Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pc-building-simulator-im-test-wenn-s-doch-nur-in-der-realitaet-so-einfach-waere-1803-133575.html    Veröffentlicht: 29.03.2018 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/133575

PC Building Simulator im Test

Wenn's doch nur in der Realität so einfach wäre

Bildschirm schwarz, nichts passiert: Troubleshooting beim PC-Bau gehört einfach dazu. Nicht so im PC Building Simulator - dort verbringen wir mehr Zeit mit dem Drehen von Seitenpanelschrauben. Fehler werden von allwissenden Kunden vorgesagt und damit die Herausforderungen genommen.

Nicht nur wir bei Golem.de kennen das: Wir bauen uns einen neuen Desktop-PC zusammen, wollen ihn anschalten und dann gibt es statt eines Boot Screens nur tiefe Schwärze. Irgendwas am Computer ist kaputt, nur was? Ist die Grafikkarte defekt? Haben wir den ATX-Stecker am Mainboard nur halbherzig eingesteckt? Viele Ursachen können die Funktionsfähigkeit unseres neuen Systems verhindern.

Dass es zum Thema PC-Bau ein Spiel geben soll, klingt zuerst nach einer absurden Idee. Beim zweiten Überlegen gäbe es aber durchaus Gründe, wie beispielsweise Nachwuchsfachkräfte den Umgang mit Hardware zu lehren. Und was ist dafür besser geeignet, als der spielerische Weg? Was der Grund auch sein mag, den PC Building Simulator gibt es mittlerweile tatsächlich - und er bringt viele Aspekte mit, die in modernen Spielen gern verwendet werden. Es gibt einen Karrieremodus mit verschiedenen Aufgabenstellungen, mit einem Levelfortschrittssystem und Geldmanagement. Und wenn schon die Alpha-Version des Spieles 500.000-mal heruntergeladen wurde, muss an diesem Konzept doch etwas anziehend sein.

Wir nehmen den virtuellen Schraubenzieher in die Hand und testen den PC Building Simulator. Schnell stellt sich dabei heraus, dass das Spiel des britischen Studios The Irregular Corporation mehr Product Placement und Werbung als lehrreicher Simulator ist. Vom wirklichen Bau eines Desktopcomputers und all seinen Tücken ist es weit entfernt.

Der "Ich verrate dir, was der Fehler ist"-Simulator

Zugegeben: Wirklich existierende Produkte für eine Simulation wie diese tragen grundsätzlich zur Immersion bei. Wir hantieren mit Intel-Prozessoren und AMDs Ryzen, mit Seagate-Festplatten und mit Cryorig-Lüftern - alles Produkte, die es so auch auf dem Markt zu kaufen gibt. Der Entwickler geht mit vielen großen Herstellern Partnerschaften ein, um die Komponentenauswahl für seinen Simulator möglichst vielfältig zu gestalten.

Dumm nur, dass der Karrieremodus als Hauptteil des Spiels viele dieser Komponenten von Anfang an sperrt. Dort starten wir als neuer Besitzer eines PC-Serviceladens unseren ersten Arbeitstag. Wir stehen in einem kargen Hausflur und laufen in unsere kleine Werkstatt, die sich im Verlauf des Spiels nicht vergrößert. Instinktiv gehen wir an den angeschalteten Computer im Raum und öffnen das dort installierte E-Mail-Programm.

Das Betriebssystem im Spiel trägt den Namen Omega OS und besteht im Prinzip nur aus einem Desktop, einem E-Mail-Programm und einem Shop. Per E-Mail nehmen wir verschiedene Aufgabenstellungen entgegen, für die wir Belohnungen erhalten. In allen Aufgaben müssen wir den Desktoprechner unseres Kunden reparieren, Komponenten austauschen, mit Luftdruck reinigen oder einfach nur Viren vom Computer entfernen.

