Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/xperia-xz2-im-test-sony-erfindet-das-xperia-neu-1804-133600.html    Veröffentlicht: 03.04.2018 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/133600

Xperia XZ2 im Test

Sony erfindet das Xperia neu

Sony beschreitet mit dem Xperia XZ2 neue Wege. Vor allem äußerlich unterscheidet sich das neue Smartphone deutlich von den Vorgängern. Angereichert mit aktueller High-End-Hardware und einer vielversprechenden Kamera sollte dabei eines der derzeit besten Smartphones am Markt herauskommen. Der Test klärt, ob das geglückt ist.

Sony geht mit dem neuen Xperia XZ2 ein großes Risiko ein. Einerseits will der Hersteller Kritiker befrieden, die sich in den vergangenen Jahren am Design-Einerlei der Xperia-Smartphones sattgesehen haben. Andererseits läuft er dabei Gefahr, das zum Markenzeichen gewordene monolithische Design gegen Beliebigkeit einzutauschen und vor Fans sein Gesicht zu verlieren. Mit dem neuen Top-Smartphone im Test gelingt Sony ein bisschen etwas von beidem - aber der Neuanfang fordert auch Kompromissbereitschaft.

Entweder man liebt das Design der Xperia-Smartphones oder man hasst es - eine Meinung dazwischen gibt es nicht. Trotzdem oder gerade deswegen hat sich Sony in den vergangenen Jahren sehr zurückhaltend mit Änderungen am Erscheinungsbild der Smartphones gezeigt: Seit dem 2013 erschienenen Xperia Z sind sie vorne und hinten flach, kantig und schnörkellos. Dabei ging den Japanern offenbar immer Design über Komfort, sonderlich angenehm lagen die Geräte nämlich nie in der Hand. Vor allem bei den zuletzt veröffentlichten Modellen Xperia XZ und Xperia XZ1 bohren sich die harten Gehäuseecken mit der Zeit unangenehm in die Handinnenfläche.

Das Xperia XZ2 ist anders. Die aus Glas gefertigte Rückseite des neuen Smartphones ist nicht eben sondern kissenförmig, der Rahmen und die Ecken sind abgerundet. Hinzu kommt, dass Sony dem Schlankheitswahn abgeschworen hat und das Gehäuse auf eine Dicke von bis zu 11 Millimetern anwachsen lässt. Tatsächlich liegt das Xperia XZ2 dadurch wohlig in der Hand, allerdings ist es wie bei jeder unausgewogenen Diät: Zum größeren Bauch kommt auch mehr Gewicht dazu. Und das lässt sich beim Xperia XZ2 nicht wegdiskutieren, mit knapp 200 Gramm bringt es deutlich mehr auf die Waage als das Xperia XZ1 (+ 42 Gramm) und sogar etwas mehr als ein Samsung Galaxy S9 Plus (+ 8 Gramm). Das geht zulasten des Handlings, denn um an das obere Bildschirmende zu gelangen, muss man das Smartphone häufiger umgreifen. Das Tippen oder Wischen von Texten mit nur einer Hand wird indes zur Kraftprobe für den stützenden kleinen Finger.

Trotzdem weiß das Xperia XZ2 zu gefallen, Sonys neues Flaggschiff sieht schon wirklich schick aus. Die Glasrückseite weiß - vor allem in der türkisblauen Farbe - mit schicken Spiegeleffekten zu gefallen und steht dabei in Harmonie mit dem gleichfarbigen, aber eben matten Metallrahmen. Das Kameraauge, die dazugehörigen Sensoren, das Blitzlicht und den Fingerabdrucksensor hat Sony ordentlich in einer Reihe mittig aufgestellt, am Fußende prangt das Xperia-Logo. Für die Vorderseite hat sich der Hersteller ebenfalls die Kritik der Fans zu Herzen genommen und die Ränder ober- und unterhalb des Bildschirms verkleinert. Im Vergleich zu anderen Smartphones mit 18:9-Display ist aber noch mehr davon vorhanden, was laut Sony der Stabilität des Xperia XZ2 zugute kommen soll. Dazu trägt auch der Einsatz von Gorillaglas 5 vorne und hinten bei, Stürze auf harte Oberflächen werden aber Spuren hinterlassen. Und wie es bei Smartphones mit Glas nun einmal so ist: Sie sehen durch Fingerabdrücke schnell schmuddelig aus.

