Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/far-cry-5-im-test-schoene-welt-voller-spinner-1804-133667.html    Veröffentlicht: 04.04.2018 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/133667

Far Cry 5 im Test

Schöne Welt voller Spinner

Der Messias von Montana trägt Pornobrille und hat eine Privatarmee - aber nicht mit uns gerechnet: In Far Cry 5 kämpfen wir auf Bergwiesen und in Bauernhöfen gegen seine Anhänger. Das macht dank einiger Serienänderungen zwar Spaß, dennoch verschenkt das Actionspiel von Ubisoft viel Potenzial.

Der real existierende US-Bundesstaat Montana ist etwas größer als Deutschland, hat aber nur eine Million Einwohner. Mehrere Dutzend der virtuellen Bürger haben wir in Far Cry 5 aus den Klauen einer Sekte befreit - immerhin. Allerdings haben wir dabei auch mindestens ein paar Hundert, eher ein paar Tausend religiöse Fanatiker erschossen, weil diese sich mehr oder weniger wild und mit mehr oder weniger großkalibrigen Waffen auf uns gestürzt haben.

Um die Sache mal aufzuklären: Wir sind der namenlose Typ, der sich in Far Cry 5 mit der Church of Edens Gate anlegt. Deren Anführer ist ein gewisser Joseph "Vater" Seed - hagerer Typ, Jesusfrisur und gelbe Sonnenbrille, auch in dunklen Räumen. Welche Art von Glauben der Kerl predigt, erfahren wir nicht so genau. Allerdings deuten Kreuze und ähnliche Details einen christlichen Hintergrund an.

Viel wichtiger ist aber auch, dass Seed zusammen mit drei Geschwistern ein Gebiet namens Hope County unter seine Kontrolle gebracht hat - und das liegt, so Entwickler und Publisher Ubisoft ganz offiziell, eben in Montana. Die Familie hat so etwas wie das Gegenstück des Islamischen Staates errichtet: Es gibt Leichenberge mit Ungläubigen, Widerstandskämpfer werden eingesperrt und gefoltert. Im Intro wollen wir Seed zusammen mit einem Sheriff und einem US-Marshal verhaften, aber das klappt natürlich nicht. Also müssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen.

Wer schon mal ein Far Cry oder das Anfang 2017 veröffentlichte Ghost Recon Wildlands gespielt hat, weiß ungefähr, wie das abläuft: Wir bewegen uns in der Ich-Perspektive frei in der Spielwelt und absolvieren Missionen. Alternativ kümmern wir uns um Ausrüstung und Erfahrungspunkte, indem wir Tiere jagen oder Pflanzen für Heil- und Stärkungstränke sammeln. Das geht in Teil 5 natürlich auch alles, aber die Entwickler von Ubisoft in Montreal und Toronto haben den Schwerpunkt vom Sammeln hin zur Action verschoben - eine gute Entscheidung!

In Far Cry 5 haben wir nur alle Stunde mal ein Blümchen gepflückt und Bären oder Elche nur bei zufälligen Treffen (und mit echt schlechtem Gewissen!) erlegt. Stattdessen bietet uns das Programm nahezu immer eine Handvoll von Haupt- oder Nebenmissionen plus ein paar zusätzliche Aufgaben an. Dabei geht es um die Rettung von Zivilisten, die Beschaffung von Informationen und Ausrüstung oder um die Besetzung irgendwie wichtiger Gebäude.

Die Einsätze sind weniger generisch als bei Vorgängern, aber bei Weitem nicht so aufwendig in Geschichten eingepackt wie in Assassins's Creed Origins - bis auf wenige Storymissionen. Die Besetzung von Funktürmen, um neue Gebiete auf der Übersichtskarte aufzudecken, ist übrigens nicht mehr nötig. Stattdessen entfernen wir den Sichtnebel einfach durch den allgemeinen Fortschritt, sowie durch das Finden von Landkarten, die wir nach dem automatischen Übertragen der Daten beim Händler für ein paar Credits versilbern können.

Den Großteil der Spielzeit verbringen wir in Feuergefechten mit Sektenmitgliedern. Der normale Feld-, Wald- und Wiesenfanatiker ist keine sonderlich große Herausforderung. Für Abwechslung und größere Herausforderung sorgen dicke gepanzerte Elitekämpfer oder solche mit Flammenwerfer, vor allem aber durch Drogen aufgeputschte Extremisten. Die sind von einem grünen Nebel umhüllt und verhalten sind wie Zombies. Sie haben unkalkulierbare Laufwege, vor allem aber stehen sie auch nach vielen eingesteckten Treffern noch mal auf und greifen an.

