Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/facebook-anhoerung-zuckerbergs-illusion-von-der-vollen-kontrolle-1804-133780.html    Veröffentlicht: 11.04.2018 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/133780

Facebook-Anhörung

Zuckerbergs Illusion von der vollen Kontrolle

In einer mehrstündigen Anhörung vor dem US-Senat hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg sein Unternehmen verteidigt. Doch des Öfteren hinterließ er den Eindruck, als wisse er selbst nicht genau, was er in den vergangenen Jahren da geschaffen hat.

Wenn es auf der Welt einen Menschen geben sollte, der das Tracking von Nutzern erklären kann, sollte es Facebook-Chef Mark Zuckerberg sein. Schließlich ist sein soziales Netzwerk neben Google wohl am aktivsten weltweit, was das Verfolgen von Nutzeraktivitäten im Netz betrifft. Doch auf kritische Fragen in einer Anhörung des US-Senats (Transkript) stammelte Zuckerberg am Dienstag: "Ich weiß das - die Leute nutzen Cookies im Internet und man kann vermutlich Aktivitäten korrelieren zwischen, zwischen Sitzungen." Zuckerberg konnte nicht einmal die Frage beantworten, ob Facebook Nutzer trackt, die sich ausgeloggt haben. Dabei hat ein belgisches Gericht das Tracking von Nichtmitgliedern erst kürzlich verboten. Offenbar weiß Zuckerberg selbst nicht mehr genau, was sein Unternehmen eigentlich alles macht.

"Das liefert mein Team nach", war daher die Standard-Antwort Zuckerbergs in der Anhörung. Neben den "Follow ups" gab es eine ganze Reihe von weiteren Floskeln, die der 33-Jährige bei jeder Gelegenheit herunterbetete. Auf die Frage, wie sein Unternehmen eigentlich Hatespeech wirksam bekämpfen wolle, verwies er immer wieder auf die künstliche Intelligenz. Als er das Unternehmen 2004 zusammen mit seinem Zimmerkollegen gestartet habe, habe es noch keine KI-Technik gegeben, die die von den Nutzern geteilten Inhalte habe überprüfen können.

Volle Kontrolle worüber?

Daher habe Facebook immer nur reaktiv seine Inhalte-Politik durchsetzen können. Doch nun könnten mit Hilfe von KI bestimmte Arten von "schlechter Aktivität" proaktiv erkannt und für die Facebook-Teams markiert werden. Was Hassrede betreffe, sei er optimistisch, "dass KI-Werkzeuge in fünf bis zehn Jahren auch Nuancen erkennen, die sprachlichen Nuancen unterschiedlicher Arten von Inhalten". Das heißt: In zehn Jahren gibt es vermutlich keinen einzigen Facebook-Beitrag mehr, der ohne intensive Vorabfilterung durch KI auf dem Netzwerk erscheinen kann.

Arg strapaziert wurde von Zuckerberg zudem der Begriff der Kontrolle. Die Nutzer seien die Eigentümer der Daten, hätten schon jetzt die "volle Kontrolle" oder "komplette Kontrolle" in dem System. "Wenn wir das nicht richtig kommunizieren, ist das ein großes Problem, an dem wir arbeiten sollten", sagte der Facebook-Chef. Allerdings konnte er auf Anfrage von Senator Cory Gardner nicht genau angeben, wie lange die Nutzerdaten noch auf den Servern bleiben, wenn das Konto gelöscht worden ist. Mehrfach wies Zuckerberg darauf hin, dass sein Unternehmen die Daten nicht verkaufe, sondern lediglich auf Basis der ausgewerteten Daten und Nutzeraktivitäten gezielte Werbung vermarkte.

Gilt noch das Providerprivileg?

Kritisch ist für Unternehmen wie Facebook auch die Frage, ob sie sich wie eine neutrale technische Plattform sehen, die lediglich die Infrastruktur bereithält, oder ob sie auch für die hochgeladenen Inhalte verantwortlich sind. Auf eine entsprechende Frage von Senator John Cornyn antwortete Zuckerberg. "Ich stimme zu, dass wir für den Inhalt verantwortlich sind." Auf Nachfrage von Dan Sullivan, ob Facebook damit eine Art Verlag sei, präzisierte er: "Wir produzieren den Inhalt nicht." Aber die Verantwortung für die Inhalte sei auch nicht inkompatibel mit der Tatsache, dass Facebook im Kern eine Technikunternehmen sei. Sollte Facebook als Verlag eingestuft werden, würde beispielsweise in Europa nicht mehr das sogenannte Providerprivileg gelten.

Angesichts der vielen Facebook-Skandale steht der US-Kongress vor der Frage, wie mit der gewachsenen Bedeutung des weltgrößten sozialen Netzwerks umzugehen ist. Die Senatoren würden gerne verhindern, dass sich Staaten wie Russland wieder per Facebook in den US-Wahlkampf einmischen, dass die Daten gegen den Willen der Nutzer für manipulative Zwecke genutzt werden oder sich diskriminierende Werbung schalten lässt. Doch die Frage, ob sich das am besten durch Gesetze erreichen lässt, blieb weitgehend unbeantwortet.

