareausstattung im unteren Leistungssegment nicht das schnellste, die Kompromisse sind für den Nutzer aber weniger schmerzhaft als die beim Nokia 1. Das Nokia 3 hat eine bessere Kamera, ein höher auflösendes Display und ein hochwertigeres Gehäuse; HMD Global hat außerdem gerade Android 8.0 für das Gerät ausgeliefert.

Android Go halten wir bei Geräten von HMD Global nicht für ein Kaufargument: Der Hersteller hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er auch abseits von Android Go gewillt ist, seine Smartphones mit aktuellen Android-Versionen zu versorgen. Daher können Nutzer anstelle des wenig Spaß bereitenden Nokia 1 auch ein besser ausgestattetes Nokia-Smartphone kaufen, das mit einer normalen Android-Version ausgeliefert wird, nur ein paar Euro mehr kostet und dafür mehr Freude bereitet.  (tk)


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