Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/studie-veroeffentlicht-wie-aus-falschnachrichten-fake-news-werden-1803-133533.html    Veröffentlicht: 26.03.2018 19:33    Kurz-URL: https://glm.io/133533

Studie veröffentlicht

Wie aus Falschnachrichten Fake-News werden

Wo sind die Fake-News im Bundestagswahlkampf 2017 hergekommen? Einer Studie zufolge nutzen Rechtspopulisten häufig schlecht recherchierte Meldungen klassischer Medien aus.

Hinter den im vergangenen Jahr in Deutschland verbreiteten Fake-News haben nur in seltenen Fällen völlig erfundene Nachrichten gesteckt. Das geht aus einer am Montag in Berlin vorgestellten Studie der Stiftung Neue Verantwortung hervor. Demnach wurden solche "falschen und irreführenden Informationen" zwar vor allem von Rechten, Rechtspopulisten und Rechtsextremen gezielt verbreitet. Jedoch seien auch redaktionelle Medien stark daran beteiligt, weil sie Nachrichten falsch interpretiert oder selbst bewusst falsch dargestellt hätten. "In allen von uns dokumentierten Fällen nutzen rechtspopulistische Akteure diese Ungenauigkeiten und instrumentalisieren diese für ihre ideologische Kampagne als Teil ihrer Kommunikationsstrategie", heißt in der 103-seitigen Studie (PDF).

Die Forscher untersuchten für die Studie detailliert zehn Fälle aus dem vergangenen Jahr, die in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter sowie auf Seiten von Medien zu besonders viel Nutzerengagement geführt hatten. Dabei hätten sich die meisten der identifizierten und analysierten Fake-News im Kontext der Themenkomplexe Migration/Flüchtlinge sowie innere Sicherheit/Kriminalität abgespielt. Dazu zählten beispielsweise Berichte über angebliche Randale von 1.000 Migranten auf einem Volksfest im baden-württembergischen Schorndorf oder über eine angebliche Anweisung an die nordrhein-westfälische Polizei, Straftaten von Migranten zu vertuschen.

Unsauberes Arbeiten bei Medien

Die Studie spricht jedoch nicht von Fake-News, wenn es sich lediglich um nicht beabsichtigte Falschinformationen aufgrund journalistischer Fehler oder journalistische Überspitzungen (Clickbaiting) handelt. "Manche Medien dagegen machen sich auffallend oft zum Verbreiter falscher Informationen, wie Bild.de oder Welt.de. Sei es aus ökonomischen Gründen, weil sich bestimmte Nachrichten besser verkaufen oder aufgrund extrem ungenauer journalistischer Arbeit, kann von außen nicht beurteilt werden. Unsauberes Arbeiten betrifft in zwei Fällen auch die dpa", heißt es in der Studie. Einen Bericht der Bild-Zeitung, wonach 59 Prozent der Flüchtlinge keinen Schulabschluss besäßen, bewerteten die Forscher jedoch direkt als Fake-News. Denn die Bild-Zeitung habe auch auf Nachfrage ihre Darstellung nicht korrigiert.

Eine wichtige Rolle spielten Medien jedoch nicht nur bei der Verbreitung, sondern auch bei der Aufklärung von Falschnachrichten. Das Problem: Die Richtigstellungen erreichten in der Regel deutlich weniger Menschen, zudem nicht unbedingt diejenigen, die auf die Fake-News reagiert hätten. So habe die Bild-Zeitung mit ihrem Bericht zu den fehlenden Schulabschlüssen eine Reichweite von 49.000 Reaktionen erzielt, die korrigierenden Berichte anderer Medien hingegen nur 8.000. Durchschnittlich erreichten die Fake-News vier mal so viele Nutzer wie die Entlarvungen.