Die eigentliche Hauptfigur

Eine weitere Besonderheit sind Opponenten, die sich vor unseren Augen verwandeln, etwa ein putziger Beuteldachs in einen bissigen Grizzly. Das hängt auch irgendwie mit den Drogenexperimenten der Sekte zusammen, im Detail wird es nicht erklärt.

Eines der kleinen Probleme der Kämpfe von Far Cry 5 ist, dass das Programm etwas zu wenig Feedback über eingesteckte und ausgeteilte Treffer liefert. Gerade bei den Drogenzombies müssen wir wirklich sehr genau hinschauen und uns am besten vor Ort überzeugen, ob wir getroffen und final gesiegt haben. Eines der größeren Probleme: Die computergesteuerten Feinde verhalten sich stellenweise unfassbar blöde.

Manchmal ist das auf makabre Art lustig - etwa, wenn wir an einer Straße stehen und Zeuge werden, wie sich die KI-Gegner gegenseitig über den Haufen fahren, völlig planlos durch die Gegend laufen oder schlicht absurde Dinge tun. Im Normalfall stört uns die KI aber wirklich, weil sich das seltsame Verhalten nicht mehr stimmig in die ansonsten so glaubwürdige Welt einfügt.

Der Schwierigkeitsgrad ist übrigens trotz immer wieder aus dem Nichts herbeiteleportierter Feinde eher niedrig, in der mittleren der drei Stufen sind wir kaum gestorben. Wer mag, kann sich durch recht effektiv kämpfende KI-Begleiter wiederbeleben lassen, statt zum Savegame zu greifen. Die legt das Programm automatisch an, außerdem kann der Spieler den Spielstand selbst aktualisieren - auf nur einem Speicherstand, etwa beim Verlassen des Programms.

Die Handlung wird durch Zwischensequenzen erzählt, in denen wir neben Joseph Seed auch seine Brüder und seine irre Schwester Faith kennenlernen. Dummerweise ist nicht immer absehbar, wann es eine der längeren, teils interaktiven Abschnitte mit Haupthandlung gibt - es kann auch mal passieren, dass wir einfach so beim Marsch über eine Landstraße in Trance fallen und die Story weitergeht. Sehr interessant ist sie bis auf ein paar gelungene Wendungen allerdings nicht erzählt: Joseph etwa ist vorrangig zu sehen, wie er pathetische Reden hält und tiefsinnig in die Ferne blickt.

Die eigentliche Hauptfigur ist zumindest gefühlt auch gar nicht er, sondern wie ja eigentlich immer in Far Cry die Welt an sich. Es würde uns nicht wundern, wenn das echte Montana sich demnächst über ein kräftiges Plus an Touristen freuen dürfte: Im Spiel sieht das Land mit seinen Seen und Bergen, den blühenden Feldern, lauschigen Wäldern und engen Tälern einfach fabelhaft aus. Es macht Spaß, nur mal so auf einer Brücke zu stehen und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, während die Sonne auf- oder untergeht. Far Cry 5 ist das bislang schönste Spiel der Serie. Kleine Einschränkung: Das minimal ältere Assassin's Creed Origins vom gleichen Hersteller gefällt uns in Sachen Detailreichtum, Abwechslung und Sichtweite noch besser.

Zum Test lag uns Far Cry 5 für die Playstation 4 und Windows-PC vor. Echte technische Probleme sind uns nicht aufgefallen - mal von den Defiziten bei der KI abgesehen. Wir können sonst über genau drei Stellen klagen, bei denen sammelbare Pflanzen um sich selbst rotiert sind, das war es dann auch schon.

Technik und Fazit

Die Standardversion der Xbox One berechnet das Spiel nativ mit einer Auflösung von 1.440 x 1.080 Pixeln, die Playstation 4 berechnet es in 1.920 x 1.080 Pixeln. Die PS4 Pro schafft an entsprechenden Monitoren 2.880 x 1.620 Pixel, die Xbox One X sogar native 3.840 x 2.160 Pixel. Alle Konsolen verwenden eine Bildrate von 30 fps, Ruckler konnten wir auf der Playstation nicht feststellen. Digital Foundry berichtet, dass es auf der Xbox One gelegentlich zu Einbrüchen bei der Bildrate kommt - allerdings sollen sie nicht sehr gravierend sein und kaum stören. Per Gamepad lässt sich mit der Triggertaste ein Feind gezielt ins Visier nehmen, was das Zielen vereinfacht.