Apropos Fingerabdruck: Der Fingerabdrucksensor befindet sich nicht in der Power-Taste rechts, sondern auf der Rückseite. Sony betont, der Positionswechsel sei eine reine Design-Entscheidung und nicht etwa der Tatsache geschuldet, dass die Xperia-Smartphones wegen eines Patentstreits nur dann in den USA verkauft werden dürfen, wenn ihre Fingerabdrucksensoren im Power-Button ab Werk deaktiviert sind. Dem Design ist die Sensorfläche hinten allerdings nicht wirklich zuträglich. Bei allen außer der schwarzen Ausführung sieht sie aus, als wäre sie aufgeklebt. Mit Sonys Abkehr vom länglichen Power-Knopf geht dem Smartphone außerdem ein Signaturmerkmal verloren, der neue ist nämlich keineswegs so charakteristisch wie noch bei den Vorgängern.

Auch bei der Bedienung des Fingerabdrucksensors ergeben sich Schwierigkeiten: Er ist fast bündig zum Glas und lässt sich nur mit viel Feingefühl ertasten, zudem befindet er sich so weit unten, dass der Zeigefinger gekrümmt werden muss, um ihn zu erreichen. Die Kameralinse hat die komfortablere Höhe und dürfte von daher automatisch vom Finger aufgesucht werden. Auf der Hand liegt, dass das Xperia XZ2 nun anders vom Tisch aufgehoben werden muss, wenn es über den Fingerabdrucksensor entsperrt werden soll.

Eine weitere fragliche Entscheidung, die Sony auf das neue Design zurückführt, ist der Verzicht auf den Klinkenanschluss - das Xperia XZ2 hat nur einen USB-C-Eingang. Auf die Nebeneffekte gehen wir weiter unten noch näher ein. Erhalten geblieben ist dem neuen Sony-Smartphone neben einem zweistufigen Kameraauslöser der Wasserschutz; wie die Vorgänger ist es nach IP65/68 zertifiziert.

Display-Größe und -Qualität

Fast vier Jahre hielt Sony an einer Displaydiagonale von 5,2 Zoll bei den Topmodellen fest, das Xperia XZ2 hat nun einen Bildschirm mit 5,7-Zoll-Diagonale. Wegen der schmaleren Ränder oben und unten sowie einer auf das 18:9-Seitenverhältnis gestreckten Anzeige ist das Smartphone dabei nur minimal länger als das Xperia XZ1. Die Auflösung bleibt fast gleich, der Hersteller passt sie mit 2.160 x 1.080 Pixel lediglich an das längliche Bildschirmformat an. Das Xperia XZ2 hat ein IPS-Panel, das in unserem Test eine Leuchtkraft von durchaus beeindruckenden 654 cd/m² erreicht. Die Blickwinkelstabilität ist gut, bei Smartphones mit AMOLED-Panel aber besser. Beim Xperia XZ2 lässt die Helligkeit vor allem an Kopf- und Fußende etwas nach, wenn es nach vorne oder hinten geneigt wird - die Ausleuchtung wirkt dann nicht mehr ganz gleichmäßig.

Wie der Vorgänger kann das Xperia XZ2 HDR-Inhalte anzeigen, beispielsweise Videos auf Netflix oder Amazon Video. Sony geht mit dem neuen Smartphone aber noch einen Schritt weiter und bietet ein HDR-Upscaling an, Inhalte mit kleinerem Dynamik- und Kontrastumfang werden also nahezu auf HDR-Qualität aufgebohrt. Tatsächlich wirken selbst hochskalierte Youtube-Videos außerordentlich farbenfroh und definiert in hellen und dunklen Bereichen. In dieser Hinsicht weiß das Display des Xperia XZ2 zu überzeugen, den Vergleich mit AMOLED-Displays muss Sony nicht scheuen.

Wer die Anzeige auf dem Smartphone nach seinen Vorstellungen anpassen möchte, der kann die Farbtemperatur über einen manuellen Weißabgleich in den Einstellungen justieren oder zu einem von drei vorgegebenen Farbprofilen greifen. Das Xperia XZ2 hat anders als das Xperia XZ1 und das neuere Mittelklasse-Smartphone Xperia XA2 übrigens einen nach Intensität justierbaren Nachtmodus, durch den - nach Wunsch auch zu festgelegten Zeiten - Blautöne aus der Darstellung gefiltert werden. Dem Xperia XA1 als bislang einzigem Sony-Smartphone mit einem solchen Modus wurde der mit dem Oreo-Update wieder herausgepatcht, weil er nicht den Qualitätsansprüchen des Herstellers entsprach. Für das neue Topmodell scheint er das richtige Maß gefunden zu haben.