Es kommt immer auf die Details an

Zuckerberg ließ sich von den Senatoren nicht aus der Reserve locken. Auf die häufige Frage, ob er eine gesetzliche Regulierung begrüßen würde, hatte er sich ebenfalls eine Standardfloskel zurechtgelegt. Es gehe darum, was die "richtige Regulierung" sei, und nicht darum, ob es überhaupt eine Regulierung geben sollte. Es komme aber "auf die Details an". Doch selbst bei Details wollte er sich nicht festnageln lassen. Auf die Frage von Senator Richard Blumenthal, ob er aus Datenschutzgründen ein Opt-in einem Opt-out vorziehen werde, antwortete Zuckerberg: "Ich denke, darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Aber es kommt sicherlich auf die Details an." Nach dem Motto: Wir haben prinzipiell nichts gegen eine Regulierung einzuwenden, aber zu irgendwelchen Zugeständnissen sind wir vorab nicht bereit.

Mit Blick auf die im Mai in Kraft tretende EU-Datenschutzgrundverordnung wiederholte Zuckerberg seine Aussagen aus der vergangenen Woche, wonach bestimmte Anforderungen der neuen Regelungen weltweit auf Facebook umgesetzt werden sollen. Allerdings sollten die Vorgaben nicht eins zu eins übernommen werden, "weil wir in den USA eigene Empfindlichkeiten haben". Auch hier erklärte Zuckerberg, es sei "sicherlich diskussionswürdig", etwas Ähnliches wie die EU-Datenschutzverordnung in den USA zu haben. Bei allem klang aber durch, dass er lieber darauf verzichten würde.

Senatoren verstehen Fragen nicht

Etwas erschwert wurde die stundenlange Debatte durch den erkennbaren Altersunterschied zwischen fragenden Senatoren und befragtem IT-Milliardär und das sehr unterschiedliche technische Verständnis. Auf die Frage von Senator Orrin Hatch, wie Facebook denn sicherstellen wolle, dass es auch künftig eine kostenlose Facebook-Version für alle Nutzer gebe, antwortete Zuckerberg sichtlich entgeistert: "Wir verkaufen Anzeigen." Manche Senatoren hinterließen den Eindruck, die von ihren Mitarbeitern vorbereiteten Fragen selbst nicht verstanden zu haben.

Auf die Frage der Senatorin Deb Fischer, wie viele Kategorien von Daten Facebook eigentlich speichere, reagierte Zuckerberg verständnislos. Die Senatorin war jedoch nicht in der Lage, die Frage anders zu formulieren. Zwischendurch versuchte Zuckerberg den Abgeordneten zu erklären, was der Unterschied zwischen einem Zugangsprovider und einem Inhalteanbieter ist, oder warum Facebook die verschlüsselten Inhalte von Whatsapp nicht für Werbezwecke auswerten kann.

Facebook kann Beeinflussung nicht verhindern

Wie zu erwarten war, verwies Zuckerberg immer wieder auf die vielen Änderungen, die das Netzwerk aufgrund der vielen Skandale bereits eingeführt habe oder einführen wolle. Doch auch hier wurde deutlich, dass Facebook selbst nie die "volle Kontrolle" darüber haben wird, was in seinem Netzwerk passiert. So musste Zuckerberg einräumen, dass russische Akteure weiterhin Falschinformationen verbreiten und sich in Wahlen einmischen können. Es sei keine realistische Einschätzung, dies zu verhindern, solange Leute in Russland für solche Aktivitäten bezahlt würden. Ebenfalls könne auch das am Wochenende angekündigte System zur Identitätsprüfung von Anzeigenkunden unterlaufen werden, wenn ausländische Akteure von einer US-Adresse aus operierten.

Insgesamt zog sich Zuckerberg in den fünf Stunden einigermaßen gut aus der Affäre. Richtig aufs Glatteis führte ihn im Grunde nur Senator Richard Durban, der vom Facebook-Chef wissen wollte, in welchem Hotel er in der vorangegangenen Nacht in Washington abgestiegen war oder wem er in der vergangenen Woche Nachrichten geschickt hatte. Weil Zuckerberg die Fragen nicht beantworten wollte, entgegnete Durban: "Ich denke, darum geht es hier vor allem: das Recht auf Privatsphäre, die Grenzen des Rechts auf Privatsphäre und wie viel man im modernen Amerika im Namen dessen preisgibt, was die 'weltweite Vernetzung der Menschen' betrifft".

Hat Facebook ein Monopol?

Vermutlich dürfte Facebook von einer schärferen Datenschutzregulierung weniger zu befürchten haben als von einer stärkeren Wettbewerbskontrolle. Auf die Frage von Senator Graham, ob Facebook bei sozialen Netzwerken nicht ein Monopol besitze, antwortete Zuckerberg: "Das fühlt sich für mich sicherlich nicht so an." Einen konkreten Wettbewerber wollte er jedoch nicht nennen. Senator Sullivan warnte in diesem Zusammenhang vor der Gefahr, dass eine Regulierung sogar dazu führen könne, die Macht der großen Konzerne noch zu zementieren. Dass sei bei der Regulierung der Banken ebenfalls passiert.

Richtig gefährlich könnten für Facebook vor allem die laufenden Ermittelungen der US-Verbraucherschutzbehörde FTC werden. Kein Wunder, dass Zuckerberg alle Anschuldigungen zurückwies, gegen eine Vereinbarung mit der FTC aus dem Jahr 2011 verstoßen zu haben. Das könnte zu hohen Bußgeldern führen. Doch die Geduld der Abgeordneten mit Zuckerbergs Entschuldigungen dürfte inzwischen erschöpft sein. Ob und wie Facebook die selbst geschaffene Technik zum Nutzen der Menschen noch beherrschen kann, konnten aber weder Facebook noch die Senatoren am Dienstag klären.  (fg)


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