Hier finden wir erste große Problem des Simulators: Kunden geben genaue Anweisungen, was zu tun ist. Ist ein Computer überhitzt, dann weiß das der Kunde und möchte, dass wir einen neuen CPU-Kühler einbauen. Ist der Computer langsam, dann muss einfach mehr Arbeitsspeicher her. Wieviel RAM, das sagt der Kunde in der E-Mail, auch wenn er im Anschreiben erklärt, dass er kaum Ahnung von Computern habe.

Da fragen wir uns als virtueller Techniker: Wieso repariere ich überhaupt Computer, wenn sowieso jedes Kind weiß, was Wärmeleitpaste, HDDs, Netzteile, Grafikkarten, Mainboards und RAM-Riegel sind? In der Realität ist das eben nicht so: Dort sitzen wir vorm schwarzen Bildschirm und fragen uns, was das Problem ist. Typisches Troubleshooting und eine Fehlerdiagnose fehlen im Spiel komplett. Dabei macht das doch am IT-Technikerjob den meisten Spaß.

Stattdessen verbringen wir gefühlt viel zu viel Zeit damit, Schrauben aufzudrehen und USB-Stecker in die Rückblende unseres Mainboards zu stecken. Die Steuerung ist wenig intuitiv, statt Drag-and-Drop und dem Ausprobieren verschiedener Kabel in verschiedenen Buchsen müssen wir den Mauszeiger gedrückt halten und dann auf den entsprechenden Stecker klicken. Das Spiel sagt uns dabei an, wo wir welches Kabel einstecken können. Klar ist das übersichtlicher, aber der Spaß beim Ausprobieren ist dadurch nahe Null.

Nach dem zehnten Kundenrechner sind wir auch irgendwann gelangweilt, denn dieselben Arbeitsschritte wiederholen sich: Maus, Tastatur, Bildschirm und Stromkabel stecken wir in fummeliger und langwieriger Prozedur ein. Das weiß das Spiel anscheinend und reibt uns deswegen ein Tool unter die Nase, das dieses Vorgehen automatisiert. Die 6.000 virtuellen Dollar dafür bekommen wir jedoch nicht einmal nach zwei Stunden, wenn die Motivation zum Weiterspielen erloschen ist.

Mainboard und Abstandshalter sind unzertrennlich

Für einen Simulator ist der Bauprozess an einigen Stellen im Spiel unlogisch. So sind Mainboards und deren Abstandshalterschrauben im Gehäuse stets unzertrennlich. Wollen wir auf Kundenwunsch die Hauptplatine wechseln, dann schrauben wir nicht nur zehrend langsam die sechs Schrauben ab, sondern müssen auch die sechs Abstandshalter abschrauben, da wir das Mainboard ansonsten nicht ausbauen können. Es ist dem Computer auch egal, wieviel Arbeitsspeicher wir in welche RAM-Schächte einbauen. Von Techniken wie Dual Channel und unterschiedlichen Speichertimings hat die virtuelle Realität in diesem Spiel noch nie etwas gehört.

Das gilt auch für optische Laufwerke wie DVD-Brenner. Wo sind außerdem Netzwerkkarten, Soundkarten, M.2-Laufwerke, Raid-Controller oder andere spezielle Komponenten? Wo sind Gehäuse mit Netzteilen, die an deren Decke montiert werden? Einige Kundencomputer funktionieren sogar ohne sichtbare 3,5-Zoll-Festplatte im Gehäuse - Magie!

Ein Kabel schaut durch das Seitenfenster

Grafisch ist der PC Building Simulator keine Offenbarung, allerdings sind alle Komponenten gut erkennbar. In manchen Fällen kommt sogar fast Gaming-PC-Feeling inklusive LED-Lichtern auf, wenn wir im Freibaumodus ein System mit Gigabyte-Aorus-Mainboard, dickem Teamgroup-RAM und Cryorig-CPU-Kühler zusammenstellen. Auch den Unterschied zwischen Ryzen- und Intel-Prozessoren sehen wir dank gut erkennbarer Firmenlogos auf den ersten Blick. Uns gefällt auch die minimalistisch gehaltene Oberfläche des Omega OS, die ein wenig an Linux Mint erinnert.