Außerdem erwähnenswert ist an dieser Stelle das Ambient-Display, das es vorher bei noch keinem anderen Sony-Smartphone gab. Dabei werden für einen schnellen Überblick beim Anheben des Geräts die Uhrzeit und eingegangene Benachrichtigungen auf schwarzem Hintergrund dargestellt. Eine Interaktion ist aber nicht möglich, doppeltes Antippen führt nur zum Lockscreen. Ein weiteres, vor allem von den größeren Smartphones der Ultra- und Premium-Serien bekanntes Feature ist der Einhandmodus: Durch Wischen über die Navigationsleiste wird die Anzeige so verkleinert, dass jede Ecke bequem mit dem Daumen erreicht werden kann.

Hardware und Software

Das Xperia XZ2 ist mit Qualcomms aktuellem High-End-Chipsatz Snapdragon 845 ausgestattet. Der Octa-Core-Prozessor setzt sich aus zwei Vierkernern zusammen, einem leistungsstarken mit Cortex-A75-Kernen und 2,6 GHz Taktfrequenz und einem energiesparenden mit Cortex-A55-Kernen und höchstens 1,7 GHz. Der Arbeitsspeicher ist wie beim Vorgänger 4 GB groß. Klar, für die meisten Anwendungen reicht das heute locker aus, allerdings werden wir das Gefühl nicht los, dass sich der Arbeitsspeicher in Zukunft als Flaschenhals herausstellen wird - 6 GB hätten wir uns bei einer sonst so potenten Rechenmaschine schon gewünscht. Auf Benchmarktests hat das aber natürlich keinen Einfluss, sie bescheinigen dem Xperia XZ2 mit die beste Leistung unter den aktuellen Smartphones.

Auch in der Alltagsnutzung ergeben sich keine Zweifel an der schieren Power des Snapdragon 845: Apps starten auf den Fingerzeig und Multitasking ist sichtlich keine Herausforderung für den Prozessor, Ruckler gibt es kaum zu beobachten. Als Betriebssystem kommt Android 8.0 Oreo zum Einsatz, ob Sony auch ein Update auf Android 8.1 anbieten wird, ist derzeit nicht bekannt. Die Benutzeroberfläche entspricht weitestgehend der des Vorgängers, passend zum neuen Ambient-Flow-Design hat der Hersteller seinem neuen Spross ein neues - recht langweiliges - Live-Wallpaper verpasst. Das Interface orientiert sich stark am Material Design von Google.

Das Xperia XZ2 bietet jedoch zahlreiche Möglichkeiten, den Homescreen zu individualisieren - sei es beim Icon-Raster, den Übergangsanimationen oder dem Thema. Eine Sache stört allerdings: Während es bei anderen Smartphones mit langgestrecktem Bildschirm genügt, irgendwo auf dem Homescreen von oben nach unten zu wischen, um die Benachrichtigungszeile auszuklappen, wird da beim Xperia XZ2 eine Suchfunktion geöffnet. Die dürfte jedoch deutlich seltener genutzt werden als die Benachrichtigungszentrale.

Neben dem Google Assistant ist beim Xperia XZ2 auch eine neue Version des Xperia Assistant an Bord. Der hauseigene Dienst ist allerdings weniger eine Hilfe, wenn Auskünfte zum Wetter, den Nachrichten oder Verkehrsinformationen eingeholt werden sollen - er steht nicht in Konkurrenz zu Google. Stattdessen soll er Nutzern die Funktionen des Smartphones näher bringen und gibt entsprechende Tipps und Tutorials. Neuerdings soll er auch proaktiv einen Chat starten, sobald der Assistent das für nötig befindet - wir sind aber offenbar so bewandert mit dem Smartphone, dass er uns während des Tests nie von sich aus angesprochen hat.