AfD stört sich nicht an Unwahrheit

Nur im Falle der falschen Dienstanweisung habe die Fake-News eine geringere Reichweite als ihre Entlarvung erzielt. Dies habe unter anderem an der schnellen Reaktion der Behörden gelegen, so dass zwischen Fake-News und ihrer Widerlegung nur eine kurze Zeit gelegen habe. Allerdings seien auch staatliche Stellen oder Behörden bei der Verbreitung beteiligt und könnten selbst zum Auslöser von Fake-News werden. "Schuld daran ist oft unprofessionelle oder mindestens sorglose Öffentlichkeitsarbeit, ob von der Polizei auf Twitter oder bei der Auskunft staatlicher Stellen gegenüber Medien", schreiben die Forscher.

Akteure wie die rechtspopulistische AfD haben nach eigenen Angaben kein Problem damit, solche zweifelhaften Berichte oder Mitteilungen aufzugreifen. "Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist", sagte Afd-Pressesprecher Christian Lüth dem Faktenfinder der ARD. Die Forscher sehen darin "eine gleich doppelte Pervertierung der Wahrheit. Während man auf die etablierten Medien mit Fake-News und Lügenpresse schimpft, nimmt man es selbst mit der Wahrheit nicht so genau. Nur die Medienberichterstattung, die ins eigene Weltbild passt, wird als legitim befunden".

Mehr Medienkompetenz gefordert

Einen Grund für die Zunahme des Phänomens Fake-News sieht die Studie im Aufstieg der sozialen Netzwerke in Form der Anbieter von sogenannten Echokammern, "in denen es - im Vergleich zu anderen Medien - am einfachsten scheint, nicht genehme Meinungen auszublenden". Den Plattformen gehe dabei nicht um das Gemeinwohl, sondern lediglich um den gewinnbringenden Verkauf der Nutzerdaten. "Der ewige Ruf nach mehr Medienkompetenz - nicht nur als Schulfach, sondern auch in der Erwachsenenkompetenz - scheint vor dem Hintergrund des immer schwieriger werdenden und unübersichtlicheren Informationsraums, den das Internet zu bieten hat, gerade mehr denn je demokratische Notwendigkeit", schreiben die Forscher.

Daneben empfehlen sie eine bessere Finanzierung der traditionellen Medien. Die klassischen Verlage seien finanziell stark unter Druck, was auch daran liege, dass sich die Nutzer an das kostenlose Nachrichtenangebot gewöhnt hätten. Der Zwang zu hohem Output führe wiederum dazu, dass falsche Nachrichten zu schnell übernommen würden. Eine Umfrage nach der Wahl habe ergeben, dass noch 63 Prozent der Befragten den Medien vertrauten. Bei AfD-Wählern waren es hingegen nur 26 Prozent.

Andere Themen waren wichtiger

Die Frage, inwieweit solche Fake-News letztlich den Ausgang einer Wahl beeinflussen können, ließen die Forscher offen. Allerdings stellten sie fest, dass die untersuchten Berichte nicht zu denen gehörten, die die Menschen im Wahlkampf am meisten beschäftigten. Demnach hatte der Schorndorf-Fall mit 500.000 Interaktionen (Engagements) die meiste Resonanz, jedoch wurde er vom TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem SPD-Herausforderer Martin Schulz mit rund 1,5 Millionen Reaktionen deutlich übertroffen.

Neben der Studie der Stiftung Neue Verantwortung hat es bereits weitere Untersuchungen zur Nutzung von Fake-News und Social Bots im Wahlkamp gegeben. So hatte das Magazin Motherboard analysiert, welche deutsche Nachrichtenseite die meisten Falschmeldungen auf Facebook verbreitet. Von den acht untersuchten Medien lag dabei der russische Propagandakanal Sputnik DE vorne, dem ein Anteil von 47 Prozent an falschen oder irreführenden Beiträgen attestiert wurde. Der Datenjournalist Matthias Kreil hatte in einer ausführlichen Studie keine Meinungsroboter bei Twitter gefunden.  (fg)


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