Andererseits sind da wirklich hässliche Grafikfehler, die durch weniger oberflächliche Entwicklung mit Sicherheit hätten vermieden werden können. Da schaut das ATX-Kabel einfach aus der Seitenblende des Gehäuses heraus oder beim Drehen eines PCs auf dem Tisch sind die USB-Kabel am Tisch festgetackert und wackeln hin und her.

Bildungsauftrag - nein, danke

Ein Lerneffekt will sich beim PC Building Simulator nicht einstellen. Natürlich wissen wir selbst, welches Kabel für welche Funktion gut ist, doch wäre ein solches Spiel gerade für IT-Schulklassen oder den ein oder anderen Nachwuchstechniker interessant. Dafür bietet es einen Guide, der sehr anschaulich, aber wenig technisch erklärt, welche Komponenten in einen PC gehören und wo diese einzubauen sind.

Diese Schritt-für-Schritt-Anleitung finden wir teilweise sogar gelungen. Wir können uns einzelne Komponenten im Detail anschauen und kleine Hinweistexte dazu lesen. Dort steht auch, welche Kabel wo hingehören und was deren Zweck ist. Wenn das Spiel uns allerdings mitteilt, dass das Sata-Stromkabel das Datenkabel ist und umgekehrt, dann erfüllt das den selbst erklärten Bildungsauftrag nicht. Serielle PCI-Express-Schnittstellen als parallele PCI-Slots zu bezeichnen, hilft da nicht weiter. Kabelmanagement wird hier sogar komplett ignoriert. Alles passt immer so, wie es soll. Wenn das alles im echten Leben doch auch so einfach wäre.

Verfügbarkeit und Fazit

Der PC Building Simulator wird über Valves Spieleplattform Steam vertrieben und kostet 20 Euro, ist damit also kein Vollpreistitel und keine signifikante Investition. Außerdem befindet sich das Spiel noch im Early Access - Änderungen kann es und muss es noch geben.

Fazit

In der Theorie klingt die kuriose Idee eines PC Building Simulators gar nicht schlecht: Sein eigenes Traumsystem zusammenbauen und auf Funktion testen oder der Tochter einzelne Hardwarekomponenten spielerisch beibringen. Die Kooperation mit vielen bekannten Hardwareherstellern - darunter auch Intel und AMD - hat zudem viel Potenzial.

Allerdings macht das Spiel von The Irregular Company nicht nur spieltechnisch einige Fehler. Der virtuelle PC-Zusammenbau ist teilweise unlogisch und daher falsch - etwa wenn verschiedene RAM-Riegel problemlos parallel betrieben werden können oder der Mainboard-Tausch ohne das zwingende Herausdrehen der Abstandshalterschrauben nicht möglich ist. Wichtige Komponenten wie Netzwerkkarten, optische Laufwerke und Soundkarten können in der Simulation gar nicht erst verbaut werden.

Der eigentliche Bauprozess an sich nimmt den Nutzern außerdem viel zu viel ab. Uns wird immer angezeigt, wo wir Kabel einstecken müssen, damit das Ergebnis auch funktioniert. Im Karrieremodus sagen uns die Kunden sogar bis ins Detail, welchen Fehler ein Computer hat. Alles, was wir tun müssen, ist, die Liste abzuarbeiten. Wo bleibt dann der Spaß an der Fehlersuche? Stattdessen verbringen wir sehr viel Zeit damit, Daumenschrauben herauszudrehen und USB-Kabel einzustecken.

Ähnlich ernüchternd ist der Tutorial-Modus, in dem der PC-Bau schrittweise erläutert wird. Einiges können wir dort lernen, etwa wo welches Bauteil hingehört. Welche Kabel zu diesen Komponenten hinführen, wird anschaulich erklärt - in einigen Fällen aber einfach falsch.

Da bleibt uns nur noch, im Freibaumodus unser Traumsystem samt starker Grafikkarte und coolem LED-beleuchteten Arbeitsspeicher zusammenzustellen. Aber selbst das wird nach ein paar Minuten langweilig. Gut, dass wir in der Familie PC-Nutzer haben, denn dort gibt es immer etwas zu tun.  (on)


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