Ausprobieren lässt sich der Xperia Assistant aber trotzdem ganz einfach, indem man den Spieß umdreht und selbst den Chat startet. Ein richtiges Gespräch kommt dabei natürlich nicht zustande, vielmehr schlägt uns der Assistent vor, was er uns als nächstes zeigen kann. Zumindest für Anfänger dürfte er dabei äußerst hilfreich sein. Bei neuen und komplexeren Apps wie dem 3D Creator werden auch für erfahrene Nutzer beim Start entsprechende Tutorials eingeblendet.

Keine Klinke, kein Noise-Cancelling

Ein Schlag ins Gesicht dürfte für viele langjährige Sony-Fans der Verzicht auf den Klinkenanschluss sein. Während Hersteller wie Samsung der klassischen Buchse noch die Treue schwören, da wirft ein HiFi-Schwergewicht wie Sony nicht nur diesen praktischen und mit allen Gerätetypen kompatiblen Anschluss über Bord, sondern zugleich noch ein Aushängeschild früherer Xperia-Smartphones: die Geräuschreduzierung. Die sei ohne tiefgreifende Anpassungen am USB-C-Stecker nicht möglich, sagt Sony. Schade, HTC macht's trotzdem.

Leider lässt sich der Verlust auch nicht durch den Einsatz eines Adapters ausgleichen, einmal gekaufte DNC-Headsets verlieren am Xperia XZ2 also de facto ihre Funktion. Einen USB-C-auf-Klinke-Adapter legt Sony dem Lieferumfang übrigens bei, ebenso ein Headset mit - na? - Klinkenanschluss. Auf unsere Frage, ob sich nicht ein Kopfhörer mit passendem Anschluss besser als Beigabe eignen würde, erklärt man uns, dass dazu ja ein Adapter enthalten sei und man mit dem Klinkenkopfhörer die Kompatibilität zu anderen Geräten sicherstellen will. Und jetzt?

An den weiteren Sound-Features hat Sony glücklicherweise nicht gerüttelt, das Sound-Upscaling DSEE HX ist ebenso wieder mit dabei wie die Surround-Emulation S-Force für die Stereo-Lautsprecher. Letztere wurden gegenüber dem Xperia XZ1 verbessert und sind noch lauter, der Klang ist klar, aber lässt - wie bei jedem anderen Smartphone - die Tiefen missen. Dazu hat sich der Hersteller das Dynamic Vibration System einfallen lassen. Das soll den Mangel an Bässen dadurch kompensieren, dass das Gerät die Tieftöne aus einem Video, aus Musiktiteln oder aus Spielen in Vibrationen mit passender Intensität ummünzt. Dazu haben die Japaner den Vibrationsmotor so optimiert und vergrößert, dass er auf besonders tiefe Frequenzen reagiert und das Gerät in Schwingung bringt.

Einen richtigen Mehrwert bietet das Dynamic Vibration System aber irgendwie nicht, vor allem beim Anschauen von Videos lenkt es sogar eher ab. Hinzu kommt, dass es bei längeren Filmen schnell anstrengend wird, das konstant wackelnde Smartphone in der Hand zu halten. Das "immersive Erlebnis", das Sony da herüberbringen möchte, wirkt vielleicht nicht während, aber in jedem Fall noch nach einer Video-Session - die durchgeschüttelten Hände kribbeln Minuten später noch. Das Vibrationssystem lässt sich über die Lautstärkeregelung in drei Intensitätsstufen regulieren oder ganz ausschalten.

Die Kameras

Auf dem Mobile World Congress hat Sony zwar eine Dual-Kamera für Smartphones vorgestellt und erläutert wie sie funktioniert, im Xperia XZ2 kommt allerdings noch eine Knipse mit nur einem Auge zum Einsatz. Bitter für die einen, irrelevant für die anderen - was zählt, sind die Features und die Qualität der Fotos. Vor allem bei letzterem Punkt gab es in der Vergangenheit immer noch Luft nach oben bei den Xperia-Smartphones. Denn obwohl die Konkurrenz mitunter dieselben Kameramodule verwendet, patzte Sony stets bei der Software, die für die Nachbearbeitung der Fotos verantwortlich ist. Mit dem Xperia XZ2 wollen die Japaner nun zu den anderen Herstellern aufschließen - und das sehr selbstbewusst mit demselben Kameramodul, das bereits im Xperia XZ1 und im Xperia XZ Premium steckt.