Far Cry 5 ist für Xbox One, Playstation 4 und Windows-PC verfügbar. Der Preis der Standardversion liegt bei 60 Euro, der Season Pass kostet 30 Euro und bietet einiges an Inhalten. Die auf Steam erhältliche PC-Version (Systemanforderungen) muss zusätzlich bei Ubisoft (Uplay) aktiviert werden, als Anti-Tamper-Maßnahme kommt Denuvo zum Einsatz. Auf allen Plattformen lässt sich die englische und die deutsche Sprachausgabe aktivieren, unabhängig dazu gibt es Untertitel in verschiedenen Sprachen. Die deutsche Synchronisation ist ordentlich gemacht, klingt aber steril - deshalb empfehlen wir, die stimmungsvollere Originalfassung wenigstens mal auszuprobieren.

Das Spiel ist relativ klar auf Einzelspieler zugeschnitten, es gibt aber auch einen Koop-Modus für zwei Teilnehmer. Die dürfen sich allerdings nicht zu weit voneinander entfernen, außerdem speichert nur einer den Fortschritt - der Mitstreiter behält lediglich Verbesserungspunkte und Waffen.

Zum Thema Mikrotransaktionen: Im Itemshop gibt es keinerlei Lootboxen, aber kosmetische Extras (nämlich Kleidung, die man aber als Einzelspieler so gut wie nicht sieht) sowie besonders starke Waffen. Immerhin lässt sich alles relativ rasch durch Ingame verdientes Geld und Silberbarren freischalten. Die USK hat dem Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Wer Action in offenen Welten liebt und schon in den Vorgängern oder in Ghost Recon Wildlands wochenlang eintauchen konnte, findet mit Far Cry 5 ein neues Eldorado in den Weiten von Montana. Die Berg- und Wiesenlandschaften des virtuellen US-Bundesstaates sehen atemberaubend schön aus, das Spiel bietet sehr viel Umfang und vor allem jede Menge spannende Missionen. Dazu kommen in schönster Regelmäßigkeit die nötigen Charakteraufwertungen, so dass es immer etwas zu tun und Erfolge zu feiern gibt.

Im Vergleich zu früheren Serienteilen finden sich weniger nervige Sammel- und Jagdelemente - prima, die Welt von Far Cry 5 fühlt sich dadurch nicht so generisch an wie stellenweise einige Vorgänger. Die Kämpfe an sich machen Spaß, auch wenn es wegen wild spawnender Gegner manchmal unübersichtlich zugeht und uns etwas mehr und besseres Feedback bei Treffern fehlt.

Das Streichen der Minimap finden wir gut, weil die Einsätze so etwas authentischer wirken - jedenfalls im Ansatz. Dazu wäre es nämlich noch nötig, dass sich die Gegner nicht ganz so doof verhalten, wie sie es leider oft tun. Durch eine bessere KI könnte Far Cry 5 wohl am meisten gewinnen. Dabei geht's nicht nur darum, dass die Feinde zu einfach zu besiegen sind, sondern dass sie sich in Gefechten und bei Zufallsbegegnungen etwa auf der Straße oft unglaubwürdig verhalten und die Immersion in diesen Momenten bricht.

Potenzial verschenkt Far Cry 5 auch bei der Handlung. Die ist durchaus unterhaltsam, aber aus dem Kampf gegen eine fundamentalistische US-Sekte hätte Ubisoft sehr viel mehr machen können. Ähnlich wie in Watch Dogs 2 trauen sich die Entwickler offenbar nicht, aktuelle Themen wirklich zuzuspitzen. Alles bleibt hübsch unverbindlich und unangreifbar, aber damit halt weniger interessant als möglich.  (ps)


Verwandte Artikel:
Trials of the Blood Dragon im Test: Motorräder im B-Movie-Rausch   
(28.06.2016, https://glm.io/121801 )
Assassin's Creed Origins im Test: Grandiose Geschichte im Weltensimulator   
(26.10.2017, https://glm.io/130819 )
Ghost Recon Wildlands im Test: Willkommen in der wunderschönen Drogenhölle   
(08.03.2017, https://glm.io/126599 )
South Park 2 im Kurztest: Superquatschhelden plus Strategie   
(01.11.2017, https://glm.io/130915 )
Spielemarkt: Far Cry 5 feuert sich in den USA an die Quartalsspitze   
(30.04.2018, https://glm.io/134138 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/