So bildet auch die Kamera des Xperia XZ2 Fotos mit maximal 19 Megapixel ab, der Sensor misst 1/2,3 Zoll, die Pixel sind 1,22 µm groß. Das Weitwinkelobjektiv mit f/2.0-Blende hat eine Brennweite von 25 Millimetern, eine optische Bildstabilisierung gibt es nicht. Mit an Bord ist außerdem wieder der zusätzliche DRAM-Speicherchip, der einerseits die Aufnahme von Fotos im Burst-Modus bei voller 19-Megapixel-Auflösung und andererseits das Anfertigen von Super-Slow-Motion-Videos mit 960 Bildern pro Sekunde möglich macht. Statt mit HD wie bei den Vorgängern kann das Xperia XZ2 diese Videos in extremer Zeitlupe nun in Full-HD speichern. Wie gehabt lässt sie sich während der Aufnahme nur für ein Zeitfenster von 0,2 Sekunden auslösen, wenn auch mehrmals in einem Video.

Da manuell ausgelöst wird, ist es bei einer solch kurzen Zeitlupe schwierig, den richtigen Moment zu erwischen - eine automatische Bewegungserkennung wie beim Galaxy S9 wäre hier hilfreich. Unterm Strich ist die Super-Zeitlupe des Xperia XZ2 ein cooles Feature, mit dem beeindruckende Ergebnisse erzielt werden können. Dabei ist aber sehr viel Glück nötig, für den gezielten Einsatz ist sie wegen des kurzen Zeitfensters nicht geeignet. Auch gilt es zu beachten, dass die Funktion deutlich mehr Licht als Fotos und herkömmliche Videos benötigt, Zeitlupenaufnahmen kommen also nur bei Tageslicht gut zur Geltung. In Innenräumen wird meist das Flackern des Kunstlichts sichtbar.

Das Xperia XZ2 soll aber noch mit einer weiteren Videofunktion für Aufsehen sorgen. So kann das Smartphone als erstes am Markt 4K-Aufnahmen mit HDR (BT.2020, 10-bit) anfertigen. Dabei wird der Kontrastumfang so erhöht, dass auch in zu hellen oder zu dunklen Bildbereichen noch Details zu erkennen sind. Grundsätzlich wirken die Aufnahmen allerdings etwas künstlich und fad gegenüber gewöhnlichen 4K-Videos - sowohl auf dem HDR-Display des Xperia XZ2 als auch auf einem Computermonitor. Hinzu kommt, dass nicht nur die Sucher-Anzeige bei einer 4K-HDR-Aufnahme ruckelt, sondern kurze Unterbrechungen bei Kameraschwenks auch auf das Videomaterial übertragen werden. Hinsichtlich der Dateigröße ergibt sich kein Unterschied zu normalen 4K-Videos.

Doch nun zur alles entscheidenden Frage: Wie schlägt sich das Xperia XZ2 in der Fotodisziplin? Ist die Sony-Kamera so gut wie bei der Konkurrenz? Die Antwort: Nach der zähen Aufholjagd in den vergangenen Jahren haben es die Japaner mit ihrem neuen Top-Smartphone endlich geschafft aufzuschließen. Noch immer lassen sich gelegentlich ein paar matschige Bereiche auf den Fotos ausmachen und das Rauschverhalten ist bei Galaxy S9 und Galaxy S8 besser. Belichtung, Kontrast, Farbwiedergabe und Weißabgleich sind aber so stimmig wie bei kaum einem anderen aktuellen Smartphone. Das gilt übrigens nicht nur für Aufnahmen bei Tage, Nachtszenen fängt das Xperia XZ2 ebenfalls extrem gut und detailreich ein - Samsung & Co. dürften da vor Neid erblassen.

Für einen Spitzenplatz reicht es allerdings noch nicht, Googles Pixel 2 holt noch mehr heraus. Ein bisschen Spielraum muss sich Sony wohl noch für die kommende Dual-Kamera lassen, die schließlich eine noch bessere Bildqualität liefern soll. Eine Linsenunschärfe in den Bildecken konnten wir anders als bei den Vorgängern übrigens nicht beobachten, Farb- und Lichtsäume sowie gelegentliche Vignettierungen allerdings schon. Verbesserungsbedarf besteht auch beim Autofokus - der ist zwar treffsicher, aber nicht so schnell wie Samsungs Dual-Pixel-Sensor. Zudem wird das Foto auf dem Sucher nach der Aufnahme immer etwas verzögert eingefroren, so dass der Eindruck entsteht, die Kamera habe zu spät ausgelöst. Im manuellen Modus wünschen wir uns eine längere Belichtungszeit als eine Sekunde und die Möglichkeit, Fotos im RAW-Format zu sichern.

3D-Selfies sind Sonys Antwort auf die Animoji

So gut die Hauptkamera ist, so sehr enttäuscht uns dann allerdings die Frontkamera. Sie wurde vom Hersteller zumindest bei der Auflösung gegenüber dem Vorgänger beschnitten, statt mit 13 Megapixel löst sie Selfies nur noch mit 5 Megapixel auf. Die Selbstporträts warten dann mit übertriebener Schärfe und nicht immer richtig sitzendem Fokus auf, zudem wirken sie vergleichsweise blass. Dafür entschädigt Sony mit einem neuen Feature, das zumindest aus technischer Sicht schlichtweg beeindruckend ist: dem 3D Creator.

Diese Modellierungssoftware kann - anders als noch beim Xperia XZ1 - nicht nur mit der Hauptkamera, sondern eben auch mit der vorderen Kamera für dreidimensionale Selfies genutzt werden. Dazu muss das Smartphone nach Bildschirmanweisung um den Kopf herum bewegt werden: Zuerst auf einer horizontalen Achse für die grobe Modellierung des Kopfes, dann nach Belieben zur Aufnahme der Haut- und Haar-Texturen.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn mit einem Auge dem Smartphone zu folgen und es im immer gleichen Abstand um den Kopf herum zu bewegen, ohne dabei sich selbst zu bewegen oder die Mimik zu verändern, ist extrem schwierig. Außerdem darf die Textur-Aufnahme nicht zu lange ausgeführt werden, wegen der Gefahr, dass wir uns dabei zu viel bewegen. Wird sie hingegen zu kurz ausgeführt, dann sieht das Modell unfertig aus. Wir haben in zehn Versuchen nur ein halbwegs brauchbares 3D-Selfie erzeugen können. Eher von Erfolg gekrönt ist es da, wenn eine andere Person den Scan übernimmt.

Für die weitere Nutzung des 3D-Modells bietet sich eine Vielzahl an Möglichkeiten: Es kann über einen 3D-Drucker ausgedruckt werden, in sozialen Netzwerken geteilt oder per Mail für die Weiterbearbeitung in einem 3D-Programm verschickt werden. Weiter lässt sich ein Scan - auf leider sehr drögem Hintergrund - als ein sich langsam um die eigene Achse drehendes Live-Wallpaper festlegen. Die Selfies eignen sich dafür aber nur bedingt, immerhin wird dabei nur der halbe Kopf aufgenommen.

Ziemlich spannend und gleichzeitig völlig plemplem ist die Einbindung in Sonys Kamera-Software: Der aufgenommene 3D-Kopf lässt sich auf ein animiertes Modell pappen, das dann in frei wählbarer Pose als Augmented-Reality-Wesen auf einem Foto - oder noch schlimmer: Video - herumlungert. Diente den Japanern für diesen völlig abgedrehten Effekt Meister Eder und sein Pumuckl als Inspiration? Die eingescannten 3D-Modelle lassen sich auch für statische Sticker kostümieren, in Pose werfen und mit Sprechblasen versehen, um dann per Messenger an Menschen mit Humor verschickt zu werden. Ein in lasziver Pose liegender, vollbärtiger Redakteur im Teletubbie-Kostüm vor Hippie-Wallpaper? Mit dem Xperia XZ2 muss das kein Traum bleiben!

Verfügbarkeit und Fazit

Das Xperia XZ2 wird in Deutschland als erstes Topmodell von Sony auch als Dual-SIM-Version angeboten, der zweite Kartenslot wird wahlweise mit einer Micro-SD- oder mit einer SIM-Karte belegt. Das Smartphone unterstützt LTE Cat-18 und erreicht damit im mobilen Internet theoretisch Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 1,2 GBit/s. Weitere Schnittstellen sind WLAN ac, Bluetooth 5.0, NFC und USB-C mit USB 3.1. Die Sprachqualität mit dem Xperia XZ2 ist gut, Aussetzer wurden an keinem Ende der Leitung registriert. Allerdings berichteten Anrufteilnehmer ein konstantes Rauschen bei der Telefonie über die Hörmuschel, beim Wechsel auf die Lautsprecher war es nicht mehr zu hören. Gesprächsteilnehmer sind selbst auf der lautesten Einstellung etwas zu leise, sowohl beim freien Sprechen als auch beim Telefonieren mit der Hörmuschel.

Eine weitere Premiere in einem Sony-Smartphone ist der Einsatz einer Qi-Spule, mit der das Xperia XZ2 drahtlos geladen werden kann. Dabei unterstützt das Gerät Fast-Charge mit 9 Watt, wodurch der Akku mit einer entsprechenden Ladeschale binnen einer Stunde zur Hälfte geladen sein soll. Darüber hinaus unterstützt das Xperia XZ2 kabelgebundenes Schnellladen via Qualcomms Quick Charge 3.0, ein entsprechendes Netzteil ist im Lieferumfang enthalten. Wirklich schnell wird der 3.180 mAh große Akku aber nur zu Beginn geladen - 20 Prozent in 15 Minuten -, bei einer Ladung von 20 auf 100 Prozent vergehen aber gut und gerne zwei Stunden.

Dafür kann das Xperia XZ2 mit der Akku-Lebenszeit erhaltenden Qnovo-Ladetechnologie und einer durchweg guten Laufzeit punkten. Auf derselben, knapp einstündigen Pendelstrecke bei Musikhören und Internetsurfen verbraucht ein Samsung Galaxy S8 gut und gerne 15 bis 20 Prozent des Akkus, während das Xperia XZ2 hier gerade einmal 7 Prozent einbüßt. Auch der Standby-Verbrauch ist angenehm niedrig, bei Nutzung der Kamera oder des 3D Creator sieht man die Prozente allerdings dahinpurzeln. Beim Videostreaming-Test im WLAN oder im Akkutest von PC Mark kommen wir bei jeweils hellster Display-Beleuchtung auf eine Screen-on-Zeit von 5,5 bis knapp 6 Stunden - das ist beileibe kein Spitzenwert, sondern durchschnittlich. Nur bei moderaterem Gebrauch dürfte das Xperia XZ2 zwei Tage lang mit einer Akkuladung durchhalten.

Fazit

Das Xperia XZ2 ist ein tolles Smartphone, keine Frage. Das neue Ambient-Flow-Design ist ansprechend, dürfte aber nicht allen Sony-Fans zusagen. Nach der Frischzellenkur spaltet der Hersteller die Gemüter so wie vorher - und das ist ein gutes Zeichen dafür, dass ihm das Vorhaben, Neues mit Altem zu verbinden, geglückt ist. Einige Macken lassen sich aber nicht wegdiskutieren: Das Xperia XZ2 ist schwer, der Fingerabdrucksensor sitzt zu tief und durch den Verzicht auf einen Klinkeneingang hat Sony mit dem Noise-Cancelling zugleich noch eines der besten Features der Vorgänger gestrichen. So fordert Sony mit dem Neuanfang auch Kompromissbereitschaft von den Kunden.

Bei der Kamera müssen hingegen keine Kompromisse mehr gemacht werden, sie zählt zu den besten in einem aktuellen Smartphone. Dabei hat das Xperia XZ2 mit Super-Zeitlupenvideo, 4K-HDR-Video und dem abgefahrenen 3D-Creator sogar noch mehr spannende Kamera-Features zu bieten, die zum Ausprobieren einladen. Das HDR-Display des Sony-Flaggschiffs steht einem knackigen AMOLED-Bildschirm kaum in etwas nach. Erfreulich ist auch, dass Sony endlich drahtloses Laden ermöglicht. Die Akku-Laufzeit könnte jedoch besser sein.

Das Sony Xperia XZ2 erscheint Anfang April in Deutschland und wird 800 Euro kosten. Damit ist es etwas günstiger als das Galaxy S9 von Samsung, das eine sehr ähnliche Ausstattung bietet und ebenfalls in einer Dual-SIM-Version erhältlich ist. Das Samsung-Flaggschiff ist handlicher und leichter und hat einen Klinkenanschluss, das Xperia XZ2 punktet dagegen mit einer besseren Laufzeit und einem schlankeren Betriebssystem. Power und eine gute Kamera haben sie beide - am Ende dürfte also vor allem das Design Einfluss auf die Kaufentscheidung haben.  (tcz-area)


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